LITTLE DEAD BERTHA: Willens flügge zu werden

LITTLE DEAD BERTHA: Willens flügge zu werden

So unerwartet wie ein Gänseblümchen im Winter preschte das Album Way Of Blind der russischen Band LITTLE DEAD BERTHA in meiner persönlichen Hitliste nach vorne. Der mannigfaltige Stilmix und die Verknüpfung aus Melodie und Energie veranlassen mich immer wieder, die Repeat-Taste zu drücken, um mich der musikalischen Verlockung hinzugeben. Welche Drogen die Russen in ihr Album gemixt haben, wie es um die Musiklandschaft in ihrer Heimatstadt Woronesch bestellt ist und warum sich die Band einst kurzzeitig in einfach nur BERTHA umgetauft hat, beantwortete uns Gitarrist Sergey Galushko.

Zuallererst einmal: WOW! Mit Way Of Blind habt ihr ein großartiges Album abgeliefert! Für meinen Geschmack vermengt es ideal harte mit atmosphärischen Passagen. Dabei noch ein Hauch von Doom, etwas Düsternis und das Alles technisch einwandfrei gespielt. Ist das Album eigentlich so geworden, wie ihr es euch vorgestellt habt?

Hi! Danke für die lobenden Worte zu unserem Album. Ich bin wirklich froh darüber, dass Way Of Blind auch außerhalb Russlands vertrieben wird, so dass wir auch aus Europa gute Reviews bekommen haben. Natürlich kann ich nicht sagen, dass das Album zu 100 Prozent so geworden ist, wie wir es uns gewünscht hätten. Schließlich hängt das auch mit den technischen Möglichkeiten und der Qualität der Produktion zusammen. Musikalisch repräsentiert Way Of Blind aber den Stil den LITTLE DEAD BERTHA heute spielen und nichts anderes.

Was mich immer wieder wundert ist, dass sich mir das Album nicht unbedingt ständig aufdrängt, damit ich es höre. Aber sobald es in meinem CD-Player rotiert, könnte ich es stundenlang anhören. Es ist beinahe wie eine Droge. Was habt ihr nur da reingemixt?

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Sergey Galushko versucht die Rezeptur der süchtigmachenden Musik LITTLE DEAD BERTHAs zu erläutern: …die Droge ist in Form der Melodien und der Energie zu finden, die es geradezu erzwingen, das Album wieder und wieder zu hören.

Ich schätze, wenn man Way Of Blind anhört, dann wird man auf viele interessante und energiegeladene Melodien aufmerksam gemacht, die sich in das Gedächtnis reinbohren und auch dort verharren; selbst wenn du den CD-Spieler abdrehst. Somit ist es nicht zwingend notwendig, ständig das Album zu hören. Ich glaube, die Droge ist in Form der Melodien und der Energie zu finden, die es geradezu erzwingen, das Album wieder und wieder zu hören, wenn du in der richtigen Stimmung bist.

Lass uns eine wenig über die Bandgeschichte von LITTLE DEAD BERTHA plaudern. Zu Beginn habt ihr ja Thrash Metal gespielt, was man auch an einigen Riffs hören kann. Wer hat euch in dieser Periode beeinflusst? Und wie kam dann eigentlich der Wandel zum Doom bzw. Gothic Metal und die Umbenennung zu einfach nur BERTHA?

Als ich zum ersten Mal eine Gitarre in Händen hielt, waren SLAYER und SEPULTURA meine Idole. Später beeinflussten mich dann natürlich PARADISE LOST, AMORPHIS und MY DYING BRIDE. Das Gleiche lässt sich auch von den übrigen Mitgliedern von LITTLE DEAD BERTHA behaupten. Deshalb waren unsere ersten musikalischen Kreationen auch ein Mix dieser Stilarten, also mehr als bloßer Thrash Metal. Später legten wir uns mehr auf Doom Metal fest, was wir in gewisser Form auch heute wieder spielen. Ich hatte schon immer ein Faible für melodische Parts und harmonische Riffs, und Doom Metal kann dies besser als andere Genres zur Geltung bringen. Nach zwei düsteren Doom/Death Alben, wollten wir ein Experiment wagen. Es war gewissermaßen eine etwas leichtere Musik (in manchen Reviews wurde es Gothic Metal genannt, wobei ich mir persönlich nicht sicher bin, welchem Genre ich es zuordnen sollte). Wir haben da nicht über Songkonzepte nachgedacht und keine extra traurigen Riffs ausgewählt, wie wir es früher getan hatten, sondern kamen einfach zu den Proben, tranken ein wenig Bier und spielten einfach drauf los. So entstand das Album Light & Shadows. Deshalb haben wir kurzerhand auch den Namen zu BERTHA vereinfacht, weil wir dachten, dass dieser besser zu ebendieser Musik passen würde.

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Eine Zeitlang spielten die Russen leichtere Musik und tauften sich deswegen um: Wir haben da nicht über Songkonzepte nachgedacht und keine extra traurigen Riffs ausgewählt, wie wir es früher getan hatten, sondern kamen einfach zu den Proben, tranken ein wenig Bier und spielten einfach drauf los.

