CENTURY MEDIA: Ein Labelportrait

CENTURY MEDIA: Ein Labelportrait

Wir wagen einen Blick hinter die Kulissen des Metalzirkus! In loser Folge wollen wir bei Vampster auch Themen beleuchten, die sich mit dem
Hintergründen des Musikbusiness befassen. Dabei wollen wir uns nicht auf bestimmte Themen festlegen, sondern nach und nach verschiedene Aspekte
beleuchten – in Form von Interviews und Berichten.
Den Anfang machen wir mit einem Labelportrait, weitere Specials werden folgen. Wir sind auch offen für Vorschläge von euch. Was wolltet ihr schon
immer mal wissen? Wir freuen uns auf Eure Anregungen.

Unsere erste Station waren die heiligen Hallen des Dortmunder Independent Labels Century Media, in denen Geschäftsführer und A&R-Manager Leif Jensen uns
Einiges über die Geschichte des Labels und das Business an sich erzählte…

Gegründet wurde Century Media Ende der 80er Jahre von Robert Kampf, der damals selbst als Musiker in der Metal-Szene aktiv war…

Die Motivation, ein Label zu gründen, war, selbst etwas im Musikbereich zu machen, als weitere Aktivität. Er hat ja früher bei DESPAIR gesungen, die auch
damals den ersten Release über Century Media veröffentlicht haben. Dadurch hat er sehr viele Kontakte zu anderen Bands gehabt, die auch nach einer Plattenfirma
gesucht haben. Als Musiker hat man eine sehr direkte und gute Perspektive, was das Geschäft angeht, man kann die Sachen von beiden Seiten betrachten, insofern
war das eben die Reaktion, aus Tatsachen noch ein bisschen mehr zu machen. Und dann kam ein Schritt nach dem anderen. Ende der 80er Jahre wurde das Label
gegründet und die ersten Bands wurden auch sehr schnell gesignt, z.B. POLTERGEIST; RUMBLE MILITIA,
MORGOTH, und einige diese Bands konnten ziemlich
schnell Erfolge erzielen. Century Media war damals das erste Label, das auf Death Metal gesetzt hat, mit UNLEASHED,
GRAVE,
TIAMAT und vielen anderen Acts, die zum Teil
auch immer noch bei uns sind. Und von Jahr zu Jahr entwickelte sich diese Sache eben, das Label wuchs; Mitte der 90er Jahre hat es einen sehr großen
Gothic-Boom gegeben, der sich auch bei Century Media dementsprechend umgesetzt hat, wo dann Bands wie TIAMAT,
MOONSPELL,
THE GATHERING u.s.w. große
Erfolgssprünge verzeichnen konnten. Und dann kam die Internationalisierung des Labels. Es wurde relativ früh ein amerikanisches Büro aufgemacht, das später
zum Hauptbüro der Firma wurde und das im vergangenen Jahr sein zehnjähriges Bestehen feiern konnte. Century Media ist eines der wenigen europäischen bzw.
europäisch begonnenen Labels, die sich in den Vereinigten Staaten auch etablieren konnten und das mittlerweile dort auch die Arbeit für verschiedene andere
Labels übernommen hat, die dort drüben kein Büro haben, wie beispielsweise Nuclear Blast, einige Jahre lang auch InsideOut und es wurde mit SPV
zusammengearbeitet. Auch Labels wie Olympic Recordings laufen über CM in den Staaten.

Wie ist das Label aufgebaut bzw. welche Abteilungen gibt es?

