DEMONS & WIZARDS: Hansi, verklag deinen Friseur!

DEMONS & WIZARDS: Hansi, verklag deinen Friseur!

Die Dämonen und die Zauberer gehen in die zweite Runde. Im Gepäck haben sie „Touched By The Crimson King„, eine gesunde Mischung aus Stilverfeinerung und -erweiterung. Hansi Kürsch stand Anfang Mai Rede und Antwort zum neuen Silberling und sprach dabei auch über Bücher, Sport und Frisuren.

Im Info steht, dass du eines Tages sieben Lieder von Jon Schaffer im Briefkasten gehabt hast und dann dazu gesungen hast. Habt ihr euch da vorher abgesprochen oder war das eine Überraschungs-CD?

Nein, das war abgesprochen. Ich weiß jetzt ehrlich gesagt nicht den Wortlaut des Infos, aber Jon hat mich schon darauf hingewiesen, dass er mir Songs zukommen lassen würde. Ich hatte zu dem Zeitpunkt schon seit ein paar Wochen darauf gewartet, aber ich hatte schon Songs erwartet.

Habt ihr dann vorher schon über die Art der Songs gesprochen? Also dass ihr gesagt habt, DEMONS & WIZARDS, klar, aber dass du vielleicht gesagt hast, ich möchte jetzt wieder was Simples nach dem ganzen BLIND GUARDIAN-Bombast – oder wie war das?

Nein. Wir hatten, als wir die erste DEMONS & WIZARDS gemacht hatten, irgendwann mal so eine Marschroute für uns festgelegt, und die ging schon eher in die Richtung einfach, eingängig, melodisch, heavy. An die Marschrichtung hat sich Jon dann auch bei den Songs gehalten. Bei diesen ersten Songs waren auch ein paar dabei, die er ursprünglich mal für ICED EARTH vorgesehen hatte. Ich glaube letztendlich waren die Songs „Dorian“ und „Seize The Day“ in ihrer ursprünglichen Version zumindest mal angedacht für ICED EARTH. Die anderen Songs, die er mir damals hat zukommen lassen, waren im Grunde genommen kreativer Output, der weder für DEMONS & WIZARDS noch für ICED EARTH vorgesehen war. Die hat er einfach erstellt und dann in die Runde geworfen, wenn du so willst.

Und du hast dann Gesangslinien gebaut!?

Ich habe dann meine Gesangslinien gebaut und die Arrangements so schon leicht verändert, wie ich es für richtig gehalten habe, hab dann eine Vorproduktion, also eine Vocalproduktion mit Charlie Bauerfeind gemacht, die Sachen zurück an Jon geschickt, und der fand dann auch das Ergebnis schon so gut, dass man an und für sich damals – und das ist jetzt auch schon anderthalb Jahre her – schon soweit gewesen war, dass man die Songs hätte produzieren können. Aber es hat sich zum damaligen Zeitpunkt einfach nicht die Chance ergeben, so dass wir eben noch fast ein Jahr warten mussten, bevor wir uns dann treffen konnten. Die Gründe sind klar: Da sind einmal ICED EARTH- und zum anderen BLIND GUARDIAN-Aktivitäten. Na ja, dann haben wir uns auf jeden Fall Ende letzten Jahres im Oktober in Indiana bei Jon getroffen und haben eine kleine Vorproduktion gemacht, bei der wir dann noch an vier, fünf anderen Nummern gearbeitet haben und diese Songs, die da im ersten Durchlauf schon bearbeitet worden sind, praktisch dann finalisiert haben, verändert haben, Parts eingefügt haben, etcetera, pp.

DEMONS & WIZARDS: Hansi Kürsch 2000
Hansi Kürsch braucht beim Texteschreiben in erster Linie Druck. Nach BLIND GUARDIANs „Somewhere Far Beyond“ gibt es anno 2005 weitere Lieder über Stephen Kings „Dark Tower“-Saga.

Wie schreibst du deine Gesangslinien? Hast du irgendwie Keyboards oder Gitarren als Hilfe oder setzt du dich einfach hin und singst?

