FOREST OF SHADOWS: Der Selfmade-Mann Niclas Frohagen

FOREST OF SHADOWS: Der Selfmade-Mann Niclas Frohagen

Mit Departure gelang FOREST OF SHADOWS eine Symbiose von sanft melancholischen Piano-Klängen und filigranem Gesang mit aggressiv brachialen Gitarrenriffs und verzweifelten Growls. Die vielen positiven Resonanzen, die das Album hervorrief, bewogen uns, Niclas Frohagen, seines Zeichen Bandgründer, Songwriter, Produzent und noch vieles mehr, zum Gespräch zu bitten.

Lass mich dir zuallererst einmal zu deinem Debütalbum Departure gratulieren. Es ist wirklich ein Meisterstück in Sachen atmosphärisch melodischem Doom Metal geworden. Bist du ebenfalls zufrieden mit dem Album?

Ja, ich bin ziemlich zufrieden damit. Es gibt natürlich einige technische Details, die noch um einiges verbessert werden könnten, aber wenn man an die Bedingungen denkt, unter welchen ich das Album produziert habe, dann muss ich es schließlich akzeptieren, dass ich diesbezüglich nicht mit den professionellen Super-Produktionen mithalten kann.

Du bist quasi eine Ein-Mann-Band. Zieht das mehr Vor- oder Nachteile nach sich?

Wenn ich an meine derzeitige berufliche Situation in der Spieleindustrie denke, die mir sehr viel Zeit abverlangt und die es mir daher unmöglich macht, mich auf täglicher Basis mit meiner Musik zu beschäftigen, dann wäre es sprichwörtlich die Hölle, wenn ich noch zusätzlich mit jemandem kooperieren müsste. Darüber hinaus fühle ich mich einfach wohler, wenn ich die volle Kontrolle über den ganzen Prozess habe und wenn die Dinge nach meinem Dafürhalten erledigt werden. FOREST OF SHADOWS ist mir einfach zu wichtig, als dass ich dafür Kompromisse in Kauf nehmen könnte. Somit überwiegen grundsätzlich die Vorteile.

Was waren die größten Schwierigkeiten, nachdem Micce Anderson, der ja auch in das Songwriting der Songs involviert war, die Band verlassen hatte?

Sicherlich Micces Talent als Instrumentalist zu ersetzen. Denn als Micce noch Teil der Band war, bestand meine Rolle mehr oder weniger lediglich darin, die Musik und die Lyrics zu schreiben. Ich spielte zwar die Rhythmus Gitarre, machte die Programmierung und sang alle Vocalspuren, doch abgesehen davon, machte Micce alles. Er war auch für die Aufnahmen verantwortlich und besaß die tollen Gerätschaften fürs Mixen und die Effekte, sowie die Verstärker.

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Niclas Frohagens Lieder schaffen es selten im einstelligen Minutenbereich zu bleiben: Wenn mir eine Melodie, die mir wirklich gefällt, unterkommt, dann will ich ihr einfach die Zeit geben, die sie verdient.

Ist es eigentlich notwendig, in einer speziellen Stimmung zu sein, um solche tieftraurigen Songs zu schreiben?

Es ist nicht notwendig, aber es hilft. Zumindest um die grundlegenden Ideen und Melodien zu ergattern. Der Rest kann daraufhin – ganz gleich in welchem Gemütszustand ich mich befinde – einfach gemacht werden. Normalerweise habe ich eine ziemlich klare Idee, wie das Ganze dann in der Produktion klingen soll und diese Idee ist immer vordergründig.

Der Sound der Gitarren auf Departure ist sehr dominant – manchmal scheinen die Vocals sogar hinter dieser Gitarrenwand zu verschwinden. War das so beabsichtigt?

Kommt dir das so vor? Das war dann sicherlich nicht meine Intention bzw. hängt es davon ab, was du meinst. Davon abgesehen wollte ich dem Gitarrensound schon eine dominante Rolle verabreichen, aber sicherlich nicht in dem Ausmaß, dass er die Vocals übertönt. Ich wollte ja nicht, dass das Ganze zu symphonisch klingt.