Wir betreuen bei uns im Prinzip die verschiedensten Bereiche. Die Struktur, die ein Produkt erschafft, ist eine Mischung aus der A&R-Abteilung, wo
Bands gesignt und betreut werden und Produkte entwickelt werden; die geht über das Produktmanagement in verschiedene andere Abteilungen wie Retail,
Vertriebsabteilung, Verkaufsabteilung, Promo und Marketing, dann in den Bereich der Produktion, wo das Produkt über einen Hersteller dann physisch Form annimmt,
Layout und Design, wo die Verpackungen für die verschiedenen Formate geschaffen werden. Diese Formate werden ausgewertet und geht dann zum Merchandise, zum
Mail-Order-Bereich, den wir auch haben und betreuen, der zusammenhängt mit dem Lager und Versand-Bereich. Es gibt einen Lizenzierungsbereich, der daran
arbeitet, verschiedene Songs auf verschiedenen Compilations einzusetzen und auch dafür zuständig ist, mit asiatischen Firmen zusammen zu arbeiten, wo wir nicht
direkt vertreten sind und wir mit fremden Labels arbeiten, die unsere Produkte für bestimmte Länder in Lizenz nehmen. Es gibt natürlich eine Buchhaltung, eine
Geschäftsleitung, eine Rechtsabteilung, und noch einige andere Stellen. Letztendlich ist es eine Interaktion aus verschiedenen Bereichen, die aber alle um ein
und dasselbe Produkt herum arbeiten, um denselben Künstler. Wir haben Büros in verschiedenen Ländern, um die Märkte dort einfacher und direkter bearbeiten zu
können, weil niemand beispielsweise den englischen Markt besser versteht als ein englischer Vertreter des Labels, deshalb haben wir dort auch einige Leute vor
Ort. Wir haben jemanden für den skandinavischen Bereich in Schweden, dann gibt es Büros in Italien, Holland – weil das sehr gute Märkte sind, die auch für
sich funktionieren und die man von hier aus nicht so gut steuern kann; wir haben eine Promoagentur in Spanien, die in Zusammenhang mit unserem
Vertrieb arbeitet. Wir haben ein Büro in Australien direkt bei unserem Vertriebspartner.
In Asien arbeiten wir von Produkt zu Produkt mit den verschiedensten Labels. Es ist ein Pool von 20 bis 30 Labels, auf den wir zurückgreifen, und die
Zusammenarbeit entscheidet sich dann nach stilistischen oder produktbezogenen Kriterien. Wir haben eine Außenstelle in Südamerika, die mittlerweile auch
15 Mitarbeiter umfasst und die komplett Lateinamerika betreut, und dann gibt es natürlich das amerikanische Büro, welches das größte von allen ist und sich
um die USA, Kanada und Mexiko kümmert.

Im Vergleich zu anderen, insbesondere deutschen Labels, habt Ihr sehr viele Auslandsbüros, so zum Beispiel in den USA …

Es war auch ein schwieriger Schritt am Anfang. Die meisten Labels sind innerhalb der ersten Jahre dort gescheitert, weil man erst einmal den Markt
verstehen muss, der nach ganz anderen Regeln funktioniert: Der Markt ist schnelllebiger, kommerzieller und Major-gesteuerter als die Szene hier bei uns,
zumindest im härteren Musikbereich. Das Ziel war es, das Büro langfristig zu etablieren. Century Media hat immer sehr langfristig gedacht und glücklicherweise
funktioniert das Büro in den USA seit einigen Jahren sehr gut, im Gegensatz zu vielen anderen Konkurrenten, die sich dort überhaupt nicht etablieren
konnten. Es ist inzwischen sogar zu unserem Hauptbüro für CM gewachsen. Wir haben seit einigen Jahren auch die Signing-Politik umgestellt, so dass auch
marktspezifisch gesignt wird. Es gibt Bands, wie zum Beispiel
SHADOWS FALL – das dürfte mittlerweile
unsere größte Band aller Zeiten in den USA sein – die am Anfang hier zunächst einen schwierigeren Start hatten, als etabliertere Bands, aber wo man sah, dass man mit gezielter Arbeit und vielen Tourneen dort
drüben etwas erreichen und die amerikanische Szene auch um Acts aus dem eigenen Land bereichern kann. Wir haben in den vergangenen zwei, drei Jahren sehr
viele US-Signings gehabt, neben SHADOWS FALL z.B.
GOD FORBID, es gibt eine neue Band namens
EYES OF FIRE, WATCH THEM DIE; gerade
wurden auch MY RUIN aus
Los Angeles gesignt – sehr viele Bands, die sich hier erst einmal beweisen müssen. HASTE
sind da drüben schon sehr etabliert.