Ich sing einfach – direkt mit den Aufnahmen in meinem kleinen Proberaum bzw. in meinem etwas größeren Proberaum, je nachdem wie man es sieht. Ich nehme mir die Sachen entweder auf Bandmaschine oder mittlerweile im Harddiscsystem auf dem Computer auf und experimentiere dann so lange herum, bis ich irgendwas habe, was mir gefällt. Also bei Jons Sachen ist es jetzt zum Beispiel so gewesen: Ich hab die Sachen im März 2003 gekriegt, musste dann die ganzen Festivals mit BLIND GUARDIAN spielen, hab mir die Sachen zwischendurch immer angehört und hab mir im Kopf schon meine Arrangements, so weit es möglich war, zurecht gelegt. Als ich dann im Oktober oder September 2003 die Zeit hatte, mich damit so ein bisschen zu beschäftigen, hab ich dann – ja, weiß ich nicht – eine Woche oder zwei noch mal Zeit investiert, um die Ideen, die über die Wochen und Monate im Kopf schon gereift sind, zu realisieren. Und das habe ich dann Jon geschickt. So mach ich das bei BLIND GUARDIAN an und für sich nicht viel anders. Da hab ich meistens nicht die Zeit, dass ich mir die Sachen einen Monat oder zwei zu Hause anhöre, sondern muss direkt auf die neu komponierten Sachen irgendwelche Gesangsparts entwickeln, aber die Herangehensweise ist die gleiche.

Ihr wohnt näher zusammen.

Ja, wir wohnen näher zusammen, aber manchmal spürt man das gar nicht, weil Andre ist auch eher, sagen wir mal so ein Einzelkämpfer. Der komponiert seine Sachen bei sich zu Hause und irgendwann krieg ich dann einen Anruf, okay jetzt hab ich, weiß ich nicht, einen Drittel der Songs fertig, oder ein Viertel der Songs, jetzt kannst du mal probieren, dazu zu singen. Und dann im perfekten Fall treffen wir uns und besprechen die Sache, und wenn mal gerade Not am Mann ist und keine Zeit da ist, dann krieg ich die Sachen als Files zugesandt und beschäftige mich dann da so lange mit, bis ich irgendwas Passendes gefunden hab. Dann geht es ein bisschen hin und her, und wenn wir viel, viel Glück haben, sehen wir uns dann ab und zu auch mal! Also in letzter Zeit beim Songwriting für die neuen Sachen haben wir es so gemacht, dass wir uns dann doch schon mal wieder häufiger gesehen haben, aber so bei der „Nightfall…“ oder bei der „A Night At The Opera“ haben wir zum Teil nur über Zettel kommuniziert. (lacht)

Es hat funktioniert…

Ja, es hat funktioniert. Anders ist es in dem Job auch nicht. Ich brauch da keine Vorgaben. Wenn ich die Nummern hör, ist es für mich eigentlich so, dass ich meistens schon so eine gewisse Vorstellung hab. Und dann kommt ja auch der Teil, wo ich mich selbst einbringen kann. Also bis dahin ist es ja dann doch, je nachdem, entweder Andres oder Jons Baby. Und in dem Moment, wo ich mit meinen Gesängen sozusagen Hand anlege, wird es auch zu meinem Baby. Und dann versuche ich natürlich auch so weit wie möglich, mich da einzubringen, und wenn möglich immer in etwas anderen Facetten, und auch so von der Herangehensweise ein bisschen anders bei DEMONS & WIZARDS als bei BLIND GUARDIAN.

Gab es irgendwelche Sprachbarrieren?

Nee, die gibt es nicht. Also wenn wir ins Detail gehen, was Beat und Harmonien etcetera, pp. angeht, dann gibt es bei mir doch schon die ein oder andere Stelle, an der ich einfach nicht mehr weiß, wie ich mich ausdrücken soll, um mich klar auszudrücken. Aber das ist eigentlich eher so ein Problem, was ich schlussendlich mit dem Produzenten mehr habe als mit Jon, weil es da um Details geht, in die der Jon nicht unbedingt reinblickt, genauso wenig wie ich in die Aufnahmedetails bei den Gitarren reinblicke. Da gibt es schon den ein oder anderen Punkt, wo man dann an die Grenzen seiner Englischkenntnisse, also ich zumindest an meine stoße. Aber wenn es um die Songs geht, um die Arrangements etcetera, dann gibt es eigentlich keine Probleme.

