DISILLUSION: Einfach mal machen!

Seit etwa drei Wochen ist das neue DISILLUSION-Album „The Liberation“ auf dem Markt. Zeit für ein Gespräch mit Sänger, Gitarrist und Mastermind Andy Schmidt über das neue Album, die Herausforderungen an eine professionelle Live-Band, den Wert eines großen Netzwerkes – und über TOOL und die ganz großen Ziele, die es für DISILLUSION noch zu erreichen gibt.

Hi Andy! Ich kann mir vorstellen, dass die letzte Zeit bei dir und bei euch recht turbulent war.

Was heißt die letzte Zeit… die letzten Monate waren recht turbulent! Jetzt beginnt alles wieder normaler zu werden, und das ist auch gut so. Ich habe wieder eine regelmäßigere Tagesaufteilung, das ist schonmal gut, haha. Mit den ganzen Live-Proben wurde es langsam sportlich für alle. So geil, wie das alles gerade ist und so cool wie alles läuft, darf nicht jeder Tag komplett ‚anders‘ sein. Diese innere Unruhe wird irgendwann zu viel. Turbulent ist es in dem Sinne auch, dass wir einfach viel als Band machen. Prophecy machen natürlich gerade auch viel für uns, und das passiert jetzt alles gleichzeitig.

Die Tage um die Album-Veröffentlichung und die Release Show zu „The Liberation“ in Leipzig waren vermutlich eine Art Höhepunkt der vergangenen Monate für euch. Wie habt ihr eure Release Show selbst erlebt?

Das hat nun tatsächlich ein paar Tage gebraucht, um mal ankommen zu lassen, was das alles bedeutet. Die Platte selber ging gefühlt schon so nebenbei in die Öffentlichkeit, das war total ungewohnt. Dann ist das so ein ganz plötzlicher Übergang ohne Feier – am Freitag haben wir noch eine Generalprobe gemacht, da gab es Kuchen und Sekt und am Samstag die Show – das war dann schon eine richtige Veröffentlichung. Wie wir es erlebt haben: Es ist natürlich organisatorischer Wahnsinn gewesen. Mit vier Gastmusikern. Und mit der Violine haben wir vorher nie geprobt. Erst am Samstag beim Soundcheck haben wir das erste mal mit Sophie gespielt, das war alles sehr sportlich. Dann noch schnell ein Kamerateam organisiert…

Wir sind einerseits froh, dass alles so reibungslos lief, das ist der sachliche Aspekt – und: dass wir so einen Hammer-Abend hatten, der uns in gewisser Weise selber überrascht hat. Weil wir überhaupt nicht dachten, dass wir ad hoc die Atmosphäre der Lieder – und mit der neuen Formation – schon so gut hinbekommen. Und das kam natürlich irgendwie auch zurück und das hat uns noch in der Nacht, als wir ausgeräumt haben, klar gemacht, das ist der Weg. So wollen wir weiter machen.

Wir wollen versuchen, konsequent weiter große Schritte gehen, gar nicht groß nachdenken, weil es ist ja gut. So hat der Abend noch ganz schön viel positives Feuer entfacht, was die Band an sich und das Miteinander betrifft.

DISILLUSION bei der Release Show zu „The Liberation“ in Leipzig

Ihr kamt auch so rüber! Es ist überhaupt nicht aufgefallen, dass ihr, von wenigen Ausnahmen abgesehen, in den letzten Jahren kaum auf einer Bühne standet, das wirkte alles wie aus einem Guss.

Schön. Aber da ist natürlich noch total viel Luft nach oben, wenn man sich die Aufnahmen von dem Abend im Detail anhört, haha. Aber ja, das hat schon gut funktioniert. Das hat ja jetzt alles auch mit diesem „Comeback“ zu tun. Das eine ist, die Mucke zu entwickeln. Was aber recht scheiße war, ist die Außenwahrnehmung von DISILLUSION: Dass wir zwar geile Mucke machen, aber eben keine gute Live-Band sind. Das war nun über die letzten Jahre parallel der Plan, da richtig an den Start zu kommen,  damit wir letztendlich auch eine tolle Live-Band werden. Da haben wir riesengroße Schritte gemacht.

Bei eurer Release Show habt ihr es geschafft, mega professionell zu wirken und dabei auch super sympathisch rüber zu kommen – das war schon gut.