War dieser Schritt, den Namen zu wechseln, im nachhinein betrachtet ein falscher?

Ich glaube nicht, dass es ein Fehler war. Wir wollten einfach eine andere Musik spielen. Und wenn wir es nicht gemacht hätten, hättest du die Frage in diesem Interview nicht stellen können, oder? So macht alles einen Sinn.

Heute habt ihr, wie mir scheint, die richtige Mischung gefunden: Melodic Death, Gothic, Doom und Thrash! Gibt es deiner Ansicht nach eine Band, die einen ähnlichen Mix spielt bzw. mit euch vergleichbar wäre?

Ja, wir haben uns wieder auf unsere alte Musik zurück besinnt. Somit ähnelt unsere Musik den früheren LITTLE DEAD BERTHA-Alben, aber nicht zu sehr, denn ich habe zu unserem Stilmix, den wir auf Way Of Blind verfolgen, auch Melodic Black Metal hinzugefügt. Ich finde es nicht sonderlich interessant, mit nur einer Stilart vorlieb zu nehmen; es gibt einfach schon zu viele ähnlich klingende Bands in der Metalszene und es ist denkbar schwer, etwas wirklich Neues zu schaffen. Welche Band so ähnlich klingt wie LITTLE DEAD BERTHA, kann ich dagegen nicht sagen.

In Russland geltet ihr als eine der dienstältesten Bands des aktiven Heavy Metals. Erfüllt ihr dadurch eine gewisse Vorbildfunktion? Und wenn ja, wie geht ihr damit um?

Wir sind tatsächlich eine der ältesten Bands in Russland. Viele Leute hier kennen LITTLE DEAD BERTHA und hörten unsere Alben. Zudem geben viele Bands aus unserer Heimatstadt an, dass wir ein Vorbild für sie gewesen sind, als sie anfingen. Trotzdem sind wir nicht so populär, wie wir sein könnten – Russland ist einfach nicht das beste Land für Metal.

Für einen Durchbruch in Mitteleuropa reichte es bislang noch nicht. Woran liegt das?

Der Grund hierfür liegt in der Tatsache, dass russische Bands nach wie vor mit Problemen in Bezug auf Studio, Label und Distribution zu kämpfen haben. Darüber hinaus glaube ich, dass nur wenig Informationen über russische Bands nach Europa dringen. Auch das Problem der Ausreise spielt eine gewisse Rolle, da wir ein Visa benötigen und das ist oft ziemlich kompliziert. Um den Durchbruch in Mitteleuropa zu schaffen, müssten wir starke Alben veröffentlichen und zusätzlich noch häufig live auftreten. Aber nachdem wir nicht sehr bekannt sind, bezahlt uns niemand das große Geld für die Gigs, sondern wir müssten alles aus eigener Tasche finanzieren. Aber unsere Regierung sollte diese Probleme bald lösen (zumindest die Sache mit dem Visa), so hoffe ich zumindest, und dann wird sich die Situation für russische Bands bessern. Ich hoffe wir sind eine der ersten Bands, die davon profitieren können!

Ist einmal ein Labelwechsel angedacht? Vielleicht ein Label außerhalb Russlands?

Derzeit beschäftigen wir uns nicht mit Labels. Vielmehr arbeiten wir an Songs für unser nächstes Album. Wenn wir damit fertig sind, werden wir darüber nachdenken. Alles wird dann von der Reputation des Labels und den Vertragsdetails abhängen. Wir könnten unser Demo natürlich auch an europäische Labels schicken, aber wir wollen, dass unsere Alben auch in Russland erhältlich sind.

Leider hatte ich keinen Einblick in die Lyrics von Way Of Blind. Kannst du uns in kurzen Umrissen erzählen, wovon sie handeln?

Um ehrlich zu sein, sollten wir den Lyrics nicht allzu viel Bedeutung beimessen. Die Vocals stellen lediglich ein weiteres Musikinstrument dar, das den Gesamtsound komplettiert. Sämtliche Texte auf Way Of Blind wurden von unserem Sänger Dmitry geschrieben und sind ganzheitlich in Englisch verfasst, so dass ich nicht viel darüber sagen kann. Aber in aller Kürze: da gibt es weder Satanismus, noch Faschismus, aber viele Abhandlungen über Einsamkeit und Tod. Also insgesamt sehr passende Lyrics für eine Doom Metal Band.

Eure Heimatstadt Woronesch ist ja nicht gerade klein (immerhin wohnen dort eine knappe Million Menschen). Was hat diese Stadt musikalisch außer euch noch zu bieten?

Ja, unsere Stadt ist wirklich groß, aber es gibt hier nicht allzu viele Kollegen, die Heavy Metal spielen. Vielleicht sind es 5 bis 6 Bands, die einen gewissen Bekanntheitsgrad haben und manchmal auch live auftreten. Somit sind wir die bekannteste Band in Woronesch – das ist die Wahrheit. Es gibt zwar auch einige jüngere Bands, aber ich weiß nur sehr wenig über sie. Für diese ist es ziemlich schwer, Aufmerksamkeit zu ergattern, weil es immer wieder auch viel bekanntere Bands aus Russland und sogar auch aus Europa hierhin verschlägt, um ihre Gigs zu spielen.

