EDGE OF SANITY: Gute Songs wachsen nicht auf Bäumen

EDGE OF SANITY: Gute Songs wachsen nicht auf Bäumen

Mit Crimson II ist im vergangenen Jahr das letzte EDGE OF SANITY-Album erschienen, welches von Mastermind Dan Swanö im Alleingang
komponiert und unter Zuhilfenahme einiger Gastmusiker eingespielt wurde. Und da dem sympathischen Schweden ein verdammt starkes Abschiedsalbum gelungen ist,
musste natürlich auch ein Interview her. Dabei entpuppte sich Herr Swanö als äußerst redseliger Gesprächspartner, der nicht nur
einiges über EDGE OF SANITY zu berichten wusste, sondern auch Interessantes über seine anderen Bands und Projekte zu erzählen hatte.

Die Veröffentlichung von Crimson II liegt nun schon fast drei Monate zurück. Wie zufrieden bist du denn mit den bisherigen Reaktionen?

Nun, ich denke, es gab mehr Reaktionen als ich erwartet hätte. Es ist ein sehr gutes Album, und es ist nicht wirklich als eines gedacht, das mit dem ersten
Teil messen lassen sollte. Ich denke, dass ich einfach versucht habe, die Musik auf diesem Album auf die best mögliche Weise zu promoten, und das heißt auch ein
wenig, zu versuchen, nach den Regeln des Marketings zu spielen. Wenn man einen erstklassigen Namen wie EDGE OF SANITY und ein sehr populäres Album hat, dann
ist die Veröffentlichung einer Fortsetzung ein Hook, bei dem man sich darauf verlassen kann, dass es funktioniert, die Leute werden darauf ansprechen und
werden das Album auch kaufen, oder zumindest werden sie es antesten und darüber sprechen. Ich meine, beim ersten Mal war das Besondere, dass es ein
vierzigminütiges Album mit nur einem Track war, und diesmal war es die Tatsache, dass es die Fortsetzung des anderen ist. Ich erkenne, dass der Markt heute
ganz anders ist als 1995 oder 1996. Jeder veröffentlicht Alben, und sie sind überall, sie sind im Web, es ist sehr schwierig heutzutage ein Album zu machen.
Deswegen denke ich einfach, dass ich, wenn das Album die größtmögliche Wirkung erzielen soll, nach den Regeln der Plattenindustrie spielen sollte. Und ich
denke, Black Mark sind offensichtlich sehr glücklich über die Verkaufszahlen, und ich beklage mich nicht.

Als ich das Infoblatt zur Crimson II gelesen hatte, war mein Eindruck, dass Black Mark etwas heuchlerisch vorgegangen seien.

Wie meinst du das?

Nun, sie haben dich quasi aus EDGE OF SANITY herausgeschmissen nach dem Infernal-Album, und dann gewinnt man den Eindruck, dass sie zu dir herangekrochen
kamen, und dich um ein neues EDGE OF SANITY angefleht haben.

Nun, ich würde sagen, dass Black Mark ganz einfach eine Wahl treffen mussten. Ich persönlich denke, dass sie, wenn sie ein Label gewesen wären, das eher
geneigt ist Risiken einzugehen und für eine gute Sache einzustehen, mich hätten weitermachen lassen mit dem EDGE OF SANITY-Bandnamen und mich die Musik hätten
produzieren lassen, die meiner Meinung nach EDGE OF SANITY ausmachen sollte. Aber stattdessen habe getan, was sie gemäß des Vertrages tun mussten, und das war,
mit den anderen vier Jungs weiterzumachen. Und für sie war es immer so, als ob sie ein Album ohne mich gemacht hätten, das war ihre Version. Für mich war es
so, dass ich die Band komplett verlassen hatte. Sie haben ohne mich getourt und haben schließlich angefangen, andere Aktivitäten zu planen. Aber ich fand es
etwas seltsam, dass sie so früh angefangen haben, mich danach zu fragen, denn es war nicht so: Hey, ich habe eine tolle Idee, lasst uns das machen! – es war
so, dass sie eigentlich niemals verstanden haben, dass ich die Band verlassen habe. Für sie war es so, dass sie ein Album ohne mich aufgenommen haben, so als
ob sie ohne mich in den Urlaub gefahren wären. Und ich habe dann ein Soloalbum gemacht. Ich vermute, sie alle dachten, wir würden ein Weg zurück finden und
weitermachen, aber ich habe bereits ziemlich früh, 1993 oder 1994, gefühlt, dass es eine Zeitbombe war, die darauf wartet zu explodieren, und dass es, wenn
sie dann explodiert wäre, keinen anderen Weg als zwei getrennte Lager geben würde.
Ich war sehr glücklich, dass ich der Welt zeigen konnte, was EDGE OF SANITY für mich bedeutete, der Grund, warum ich all die Jahre damit weitergemacht habe,
war, diese Art von Musik zu machen. Ich denke also, Black Mark haben einfach getan, was sie getan haben als Plattenfirma, und weißt du, es geht ja letztlich
alles nur ums Geld. Und ich habe schlimmere, nur aufs Geld schielende Reunions gesehen, wie etwa als sie versuchten, ELECTRIC LIGHT ORCHESTRA ohne Jeff Lynne
wiederzubeleben. Es gibt einige Bands, die eigentlich gar keine Originalmitglieder mehr enthalten, aber sie spielen noch die Originalmusik der Band und so
ein Zeug. Ich denke, das ist viel schlimmere Heuchelei als das, was ich mit Crimson II mache, aber von außen betrachtet kann ich verstehen, was du meinst. Es
war aber wirklich nicht so, dass sie mich rausgeschmissen hätten, es was vielmehr so, dass ich gehen musste, weil sie sich nicht auf meine Seite
gestellt hatten.

Und nach diesen Geschehnissen hast du nicht daran gedacht, zu einem anderen Label zu wechseln?