An diesem Abend, haha! Das war ja auch eine Art Familientreffen. Ich sehe ja, was da im Publikum passiert und da waren viele bekannte Gesichter. Kurz hinter dir zum Beispiel stand meine Tochter, das ist dann schon etwas besonderes. Die Woche darauf haben wir ja beim Prophecy Fest gespielt. Das war schon auch famos. Ich habe nur danach gedacht, Mensch, da warst du jetzt vielleicht ‚zu‘ gut gelaunt, das war vielleicht zu positiv, haha. Aber so war das Gefühl halt auch.

Das fällt jetzt alles in die Kategorie und den Versuch der Professionalisierung – da ist die technische Seite, die wollen wir immer weiter verbessern. Und, dass wir konsequent immer weiter diese Musik spielen. Also, einfach nur machen! Wir müssen ja keine Show machen, in diesem klassischen Sinne. Bei uns ist in der Musik so viel los. Da heißt es, lieber sauber spielen und: konsequent spielen. Und dann funktioniert das auch.

Das ist doch eine tolle Erkenntnis. Und was für euch bestimmt auch toll war: Ihr hattet zusätzlich zur Trompete  bei „Alea“ diesmal eine Violine live mit auf der Bühne.

„Immer wieder geil!“ – Birgit Horn spielt live die Trompete für DISILLUSION

Ja. Die Birgit an der Trompete ist ja ab und an schon mit dabei, das ist immer wieder geil. Vom Band ist das mit der Trompete irgendwie immer albern, da müssen wir noch einen Weg finden.

Wir wollten eigentlich ein „The Liberation“ Live-Video machen und irgendwie kam dann eins zum anderen und zur Release Show kam dann die Idee, Mensch, wir könnten doch mal mit Violine live spielen.

Und als dann klar war, dass Sophie mit auf die Bühne kommt, war klar, da machen wir ein „Back To Times Of Splendor Video“ draus. Und das war natürlich eine Messe – unfassbar!

Die ersten beiden Durchläufe beim Soundcheck – es waren insgesamt ja nur drei… ich kann es gar nicht richtig in Worte fassen. Manchmal ist alles einfach ganz selbstverständlich! Das hat sich gleich ganz normal angefühlt. Das war schon ein Traum.

„Das war schon ein Traum.“ Sophie Fischer verleiht „Back To Times Of Splendor“ live eine neue Dimension

Ihr habt ja eh ein gutes Händchen, was Gast-Musiker angeht. Diesmal hattet ihr noch Mostofa mit dabei, wie seid ihr denn zu ihm gekommen?

Mostofa hatte ja schon auf dem Album bei „A Shimmer In The Darkest Sea“ die Tabla gespielt. Wie er zu uns kam… das ist halt unser Leipziger Netzwerk. Ich hatte mich daran erinnert, dass jemand im Studio mal Tabla aufgenommen hatte, und das war er. Was für ein liebenswürdiger Mensch, unglaublich freundlich und herzlich.
Die Idee, bei „Shimmer“ ein Tabla zu verwenden, gab es schon lange. Zuerst lag ein Loop darunter, bis uns klar war, wir müssen hier etwas natürliches bringen, das muss auch leben. Und dann war von Anfang an klar, dass zumindest einmal bei der Release Show Mostofa mit auf die Bühne muss. Das war für ihn dann auch der Wahnsinn, er ist ja nicht der Profi-Musiker, der ständig auf der Bühne steht, das war für ihn schon auch etwas Besonderes.

„Von Anfang an war klar, dass zumindest bei der Release Show Mostofa mit auf die Bühne muss“

Man konnte natürlich schon erahnen, dass ihr euch für die Release Show etwas besonderes einfallen lassen und vielleicht in Richtung Violine, mit Freju am Keyboard oder Birgit an der Geige etwas spezielles passiert, dann aber nochmal jemanden ganz anderen bei euch live zu sehen, war ein toller Moment. Vor allem auch die Lichtstimmung mit dem grünen Licht war super schön.

Ja, der Florian am Licht hat das hervorragend gemacht, da kann ich immer wieder nur Danke sagen. Er hat das ganze vollständig in Eigenregie entworfen, diese zwei-Stunden-Show, alles parallel zur normalen Arbeit. Wenn du das bei jemanden in Auftrag gibst, kannst du das ja gar nicht bezahlen. Das ist alles ein riesen Team und Netzwerk, und vieles passiert freundschaftlich. An dem Tag hatte Florian ja Geburtstag und wir haben versucht, ihm auf diese Weise (es gab ein Ständchen mit einem Kuchen und Wunderkerzen während des Konzertes für ihn) beim Konzert zu danken. Er hat es großartig gemacht.

