MADDER MORTEM: Emotionen abseits des Mainstreams

MADDER MORTEM: Emotionen abseits des Mainstreams

Ich kann mich noch gut daran erinnern, als ich aus dem Staunen nicht mehr herauskam, als ich die ersten Hördurchgänge von MADDER MORTEMs nicht mehr ganz taufrischen Album Desiderata unternahm. Die rund 55 Minuten wurden von unzähligen Überraschungen und Wenden belebt und waren von einer dichten Atmosphäre und Emotionalität beseelt, die mich auch heute noch bewegt und mir die Gänsehaut aufzieht. Ein Grund mehr hinter die Kulissen dieser außergewöhnlichen norwegischen Band zu blicken, wobei uns deren charismatische Frontfrau Agnete M. Kirkevaag auskunftsfreudig Rede und Antwort stand.

Hallo Agnete – ganz ohne Höflichkeit – ich finde euer aktuelles Album absolut bewegend und großartig! Dabei ist Desiderata schon ein alter Hut. Was waren die Ursachen für die Verzögerung?

Ich danke dir vielmals!
Nun, der Labelwechsel wird wohl den größten Ausschlag für die Verzögerung gegeben haben. Es hat lange gedauert, bis alles entschieden und der ganze Papierkram erledigt war. Zusätzlich haben wir das Album remastert, um einen frischeren Sound zu bekommen.

Glaubst du, dass Peaceville jetzt besser zu eurer Musik passt als Century Media?

Was den Roster an Bands dort anbelangt, würde ich sagen, absolut. Darüber hinaus ist Peaceville ein Label, vor dem wir schon immer größten Respekt hatten und viele ihrer Bands lieben wir wirklich. Deshalb sind wir glücklich, mit diesen Bands zusammen zu sein.

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Sehnsüchte sind das zentrale Thema von Desiderata

Das Cover finde ich im übrigen großartig. Die Friedenstauben (wenn es denn welche sind) passen irgendwie auch zum neuen Label. Welche Interpretationen zum Artwork sind eigentlich zulässig?

Ich würde sagen, jede Interpretation ist zulässig, aber natürlich haben wir unsere eigenen Ideen, was es bedeuten könnte. Ich zum Beispiel sehe die beiden angeketteten Vögel als ein perfektes Bild für vergebliche Sehnsüchte, Träume und Wünsche – und die Sehnsüchte sind das zentrale Thema des Albums.

Was habt ihr eigentlich in der Zwischenzeit – zwischen Aufnahmearbeiten und dem verzögerten Release – gemacht?

Wir haben uns einfach darauf konzentriert, neue Musik zu schreiben. Und wir haben es wirklich genossen, eine einzig der Kreativität gewidmete Phase zu haben. Obwohl es natürlich eine extreme Herausforderung an unsere Geduld war, das Album nicht sofort an die Öffentlichkeit zu bringen. Andererseits war es ganz gut für uns als Band, diese Zeit zu haben, um ohne Störungen einfach Musik zu machen und zu schreiben.

Gibt es (berechtigte) Hoffnung, dass aufgrund dessen bald ein Nachfolger erscheinen wird?

Nun ja, natürlich hoffen wir das! Wir arbeiten sehr emsig daran, das neue Album so schnell wie möglich fertig zu stellen. Aber nachdem wir hoffen, vorher noch etwas touren und einige Gigs spielen zu können, bevor wir ins Studio gehen, kann es noch etwas dauern. Und natürlich hängt es auch davon ab, wie sich das aktuelle Album macht.

Nachdem ihr ja jetzt schon einiges an neuem Songmaterial zusammengetragen habt, kannst du uns vielleicht verraten, wie das nächste Album in Ansätzen klingen wird?