Nein, ich denke, alle Labels sind gleich. Es ist eine Beziehung, die man mit seinem Label eingeht. Und wenn man so weit zurück geht, wie wir es tun, ist die
Sache einfach die, dass meine Musik kommerziell gesehen schon immer ein bisschen auf der falschen Seite gestanden hat, und es ist kein Geheimnis, dass ich
nicht so viele Albums absetze wie Bands wie
IN FLAMES oder
DIMMU BORGIR. Und diese Bands verdienen es, auf großen Labels zu sein mit großen Taschen. Ich
verdiene es nicht wirklich, auf einem größeren Label zu sein, weil ich nicht nach ihren Regeln spiele. Ich habe solche Angst, dass ein größeres Label
möglicherweise für ein paar Jahre nach meinen Regeln spielen würde, um dann anzufangen, Forderungen zu stellen, dass ich meine Musik in eine bestimmte
Richtung verändere, um mehr zu verkaufen. Denn das ist, wie Labels funktionieren. Black Mark haben es ein paar Mal versucht, aber ich denke, dass ich groß
genug bin, zu einem Label wie Black Mark nein zu sagen. Aber mal angenommen, ich würde das mit einem größeren Label versuchen, und sie kommen mit all
ihrer Macht und sagen mir, dass ich mich ändern und dies und jenes tun sollte, sonst würden sie mich fallen lassen und dies und jenes tun, was für einen
Künstler viel verletztender wäre – dass man, sobald man einmal bei einer großen Firma ist und herausgeschmissen wird, nie wieder bei einer großen Firma
unterkommen wird. Ich habe gesehen, was mit
MEMORY GARDEN passiert ist, als sie von Metal Blade gedroppt wurden. Sie hatten haufenweise Probleme, ein anderes
vernünftiges Label zu finden. Man muss eines bedenken: Metal Blade sind groß, sie haben nicht genug Alben verkauft, um auf einem großen Label zu sein, nun,
dann müssen runter zu den kleineren Labels gehen.

Deswegen bin ich gleich bei den kleineren Labels. Sie haben zwar nicht so viel Geld, aber ich bin kein Tour-Künstler, ich möchte keine Videoclips machen, ich
denke, sie können das Geld aufbringen, das ich brauche, um ein Album aufzunehmen. Und es ist alles viel persönlicher. Ich kann einfach dort anrufen und
sagen: Hi, hier ist Dan!. Ich muss nicht einmal mit irgendeinem Telefon-Mädel sprechen, das dich dann zum Big Boss weiterleitet, der gerade zum Abendessen
fort ist. Es ist so eine persönliche Sache, wie wenn sie ein Teil des Ganzen sind. Ich habe mal geplant, das Label zu wechseln, und ich hatte auch
Verhandlungen. Ich werde definitiv mit verschiedenen Labels sprechen und sehen, was sie mir bieten können, um zu sehen, wieviel Geld in meinen Bandnamen
steckt. Was für ein Budget können NIGHTINGALE für ein Album herausholen? Wieviel Geld könnte uns dieses Label bieten? Und dann kann ich Black Mark
sagen: Dieses Label bietet uns jenen Betrag, um ein Album in einem richtigen Studio aufzunehmen. Könnt ihr das auch? und wenn sie nein sagen, dann kann ich
immer noch zu einem anderen Label gehen und sicher stellen, dass ich keinen Vertrag auf Lebenszeit unterzeichne. Aber ich denke, dass Black Mark genug Geld
aufbringen können, wenn sie es müssen, solange das Album nach einer guten Investition ausschaut. Ich meine, Crimson II war eine gute Investition. Ich bin
mir nicht sicher, dass das nächste NIGHTINGALE-Album für irgendein Label in der Welt eine gute Investition sein wird, denn wir verkaufen nicht viel. Warum
also 200.000 Schwedische Kronen für ein Album auszugeben, das vielleicht 5000 mal verkauft wird? Ich meine, das ist ein Verlustgeschäft, egal, von wo aus man
sich es anschaut.


Ich denke aber, NIGHTINGALE könnten viel mehr verkaufen, wenn sie besser promotet würden, denn die Musik hat doch einiges an kommerziellem Potential.

Ja, NIGHTINGALE könnten Nummer eins in den Billboard-Charts sein, wenn man sich so anschaut, was heutzutage in den Billboard-Charts ist. Ich meine, da gibt es
Bands wie PANTERA und
SLIPKNOT. Ich meine, es ist alles eine Sache des Marketings. Aber eines der Probleme ist, dass wir nicht wirklich versuchen, das nächste
große Ding in den USA oder wo auch immer zu werden, wir haben einfach nicht den Antrieb. Ich meine, wir sind zu alt. Es mag seltsam klingen, aber wir sind zu
alt, und eine solche Karriere aufzubauen, dauert Jahre, und mein Bruder wäre 45, wenn wir es geschafft hätten. Es gibt immer noch Bands, deren Mitglieder
50 Jahre alt sind, aber sie haben angefangen, als sie vielleicht 16 waren (lacht). Es ist einfach, dass es uns ganz schön schlaucht, wenn wir unterwegs sind,
und wir werden alle krank, wenn wir nachhause kommen, wir gehören einfach nicht in diese Welt. Wir sind nicht jung und hungrig wir sind alt und gesättigt.

Crimson II wird ja definitiv das letzte EDGE OF SANITY-Album sein. Das ist meiner Meinung nach wirklich die beste Entscheidung, denn ich persönlich halte
es für das stärkste EDGE OF SANITY-Album von allen, und so sorgt es dafür, dass die Fans die Band positiv in Erinnerung behalten.