Die meisten Tracks auf Departure sind ziemlich lange. Brauchen deine Songs diese Zeit, um ihr ganzes Potenzial entwickeln zu können oder hast du lediglich eine Schwäche für Songs, die die zehn Minuten Grenze überschreiten?

Ich schätze, dass es sich einfach so ergibt. Wenn mir eine Melodie oder Harmonie, die mir wirklich gefällt, unterkommt, dann will ich ihr einfach die Zeit geben, die sie verdient. Die Alternative wäre, die Songs aufzuteilen, um somit eine Menge an Songs zu haben, die alle ziemlich ähnlich klingen würden. Ich sehe wirklich keinen Anlass, es so zu machen. Mit langsamer Musik zu arbeiten, geht nun einmal mit Songs einher, die sehr lange dauern. Ich war ja auch einmal Mitglied einer Thrash Metal Band, in der die Musik mindestens vier Mal so schnell war. Wenn ich für diese Band die Lyrics schrieb, kam ich auf die gleiche Textlänge wie bei den Songs für FOREST OF SHADOWS. Ich meine, wenn du einen beliebigen Thrash Song hernimmst und ihn mit einem Viertel Tempo spielst, wird er auch über zehn Minuten dauern.

Wenn man die Lyrics liest, stößt man auf viele Stellen, wo du über die Vergänglichkeit von Schönheit und Liebe sprichst. Was willst du mit deinen Worten ausdrücken?

Da gibt es keine versteckten Botschaften, wenn du das meinst. Es sind nur Geschichten – eher traurige. Ich finde, dass die Texte zur Stimmung der Musik passen sollen. Es würde einfach nicht funktionieren, politische oder blutrünstige Lyrics mit der Musik von FOREST OF SHADOWS zusammen zu kuppeln. Es gibt natürlich genug politischen und philosophischen Stoff, den ich gerne mit Hilfe der Musik und der Lyrics ausdrücken möchte – und das habe ich mit der Thrash/Death Metal Band SHUBEND, in der ich einmal war, auch getan.

Nahezu jeder Track auf Departure wurde ein paar Mal umgeschrieben, so dass das Album schlussendlich drei Jahre zur Fertigstellung brauchte. Bist du von Haus aus so ein Perfektionist?

Ja. Aber das war nicht nur eine Folge meines Perfektionismus, sondern hatte auch damit zu tun, dass ich dem Album diese spezielle Richtung geben wollte, die ich damals nicht einschlagen konnte, als ich noch mit Micce zusammen arbeitete.

Ich könnte mir gut vorstellen, dass deine Songs auch live sehr viel hergeben würden. Aber nachdem du alleine bist, wird dies wohl bloß eine Vorstellung bleiben. Liege ich da richtig?

Wahrscheinlich ja. Es wäre sicherlich möglich, einige Session Musiker zu engagieren. Die Songs an sich sind ja ziemlich einfach zu spielen. Das große Problem wäre aber, die Songs dementsprechend zu arrangieren, damit sie auch live funktionieren. Sie würden auch eine bestimmte Umgebung benötigen. Die Songs in einem hiesigen Pub vor einer Menge betrunkener Leute mit einer grausamen Soundproduktion zu spielen, wäre den Songs gegenüber nicht fair. Ich habe zu viele derartiger Gigs gesehen, bei denen dies geschah.

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Mit Departure hat Niclas Frohagen ein mit viel Anerkennung bedachtes Doom Metal-Werk abgeliefert

Du bist ja eine Art Tausendsassa. Du hast auf Departure alle Instrumente gespielt, sämtliche Lyrics geschrieben, das Recording und Mixing gemacht und auch das Booklet entworfen. Darüber hinaus hast du auch deine Homepage selbst gestaltet. Gibt es eigentlich irgendetwas, das du nicht machen kannst?