Brauchst du zum Texteschreiben eine bestimmte Umgebung?

Nee, überhaupt nicht. Ich brauch Druck. Ich brauch möglichst so viel Druck, das mir keine andere Wahl bleibt, als Texte zu schreiben.

Benutzt du irgendwelche lyrischen Hilfsmittel, Reimlexikon oder Wörterbuch? Oder Fantasy-Romane?

Fantasy-Romane ja, teilweise, also überhaupt Romane. Ich benutze ein Wörterbuch, ich benutze ein Wörterbuch für Synonyme, aber keine Reimlexika. Habe ich zumindest bis jetzt noch nicht gemacht.

DEMONS & WIZARDS: Hansi Kürsch 2000
Hansi Kürsch macht sich keine Gedanken übers Älterwerden, benutzt allerdings nach Möglichkeit lieber Aufzüge als Treppen.

Du hast ein Lied über Dorian Gray geschrieben. Es geht ja auch ums Älterwerden bzw. eben das nicht Älterwerden. Machst du dir da persönlich auch schon Gedanken drüber? Oder ist das wieder mehr so ein lyrischer Text?

Also ich mach mir da überhaupt keine Gedanken drüber. Für mich geht es da auch eher um diesen Schönheitswahn und Jugendwahn und um die Fehlbarkeit von Menschen, die sich darauf zu sehr fixieren. Und ja, in dem Sinne ist das schon ja auch der erhobene Zeigefinger. Aber ich wollte trotz allem dieses unglaublich geile Buch damit ein bisschen featuren.

Jetzt muss ich mal eine Frage, die ich fürs Ende vorgesehen hatte, vorziehen: Wer war der am seltsamsten aussehende Musiker, dem du je begegnet bist?

Der am seltsamsten aussehende Musiker!? Lass mich überlegen. Ich glaub, ich selbst.

Morgens?

Nee, leider Gottes nicht. Unter anderem während des BLIND GUARDIAN „The Bard’s Song“-Video. Weil ich einfach bei einem Friseur war, der sein Handwerk nicht verstanden hatte, und ich auf ewig mit diesen Bildern leben muss. Und gleiches kann man eigentlich auch noch, wenn man böse ist, über die BLIND GUARDIAN-DVD sagen. Das war zwar drei Monate nach dem Friseurbesuch, aber die Schäden sind noch immer erkennbar. Und ich kann mich dran erinnern, dass während dieses Festivals dann irgendwann auch so eine Fahne von Fans hochging, auf der stand: Hansi, verklag deinen Friseur! Und ja, ich bin da ehrlich genug, das war ziemlich bitter, ich sah ziemlich scheiße aus. Ansonsten finde ich nach wie vor, Helge Schneider kann richtig scheiße aussehen.

Zurück zu den Texten. Hast du eigentlich schon mal einen fröhlichen Text geschrieben?

(Stille) Ich hab zumindest den Versuch unternommen, zumindest eine positive Message in „Seize The Day“ einzuarbeiten. Also ich fand, der Song war nicht so negativ. Und, jetzt lass mich mal überlegen…

Überall heißt es „Welcome To Dying“, „Goodbye My Friend“…

Okay, „Goodbye My Friend“ ist ja jetzt tatsächlich eine Aussage des Abschiedes und nicht des Todes. Also da geht es zwar um Abschied, aber im positiven Sinne. „Welcome To Dying“, na gut, das ist eine rein lyrische Klamotte. Die Worte haben super gepasst. (lacht) Also ich denk mal nicht, dass die Texte so wirklich ausschlaggebend sind.

DEMONS & WIZARDS: Touched By The Crimson King
„Touched By The Crimson King“ enthält überwiegend recht düstere Texte.