Ja. Andernfalls würde es so ablaufen: ich habe gerade Terminator 3 im Kino gesehen…nicht wirklich gut, aber die Effekte waren großartig, aber es ist
wirklich kein Klassiker. Ich weiß also, was passiert, wenn man den dritten Teil, oder in diesem Fall eine Fortsetzung, macht. Man verliert dabei viel von dem
Antrieb und den Vibes. Was sollte ich also tun? Zehn Tracks je vier Minuten, einfach wieder eine Art Purgatory Afterglow? Die Leute würden es wahrscheinlich
mögen, aber ich denke nicht, dass ich es mögen würde, und das ist immer die Hauptsache bei allen Alben gewesen, die ich veröffentlicht habe. Es ist ganz egal,
ob es INFESTDEAD sind oder EDGE OF SANITY oder UNICORN – ich habe es gemocht, und ich veröffentliche Alben, die ich mag und die ich fühle machen zu müssen. Ich
finde es sehr schwer zu glauben, dass ich Spaß daran haben werde, diese Art von Musik noch einmal zu machen, denn ich habe es alles mit Crimson II getan, und
es ist einfach etwas, das ich mittlerweile ein wenig satt habe, weil es eine sehr einfach zu befolgende Formel ist. Ich sehe nun eher darin eine
Herausforderung, normalere Musik zu schreiben, die Art von Musik, mit der ich aufgewachsen bin. Ich könnte täglich anständige Death Metal-Alben schreiben, wenn
man mich fragt, aber es gibt einfach keinen Sinn dahinter dies zu tun. Mit Crimson II habe ich wirklich mein alles gegeben, das Beste zu machen, so gut wird
es dann halt. Alles nach Crimson II wäre nicht so gut, also belasse ich es lieber dabei und höre auf der Spitze auf, und versuche mehr Zeit damit zu
verbringen mit Musik, die schwieriger zu schreiben ist, die mich quasi dazu zwingt, ein besserer Musiker zu werden. Gerade bevor ich dich angerufen habe, habe
ich mit einer neuen NIGHTIGALE-Idee herumgespielt, und es ist wirklich verdammt schwer jedes Mal bei null anzufangen, und man muss ich als Komponist neu
erfinden, bloß um ein paar gute Riffs hinzubekommen.
Death Metal ist für mich sehr einfach zu schreiben, es ist vielleicht etwa zwei Prozent davon, wie gut ich darin bin Musik zu schreiben. Aber wenn ich mit
NIGHTINGALE oder SECOND SKY arbeite, nutze ich alles, was ich bin, und es ist dennoch nicht gut genug. Ich meine, ich könnte in der Zukunft etwas
BLOODBATH
machen, denn das macht Spaß, und es ist gutes Geld. Und dieses gute Geld wäre im NIGHTINGALE-Camp, um meinen Progressive Hard Rock zu finanzieren, der sich
nicht so gut auszahlt. Aber ich denke nicht, dass ein weiteres EGDE OF SANITY-Album von mir alleine Spaß machen würde. Es wäre einfach sehr viel harte
Arbeit. Deswegen belasse ich es bei Crimson II, denn ich denke, dass es das ultimative EDGE OF SANITY-Album ist, und das ist alles, was ich immer machen
wollte.

Ich erinnere mich noch gut an ein Interview, das du für Crimson gemacht hast 1996, wo du gesagt hast, dass du nie wieder so etwas machen würdest.

Nun, weißt du, ich habe mir schon immer selbst widersprochen, und das ist eins der Spiele, die ich neige, mit mir selbst zu spielen. Aber nachdem wir
Crimson fertiggestellt hatten, wollte nie mehr irgend etwas aufnehmen, denn es ist wie von einer Wohnung in eine andere umzuziehen. Man sagt: Ich werde nie
wieder umziehen!. Aber dann findet man zwei Jahre später eine schönere Wohnung und ist doch wieder dabei, seine Sachen zu packen und umzuziehen. Es ist wie
wenn du mit einem Kater aufwachst und sagst: Ich werde nie wieder trinken!.
Aber manchmal merkt man, dass das, was man da sagt, wirklich wahr ist, etwa wenn man etwas wirklich Dummes getan hat, das einem wirklich geschadet hat, einen
lächerlich gemacht hat oder jemand anderen verletzt hat, das sind die Dinge, bei denen man es wirklich meint, wenn man sagt, man mache so etwas nie wieder. Aber
einen vierzigminütigen Song zu schreiben, das macht natürlich Spaß, aber es ist sehr anstrengend. Ich würde also sagen, dass ich wusste, dass ich weiterhin
diese bombastischen Ein-Song- oder Konzeptalben machen würde, weil das einfach das Holz ist, aus dem ich geschnitzt bin. Ich bin aufgewachsen mit Doppelalben
mit einem Track auf jeder Seite. Ich liebe das, es ist so bombastisch, nicht von dieser Welt. Es ist etwas, auf das ich durch meinen Bruder gekommen bin, als
ich noch sehr jung war. Das sind meine Wurzeln. Wenn die Leute zu ihren Wurzeln zurück gehen, gehen sie zu
AC/DC oder
MOTÖRHEAD. Ich gehe zurück zu
GENESIS
und all diesem Zeug. Es gibt nichts, was ich dagegen tun könnte. Ich habe meine Wurzeln im Symphonic Rock der frühen Achtziger, das ist die Geschichte. Das
ist wirklich das, was mich zu dem gemacht hat, der ich bin.

Okay, zurück zu Crimson II. Wenn ich mir das Album-Cover so anschaue, strahlt es doch eine gewisse Nostalgie aus, als ob das Album Mitte der Neunziger
veröffentlicht worden wäre. War das so Absicht?


Nein, ich denke, das Cover war etwas, das ich immer gewollt habe. Es ist das erste Mal, dass ein EDGE OF SANITY-Cover wirklich so aussieht, dass ich
denke: Wow!. Das Cover sieht wirklich gu aus. Das Logo war eine Sache, die ich versucht habe zu vermeiden. Aber sie haben mir fünf Vorschläge geschickt, und
davon waren vier nur mit Schrift und eines mit dem Logo. Und es war einfach dieses Bauchgefühl, dieses Fuck! dies ist ein EDGE OF SANITY-Album!. Und ich
sagte: Nun gut, es sieht scheiße aus, aber ich mag es! (lacht). Also haben wir dieses genommen, weil es eher nach einem EDGE OF SANITY-Album aussieht und
für sie leichter zu vermarkten ist. Und weil ich zur Abwechslung nach ihren Regeln spielte, sagte ich: Wenn ihr mehr Alben verkaufen könnt, wenn ihr das Logo
benutzt, dann benutzt es, denn ich bin so stolz auf die Musik, dass ich von dem Album viel verkaufen will, und was immer ich tun kann, um euch zu helfen,
abgesehen davon, das beste mir mögliche Album aufzunehmen, werde ich tun, sagt es mir nur! Es war also eine gemeinsame Anstrengung diesmal. Ich habe sonst
immer gegen Black Mark gearbeitet: Nein, kein Logo, macht das nicht, es ist zu kommerziell. Zur Abwechlsung spiele ich nach ihren Regeln, und es läuft
ziemlich gut.

Die Texte wurden ja diesmal von Clive Nolan verfasst. War er denn völlig frei, was die Story angeht, oder war es eher so, dass du mit einem Plot angekommen
bist und er die Aufgabe hatte, das Ganze in die richtigen Worte zu kleiden?