Es ist natürlich auch fantastisch, dass ihr so ein großes Netzwerk habt. Hängt das auch mit deiner Arbeit in deinem Tonstudio zusammen, wo du auf viele andere Musiker triffst?

Ja, anders geht es auch gar nicht. Anders kannst du das gar nicht wuppen. Dass wir manchmal zu viel wollen, ist ein anderes Thema. Wir haben gestern genau dazu mit der Band telefoniert und darüber gesprochen, dass wir dieser Entwicklung wieder entgegen wirken müssen. Es ist echt aufwändig, das alles zu organisieren und wir müssen schauen, dass der Kern der Band sich deutlich verbessert. Aber ja, es ist nicht machbar, alles alleine zu stemmen.

Beim Interview zu den Aufnahmen zu „The Liberation“ hast du von einer Art ‚Übergangsalbum‘ gesprochen. Es war von vorne herein klar, danach soll es weiter gehen. Bei euer Patreon-Kampagne formuliert ihr es ja auch ganz klar: Ihr wollt gleich mit einem nächsten Album weiter machen. Was sind dann jetzt eure Pläne?

DISILLUSION: The Liberation - Album Cover

„Eine Art Übergangsalbum“ – The Liberation von DISILLUSION

Die Pläne klingen jetzt erstmal ganz einfach: Nächste Woche treffen wir uns in Ruhe, jeder von uns hat zehn Minuten oder eine Viertelstunde Zeit, um darzulegen, was seine Wünsche sind, dann fahr ich ein paar Tage in den Urlaub, sammel das alles und dann geht das los. Letztendlich muss es dann wieder so fokussiert laufen wie bei „The Liberation“, sonst funktioniert das nicht. Es gibt ja auch ein paar Veränderungen, Martin am Schlagzeug war ja bei den letzten Aufnahmen noch nicht dabei und Ben wird Vater, das müssen wir dann koordinieren. Ich kann dir aber nicht beantworten, wohin genau die Reise geht. Dazu ist der Abstand noch ein bisschen zu kurz. Wir können ein paar Parameter absprechen, womit wir als nächstes weiter machen, weil wir jetzt gerade in diesem Flow sind. Wir können aber noch nicht sagen, wie das Ergebnis klingen wird.

„Übergangsalbum“ suggeriert jetzt natürlich, dass es schon einen Plan gibt, wo wir hin wollen. So konkret kann ich das aber gar nicht sagen. Für mich war es wichtig, dass wir den „Back To Times Of Splendor„-Bogen schließen. Das heißt nicht zwingend, dass das Thema nun komplett durch ist. Das heißt, dass neben „Back To Times Of Splendor“ nun auch „The Liberation“ steht und damit muss das Thema der Reduktion der Band auf dieses eine Gefühl vorbei sein und das fühlt sich auch gut an. Und das ist jetzt der Übergang.

Das Alte hat funktioniert und wurde bestätigt, es ist ja jetzt eine neue Band, und die Jungs haben natürlich auch alle Wünsche. Die wollen natürlich auch nicht wie in einer Cover-Band nur alte DISILLUSION-Sachen spielen. Selbst, wo wir gerade ein neues Album draußen haben, ist das noch teilweise das Gefühl. Da hat jetzt keiner wirklich Bock, ‚„Gloria“-Stücke aufzuarbeiten. Das ist ja aber auch nachzuvollziehen. Also fangen wir lieber mit neuen Ideen an und kucken, was passiert. Und die Ideen dürfen dann auch wieder etwas schräg sein, was auch immer das heißt.

Das klingt auf jeden Fall spannend.

Zu Beginn der „The Liberation“-Phase haben wir ganz gezielt „Back To Times Of Splendor“-artige Riffs gesammelt. Da ist natürlich verdammt viel draus geworden, mehrere große Teile des Albums sind aus diesen Riffs entstanden. Aber genau das werden wir jetzt nicht mehr machen. Es wird genau das nicht mehr passieren, solche Strophen-Riffs zu machen. Songs wie „The Liberation“ knüpfen ja nahtlos an „Back To Times Of Splendor“ an, das war ja auch der Plan.