Entspannen? Nun ja, um ehrlich zu sein, da gibt es schon eine Menge an Dinge, die ich nicht machen kann und es gibt Vieles, wo ich mich mir mehr wünschen würde, insbesondere wenn es um meine instrumentellen Fähigkeiten geht. Trotzdem gefällt mir die Vorstellung, dass ich alles selber machen kann, ganz egal, ob es besser klingen würde, wenn ich Session Musiker engagierte. So klingt alles mehr true, persönlicher und einheitlicher.

Demnach planst du wohl nicht, zusätzliche Musiker für FOREST OF SHADOWS aufzunehmen?

Ich plane es nicht, aber ich würde nicht Nein sagen, wenn der perfekte Mitstreiter auftauchte.

Neben FOREST OF SHADOWS bist und warst du ein Teil von so manchem Nebenprojekt. Kannst du uns mehr darüber erzählen?

Die beiden hauptsächlichen Projekte/Bands sind NINGIZZIA und SHUBEND. NINGIZZIA ist eine Band, die ich mit Stéphane Peudupin aus Frankreich betreibe. Unsere Musik ist dabei nicht allzu verschieden von FOREST OF SHADOWS und ich denke, dass wir eine ziemlich ähnliche Klientel von Hörern teilen. Ein empfehlenswertes Album ist hierbei Dolorous Novella, das wir vor einigen Jahren veröffentlicht haben. Es ist ein wirklich düsteres und sehr abwechslungsreiches Album. SHUBEND, wo ich nicht mehr tätig bin, ist andererseits eine Thrash/Death Metal Band. Ich schätze weniger, dass es hier eine besonders große Schnittmenge an Hörern gibt, aber es könnte doch interessant sein, in diese Band einmal hineinzuhören. Wir haben vor einigen Jahren ein Full-length Album namens Synergism bei Rage of Achilles veröffentlicht und ein weiteres Album aufgenommen, das wir erst kürzlich Posthumous nannten, das jedoch leider nie anständig veröffentlicht wurde. Aber zumindest werden die Songs als MP3s zum Download verfügbar gemacht, anstelle sie verrotten zu lassen.

Welche Art von Musik kreist derzeit in deinem CD-Player?

Ich habe mir gerade SOILWORK angehört, eine Band die vorher eigentlich nicht meine Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat, und ich muss sagen, dass sie wirklich gut sind, obzwar sie nicht die typische Musik spielen, die ich sonst so höre. Weitere Bands, die dieser Tage in meinem CD-Player rotieren, sind Bands wie CULT OF LUNA, ISIS, FUNERAL ORCHESTRA und SHAPE OF DESPAIR.

Neben deiner Liebe zur Musik und deiner beruflichen Nebentätigkeit ebendiese zu machen, hast du, wie du schon angesprochen hast, einen Beruf in der Computerspielindustrie. Kannst du uns dazu etwas sagen?

Nun, ich arbeite als Programmierer für Sound und Musik in der Stockholmer Firma Avalanche Studios. Es ist ziemlich lustig, wenngleich es einen ziemlich negativen Einfluss auf meine Musik – ganz zu schweigen von meinem sozialen Leben – hat, da mein Beruf mir eine Menge Zeit abverlangt. Warum ich diesen relativ hohen Preis bezahle, liegt darin begründet, dass es sich viel mehr nach Rock´n´Roll anfühlt, wenn man mit Spielen arbeitet und nicht mit langweiligen Agenden konfrontiert ist. Ich will damit keineswegs sagen, dass alle Firmen außerhalb der Games-Branche langweilig und unattraktiv sind, aber leider sind es die meisten.

Was sind deine musikalischen Pläne für die nächsten Monate?

Damit weiterzumachen, etwas Distanz zwischen mich und Departure zu bringen, um ein neues Projekt mit frischen Ideen, anstatt nur das zu wiederholen, was ich auf dem letzten Album gemacht habe, zu starten.

Christian Wögerbauer
Christian ist seit 2005 unser Vertreter der Österreicher Metalszene, rezensiert gern im Bereich Symphonic Metal, Doom, Melodic Death und auffallend gern Bands mit Sängerin. Genres: Symphonic Metal, Gothic Metal, Melodic Death Metal, Doom.