Hehe, das ist ziemlich unmöglich! Wir haben eine Menge neuer Ideen, aber es ist noch etwas zu früh, um sagen zu können, wie das nächste Album als geschlossene Einheit klingen wird. Ich würde vorhersagen, dass es mehr groovt und noch vielfältiger ist und natürlich nach wie vor verrückte Ideen in sich trägt. Aber ich könnte damit auch vollkommen falsch liegen, hehe…

Doch zurück zum aktuellen Album: Wenn ich den Opener My Name Is Silence heranziehe, so frage ich mich vor allem bei den Strophen, was war zuerst: Die Gesangslinie oder die Instrumentalmelodie?

Bei My Name Is Silence waren es die Riffs. Es unterscheidet sich ziemlich, wie und von welchem Anfangs- oder Endpunkt oder mit welchem Instrument als Ausgangspunkt wir arbeiten, aber in diesem Fall fingen wir mit den Gitarren-Parts an, sofern ich mich erinnern kann.

Warum habt ihr gerade diesen Song als Single-Auskopplung und für das Video gewählt?

Nun, er ist der Opener des Albums und ein sehr energiegeladener Song, der zudem einen Refrain hat – außerdem ist er der kürzeste Track auf dem Album, was es wiederum einfacher macht, dass er in die diversen Videoshows passt. Und natürlich glauben wir auch, dass er in Ansätzen ins Ohr geht.

Deine Natürlichkeit beim Gesang mitsamt sich überschlagender Stimme, sich langsam anbahnender Heiserkeit und so fort, wird von manchen angekreidet und von anderen wiederum in höchstem Maße wertgeschätzt. Inwiefern ist dir diese ungekünstelte Performance auch auf einem Studioalbum, wo ja technisch einiges machbar gewesen wäre, wichtig?

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Emotionen zu transportieren, stellt bei Agnete M. Kirkevaag das Hauptaugenmerk dar.

Es ist für mich ganz wesentlich. Ich glaube, die leichte Heiserkeit und die kurzen Aussetzer in der Stimme tragen viel zur emotionalen Ebene bei, und das war bei immer das Hauptaugenmerk. Es wäre für mich ein Leichtes, alles astrein und klar zu singen, das ist viel einfacher als etwas ehrlich und wirklich emotional und persönlich zu machen. Zusätzlich haben wir alle die Möglichkeiten der modernen Technik, aber das, was aufgenommen wurde, ist das, was ich haben wollte. Ich mag diese ganzen klinisch sterilen Vocals nicht, insbesondere nicht in Rock Musik. Diese Musik sollte für Rebellion, Realität und raue Emotionen geschaffen sein, und das hat nichts mit plastischen, hochpolierten und gekünstelten Vocals zu tun. Aber ich weiß, dass eine Menge Leute sich davon genervt fühlen, und ich glaube, dass das damit zu tun hat, dass ehrliche Musik Aufmerksamkeit und eine emotionale Reaktion vom Hörer erfordert. Und das ist nicht jedermanns Sache.

Du sprichst die Emotionen an, kommen dir eigentlich beim Singen des hochemotionalen Hangman Tränen in die Augen?

Diese Frage solltest du wohl besser dem armen Oddi (Anm. d. Red.: Gitarrist Odd Eivind Ebbesen) stellen, denn der hatte diesen Song aufzunehmen. Aber um die Frage zu beantworten: Ja.

Was mir auf Desiderata immens imponiert, ist der unversiegbare Ideenreichtum, die ständige Abwechslung und die unzähligen Überraschungsmomente. Insofern ist das Album unglaublich dicht. Wie viele Songs habt ihr im Vorfeld geschrieben, um daraus diese 12 Hochkaräter für das Album herauszufiltern?

Eh… 12. Wir arbeiten eigentlich nicht nach so einem Schema, dass wir eine Menge Songs schreiben und dann die besten auswählen. Normalerweise arbeiten wir an unseren Ideen so lange, bis sie ausgereift sind. Und wir können teilweise wirklich sehr viel Zeit dafür aufwenden, um die Details in jedem Song auszuarbeiten!

Wenn ich einen Kritikpunkt zu Desiderata suchen müsste, dann fällt mir ad hoc nur der Schlagzeugsound ein, der an manchen Stellen etwas durchschlagskräftiger hätte sein können. Mit welchen Dingen bist du im Nachhinein nicht so zufrieden?