Ich habe ihm nur diese Idee geschickt von einer Abtei und einer Nonne und so weiter, und er hat es von da an mehr oder weniger übernommen. Man braucht wirklich
nicht besonders viel, wenn man so ein guter Texter ist wie Clive. Man braucht einen grundlegenden Plot, ein Gebäude, einen Charakter, dies ist, was passieren
sollte und das ist, was passiert ist, und dann gibt man das so zu einem solchen Schreiber, und innerhalb von zehn Minuten bekomme ich dann diesen großen Umriss
der gesamten Geschichte per E-mail. Es war in etwa so: Nun, das ist es! Also schrieb er weiter und weiter und mailte mir viele Sachen, es war wirklich eine
fantastische Art zu arbeiten.

Ich finde, die Texte sind auch wirklich viel poetischer ausgefallen als auf Crimson.

Crimson wurde in Eile geschrieben. Es einfach diese Shit, wir müssen dies fertigstellen, damit wir nachhause gehen können-Einstellung. Und es war Glück,
dass es dann schließlich so gut geworden ist, es hätte ein Desaster werden können. Aber bei Crimson II waren die Texte von Anfang an in guten Händen.

Ich denke, es gibt noch ein paar offene Fragen, was die Texte von Crimson II angeht. Natürlich gibt es einige Referenzen zu Crimson, aber wie genau die
zwei Teile miteinander in Beziehung stehen, bleibt etwas unklar. Zum Beispiel wird in Teil 1 erwähnt, dass die Menschheit die Fähigkeit Nachkommen zu erzeugen
verloren hat, und in Teil 2 scheint dies nicht der Fall zu sein. Spielt Crimson II also eigentlich in einer Zeit vor Crimson?

Crimson II ist eigentlich eine Zukunft, die sehr weit entfernt ist. Es ist eher so, dass Crimson tausende von Jahren v. Chr. spielte, während Crimson II
im letzten Jahrhundert spielt, so um 1900 herum, mit Pferden und Kutschen und Abteien und so. Ich würde also sagen, dass die Leute aus Crimson ausgestorben
sind. Und dabei gab es auch klimatische Veränderungen, die die Welt ein paar Mal umgeworfen haben. Aber das Böse hat überlebt in den Kammern unterhalb der
Erde, die sie gebaut haben, was ein ziemlicher Rip-off der ägyptischen Pyramiden ist. Kammern, die die Leute auch heute noch finden. Das ist, was sie
getan haben, sie haben ihr Böses in dieser Kammer begraben, die tausende und tausende von Jahren später von dieser Nonne gefunden wird.

Okay, ich verstehe. Ich war etwas verwirrt, weil es im Booklet von Crimson heißt, dass es in einer fernen Zukunft spielt, aber eigentlich ist es eine
ferne Vergangenheit.

Ja, ich bin mir bewusst, dass es heißt, es ist eine ferne Zukunft, aber man weiß nicht wirklich von wann. Ich denke, es ist das Star Wars-Ding, das vor langer,
langer Zeit war oder so. Es ist also die Frage, von wann die Zukunft? Von der Zeit der Dinosaurier aus war es eine sehr ferne Zukunft. Weißt du, EDGE OF SANITY
ist nicht so ernst, wir konnten immer leicht über Fehler lachen, Probleme bei den Texten oder dergleichen. Es ist ernsthafter, wenn es um NIGHTINGALE-Konzepte
geht, sie sind mehr wie ein Buch für mich. Bei den beiden Crimson-Teilen war es für mich immer so: Fuck, es ist trotzdem ein guter Song.

Ich meine, obwohl du sagst, du nimmst die Texte nicht so ernst bei EDGE OF SANITY…

(unterbricht) Ich nehme die Texte niemals allzu ernst, weil ich finde, dass es eine große Mühe ist, sie zu schreiben. Sobald ich angefangen habe, merke ich,
dass ich ein wenig besser werde. Aber ich finde immer noch, dass ich im Texte schreiben nicht so gut bin wie im Musik schreiben. Und das ist der Grund, warum
ich immer nach dieser Person suche, die meine Texte schreibt und wirklich gut ist. Ich versuche es ständig, ich habe einige Leute, die mir Gedicht und Texte
schicken aus der ganzen Welt, aber darunter ist noch immer nicht die perfekte Person. Ich werde wahrscheinlich am Ende versuchen, einen professionellen
Schreiber zu finden, um mir bei dem eher traditionellen Zeig wie NIGHTINGALE zu helfen und ihnen den Song schicken mit Probe-Gesang, wo ich über irgendwas
Seltsames singe, und sie können dies sozusagen in echte Texte übersetzen, und sie werden dann fünfzig Prozent des Geldes für den Song bekommen, denn das ist,
wie es funktioniert. Aber ich freue mich wirklich darauf bessere Texte zu haben.

Abgesehen von den textlichen Referenzen zu Crimson gibt es natürlich auf Crimson II auch eine Reihe musikalischer Referenzen. Die Art, wie du das getan
hast, gefällt mir wirklich, es nicht so plump und offensichtlich, sondern sehr subtil.


Ja, es gibt wirklich keine Stelle, wo ich die Riffs komplett übernommen habe, es ist immer eine andere Tonart oder ein anderes Tempo, und es gibt viele
versteckte kleine Melodien, die ich von Crimson gestohlen habe, die nun hintereinander liegen. Ich habe mir Crimson angehört und gedacht: Dieses Riff
könnte gut auf diese Art verwendet werden, warum ich habe ich nicht daran gedacht? Also habe ich es einfach in Crimson II hineingeworfen und es zum
Beispiel in einen schnelleren oder langsameren Teil verändert. Und ich mag auch dieses Flashback-Gefühl, wie bei einer Fortsetzung, die einen Fuß noch im
Original hat, so dass man versucht, sie zu sehr voneinander zu distanzieren, wie etwa Poltergeist 2, und man fühlt wirklich, dass es die gleiche Atmosphäre
ist, und man kann sogar Schnappschüsse aus dem ersten Film haben oder Charaktere, die erneut auftauchen und die gleichen Dinge sagen lassen wie im ersten
Teil, das ist genau das, was ich mag.

Auf Crimson II ist unter anderem Mike Wead als Gastmusiker vertreten. Ich finde, er ist einer der wenigen Gitarristen, die man sofort an seinem Stil
erkennen kann, wenn man ein Solo von ihm hört, ohne vorher zu wissen, dass er es ist.