Etablieren heißt vor allem Touren, auch wenn das vielen Bands eher als Übel erscheint …

Das ist eine Mentalität, die es dort drüben auch schon gab, nur vor allem im Punk- und Hardcore-Bereich, sich über sehr viel Underground-Arbeit,
Do-it-yourself zu etablieren, sich in den Van setzen und solange touren, bis der Sprit reicht – das ist eine Einstellung, die im Metal-Bereich hier nicht
besonders beliebt war, die hier einfach nicht notwendig war. Wenn du halt siehst, dass die Territorien auch einfach unterschiedlich groß sind, bleibt dir
auch gar nichts anderes übrig, um eine Band dort drüben breitflächig zu etablieren, als sehr viel zu arbeiten. Wir sind weiterhin ein Indie-Label, unabhängig
von großen Ketten oder anderen Firmen, die Satelliten sind von großen Konstrukten, so dass wir auf intensivste Kleinstarbeit setzen müssen, um eine Band
dorthin zu bekommen, dass sie über zwei oder drei Platten eine natürliche Entwicklung nimmt und sich irgendwann hoffentlich das Talent, was man in der Band
gesehen hat, auszahlt und die Band sich von alleine einen Namen macht, ohne dass man auf einen Musiktrend hofft, ohne dass man mit einem hippen Image eine
Band in den Markt bekommt, sondern dass man sie über die Musik etabliert bekommt.

In den 80er Jahren gab es weitaus weniger Labels als heutzutage…

Natürlich ist auch alles eine Sache des Timings, ganz klar. Der Zeitpunkt, an dem angefangen wurde, war goldrichtig. Es wurden Bands gesignt, und zu
dieser Zeit explodierte gerade der Musikstil, zu dem sie gerechnet wurden, das war auch sehr glücklich für Century Media, aber ich denke, das liegt auch an
der schlauen Herangehensweise und einem guten Riecher, was das Label musikalisch bewiesen hat. Heutzutage ist der Markt natürlich ein ganz anderer. Du bist
mit den Tatsachen konfrontiert, dass früher jede Band, die gut genug war, einen Deal bekommen hat; heutzutage ist es so, dass Bands eigentlich schon viel
zu gut sein müssen, um überhaupt eine Chance zu bekommen. Was man heutzutage als Demo-Bewerbung reingereicht bekommt, sind professionell gemachte Alben, wo
natürlich wenig Originalität da ist, aber sehr viel professionelle Attitüde, bei Aufnahmen, beim Songwriting, bei der Verpackung, etc. Die Möglichkeiten sind
auch besser geworden. So kann jeder mit guten technischen Kenntnissen am Computer eine gute Aufnahme abliefern. Und durch das Internet hat sich das Business
sowieso geändert, sehr viel sogar. Es gibt neue Möglichkeiten, aber natürlich auch viele negative Aspekte: Die Überflutung, die sich auch z.B. bei Magazinen
bemerkbar macht. Es macht das Leben nicht einfacher, es ist eine größere Konkurrenz, ein größerer Wettbewerb, aber prinzipiell ermöglicht es auch der Szene,
viel mehr Talente ans Tageslicht kommen zu lassen. Früher war es nicht so, früher hat man wirklich jahrelang im Proberaum verbracht und keiner hat sich für
einen interessiert. Heutzutage, wenn du pfiffig bist, kannst du jedem deine Musik näher bringen.

Welche Kriterien sind für Euch entscheidend, ob eine Band unter Vertrag genommen wird oder nicht?