Auf der neuen CD ist ja auch „Down Where I Am“. Ich hab hier heute und am Wochenende Sonnenschein gehabt, und nachdem ich das Lied gehört hab, war die Sonne dunkler.

Ja, bewusst. Aber es soll trotzdem die Leute, die vielleicht in so einer Situation sind, doch eher ermutigen. In fast jedem Song gibt es Lichtblicke. Auch häufig zum Ende hin ist dann die ein oder andere Zeile, die hoffen lässt. Ja, es gibt vielleicht bei den Lyrics dann doch die Tendenz zu traurigen Texten, kann ich nicht anders sagen, da würde ich jetzt lügen. Ich habe bestimmt ein paar positive Songs geschrieben. Wie gesagt, „Seize The Day“ ist an und für sich positiv. Lass mich überlegen, gehen wir mal die neue Platte durch: „Crimson King“: Fantasy. „Beneath These Waves“: Literatur. „Terror Train“: Fantasy. „Seize The Day“: positiv. „Gunslinger“: negativ. (lacht) „Love´s Tragedy Asunder“: sehr negativ. „Wicked Witch“: negativ. „Dorian“: negativ. „Down Where I Am“: negativ. „Immigrant Song“: nicht von mir, okay. (lacht) Also das ist schon repräsentativ für alle anderen Alben. So ein Song hat vielleicht eine positive Message, aber wie gesagt, die meisten… „Down Where I Am“ hat definitiv auch ein paar positive Stellen, sollte zumindest ein paar positive Stellen enthalten. Es kann aber auch sein, dass ich die Zeilen nicht mehr gesungen habe. Müsste ich jetzt selbst mal hören. Ich weiß, ich wollte noch eine einarbeiten, die einen kleinen Lichtblick lässt.

Wie hat sich deine Stimme im Lauf der letzten Jahre entwickelt?

Schwer zu sagen. Also was nicht passiert ist, ist, dass Höhen oder Tiefen schwerer zu erreichen sind. Aber doch, die verändert sich fortwährend. Ist auch wirklich eine Frage des Übens, und bei mir noch extremer des Hörens. Wenn ich während einer Produktion den falschen Sound auf den Ohren hab, dann kann die ganze Produktion damit für mich zu einer Tortur werden, weil ich meine Stimme, also blöd gesprochen, nicht so entfalten kann, wie ich möchte, und wozu ich auch in der Lage wäre, wenn ich anders hören würde. Die Songs haben mit Sicherheit einen Einfluss darauf. Ich höre mittlerweile nicht nur beim Komponieren, sondern auch beim Performen selbst dann auch Sachen, die einfach verschiedenes aufzwingen. Und meistens bin ich in der Lage, die auch umzusetzen. Aber es gibt so Sachen, wo man dann auch an seine Grenzen stößt und nach Alternativen suchen muss. Aber ich würde mal sagen, so seit „Imaginations…“ bin ich eigentlich zufrieden mit dem, was ich mach.

Kann es sein, dass du bei den härteren Sachen auf der neuen CD absichtlich ziemlich hoch singst? Oder fiel mir das bei BLIND GUARDIAN nur nie auf?

Es kann sein, dass der Jon in Tonlagen arbeitet, die ich besser höher komponieren kann, und dass ich deswegen höher klinge. Das ist durchaus möglich. Passiert auch bei BLIND GUARDIAN zum Teil, nur da kann es dann sein, dass mir es vielleicht selbst auffällt oder ich es als zu hoch empfinde und vielleicht noch eine Harmonie nach unten drunter setze. Aber ich wollte ein bisschen einseitiger arbeiten auf der DEMONS & WIZARDS und da hab ich versucht, die Stimmlagen zu wählen, die meines Erachtens durch die Komposition angesprochen worden sind.

Kurz zu dem Schlagzeuger auf der CD, Bobby Jarzombek. Ich bin großer Fan von ihm, muss ich gestehen.

Ja, kann ich verstehen.

Wann hast du zum ersten Mal irgendwas von ihm gehört?