Ich habe mir nicht so viel von ihm angehört (lacht). Aber er ist ein sehr guter Gitarrist, daran besteht kein Zweifel, und er ist eine Kombination von
neoklassischem und bluesartigem Gitarristen, etwa so, als ob Michael Schenker auf Yngwie Malmsteen träfe. Ursprünglich sollte der Gitarrist von FREAK KITCHEN
es machen, aber da gab es ein paar zeitliche Schwierigkeiten, also musste ich mit fragen, und er willigte ein, und das sehr schnell. Ich bin ihm einiges
schuldig dafür, dass er so kurzfristig ausgeholfen hat. Er war gerade eigentlich beschäftigt mit anderen Sachen, und ich habe ihn angefleht, und innerhalb von
einer Woche hat er es eingespielt, das war also sehr gut.

Simon Johansson hat auch etwas zu Crimson II beigesteuert. Du hast mal erwähnt, dass mit MEMORY GARDEN an ihrem kommenden Album gearbeitet, dann aber die
Zusammenarbeit beendet hast. Aus welchem Grund?

Das war, weil alles Ewigkeiten gedauert hat. Wir hatten einen sehr guten Sommer, und wir hatten dann ein paar gute Songs beisammen, aber sobald alle wieder
arbeiten mussten, und sie arbeiteten im Schichtdienst, war immer einer auf der Arbeit, während die anderen zuhause waren. Es war unmöglich für mich ihnen was
beizubringen, um das neue Album zu machen, weil es einfach schon unmöglich war, einen Tag zu finden, an dem jeder von ihnen im Proberaum sein konnte. Und das
bedeutete, dass ich die Band teilen musste, so dass ich zum Beispiel mit dem Gitarristen etwas gemacht habe, der Drummer aber nicht dabei war, und dann kannte
der Bassist den Song nicht und so weiter. Es wurde zu einer Seifenoper, also dachte ich, dass sie es so machen müssten, wie sie Alben angehen. MEMORY GARDEN
war keine Band, die Alben auf meine Weise machen könnte, was sehr anders ist als es viele andere Leute machen, also war es besser so. Ich denke, zwei der
Songs, die wir zusammen erarbeitet haben, werden auch auf dem Album sein, und sie werden wahrscheinlich die Stücke sein, die am leichtesten zugänglich
sind, an die andere Leute nach dem ersten Hören erinnern werden, denn ich habe sehr hart daran gearbeitet, versucht, es mehr in die
CANDLEMASS-Hookline-Richtung
zu lenken. Sie sind manchmal ein bisschen zu progressiv und sehen nicht wirklich den Song. Ich habe das Pop-Ding gemacht, and sie den Doom, denke ich.

Du hast auf Crimson II die komplette Musik alleine geschrieben und alle Instrumente selbst eingespielt. Ich nehme an, dass aufgrund der Tatsache, dass du
ein eigenes Aufnahmestudio hast, die traditionelle klare Unterscheidung von Kompositions- und Aufnahmeprozess verschwimmt, oder?

Wenn ich etwas wie Crimson II schreibe, passiert alles zur gleichen Zeit. Ich schreibe und nehme auf. Und manchmal habe ich viele Takes, die ich fürs Demo
eingespielt habe, benutzt. Ich versuche, so viel wie möglich vom Programming der Keyboards zu verwenden und sie in die neue Produktion einzubringen. Es ist
unmöglich für mich, etwas wie Crimson II zu machen, indem ich erst einen grobe Schätzung davon mache, wie es klingen wird, um dann in ein Studio zu gehen
und zu hören, dass es nicht funktioniert. Man braucht so etwas wie eine Vorproduktion, aber für mich beginnt diese Vorproduktion bereits, wenn ich eine Idee
zum ersten Mal aufnehme. Das ist dann so ziemlich die Vorproduktion, und wenn sie gut klingt, ist es die endgültige Produktion, aber ich versuche es dann
halt, ein bisschen professioneller einzuspielen. Und auch die Drums und der Bass, sind auf Drumpads eingespielt mit Samples bzw. im Falle des Basses
programmiert. Es mag nicht die einfachste Art sein diese Dinge zu tun, aber es ist die bequemste, und ich mache es, weil der Song dadurch besser ist,
alles andere ist sekundär und kommt nach der Musik. Man hat keine Temposchwankungen bei dne Drums und keinen schlampig eingespielten Bass. Alles wird
ein bisschen perfekt, und manche Leute mögen das nicht. Ich mag es, weil sich alles darum dreht, das Riff, den Song zu präsentieren, das ist die Hauptsache. Und
schau dir einige der berühmtesten Produzenten heutzutage an, wie zum Beispiel Mutt Lange. Er scheut sich nicht, dem Drummer zu sagen: Du spielst nicht, wir
benutzen einen Drumcomputer! oder Der Bassist spielt nicht, wir werden einen programmierten Bass benutzen! und Dieser Gitarrist ist besser als du, du wirst
nicht spielen!, denn es liegt alles am Song, am Gesang und am Riff.
Ich hatte also diese Vision, dass ich versuche alle Elemente zu vermeiden, die dazu beitragen würden, dass Crimson II nicht perfekt klingt, und das
bedeutete, viel mit Computern zu arbeiten. Ich mag die Livesituation, wenn alle Musiker zusammen spielen und eine Einheit bilden. Aber wenn ich alle
Instrumente spiele, wird es in meiner Welt perfekt. Ich dachte: Okay, ich könnte einen Drummer engagieren, aber ich wollte nur, dass er so spielt wie ich,
also kann es ich selbst machen. Aber nun denke ich mehr daran, Drummer und Gitarristen zu finden, die viel besser sind als ich, bei denen ich mir wünschte,
so spielen zu können wie sie, aber sie kosten Geld (lacht). Ich habe einige mögliche Leute gefunden für die Zukunft, und ich muss nur ein besseres Budget
haben, so dass ich wirklich das Drumming und einige der Leadgitarren und der Keyboards auf den zukünftigen Alben verbessern kann, besondern auf dem
SECOND SKY-Album. So dass ich professionelle Studiomusiker benutzen kann, das ist der nächste Schritt der Krankheit, es nicht mal mehr selbst zu spielen,
da zu sein und es zu genießen.

Du hast SECOND SKY erwähnt. Kannst du mehr darüber erzählen? Wann kann man da mit einer Veröffentlichung rechnen?