Die verschiedensten. Natürlich muss ein gesundes Interesse von vornherein da sein; die Band muss schon ein Forum haben, am besten sollte sie sich schon
eine Anhängerschaft erarbeitet haben. Das wäre schon einmal der erste Schritt, denn es ist sehr schwierig, heutzutage aus dem Nichts heraus eine Band zu
etablieren, dazu ist der Markt viel zu dicht. Die Chancen über den Handel sind zu klein. Selbst bei einem großen Talent ist die Chance gering. Der musikalische
Funke muss jedenfalls von der Band überspringen, dass jemand beim Label wirklich darauf steht und auch eine Zukunft für die Band sieht. Es muss aber auch
das Drumherum stimmen. Eine Band muss bereits am Anfang live sehr tauglich sein, weil wir eine Band natürlich auf Tourneen schicken wollen. Man muss sehen,
dass die Leute wissen, was sie wollen. Wir signen nicht blind. Wir signen keine Band auf Grund eines guten Songs oder einer guten Platte. Wir würden uns am
liebsten auch mit der Band getroffen haben und sehen, mit welchen Charakteren wir es zu tun haben, weil wir mit der Band harmonieren und auch eine gute
Zusammenarbeit im menschlichen Bereich haben wollen. Die Band muss nicht hyperoriginell sein, sie muss aber für ihre Schiene die besten Elemente mitbringen.
Heutzutage etwas Ungehörtes zu machen, ist fast unmöglich. Ich denke, es wurden schon die meisten Genres bedient bzw. mittlerweile gibt es ja auch 20 Subgenres
im Metal-Bereich, die alle schon voll sind – also, darum geht es nicht. Es geht nur darum, dass das ganze Paket stimmt, dass die Erwartungen und die
Zielsetzungen auf beiden Seiten, sowohl beim Label als auch bei der Band, ungefähr übereinstimmen. Das ist eine gesunde Basis.

Du hast eben die Verpackung erwähnt – achtet Ihr darauf, wie z.B. das Artwork aussieht bei eingesandten Demobändern?

Wir achten darauf nicht unbedingt, denn das ist der Teil, den man am besten steuern kann. Man kann die Charaktere in der Band nicht steuern, ihre
spielerischen Fähigkeiten auch nicht, aber das Drumherum – Fotos, Verpackung – das sind alles Sachen, die man mit ein wenig Management seitens des Labels
irgendwo hinbekommen kann. Das ist nicht das Problem. Natürlich macht es aber einen wesentlich besseren Eindruck, wenn eine Bewerbung kommt und bereits
alles passt. Gibt es mittlerweile auch sehr oft, wo man sieht, dass die Band sehr genau weiß, welche Art von Cover man in ihrem Bereich braucht. Das ist
wahrscheinlich sogar ziemlich teuer, was sie geliefert haben, die Fotos sind klasse, haben eine gute Idee – wenn so was alles stimmt, ist es natürlich ein
Glücksgriff.

Lehnt Ihr unter Umständen auch Bands ab, bei denen alles stimmt, Euch die präsentierte Richtung nicht gefällt, z.B. eine Hardcore-Band?

Im Hardcore-Bereich sind wir sogar sehr offen. Wir sind wahrscheinlich sogar das einzige ‚Metal-Label‘, was über die Jahre hinweg immer wieder auf
Hardcore gesetzt hat, weil wir persönlich sehr darauf stehen und wir denken, dass es eine Szene für sich ist, die sehr viele Impulse hat. Also, wir stehen
dem Hardcore- und Punk-Bereich sehr nahe.

‚People like you‘ ist ja auch eine Tochterfirma von Euch?