Ich hab ein paar RIOT-Sachen gehört, ich hab die HALFORD-Klamotten gehört, aber ich wusste nie, dass das Bobby Jarzombek ist. Ich kannte die Platten einfach. Erstmalig eigentlich mit, jetzt muss ich überlegen, mit einem Video, dass der Jon mir vorgespielt hat, nachdem Bobby den Part des Schlagzeugers bei ICED EARTH übernommen hat. Da gibt es so ein Lehrvideo. Da hat er einen zum Besten gegeben. Und da hörst du schon, dass der progressiv ein sehr versierter Schlagzeuger ist. Und Jon war eben der Meinung, dass die Art, wie Bobby spielt generell gut zu uns passen würde, zu DEMONS & WIZARDS, und dass er sehr angetan gewesen wäre von der Art und Weise mit Bobby überhaupt zu arbeiten. Ja, und dann hat Bobby die Vorgaben zu 110% erfüllt, würd ich mal sagen! Also der ist ein Universaltalent meines Erachtens!

Warum habt ihr sonst keine großen Gastauftritte? Ich meine, ihr habt Bandkollegen, ihr kennt andere Leute im Geschäft. Habt ihr euch gesagt, das ist unser Ding?

Die Versuchung ist gar nicht da gewesen. Das liegt zum einen an dem engen Zeitrahmen, dann daran, dass wir die Produktion doch so gut wie möglich in einem Zug in Tampa durchziehen wollten, zum anderen aber auch daran, dass die Songs einfach gar nicht unbedingt so was verlangen. Wir sind mit den Leadgitarren und Sologitarren, die Jim Morris spielt, sehr zufrieden. Jon spielt seine Gitarrenparts eh ohne große Probleme, Vocal-technisch ist es nicht anders. Die Frage hat sich nicht wirklich aufgedrängt.

DEMONS & WIZARDS: Jon Schaffer 2000
Jon Schaffer spielte sämtliche Rhythmus- und Akustik-Gitarren. Für die Schlagzeugparts holte er ICED EARTH-Drummer Bobby Jarzombek ins Studio.

Was habt ihr als erstes gemacht, als ihr jetzt die fertige CD in Händen hattet? Feiern, rummäkeln, nichts, die nächste CD?

Ganz ehrlich: Das ist so ein langer Prozess gewesen, ich habe schon gar nicht mehr dran geglaubt, dass ich die bekommen würde, weil wir im Januar mixen wollten. Jim Morris ist im Januar krank geworden, konnte den Mix also nicht durchziehen. Das hieß, wir waren, also Jon in Indiana und ich in Deutschland, in Krefeld und mussten warten, bis Jim wieder genesen ist. Der hat dann, wann immer es die Möglichkeit im Morrissound gegeben hat, weitergemixt und hat uns die Sachen zum Teil per Computer-File, zum Teil aber auch per FedEx zukommen lassen und wir mussten unseren Senf abgeben. Und so nahm der Mix dann irgendwann Form an. Und als wir ganz fertig waren, also letztendlich dieses finale Produkt hätten in Händen halten sollen, ist beim Zusenden ein Fehler passiert. Das Produkt, die CDs sind im Zoll hängengeblieben. Die haben die nicht aus dem Zoll rausgekriegt. Und uns sind alle Deadlines davongelaufen, weil ich hab SPV natürlich versprochen, dass die zu einem bestimmten Zeitpunkt da sein würden, was dann natürlich nicht mehr der Fall gewesen ist. Wir haben ungefähr eine Woche verloren dadurch, ein bisschen Geld auch, blablabla, blablabla, so dass schlussendlich, als ich die CD in Händen gehalten hab, ich eigentlich nichts anderes gemacht hab, als sie direkt an SPV zu schicken, damit die die Promo-Kopien erstellen konnten. Aber ich war eigentlich schon bei den letzten beiden Mix-Durchgängen von dem Ergebnis extrem beeindruckt und war endlich mal, ich sag jetzt mal wirklich zu 90% richtig zufrieden.

Daraus schließe ich jetzt mal, dass du nie zufrieden bist.