Ihr habt ja schon häppchenweise Konzert-Daten für 2020 bekannt gegeben. Habt ihr noch weitere Gigs geplant?

Ja, haben wir. Es werden in Deutschland noch einige Auftritte dazu kommen und es wird auch eine Tour in Österreich und der Schweiz geben, da tut sich gerade einiges. Das ist natürlich nicht ganz so unaufwändig für uns, inzwischen sind wir ja zu sechst in der Band. Eigentlich bräuchtest du dann noch einen Lichtmann oder eine Lichtfrau, dann brauchst du noch einen Transporter, der kostet für das Wochenende 300 Euro, und so weiter…

Das klingt in der Tat aufwändig. Ich hätte noch eine Frage für die Tekkies: Ich habe gesehen, die drei Gitarristen spielen alle mit den gleichen Effekt-Boards. Mit was spielt ihr denn jetzt?

Ja, das stimmt, wir spielen jetzt die Axe FX 8. Dass wir die gleichen Boards spielen, ist schon deshalb notwendig, weil wir ja soundmäßig ständig hin und her springen. Auch das Handling ist deutlich einfacher. Wir können uns jetzt online die verschiedenen Sounds zuschicken und aktualisieren und müssen nicht ständig irgendwas manuell anpassen. Es wandert ja ständig. Jeder spielt immer mal etwas anderes. Seit zwei Tagen programmiere ich auch die Show neu, damit das alles nochmal viel flüssiger rüberkommt. Das sind ja alles Dinge im Hintergrund, die keiner wirklich mitbekommt, wodurch es aber einfach immer besser läuft und besser klingt und immer mehr Show wird. So dass man sich als Zuschauer reinverlieren kann, ohne dass einem so konkrete Sachen auffallen. Da ist bei unserer Mucke natürlich viel für einen Soundmann zu machen. Das wollten wir längst schon automatisieren, ich kam vorher nur noch nie dazu. Und dazu braucht es natürlich Digital-Zeug.

Ihr legt dann für die jeweilige Show die entsprechenden Sounds pro Song im Board ab und dann..?

Nach oben hin gibt es da kein Ende. Letztlich ist da alles automatisierbar. Jeder Sound, jedes Delay, jeder Gesang-Effekt ist steuerbar und machbar. Das ist natürlich nicht an ein, zwei Nachmittagen gemacht. Wir machen das schrittweise, als erstes kommen jetzt die Vocals und die Gitarren. An einem einfachen Beispiel: Wenn jemand ein Solo spielt, ist er klanglich in der Mitte und die beiden anderen Gitarren gehen nach links und nach rechts. Und da haben wir ganz schön viel davon. So kann man auch steuern, ob es klanglich breiter oder enger wird. Das sind die ersten Schritte.

Die drei Gitarristen von DISILLUSION: Andy Schmidt, Sebastian Hupfer und Ben Haugg

Das heißt, das ist dann live alles miteinander vernetzt?

Live sind die Gitarren noch nicht vernetzt, wir haben im Hintergrund aber einen Behringer X32, der macht das dann live. Und das ist schon total geil. Das wäre vor 15 Jahren noch undenkbar gewesen. Heute fährst du zum Wacken und bringst deinen kompletten Mix mit. Da mixt ja keiner mehr selbst, das ist alles schon vorbereitet. Wenn du das nicht machst, fällt das dann regelrecht negativ auf. Das gehört auch zu dem Thema „Live-Band“, da sollten wir auch hin kommen. Du musst da hin gehen und was fast in CD-Qualität abschießen.

Euer Sound war aber schon sehr gut bei der Release-Show.

Ja, danke! Du siehst aber, das ist echt komplex. Da geht es ja aber nicht nur uns so. Da muss man halt die Schlüsse für sich ziehen. Und da bin ich wieder am Anfang mit deiner Frage, wie es jetzt genau weiter geht: Das sind alles solche Parameter, die da mit einfließen. Zum Beispiel, dass man bei der nächsten Platte von vorne rein mehr daran denkt, wer wann wie was spielt und wie das dann arrangiert wird. Also nicht einfach nochmal eine Gitarrenspur mehr aufzunehmen, sondern das nochmal mehr ‚menschlicher‘ zu machen. Das sind alles so Sachen, auf die ich aber auch total Bock habe.