Nun, das ist unmöglich zu sagen, denn jedes Mal, wenn ich anfange daran zu arbeiten, dauert das alles immer ewig, weil es vergleichbar dmait ist, eine
Kathedrale aus Streichhölzern zu bauen. Es ist eine sehr harte Arbeit. Aber eines Tages wird es schließlich fertig sein, ich weiß nur noch nicht wann. Wir
reden hier über Jahre von heute aus gesehen. Wir haben noch ein ziemlich grundlegendes Problem: wir haben nicht genügend Material, das gut genug ist, und
es wächst nicht gerade auf Bäumen. Man kann keine Hotline anrufen, um ein gutes Lied zu bekommen. Und es muss mit dem anderen Zeug zusammenpassen. Wir haben
jetzt vielleicht 30 Minuten an Material, und wir brauchen zehn weitere Minuten erstklassiger Musik, und ich bin mir noch nicht sicher, ob ich einen
Zehn-Minuten-Epos oder vier Drei-Minuten-Stücke schreiben werde. Aber wir haben schon einige Musiker ausprobiert, die eventuell auf dem Album spielen
werden, und sobald wir einen Drummer haben, den wir für richtig gut halten, können wir anfangen, die Songs, die wir bisher haben, aufzunehmen und langsam
darauf aufbauen. Aber es wird sehr viel Zeit kosten, und es ist etwas, das dann getan werden muss, wenn man sich wirklich danach fühlt und wenn man inspiriert
ist. Andernfalls wird es so enden wie die UNICORN-Alben – etwas, bei dem man das Gefühl hat, es hätte besser machen können. Das ist das einzige, woran ich
denke, wenn ich sie mir anhöre. Die Demos wurden komplett in unserem eigenen Studio ohne Zeitlimit aufgenommen, und sie sind perfekt. Sie haben zwar nicht die
Soundqualität, die ich mir wünschen würde, aber sie haben die Musik. Das SECOND SKY-Album muss den Sound, die Songs und die Magie haben. Und das ist leider
nichts, was man in zwei Wochen machen könnte (lacht).

Dann wird das nächste NIGHTINGALE-Album also definitiv vor dem SECOND SKY-Album erscheinen.

Ja, es wird definitiv eines geben. Wir hoffen, es diesen Sommer aufzunehmen, und es ist eigentlich nur eine Sache der Kozentration. Ich meine, die Sache mit
dem Songwriting ist bei mir, dass, wenn ich denke, etwas für SECOND SKY machen zu müssen, ich immer nur NIGHTINGALE-Zeug machen kann, und anders herum. Nun,
die SECOND SKY-Sachen kommen. Manchmal ist es gespenstisch. Du kannst einfach auf der Arbeit herum laufen, setzt dich ans Klavier, und bam-bam-bam, plötzlich
hast du drei Akkorde, und das sind die drei, nach denen du die ganze Zeit gesucht hast, und sie klingen einfach unglaublich. Und das ist die Art von Rückgrat,
die ein Stück auf dem SECOND SKY-Album haben muss, es darf nicht konstruiert sein, es muss zu dir kommen von irgendeinem seltsamen Ort im Universum, während
ein NIGHTINGALE ein bisschen entworfen sein, man kann ihn quasi zusammenbauen. Man findet Ideen, die funktionieren, und man kann einfach Riffs aus der
Vergangenheit klauen und auch ein bisschen mit Klischees spielen, denn das ist, worum es bei NIGHTINGALE gehen soll. Aber SECOND SKY ist eine sehr humorlose,
sehr strenge, sehr persönliche Sache, und NIHGTINGALE ist meine Zufluchtsstätte, wenn ich einfach nur herumspinnen und ein wenig Spaß haben, live spielen und
im Proberaum abhängen will, während SECOND SKY todernst sein wird. Es wird auch das sich am meisten lohnende sein, sobald es einmal fertig ist. Es wird eines
jener Alben sein, die man mit ins Grab nehmen möchte.

Du hast gerade gesagt, NIGHTINGALE wäre für dich der Spaßteil im Gegensatz zu SECOND SKY. Hattet ihr denn auf dem
ProgPower-Festival in Baarlo euren Spaß?

Ja, natürlich. Wir haben immer sehr viel Spaß. Nun, es zwar zwar viel kleiner als in Amerika, aber es war dennoch eine gute Show. Ich habe mich selbst gut
gehört, und es war auch viel zu schnell wieder vorbei (lacht). Man will immer länger spielen, wenn man einmal diese weite Reise auf sich genommen hat, aber es
war eine gute Show.

Und was welche der anderen Bands haben dir am besten gefallen?

Ich habe keine der anderen Bands gesehen.

Oh ja, du musstest ja die ganze Zeit am Merchandising-Stand sitzen.

Ja, die ganze Zeit (lacht). Ich hätte gerne EVERON gesehen, aber wir mussten aufbrechen, weil wir alle wieder arbeiten mussten, außer mir, denn ich war
krank. Ich werde immer krank, wenn ich nicht spiele. Es ist die ganze Spannung, die zusammenbricht, wenn ich nachhause komme. Ich denke, es ist normal, wenn
man auf einem Konzert ist. Ich meine, ich habe noch nicht viel von irgendeiner Band gesehen, bei dir wir selbst gespielt haben, weil ich so unglaublich nervös
bin. Und nach der Show fühle ich mich immer so erleichtert, dass es vorbei ist, und da möchte ich mich einfach nicht irgendwo hinstellen, wo ich daran erinnert
werden kann, wie nervös ich war, als ich auf der Bühne stand. Ich möchte nur backstage sitzen und mich entspannen und mich mit den Leuten unterhalten, die die
Show gesehen haben. Das ist für mich viel lohnender.
Wenn ich auf ein Konzert gehe, dann gehe ich auf ein Konzert und genieße die Bands. Ich glaube nicht, dass irgendein anderer Musiker auf einem Festival sich
wirklich andere Künstler anschaut, denn ist für sie alle ein bisschen eine Frage des Stolzes. Meine Band ist die beste, und die anderen sind mir egal. Ich
denke, es ist anders, wenn Headliner und Support-Bands hast. Wenn es um Festivals geht, ist das alles nur ein großer Wettbewerb, und jeder versucht zu
beweisen, dass er im nächsten Headliner sein sollte beziehungsweise warum er dieses Jahr Headliner ist.