Selten. Also es gibt immer so Momente als Musiker und vor allem, wenn du ein Album fertiggestellt hast, oder ich zumindest, wo ich schon das Gefühl hatte, boah, jetzt bin ich nah dran an dem, was ich erreichen konnte. Aber die DEMONS & WIZARDS gehört mit Sicherheit zu den drei, vier Alben, wo dieses Gefühl am stärksten gewesen ist.

Nach dem Ausstieg von Matthew Barlow bei ICED EARTH, hat da Jon dich gefragt, ob du Sänger werden willst?

Nee, das stand nie zur Debatte.

Hätte ja sein können.

Hätte sein können, aber ich hab damals, als Matthew ausgestiegen ist, relativ früh Bescheid gewusst über Jon, hatte aber eigentlich während der Zeit, also während der Zeit zwischen Matthews Ausstieg und Tims Einstieg mit Jon überhaupt nicht gesprochen. Wir haben erst danach wieder gesprochen. Weil es für Jon logischerweise auch eine sehr bewegte Zeit war.

Nochmal zum Thema Texte: Hast du schon mal Feedback von irgendwelchen Autoren bekommen, über deren Bücher du geschrieben hast?

Nee, zum Glück noch nicht! Also bei Tolkien, könnte ich mir vorstellen, wäre es sehr entmutigend. Bei King bin ich mir nicht sicher. Aber zum Teil denke ich mir dann auch immer, hey, eigentlich ist es mir ja gar nicht so wichtig. Mir ist es eigentlich viel wichtiger, was die mir gegeben haben, und dass ich einfach die Möglichkeit hatte, deren Inspiration für etwas neues Kreatives zu nutzen.

DEMONS & WIZARDS: Hansi Kürsch 2000
Hansi Kürsch verspricht für das vermutlich übernächste BLIND GUARDIAN-Werk: „Wir werden nach Mittelerde zurückkehren.“

Bei „Der Dunkle Turm“, welcher dich ja mehrfach inspiriert hat, hattest du da zwischenzeitlich noch damit gerechnet, dass die Geschichte fertig geschrieben wird?

Nee. Für mich war es mit dem vierten Band eigentlich abgehakt. Ich fand „Glas“ jetzt auch nicht so besonders. Also ich fand es schon gut, aber nicht vergleichbar mit den ersten drei Bänden. Und der hatte da, meine ich, irgendwie im Nachwort schon angekündigt, dass es jetzt in bisschen dauern würde, bis er weiterschreibt. Ist bei mir fast schon in Vergessenheit geraten. Ich war dann schon ein bisschen aufgeregt, als ich „Wolfsmond“ damals zum ersten Mal in irgendeinem Bücherladen gesehen habe. Ich war weg, ich konnte es fast nicht glauben. Ich bin dann auch durch die Geschichte geflogen und kann nicht verstehen, dass eingefleischte „Dark Tower“-Fans die letzten drei Bücher nicht gut finden. Also, es ist für mich nicht nachvollziehbar. Okay, wenn du sagst, das ist von Anfang an scheiße, alles klar. Wenn du sagst, du findest „Glas“ nicht so toll, kann ich verstehen. Aber die letzten drei Bände finde ich obergenial! Echt unfassbar gut.

Hast du das komplette Ende gelesen?

Ja. Ich habe das komplette Ende gelesen, hab aber während der Produktion einen Stopp eingelegt, hab 50 Seiten vor dem Ende gesagt, okay, jetzt ist Feierabend, ich les erst weiter, wenn ich die drei Songs, oder die vier Songs, ich wusste das damals noch nicht, beendet habe. Ich weiß auch nicht, warum ich das gemacht habe. War einfach so ein Spleen, sag ich mal. Aber an dem Tag, als ich dann den Letzten, ich glaub „Gunslinger“ war der Letzte, den ich geschrieben hab, beendet hatte, hab ich relativ schnell noch die 50 Seiten beendet und, ja, war eigentlich gar nicht so überraschend muss ich sagen. Ich hatte irgendwo auf einer Homepage gelesen, ich glaube es war sogar auf der BLIND GUARDIAN-Homepage, da hatte jemand aus Amerika schon darüber gesprochen, dass „The Dark Tower“ draußen wäre, und er es gerade beendet hätte, und das Ende doch sehr interessant wäre. Von daher war ich jetzt nicht so überrascht. Ich hab schon mit so etwas Ähnlichem gerechnet. Das einzige, was ich so ein bisschen blöd finde, ist – hast du es zuende gelesen?