Eigentlich sind wir ziemlich zufrieden mit dem Schlagzeugsound. Schließlich haben wir für die Drums nach einem Sound gesucht, der eine natürliche Dynamik zwischen den soften und harten Teilen erlaubt. Und wir sind sehr glücklich mit dem Album als Ganzem. Natürlich gibt es immer Dinge, die man im Nachhinein anders hätte machen können, aber das ist nun einmal so – und das bringt uns wiederum neuen Ideen und Perspektiven fürs nächste Album. Außerdem könnte ich inzwischen mögliche Mängel auch nicht mehr so definieren – ich habe mich an die Platte als ein komplettes Stück derart gewohnt, dass es schwierig ist, nun wieder die Details zu analysieren.

Viele Band entwickeln sich im Verlauf ihrer Karriere in eine immer kommerziellere Richtung. Bei euch scheint es, als würdet ihr immer experimenteller und für Fans, Labels und den Handel immer unberechenbarer werden. Geht ihr bewusst diesen Entwicklungsweg?

Nein, nicht wirklich. Aber wir tendieren alle dazu, Musik zu mögen, die innovativ, anders und einzigartig ist. Außerdem ziehen wir absolut keine Grenzen zwischen dem, was wir können und was wir nicht können. Und um ganz ehrlich zu sein, wir sehen uns selber eigentlich gar nicht als so seltsam an – wir denken, dass das ganz natürlich ist, hehe! Du spürst und hörst es einfach, wenn der Song richtig passt – und so soll es auch sein, egal ob der Song dann leicht nachzuvollziehen ist oder nicht.

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…wir sehen uns selber eigentlich gar nicht als so seltsam an.

Habt ihr eigentlich so etwas wie ein wirtschaftliches Kalkül – oder spricht aus eurer Musik der Künstler allein?

Wenn wir Geld verdienen wollten, würden wir Power Metal spielen. Wir machen die Musik, die wir einfach machen müssen. Und wir sind glücklich, wenn sie anderen Leuten gefällt, aber das hat keinen Einfluss auf unseren kreativen Prozess. Ich würde sicher liebend gerne dumme Werbespots mit Kühen drehen, aber die Musik muss dabei unberührbar bleiben.

Angenommen du wärst ein Mann: welchen Gesangsstil würdest du dann für MADDER MORTEM praktizieren?

Eine opernhafte, kastrierte Tenor-Stimme! Nein ernsthaft: wohl den gleichen Stil wie jetzt. Das Geschlecht spielt da nicht die wesentliche Rolle. Außerdem werden mir ohnehin virtuelle Eier nachgesagt, somit…

Du meidest vehement jegliche Genrezuordnung – zu Recht wie ich meine. Trotzdem will ich dich jetzt aber etwas quälen: Angenommen du wärst auf einer musiklosen Insel. Welche drei Genres würdest du mitnehmen, um trotzdem noch MADDER MORTEM spielen zu können?

Keine! Es ist viel einfacher, Musik zu machen, ohne irgendwelche Genres! Ich würde aber liebend gerne ein paar Instrumente mitnehmen. Aber ehrlich, ich glaube es wäre für uns unmöglich, in dieser Weise irgendwie eingeschränkt zu werden. Das würde dem Ganzen sehr viel Spaß entziehen.

Ich erinnere mich, irgendwo gelesen zu haben, dass du gerne als Übersetzerin für Literatur tätig sein würdest. Welches Buch würde MADDER MORTEM am besten beschreiben?

Ooooh, das ist schwierig! Ich denke, wenn man Total verhext von Terry Pratchett, Die Mars-Chroniken von Ray Bradbury und die alte norwegische Edda-Dichtung miteinander verbinden könnte, würde man zumindest eine gewisse Ähnlichkeit feststellen können.

Und welcher Charakter der Weltliteratur ähnelt dir persönlich am ehesten?

