DISILLUSION: „The Liberation“ Release Konzert, 7. September 2019 – Leipzig, Werk 2

 DISILLUSION stellten ihr neues Album „The Liberation“ zum ersten Mal offiziell live vor – und machten daraus einen absolut erinnerungswürdigen Abend. Ein derart großes Album wie „The Liberation“ zu schreiben und aufzunehmen ist eine Sache. Es auf die Bühne zu bringen, eine andere. Erst recht dann, wenn es sich dabei um so komplexe und vielschichte Songs handelt, die nicht nur auf das Herz, sondern auch auf den Verstand zielen. DISILLUSION waren an diesem Abend mitreißend, fesselnd, berührend, ungestüm – und einfach zum Heulen schön. Das ist kein Progressive Metal aus dem Baukasten, sondern beseelte Musik.

Releaseparty zu „The Liberation“ mit überraschender Setlist

Die Feuertaufe bestanden DISILLUSION und ihr neues Album bereits im Mai beim Exklusiv-Konzert, ebenfalls in Leipzig, für die Teilnehmer der Crowdfunding-Kampagne bei Patreon, als die Band die neuen Songs zum ersten Mal live präsentierte. Jetzt also gab es einen Tag nach der Veröffentlichung ein Konzert für alle, und viele, viele waren gekommen – das Werk II in Leipzig füllte sich zusehends.

Links DISILLUSION-Sänger Andy Schmidt, rechts Bassist Frank Schuhmacher, der unter anderem auch bei MOLLLUST spielt

Was für ein Theater: MOLLLUST

MOLLLUST-Gitarrist Frank spielte zwei Sets an diesem Abend: Er war auch Bassist bei DISILLUSION

Den Opener machten MOLLLUST, die zweite Band von DISILLUSION-Bassist Frank Schumacher. „Opera Metal“ war auf einem Tuch über dem Klavier zu lesen – das trifft’s ganz gut. Der Sound der Band liegt irgendwo zwischen HAGGARD, RAGE mit Orchester oder THERION,  dargeboten mit viel Theatralik, klassischen Instrumenten wie Violinen und Geigen – dazu gesellen sich eine Flying V, große Bühnengesten und Headbanging. Der Gesang von Janika ist ebenfalls hochprofessionell, dürfte für den ein oder anderen aber doch eine zu große Herausforderung gewesen sein. Man muss sich auf diese Art der Musik Fall einlassen können und wollen, dann erlebt man nicht ganz alltäglichen Metal, der sich endlich mal aus dem üblichen Schema F löst.

„Das Herz ist Klassik, Metal der Puls!“ beschreiben sich MOLLLUST auf Ihrer Webseite selbst – und das trifft es sehr gut. Hoch professionell gemacht, mit einem kleinen Augenzwinkern hier und da, lieferten MOLLLUST einen überzeugenden Gig ab. Irgendwie war’s aber trotzdem eine undankbare Situation für MOLLLUST, denn die Spannung stieg, es warteten alle auf DISILLUSION.

‚Anspruchsvoller Gothic Metal‘ muss kein Widerspruch sein – MOLLLUST live im Werk 2

 

DISILLUSION – die sympathische Ausnahmeband von nebenan

Voll konzentriert: DISILLUSION-Sänger und -Gitarrist Andy Schmidt

Andy Schmidt, Gitarrist, Sänger und Visionär hinter DISILLUSION, atmete kurz nochmal mit geschlossenen Augen durch, schüttelte die Arme aus und hatte von jetzt auf gleich  eine unglaubliche Präsenz, mit der er durch den Abend führte.

Oft bekam man DISILLUSION in den letzten Jahren nicht zu Gesicht. Nach dem Über-Album „Back To Times Of Splendor“ 2004 wurde es lange ruhig, mit der 10-Minuten-Single „Alea“ gab es 2016 endlich wieder ein Statement – nun sind DISILLUSION endlich wieder richtig zurück und die Erwartungen sind entsprechend hoch. Diese Last drückt mit Sicherheit ordentlich auf die Schultern eines solchen Perfektionisten.

Man sah ihn als routinierten, professionellen Frontman, als Vollblut-Musiker und vor allem auch sehr ausdrucksstarken Sänger, aber auch einfach nur als Mensch, der sich mit ganz wenigen Worten aufrichtig bei Fans und seiner Familie bedankte.

Und in jedem Moment wirkte er authentisch, ehrlich und auf sympathische Weise stolz auf seine Songs, auf das neue Album, auf DISILLUSION.