Ich habe mich zur Vorbereitung auf das Interview informiert, was so grob alles passiert, aber ich habe die letzten beiden Bücher noch vor mir.

Okay, ja, nee, dann will ich auch nichts sagen.

Das ist natürlich auch anderen Lesern gegenüber fair. Bücher sind in dieser Hinsicht nun mal anders als CDs.

Ja klar, logisch. Ein Ende zu kennen ist nie schön. Aber wie gesagt, ich fand es bis zum Schluss super. Ich fand die Story super umgesetzt. Ich fand dieses, nee, ich will nicht mehr sagen. (lacht) Wir hören auf mit Stephen King!

Eine Frage für die Statistik: Wie oft hast du den „Herr der Ringe“ gelesen und wie viele „Silmarillion“-Ausgaben besitzt du?

Ich kann beide nicht beantworten. Also ich schätze, den „Herr der Ringe“ hab ich also irgendwas zwischen sieben und zehn Mal gelesen und „Silmarillion“ mindestens neun Mal.

Gelesen oder Ausgaben besitzen?

Besitzen. Gelesen habe ich den maximal vier Mal. Eher drei Mal.

Und dann hast du die „Nightfall…“-Texte geschrieben!?

Ja.

Interessant.

(Lacht) Also man macht dann natürlich schon während der Songwritingphase, oder ich mach es zumindest so, dass ich mir immer wieder Inspiration und Sachen anlese und bestimmte Sachen dann auch mehrmals lese. Aber so am Stück durchgelesen habe ich den drei Mal mit Sicherheit, vier Mal eventuell.

Ich bin jetzt etwas erstaunt, dass dann so tiefgreifende Texte dabei herauskommen, also so detaillierte Texte.

Ja, aber wie gesagt, es ist schon so, dass ich dann während der Songwritingphase in die einzelnen Themen immer wieder reingehe und Passagen lese, nur das ist natürlich kein am Stück lesen. Ich weiß nicht, zwei oder drei Seiten, da wird in etwa beschrieben, was ich aussagen möchte. Das les ich mir durch, les es mir noch mal durch.

Das „Silmarillion“ ist auch sehr kompakt.

Total. Ich fang aber auch spätestens beim zweiten Mal Lesen an, mir Notizen zu machen. Das hilft natürlich auch. Ich arbeite dann immer wieder mit den Notizen, arbeite die ein oder hol mir daraus dann auch noch mal zusätzliche Inspirationen, je nachdem. Zumal, hier, bei der „Night At The Opera“ als ich „And Then There Was Silence“ geschrieben hab, ich hab wahnsinnig viel Zeugs gelesen über den Trojanischen Krieg etcetera, pp., aber eigentlich hab ich die „Ilias“ nicht gelesen. Die hab ich mir geholt und daneben gelegt und immer wenn ich meinte, okay, jetzt brauchst du mal zwei, drei Seiten Direktverweise, durchgelesen, ob das irgendwas ist, was ich brauchen kann oder irgendeine Info, die ich vielleicht noch reinarbeiten will. Aber so ähnlich arbeiten Autoren auch, wenn sie ihre Bücher schreiben. Die lesen den ganzen Scheiß nicht. (lacht) Die holen sich ihre Querverweise und spielen mit den Querverweisen dann rum.

Ich war ziemlich beeindruckt, als du vor zehn Jahren die „Imaginations…“-Platte getextet hast, vor allem auch das Lied, was auf so eine gewisse Meta-Fantasy-Ebene geht, also nicht mehr ein Fantasy-Text, sondern ein Text über Fantasy-Texte. Hast du selber ein besonderes Rezept, wie du Fantasie und Realität bzw. Musik und Business ins Gleichgewicht bekommst?