Ich würde mich ein wenig mit Titus von der Gormenghast-Trilogie von Mervyn Peake identifizieren. Aber es sind da auch ein paar Charakterzüge einer Scarlett O’Hara (Vom Winde verweht von Margaret Mitchell) und eine Menge von Granny Weatherwax (Hexe aus dem Scheibenwelt-Universum u.a. in Total verhext) vorhanden.

Du willst einmal Bücher übersetzen, du schreibst Lyrics: da liegt es doch nahe, dass du auch in deiner Freizeit der Poesie frönst. Schlummert in der Schublade deines Nachtkästchens schon ein Romanfragment oder gibt es diesbezüglich Ambitionen?

Ich habe tatsächlich mit dieser Idee gespielt, aber ich benötige eine sehr definitive Idee davon, was ich zuerst machen möchte. Ich schreibe zwar ein bisschen norwegische Poesie, aber zur Zeit gebe ich mich mit dem Schreiben der Lyrics zufrieden. Vielleicht sieht das in zehn Jahren anders aus.

Norwegen ist ja nicht nur für seine Horden guter (Metal-)Musiker, tapferen Seefahrer und ausdauernden Skisportler bekannt, sondern hat auch einige interessante Schriftsteller hervorgebracht. Welcher dieser Dichter erfüllt dein norwegisches Herz mit Stolz?

Von Thore Hanssen bin ich sehr angetan, er schreibt in seinem ganz eigenen Stil fantastische Literatur und macht auch wundervolle Illustrationen für seine Bücher. Mir gefällt auch der junge Schriftsteller Abo Rasul (das ist sein Pseudonym), der zwei sehr provokative und unterhaltsame Bücher in der Scandinavian Misanthropy-Reihe geschrieben hat. Bei den Klassikern fühle ich mich stark zur bereits erwähnten Edda-Dichtung hingezogen – sie hat etwas sehr Ehrliches und Essenzielles. Ich liebe auch die Gedichte von Gunvor Hofmo und Andre Bjerke. Ich lese zwar auch ein wenig klassische norwegische Prosa, aber das würde jetzt den Rahmen sprengen.

À propos Patriotismus: Wie stehst du dazu, dass Norwegen als einziges skandinavisches Land nicht Mitglied der EU ist?

Ich glaube, dass es eine gute Sache ist. Vielleicht ist es jetzt in wirtschaftlicher Hinsicht für Norwegen schwieriger geworden, aber ich bin jetzt nicht sehr materialistisch veranlagt, so dass es mir weniger ausmacht. Separat zu bleiben, erlaubt es uns unter anderem, die Fördermittel für die kleineren, traditionellen Bauernhöfe und Gegenden aufrecht zu erhalten. Das wiederum stellt die traditionelle Form des Wohnens sicher, bei der die Population sehr weit auseinander verstreut lebt; so können auch ländliche Gebiete überleben.
Im Übrigen bin ich auch etwas skeptisch, was solche Mega-Wirtschaftssysteme – wie es die EU eben auch ist – betrifft; zusammen mit der wachsenden und alles umspannenden Macht von globalen und multinationalen Unternehmen zeigt es eine zukünftige Weise des Lebens und von Machtstrukturen auf, die mich beängstigen.

Beinahe schon obligat, aber für mich persönlich von Bedeutung: Geht ihr demnächst auch auf Tour, um eure deutschsprachigen Fans zu beglücken?

Wir hoffen es wirklich, aber es gibt bislang noch keine konkreten Pläne. Aber wir lassen es euch wissen, sobald etwas geplant ist!

Fotos: SURE SHOT WORX & VAMPSTER

Christian Wögerbauer
Christian ist seit 2005 unser Vertreter der Österreicher Metalszene, rezensiert gern im Bereich Doom / Death / Black / Thrash und auffallend gern Bands mit Sängerin. Genres: Death Metal, Doom-Death Metal, Doom Metal, Symphonic Metal, Gothic Metal, Sludge.