Ward ihr schon einmal in Mitteleuropa auf Tournee? Und wie sieht es in Zukunft aus?

Nein, wir waren noch nie in Europa. Wir spielen zumeist in Russland und Weißrussland. Am sechsten Januar spielen wir zudem auch in der Ukraine. Natürlich würden wir uns freuen, bei irgendeinem Festival in Europa mit dabei zu sein. Du kennst du nicht zufällig jemanden, der uns engagieren könnte?

Sind die Mitglieder von LITTLE DEAD BERTHA eigentlich auch noch in irgendwelche Nebenprojekte involviert?

Nein, keiner der derzeitigen Mitglieder ist zusätzlich woanders beschäftigt. LITTLE DEAD BERTHA ist eine sehr aktive Band, so dass daneben kaum Zeit bleibt. Eigentlich wollte ich auch ein Black Metal-Projekt gründen, aber dazu fehlte bislang einfach die Zeit.

Lass uns auch ein wenig über die einzelnen Mitglieder sprechen: ein Mann von bemerkenswerter Klasse scheint euer Schlagzeuger Dmitriy Paltsev zu sein. Jedes Mal entdecke ich wieder neue Details in seinem Spiel. Wirklich großartig! Kannst du uns ein wenig mehr von ihm erzählen?

Da muss ich dich leider desillusionieren: manche Teil der Drums – die brutaleren Sachen – wurden von einer Drum-Machine eingespielt. Die anderen hat Dmitriy auf seinem Roland TD10-Modul eingespielt. Dmitriy, ein guter Drummer, war zehn Jahre lang also ziemlich von Anfang an bei LITTLE DEAD BERTHA, aber 2005 hat er die Band verlassen. Jetzt haben wir einen neuen Schlagzeiger, der schon einige Gigs mit uns gespielt hat. Er ist leider noch nicht so professionell wie Dmitriy, aber er lernt schnell.

Wandlungsfähig wie eure Musik sind auch die Vocals von Dmitriy Zamaruev. Was gibt es über ihn in Erfahrung zu bringen?

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Was es über den Sänger Dmitriy Zamaruev zu erzählen gibt: Er sieht blendend aus und die Mädchen fliegen auf ihn.

Das ist auch ganz interessant. Nach den Aufnahmen zu Way Of Blind hat uns auch er verlassen, so dass wir fast ein ganzes Jahr einen anderen Sänger hatten. Vor zwei Monaten aber stieß Dmitiry wieder zur Band. Er ist eine ganz besondere Persönlichkeit. Zudem sieht er blendend aus und die Mädchen fliegen auf ihn. Inzwischen geht er mit seiner Stimme auch professioneller um, so dass ich glaube, dass die Vocals auf den kommenden Alben einfach großartig werden.

Kommen wir schließlich zu dir. Bist du eigentlich so etwas wie der Bandchef oder wie sieht eure Hierarchie aus?

Nun ja, ich bin das einzige Mitglied, das von Anfang an dabei ist, und ich handhabe auch sämtliche Kontakte von LITTLE DEAD BERTHA, also … ja, ich glaube schon, dass ich so etwas wie der Boss bin. Aber das gilt nicht für die Musik. Hier diskutieren wir jeden Riff im vorhinein, binden ihn in einen Song ein und kommen gemeinsam zu einem Entschluss.

Wie kreiert ihr eure Songs, wer steuert die meisten Ideen zu den Songs bei?

Das ist unterschiedlich. Manche Ideen werden zu den Proben mitgenommen und den anderen vorgestellt, andere wiederum entstehen direkt während der Proben. Jeder bringt seine eigenen Ideen ein. Und, wie ich schon vorher sagte, wir alle kommen gemeinsam zu einem Entschluss, wobei ich ein wenig darauf achte, dass die Songs auch mit dem LITTLE DEAD BERTHA-Stil konform gehen.

Was mir bei all den Tracks auffällt ist die große Dynamik und der Variantenreichtum an Melodien, Rhythmen und Ideen. Habt ihr eigentlich Angst davor, dass euch die vielen Ideen für einen einzelnen Song einmal ausgehen könnten?

Ich glaube die Energie und die Melodie wird immer Teil unserer Musik sein. Nachdem wir keinen konkreten Stil verfolgen, sondern einen Mix aus Doom, Death und etwas Black Metal spielen, können wir immer unsere Musik etwas ändern. Etwas mehr vom einen oder anderen. Somit wird kein neues Album wie das vorhergehende klingen.

Christian Wögerbauer
Christian ist seit 2005 unser Vertreter der Österreicher Metalszene, rezensiert gern im Bereich Doom / Death / Black / Thrash und auffallend gern Bands mit Sängerin. Genres: Death Metal, Doom-Death Metal, Doom Metal, Symphonic Metal, Gothic Metal, Sludge.