Ich bin zum Glück wirklich in der Lage abzuschalten, wenn ich Musik mach oder Texte, dann kann ich wirklich alles andere um mich herum vergessen. Das ist so der Vorteil, den ein Job, den du wirklich gerne machst, mit sich bringt. Dann gibt es für mich nur diese eine Realität, die heißt eben alles, wie sagt Tom Gerhardt immer: „alles für den Dackel, alles für den Club,“ alles für den Song. Dann gibt es nichts anderes. Zum Teil ist das eine Phase, die relativ kurz anhält, aber manchmal verbringst du so auch einen halben Abend oder zumindest ein paar Stunden. Und in der Zeit passiert meistens ziemlich viel. Ich weiß zum Beispiel, jetzt bei der DEMONS & WIZARDS, als ich den Text zu „Dorian“ gemacht hab, da hatte ich so eine Phase. Da hab ich einfach einen zwei, drei Stunden-Flash gehabt. Der ist nicht abrufbar, der ist einfach da. Den kannst du auch nicht erzwingen. Ich weiß nicht, ob du den mit Drogen erzwingen kannst. Ich nehm keine Drogen. Aber wenn du, sag ich mal, dich auf normaler Ebene bewegst, dann ist das wie so eine Art Meditation. Manchmal klappt es, manchmal klappt es nicht.

Welche Bücher hast du auf Tour grundsätzlich dabei?

Gott. Also ich hab bei der letzten Tour – ich muss meistens Bücher mitnehmen, die ich dann zu Hause nicht mehr lesen brauche, weil ich die nicht mehr ins Bett mitnehmen darf. Meine Frau findet das ekelhaft. (lacht) Das heißt, ich muss immer so ein bisschen splitten. Auf der letzten Tour bzw. auf den letzten Festivals hatte ich dabei: „Das schwarze Haus“ von Stephen King und Peter Straub, justamente habe ich dabei: irgendeine Dokumentation über den zweiten Weltkrieg, dann habe ich ein Buch über den Teufel und „Pompeji“ von Richard Harris dabei. Also es ist immer unterschiedlich.

Zum Schluss noch zwei sportliche Fragen.

Ja, aber nicht zu sportlich.

Nein, nein. Wer wird 2006 vermutlich Fußballweltmeister?

Ich bin mir sicher, dass Deutschland Weltmeister wird. Es gibt da so eine Verschwörungstheorie, und da ich den „Da Vinci Code“ (von Dan Brown, deutscher Titel „Sakrileg“ – Anm. d. Verf.) gelesen hab, muss ich auch daran glauben. Die Weltmeister von 2002 und 1998 waren vorher schon entschieden und so wird es 2006 auch sein und da fallen die Würfel für Deutschland.

Die zweite Frage: Ab wie vielen Stockwerken nimmst du gewöhnlich den Aufzug?

Äh, mmmh, ich nehm den eigentlich immer, wenn es einen gibt! Allein schon, weil ich Aufzugfahren spannend finde. Und ich bin… ich bin zu alt fürs Treppensteigen. Ich muss kein Gramm mehr verdienen oder verlieren und keine Kalorien abbauen.

Bist du Frühaufsteher?

Ja.

Wird die nächste BLIND GUARDIAN-Platte dann „Daybreak In Middle-Earth“ heißen?

Wenn überhaupt, dann heißt die „A Day At The Races“! (lacht) Nee, „Daybreak In Middle-Earth“ wird es noch nicht geben. Leider Gottes. Bis auf ein, zwei kleine Lieder ist das Tolkien-untauglich. Aber wir haben noch die Orchester-Klamotte. Die wird nicht „Daybreak In Middle-Earth“ heißen. Aber wir werden nach Mittelerde zurückkehren. Wir müssen vorher aber noch rechtliche Geschichten klären.

Dann viel Erfolg damit und auch mit der DEMONS & WIZARDS-Platte!

Da bin ich guter Dinge!

BYH-Fotos: boxhamster

Jutze
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