Nun, auf dem ersten DOOM SHALL RISE-Festival, dem ersten zweitägigen europäischen Doom-Festival, habe ich das etwas anders erlebt. Dort war es eigentlich
so, dass jeder Musiker wirklich auch ein Fan war, der sich ins Publikum gestellt hat, als die anderen Bands gespielt haben.

Ja, aber sowas ist meist eher der Fall, wenn alle die gleiche Musik spielen. Ich erinnere mich daran, als ich vor elf oder zwölf Jahren mal Hardcore gespielt
habe in einer Band namens WOUNDED KNEE, wo ich nur ein angeheuerter Drummer war. Und dort war das alles auch sehr familiär. Es haben vier Bands oder so
gespielt, und alle Bands kannten sich gegenseitig, und sie haben sich alle gegenseitig ihre Alben abgekauft und so, und dort gab es wirklich keinen
Wettbewerb. Sie haben jeden Song den anderen Bands gewidmet. Es kann also auch anders sein. Aber wo ich herkomme, waren wir mit UNICORN, meiner eigenen Band,
immer die Progressive Rock-Band unter den Hard Rock-Bands, wir wurden immer gehasst: Oh, diese Kerle, sie stehlen uns die Show!. Und alle haben diese Musik
geliebt. Manchmal haben wir bei diesem Wettbewerbs-Denken einfach mitgemacht, nur um einen Gig spielen zu können. Manchmal wurden wir zur Abwechslung sogar
bezahlt, um einen Gig zu spielen. Wir sind also herumgetourt mit UNICORN und haben ab und zu lokale Shows gespielt, und wir haben uns gegen die Metalbands
immer durchgesetzt, denn wir hatten haufenweise Keyboards, drei Harmony-Sänger und überlange Songs, wir hatten einen singenden Drummer und sahen sehr
exotisch aus. Und ich glaube, dass die Leute oft eifersüchtig waren.
Ich würde also gerne zu solchen Shows gehen, wo eigentlich jeder die anderen Bands genießt, aber ich glaube, dass das nicht passieren wird, weil es in
meiner Welt viel Eifersucht gibt. Es ist oft eine Sache der Reihenfolge. Du bist die erste Support-Band, dann kommt die größere Band, die viel mehr Alben
verkauft, und dann der Headliner. Ich denke, es ist sehr undankbar ein Support-Act zu sein, aber für manche Bands ist es ihr Weg, um sich hochzuarbeiten. Ich
habe diese norwegische Band gesehen, die für OPETH eröffnet hat. Sobald OPETH die ersten Akkorde gespielt haben, hat man sich wirklich nicht mehr
daran erinnert, dass die andere Band überhaupt gespielt hat. Es ist seltsam, aber so ist es.

Zurück zum ProgPower-Festival. Eine der wenigen Bands, die für mich herausstachen, waren
GREEN CARNATION. Hast du sie sonst schon mal live gesehen?

Ich bin nicht wirklich ein Fan von GREEN CARNATION, ich kenne kaum was von ihnen. Ich würde sagen, dass ich aus reinem Respekt vor einer Band wie
GREEN CARNATION sie mir lieber zunächst ordentlich anhören würde auf CD, denn live kann es manchmal sehr seltsam sein, wenn die Leute sich nicht selbst
hören, alles verstimmt ist und so. Ich habe sie also auf dem ProgPower bewusst gemieden.

Ich finde ihr sechzigminütigen Ein-Song-Album sehr beeindruckend, und da du ja auch ein Fan von solchen Mammutwerken bist, dachte ich, du hättest es
vielleicht schon gehört.

Nein, ich habe nur ein paar Ausschnitte auf einer Compilation gehört. Es klingt okay. Ich bin ein sehr komplizierter Musikhörer. Ich bin richtig auf Hooks
angewiesen, den kommerziellen Aspekt des Ganzen. Auch wenn es brutal sein mag, es muss etwas Kommerzielles daran geben, etwas, an das man sich erinnert. Der
Death Metal, den ich mag, ist zum Beispiel der mit den Riffs, die man sofort, nachdem man sie gehört hat, nachspielen kann. Ich kann mit dem
CANNIBAL CORPSE-Stil nicht so viel anfangen, wo man eigentlich überhaupt nichts hört. Wenn eine Band nicht dieses Kommerzielle hat… nun… nimm eine Band wie
GENESIS oder sogar modernes Zeug wie
SPOCKS BEARD oder die frühen
DREAM THEATER-Alben. Das sind Riffs, die du die Leute in den Musikläden spielen hörst, aber
sie sind aus einem kommerziellen Progressive Rock-Stück. Aber manche progressiven Bands spielen einfach nur viele Noten, und das ist nichts für mich. Das
beeindruckt mich nicht. Ich beeindruckt, wenn sie viele Noten spielen, an die man sich erinnert. Ich denke, GREEN CARNATION sind etwas unkommerziell, weil sie
es sein wollen, und dann ist es nichts für mich (lacht).

Nun, das ist natürlich Geschmackssache. Was ich aber an einer Band wie GREEN CARNATION genauso wie an NIGHTINGALE mag, ist die Tatsache, dass sie eine eigene
Identität besitzen. Auf dem ProgPower-Festival ist mir mal wieder das große Problem der Progressive Metal-Szene deutlich geworden – dass viele Bands keine
eigene Identität haben, sondern mehr oder weniger wie eine
SYMPHONY X-Kopien klingen…


