MICHELLE DARKNESS: Listening Session zum Album ´Brand New Drug´

MICHELLE DARKNESS stellt uns ein sehr spannendes Album vor mit höchst unterschiedlichen Songs, die aber immer eine packende Atmosphäre haben…

MICHELLE DARKNESS kümmert sich nicht um den ganzen Business-Kram. Statt sich mit Smalltalk aufzuhalten, lässt er lieber seine Songs sprechen. Nach einer kurzen Begrüßung im Studio legt er auch gleich die CD mit den Songs seines Soloalbums “Brand New Drug” ein. “Brand New Drug” braucht keine Worte und Erklärungen. Wer Bands wie THE 69 EYES mag und älteren Songs von THE CURE, SISTERS OF MERCY oder RED LORRY, YELLOW LORRY etwas abgewinnen kann, für den gibt es neuen Stoff. Zeitgemäßer Gothicrock ohne Schwulst und Kitsch, ohne übertriebenes Gehabe und Image. Melancholie ist nicht immer süß. “Brand New Drug” auch nicht, das Album bietet rockig-eingängiges, aggressives, trauriges, wütendes und deprimiertes – zusammengehalten von einem Sänger mit außergewöhnlicher Stimme, der richtig gute Songs schreiben kann und sich dabei nicht in eine Richtung limitiert.

MICHELLE“Shine On” handelt davon, dass sich der Erzähler nicht von seiner toten Freundin trennen kann, er geht ans Grab öffnet den Sarg und fasst sie noch einmal an. Der Song hat eine dichte Atmosphäre, der Regen prasselt nieder, man fühlt sich auf einen Friedhof versetzt und alles ist ziemlich spooky… Kein Wunder, denn Michelles Stimme scheint tiefer und ausdrucksvoller denn je. Der dynamische Songaufbau mit der prägnanten Gitarrenmelodie macht den Song zu einer kurzweiligen und spannenden Reise in eine morbide Welt.

“Brand New Drug”, ist eine “Ode an den Rausch” sagt Darkness. Der Refrain hat Hitpotential, die Gitarren bleiben direkt im Ohr und trotz aller Eingängigkeit ist der Song spannend. “Raging Fire” ist Darkness Lieblingssong – und eine perfekte Hommage an Gothicrock-Nummern aus den Achtzigern. Diesen Song hätten THE 69 EYES gerne geschrieben, sie haben es aber nie so gut hinbekommen. Besser kann man ein Genre nicht auferstehen lassen.

Die Coverversion von JOY DIVISIONs “Love Will Tear Us Apart” nahm Darkness als Duett auf: Zusammen mit der finnischen Sängerin Hanna Pakarinen machte aus der Ballade einen herzzerreißenden Song. Die Stimme des END OF GREEN-Sängers ist ohnehin über jeden Zweifel erhaben, tief, mit unheilvollem Timbre und voller Melacholie. Hanna Pakarinen ist die ideale Gesangspartnerin: Sie reißt den Zuhörer mit ihrem vollen, dunklen Gesang noch ein gutes Stück weiter in die Düsternis. Michelle Darkness kündigt den Song zwar ironisch als Partytrack an, aus seinen dunkel umrandeten Augen leuchtet aber trotzdem ein wenig Stolz. Zu Recht, denn es ist eine perfekte Coverversion.

MICHELLE“Hatethings” geht in eine völlig andere Richtung: Eintönige Riffs, stampfende Beats – und auch eher monotoner Gesang. Eine aggressive, druckvolle Nummer, bei der mir aber MICHELLE DARKNESS sonst so ausdrucksvolle Stimme zu sehr im Riffgeschrubbe untergeht. Als Gastsänger war an dem Song ENTWINE -Sänger MIKA TAURIAINEN beteiligt. “Darklandcity” hat einen Text im Stil von John-Sinclair-Horror-Heftchenromanen – und das kann man hören. Klischee und Schwarz-Weiß-Malerei findet sich in diesen Geschichten ebenso wie in diesem Song – und das ist absolut nicht abwertend gemeint. Die Nummer rockt, erinnert stellenweise an die großen Hits von TYPE O NEGATIVE ist trotz aller Plakativität spannend. “My Sweet” ist eine treibende Nummer mit dezenten Keyboards, mit Anleihen an SENTENCED, doch im Vordergrund steht besonders in der Strophe mit abgestopptem Riffing Darkness Stimme, die auch gegen die melodischen Gitarren im Refrain mühelos ankommt.

“Dopecrawler” ist der Höhepunkt des Abends, sehr atmosphärisch spürt man schon nach den ersten Sekunden des Songs, dass hier jemand Böses im Schilde führt. Tiefer denn je, zwischen drohend und flehend ist der Gesang – im Refrain mit schrillen Gitarrentönen verstärkt. Nach einem ruhigeren Zwischenteil wird das düster-bedrohliche Thema nochmals aufgegriffen und wirkt noch mal dunkler als zuvor.
“Angelsong” ist ein langsamer, gefühlvoller, ruhiger Song mit Gesang in mittlerer Tonlage. Das ist zunächst ungewöhnlich, funktioniert aber ganz gut. Das Markenzeichen von Michelle Darkness fehlt aber trotzdem ein klein wenig bei diesem Stück. “The Dawn” hat tolle Melodien und ist so eingängig, dass man fast schon das Wörtchen poppig verwenden würde – wenn da nicht der dunkle Schleier wäre, der über allen Songs liegt.

MICHELLE“Zu “Forgotten Sun” sagt Darkness: “Mein Produzent Nino Laurene mochte diesen Song gar nicht. Er meine immer:´Hör auf damit, das ist so verdammt deprimierend. Ich hasse diesen Song´”. Was will man auch anderes verspüren als Resignation bei Textzeile wie “growing older feeling empty and cold” wenn diese sich zwischen massive Riffs drücken, die auch von einer Doom Band stammen könnten. Der Song, der mit Gesang endet, ist weniger eingängig als alles bisherige, vielleicht der spannendste Song auf diesem Album. Das stimmungsvolle Gitarrensolo stammt von Chris Hector (AHAB / MIDNATTSOL).

“Hello Darkness, my old friend” – im Original gewimmert von SIMON & GARFUNKEL. Man darf schon grinsen, wenn man diese Zeile von MICHELLE DARKNESS hört – doch das Grinsen rutsch einem vom Gesicht wie Butter von einer heißen Kartoffel. Wer hätte gedacht, dass man aus diesem Schmachtfetzen eine richtig gute Nummer machen kann? NEVERMORE haben es auch versucht – doch die Amis ziehen gegen Darkness den Kürzeren.
Auch die dritte Coverversion des Albums ist gelungen: “Pet Cemetary” von den RAMONES kann man eigentlich nicht mehr hören, der Song ist einfach totgespielt. Die Interpretation von MICHELLE DARKNESS hingegen klingt frisch und hat Power – und man stellt fest, dass das eigentlich ein richtig guter Song ist, obwohl man das Original nicht mehr hören mag.

Fazit des Abends: Ein sehr spannendes Album mit höchst unterschiedlichen Songs, die aber immer eine packende Atmosphäre haben. “Brand New Drug” ist gefährlich: Schon nach dem ersten Kontakt ist die Gefahr groß, süchtig danach zu werden!

Fotos: Markus Veyhle