Dann zum Schluss noch eine letzte Überlegung. Wir haben hier im vampster-Headoffice mal überlegt, was wäre denn für euch noch eine Herausforderung, Stimmungen oder Atmosphäre zu schaffen. Und uns ist aufgefallen, es gibt noch kein ernstzunehmendes Metal-Sommer-Album…

Hehe…

Könntest du dir vorstellen, so etwas mal anzugehen? Ihr habt zwar schon eine Art Sommer-Song mit „A Day By The Lake“…

Wenngleich er natürlich tragisch ist…

ja, ich denke an die Stimmung. Stelle es mir spannend vor, wie DISILLUSION so ein Thema wohl angehen würden, wie „Sommer“ bei DISILLUSION klingt…

Naja, es ist denkbar. Das ist jetzt sehr konkret, was du fragst, aber letztendlich sind wir ja positive Menschen, freundlich und auch lebenszugewandt, es gibt auch sicherlich schon die ein oder andere Stelle auf „The Liberation“ – wenn wir das ein wenig anders angegangen wären, käme da sicherlich ein positiver Sound raus. Die Message ist an vielen Stellen ja eh nicht sonderlich negativ. Jetzt müssen wir halt kucken, wie weit das geht. Letztlich gehen wir auf die Bühne und holen dann „Alone I Stand In Fires“ raus  und dann brennt die Luft. Irgendwo dazwischen muss ja alles funktionieren.

Es gibt so viele verschiedene Stimmen um diese Band herum. So vielseitig wie die Musik ist, so viele Stimmen gibt’s halt auch. Generell beantworte ich deine Frage mal so, dass es sein kann, dass wir positiver werden. Ich weiß es aber nicht. Es kann auch sein, dass es genau in die andere Richtung geht.

DISILLUSION bei unserem Besuch am Tag der Fertigstellung von „Back To Times Of Splendor“ im Januar 2004. Sahen ganz schön geschafft aus, die Jungs.

Na, dann schauen wir einfach mal! Ich kenn euch ja schon viele Jahre und die Entwicklung von DISILLUSION ist sehr spannend. Einzigartig finde ich bei euch, wie ihr es heute schafft, eure Musik so professionell und gleichzeitig so emotional zu transportieren.

Das ist cool, danke dir. Und das ist der Plan. Das gelingt mir auch erst in den letzten Jahren besser. Im reiferen Alter, haha. Nicht so viel zu wollen sondern zu sein. Und dann klappt das auch besser. Wir waren einfach auch zu jung bei „Back to Times Of Splendor“, das kam für uns wie aus dem Nichts. Wir haben daran ja auch professionell gearbeitet, standen dann aber plötzlich auf einer Bühne und waren eigentlich noch gar nicht reif dafür. Das hat uns ganz schön belastet. Sich über die Jahre davon frei zu machen, war eine Aufgabe. Und jetzt sind wir da und wer weiß, wo es uns hinführt.

Der Plan muss ja sein, wenn heute ein Anruf kommt, das morgen ein Sony Showcase ist, wo wir drei Songs spielen sollen, dann muss das gehen, auf Weltklasse-Niveau.  Nicht, dass das gerade zur Debatte steht, aber du weißt, worauf ich hinaus will.

Hehe ja. Es ist ja immer gut, wenn man Ziele hat.

Haha, ja. Und da biste gleich bei TOOL…

TOOL ist ein gutes Stichwort… Beim neuen Album bin ich hin und hergerissen zwischen ‚genial‘ und ‚enttäuschend‘

Ich hab’s noch nicht gehört, haha.

Dann will ich noch gar nicht so viel dazu sagen. Für mich klingt euer Output, sagen wir mal, „wertiger“.

Danke. Hinter TOOL steckt aber nun mal Sony, somit ist das chancenlos. Das ist einfach eine andere Liga, in jeder Hinsicht. Vor ein paar Wochen bin ich nach Berlin gefahren, und ziemlich das erste, was ich sehe ist ein 5 oder 6 Meter Plakat: TOOL. Neues Album. Alter Falter!