Die perfekte Live-Besetzung & viele Gäste

Es scheint, als ob DISILLISION jetzt die perfekte Besetzung gefunden haben. Die Gitarristen Sebastian Hupfer und Ben Haugg, Bassist Frank Schumacher und Drummer Martin Schulz und Andy Schmidt sind mehr als eine Band, das ist eine Einheit – reden mussten sie auf der Bühne kaum, sie verstanden sich  blind.

Ein wenig angespannt wirkten alle im ersten Drittel des Sets, aber spätestens beim Übersong „The Liberation“ waren alle Unsicherheiten wie weggeblasen. Während sich Bassist Frank Schumacher barfüssig weitgehend im Hintergrund hielt, war besonders Gitarrist Ben Haugg ein Blickfang auf der Bühne. Unglaublich, mit welcher Lässigkeit er die komplexen Songs spielt, zwischen E- und Akustikgitarre wechselt und nebenbei auch noch ziemlich gut die Backing Vocals singt. Sebastian Hupfer fühlt sich ebenfalls sichtbar zu Hause bei DISILLUSION, er ersetzte 2010 ja den langjährigen Gitarristen Rajk Barthel und ist live eine sichere Bank auf der linken Seite der Bühne.

Zwei von drei Gitarristen: Sebastian Hupfer und Ben Haugg (v.l.n.r.)

Mit Geigen und Trompeten untergehen – in Emotionen

Für den besonderen Konzertabend hatten DISILLUSION einige Gäste eingeladen – und sich im Vorfeld sichtlich viele Gedanken über Dynamik und Steigerungen bei der Live-Umsetzung gemacht.

War schon „A Shimmer in the Darkness“ mit der Trommelbegleitung von Mostofa Jahangir ein Erlebnis, setzte die wunderschöne Trompete von Birgit Horn bei „Alea“ und „The Montain“ sowie die Klavierbegleitung von Freju Ruck noch einen drauf. Absolutes Highlight war aber „Back To The Times Of Splendor“ mit Geigerin Elena Lea-Sophie Fischer – diese Darbietung sorgte für Kollektive Gänsehaut und Tränen in den Augen – was für eine Steigerung an Emotionalität! Andy Schmidt war selbst überwältigt und meinte nach dem Song einfach nur „Wie lange ich darauf gewartet habe!“

Elena Lea-Sophie Fischer bringt „Back To Times Of Splendor“ zum ersten Mal mit live gespielter Geige auf der Bühne

Durchdacht war auch die Setlist – eine Möglichkeit wäre gewesen, „The Liberation“ am Stück durchzuspielen. DISILLUSION entschieden sich anders und spielten zwischendurch auch „The Black Sea“ vom 2006er Album „Gloria„, die „Alea“-Single aus dem Jahr 2016, „Alone I Stand In Fire“, „And The Mirror Cracked“ sowie den Titelsong von „Back To Times Of Splendor“ (erschienen 2004). Und so unterschiedlich Alben wie das bombastisch-komplexe „Back To The Times Of Spledor“ und das kühl-moderne „Gloria“ auch sind – live gingen die Stücke ineinander über, verstrudelten Emotionen von Aggression über Traurigkeit bis Erhabenheit.

DISILLUSION-Sänger Andy Schmidt beeindruckte mit lauten und leisen Tönen

Eine schöne Überraschung gab’s noch mit der ersten Zugabe „Don’t Go Any Further“, der Song wurde umarrangiert und wirkte noch kälter und bedrohlicher – perfekt in Szene gesetzt mit gleißendem Stroboskop-Blitzen. Denn perfekt waren an diesem Abends auch Licht und Sound. Und dass der Lichtmann mit einer Geburtstagstorte (mit Wunderkerze!) überrascht wurde, beweist, wie nahbar und menschlich DISILLUSION sind – trotz ihrer fast schon unheimlichen Perfektion.

DISILLUSION und Gastmusiker bedanken sich beim Leipziger Publikum

Setlist DISILLUSION, Leipzig 14. September 2019

  • In Waking Hours
  • Wintertide
  • The Great Unknown
  • The Black Sea
  • A Shimer in the Darkest Sea
  • The Liberation
  • Alea
  • Time to let go
  • Alone I Stand in Fire
  • Back To Times Of Splendor
  • The Mountain
  • Don’t go any further (Zugabe 1)
  • The Mirror Cracked (Zugabe 2)

Fotogallerie – DISILLUSION, MOLLLUST – Leipzig, Werk 2

Bilder: Markus Veyhle

andrea
Kümmere mich seit 1999 um Reviews, Interviews und den größten Teil der *Verwaltung*, Telefon-Dienst, Beschwerdestelle, Versandabteilung, Ansprechpartner für alles, Redaktionskonferenz-Köchin...