Ja, das ist die Gefahr. DREAM THEATER haben eine erfolgreiche Kombination von Bands wie RUSH und
IRON MAIDEN und solchem Zeug hinbekommen, während SYMPHONY X
eine gute Kombination von DREAM THEATER und
YNGWIE MALMSTEEN zu Zeiten von THE RISING FORCE gemacht haben. Und nun versucht jeder, das zu kopieren,
anstatt zu versuchen, eine eigene Richtung zu finden. Bei NIGHTINGALE sind wir nicht wirklich progressiv oder Metal oder sonst was, wir sind bloß eine
Hard Rock-Band, die etwas mehr denkt als die Bands, die nur auf die Chicks aus sind. Wir versuchen, treu und aufrichtig zu unseren eigenen Plattensammlungen
zu sein. Ich denke, dass NIGHTINGALE es verdient, unter den anderen Alben in meiner Sammlung zu stehen, ich bin stolz auf sie. Aber wir versuchen nicht
bewusst, progressiven Hard Rock oder Progressive Metal zu spielen. Es ist einfach so leicht zu sagen, dass man progressiven Hard Rock spielt, weil die Leute
denken: Ah, progressiv, das ist interessant!
Progressiv bedeutet für mich, dass ich, wenn ich Riff schreibe, dass es dies vorher noch nicht gibt und, was dieses Riff dann für mich progressiv macht ist,
dass ich einen Schritt weiter denke. Ich nehme den zusätzlichen Aufwand auf mich, um es zu einem achtbaren Riff zu machen. Ich spiele nicht einfach die erste
Scheißversion, die mir eingefallen ist, ich versuche, dass die andere Gitarre dazu funktioniert, und dann füge ich Keyboards und den Bass hinzu. Ich denke
vermutlich eher wie ein klassischer Komponist, auch wenn es ein Hard Rock-Riff ist. Und das ist es, wass es für mich progressiv macht.
Viele der Bands versuchen, ales Progressive an ihrem Hard Rock aus ihrer Musik zu entfernen, um ein breites Publikum anzusprechen, von der Oma bis zu den
Kids. Aber das ist sehr langweilig, wie der alte deutsche, einfache Hard Rock. Ich meine, ich habe ihn mal sehr gemocht, als ich jünger war. Einige Bands wie
JUDAS PRIEST können sehr gute einfache Riffs schreiben, und dann gibt es Bands, die versuchen, das gleiche einfache Riff zu schreiben, aber sie wissen nicht
mal wirklich, wie man ein komplexes Riff schreibt.

Okay, dann lass uns mal über deine Webseite reden, die momentan offline ist. Soviel ich weiß, planst du einen Relaunch mit haufenweise mp3s zum Download (der
Relaunch hat zwischenzeitlich bereits stattgefunden – Anm. des Verf.).

Ja, ich habe ein gewaltiges Dot-Com-Ding gemacht. Ich würde sagen, dass ich zu 90 Prozent fertig bin, und es ist so unglaublich langweilig. Ich glaube, es
gibt 284 mp3s, und sie alle müssen verlinkt werden und der ganze Kram auf den Server hochgeladen werden. Ich habe jeden nur möglichen Fehler der
Webseitenerstellung gemacht. Aber es gibt haufenweise Bilder, und es gibt 55 Videoclips, sie ist wirklich brauchbar. Und sie sieht gut aus. Es ist mein erster
Versuch, ich interessiere mich nicht wirklich für Webdesign, ich finde das extrem langweilig. Ich habe gut aussehende Seiten erstellt ohne irgendein Flash- oder
Jave-Zeug. Ich habe nur dafür gesorgt, dass dort ein Bild ist, und hier sind die Songs, und dass es gut aussieht. Das Design der Seiten sieht aus, als könnte
es aus einem CD-Booklet oder so stammen. Es hat einen gewissen Photoshop-Vibe, aber lädt dennoch ziemlich schell. Es für mich so, wie wenn ich nachhause
komme, und ich zeige dir alles, all den Scheiß, von der Zeit, als ich fünf Jahre alt war bis zu all den Familienfotos, die etwas seltsam sind. Es ist
wahrscheinlich in ein paar Tagen fertig, ich warte nur auf die endgültige Verlinkung. Ich denke, es wird ein nettes Weihnachtsgeschenk für all meine Fans.

Was für Audioaufnahmen und Videos kann man also erwarten? Demoversionen, Liveaufnahmen?

Es ist sehr abwechslungsreich. Alles von reinem Spaß, seltsamem Zeug, das hauptsächlich schwedischen Besuchern mit einem seltsamen Sinn für Humor gefallen wird,
bis zur unveröffentlichten Vorproduktion zu The Spectral Sorrow mit einigen Stücken, die bisher nicht veröffentlicht wurden. Es gibt eine komplette
Live-Show aus Dänemark von EDGE OF SANITY, eine komplette Video-Live-Show von EDGE OF SANITY, zwei komplette NIGHTINGALE-Gigs, vom ProgPower in Amerika und
vom MetalFest. Dann gibt es noch einige unveröffentlichte NIGHTINGALE-Demos, haufenweise Zeug von UNICORN – alle Demos, sogar Stücke, die vom Demo
heruntergenommen wurden. Es gibt also alles von Sachen, von denen ich denke, dass sie für dich ziemlich uninteressant wären bis zu Sachen, die mehr oder
weniger ungehört sind bisher, wie etwa UNICORN-Stücke, die niemals anständig aufgenommen wurde, oder Sachen von Moontower, frühe Demos von Sachen, als sie
noch als EDGE OF SANITY-Songs gedacht waren, aber dann habe ich die Band verlassen. Wie ich schon sagte, sehr viel rares Zeug, die STEEL-Sachen, das
ROUTE NINE-Zeug, im Grunde alles, woran ich meine, die Rechte zu haben.

Wow, das klingt echt großartig! Andere Künstler veröffentlichen Raritätenalben, wenn sie solche Sachen in der Hinterhand haben…

Ja, aber ich denke, dass einige der Sachen nicht die nötige Soundqualität besitzen, und es ist nicht so furchtbar interessant. Es ist schwer zu erklären, aber
es gibt viele Sachen, die man sich vielleicht einmal gerne anhört. Und es ist cool zu hören, wie ich als Zwölfjähriger mit meiner alten Band GHOST gespielt
habe, wie wir diese Hard Rock-Musik mit schwedischen Texten gespielt haben. Und man kann dann vielleicht hören: Oh, da ist ein EDGE OF SANITY-Riff, und das
in einem GHOST-Song! Bei der Recherche war es oft so: Das war wirklich scheiße! Aber so können dir Leute keine Ansprüche stelen, weil es alles kostenlos
ist. Die Arbeit ist komplett von mir, und es gibt einige Sachenm wo ich mich wirklich zum Deppen mache, indem ich das ins Web stelle, wo ich verdammt schlecht
singe, und es gibt Balladen mit Saxophon-Soli und all sowas. Ich habe all das getan. Man kann meine Entwicklung verfolgen, von den ersten Aufnahmen 1977 oder
1978 bis zu ziemlich neuem Zeug kann man sehen, was alles passiert ist, warum ich so ein seltsamer Kerl bin.

Du versuchst also gar nicht erst, irgendetwas zu leugnen…

Nein, es gibt absolut kein Leugnen. Einige der Sachen sind wirklich peinlich, aber es ist ein Teil davon, sich von der Vergangenheit zu lösen.