Da sieht man mal was geht, wenn so ein Label Gas gibt.

tool-fear-inoculum-coverGanz genau. Das ist eben was ganz anderes. Da müssen wir jetzt aufpassen, dass wir uns selbst nicht so einen Nimbus anheften. Da kommst du halt nicht mit. Aber anhören tu ich es mir natürlich trotzdem noch. Ich bin ein riesen Fan, habe mir das Vorab-Lied gehört – das war jetzt erstmal ein bisschen schwierig, klar. Es gab auch einige Stimmen, die es so wie du beurteilen, genau in diesem Spannungsfeld. Ich gebe ihnen viel Kredit vorher, ich weiß ja, dass sie gut im Ayahuasca unterwegs sind und versuche es mal von der Warte aus zu betrachten. Vielleicht ist die Musk deutlich spiritueller, als man denkt. So werde ich da rangehen. Nichts desto trotz wäre natürlich eine gemeinsame Tour mit TOOL schön, aber das ist natürlich ein anderes Thema.

Ja, okay – man muss ja immer groß denken, klar.

Hahaha, na klar. Das ist unrealistisch, natürlich.

Wer weiß! Wie sagt man so schön: Nur wer Ziele hat, kann sie auch erreichen.

Ja, genau. Wenn ich an irgend einer Stelle in den letzten vier, fünf Jahren gedacht hätte, oh, das müssen wir kleiner halten, dann wären wir jetzt halt nicht auf Platz 45 in den deutschen Albumcharts eingestiegen, ganz reduziert formuliert. Das ist halt auch Teil der Wahrheit: Dass wir an jeder Stelle so viel Gas gegeben haben, wie wir können. Und das kam jetzt dabei raus. Platz 45 bedeutet jetzt nicht allzu viel, aber es sieht schon schön aus.

Das ist doch auch eine Leistung. Und was mich jedes mal freut: Wenn ich in Spotify eine Zufallsplaylist oder ein Mixtape starte, und dann kommt zwischendurch einfach ihr.

Jaja, das ist gut. Und das ist natürlich auch total wichtig. Kaum kommst du in so einer Playlist, siehst du nach ein paar Tagen in ‚Spotify Artists‘ wieder 10.000 Plays darauf…

Geiler Scheiß

Ja, das ist ja auch alles neu für mich. Die beiden Platten, die wir davor rausgebracht haben, waren ja vor dem digitalen Zeitalter, wenn du so willst. Da konntest du noch nicht so viele MP3s per E-Mail versenden. Heute verschicken wir Hundert-Gigabyte-Files, auch innerhalb der Band, das ist krass. Das ist eine ganz andere Welt. Das sind massivste Veränderungen, das ist alles nicht zu vergleichen. Das ist heute auch eine ganz andere Wahrnehmung. Die Band ist ständig im Außen. Wir machen für uns dann auch mal handyfreie Zone. Nichtsdestotrotz ergeben sich jetzt auch geile Sachen, die Verbreitung über so eine Playlist ist so ein Beispiel. Die Vorstellung ist schon krass, dass plötzlich über Nacht 3.000 neue Leute deine Sachen angehört haben. Es geht also auch da voran.

Dann wünsche ich euch, dass es so weiter geht und dass ihr euren Weg, den ihr nun mit neuem Schlagzeuger und den ganzen Erfahrungen einschlagen werdet, findet. Vielleicht ist es auch ganz gut, jetzt mal ein paar Tage Ruhe zu haben.

Ja…! Wir müssen mal raus. Also raus aus dem Wahnsinn. Es gibt ja auch genug aufzuarbeiten, auch intern. Natürlich läuft auch hier nicht alles reibungslos ab, das ist klar. Irgendwann haben wir durchgezogen, seit März vielleicht. So durchgezogen, dass es schon mal blutete. Es ist schon wichtig, dass wir da jetzt in eine gute Energie kommen, in ein gutes Miteinander, dass alle Dinge auf den Tisch kommen, dass sich jeder auch als Mensch wahrgenommen fühlt. Das ist jetzt dran, inklusive Abstand. Nicht zur Musik, man ist ja aber quasi „Dauer-Online“ als Band. Da musst du mal raus, sonst reagierst du wieder nur. Das ist ja für alle Menschen wichtig. Ständig kommt irgend ein neuer Input. Und Danke für die Wünsche!

Dann wünsche ich euch viel gute Energie, für alles, was da noch so kommen mag.

Verrückt, ne? Wird schon gut, denke ich.

DISILLUSION und Gastmusiker bedanken sich beim Leipziger Publikum

Markus
Markus ("boxhamster") hat das Magazin 1999 gegründet und kümmert sich um die Technik und die Weiterentwicklung von vampster, schreibt ab und zu Reviews und fotografiert bei Festivals und Konzerten.