Genau, ‚People Like You‘ gibt es auch noch, das wird aber separat betreut, das läuft nicht über einen Tisch. Das hat einen eigenen Promoter und einen
eigenen Kopf des Labels. Aber Kingfisher war beispielsweise jahrelang ein Sublabel von Century Media, worüber die ganzen Hardcore-Sachen gelaufen sind. Wir
hatten die letzten Platten von SHELTER hier
unter Vertrag und haben auch jetzt im Bereich Emo, Metalcore, dem Crossover aus Punk und Hardcore, sehr viele neue Signings, weil sich die Szenen inzwischen
mischen, zumindest in Nordamerika gehen die Szenen mittlerweile ineinander über. Da gibt es Hardcorer, die
Metal spielen, und Metaller, die Hardcore spielen. Es macht überhaupt keinen Unterschied mehr und diese Sache wird auch in Europa immer
größer. Und ich denke, in einigen Jahren wird es soweit sein, dass hoffentlich nicht nur, weil Leute lange Haare haben, man davon ausgeht, dass sie
Metal spielen, und weil sie kurze Haare haben, man davon ausgeht, dass sie keinen Metal spielen können. Das ist im Prinzip eines dieser 80 Jahre-Klischees, denen viele immer noch
hinterher rennen.
Ganz ehrlich – sehr Nahe an dieser Industrial- oder EBM-Szene waren wir nie, obwohl wir auch mal einige
CHRISTIAN DEATH-Platten
herausgebracht haben und mit VASARIA auch eine
Erscheinung außerhalb des Metal-Bereichs, d.h. im Gothic-Bereich gemacht haben. Es ist schwierig. Wir sind im Prinzip auf Metal und die einzelnen
Subgenres spezialisiert – Heavy Metal, Thrash Metal, Black Metal, Death Metal, Gothic Metal – das ist eher unsere Schiene. Wir sind aber für den Hardcore- und Punk-Bereich sehr offen. Für Prog-Rock zum Beispiel jedoch gibt es spezialisiertere Labels als uns, das ist
nicht ganz unser Ding, obwohl wir persönlich diese Richtung mögen. Aber das machen andere durchgehender, InsideOut sei hier als Beispiel genannt. Wenn es jetzt
um diesen ‚Neue Deutsche Härte‘-Bereich geht – das ist eine Schiene, die bisher eigentlich nur bei den Majors funktioniert hat, mit sehr viel Aufwand, auf
einer sehr kommerziellen Ebene. Es gibt bei Labels Qualitäten in verschiednen Bereichen und es gibt Sparten, da arbeiten wir besser als andere. Wenn man
beispielsweise eine Nu Metal-Band mit sehr viel Talent hat, aber man weiß, man bräuchte eine sehr hohe Investition und müsste ein großes Risiko eingehen, um
dieser Band im Fernsehen und kommerziellen Radio zum Durchbruch zu verhelfen, dann gehen wir lieber zurück zu den Themen, wo wir denken, wir können sie innerhalb unseres
Bereichs besser etablieren. Also, es gibt durchaus Bewerbungen, die wir bekommen und auch Gespräche führen, wo wir aber letztendlich sagen, dass es eher ein
Major- als ein Indie-Thema ist.

Habt Ihr Euch selbst also Grenzen gesetzt?

Nein, also nach oben hin, was die Größe der Band betrifft, die Verkaufszahlen, setzen wir uns keine Grenzen, aber es gibt Themen, wo du von vornherein
weißt, dass sie eigentlich nicht Teil dieser Subkultur ‚Metal‘ sind, sondern am Rande mitlaufen und wahrscheinlich durch diese globalen Companies besser oder
einfacher betreut werden.

Gibt es denn auch den umgekehrten Fall, dass man Bands signt, die man persönlich nicht gut findet, jedoch großes Verkaufspotential in diesem Act sieht?

Klar, das gibt es natürlich auch. Es muss immer eine Kombination sein. Es bringt auf Dauer, glaube ich, nichts, mit einer Band zu arbeiten, die
keiner mag. So ehrlich kann man sein. Selbst wenn diese Band viele Platten verkauft – irgendwann würde man sie wahrscheinlich professionell mögen, aber du
hast nicht so einen leichten Einstieg und du kannst die Aufbauarbeit nicht so machen, wenn du nicht dahinter stehst. Deshalb ist uns wichtig, ein Großteil
der Leute, die mit der Entscheidung zu tun haben, die letztlich direkt am Produkt arbeiten – die Promoter, die Leute im Marketing-Bereich – dass sie
nachvollziehen, was das für eine Band ist und dass diese Band für ihren Bereich sehr gut ist. Da sind wir in einem kleinen Forum an Leuten beteiligt und
unterhalten uns im Vorfeld über die Themen, bevor man dann eine Band signt, die im Prinzip niemand möchte, bis auf eine Person. Wir versuchen, darauf zu
verzichten, denn das macht auf Dauer keinen Sinn. Dadurch, dass wir innerhalb des härten Rock/Metal-Bereichs für alle Richtungen offen sind, haben wir
eine ganz gute Mischung aus verschiedenen Bereichen. Wir haben jetzt nicht 30 Power Metal-Bands unter Vertrag, davon 3 gute und 27 schlechte Bands, die sich
vielleicht mal irgendwann gut verkaufen und einfach noch nicht so weit sind, sondern wir versuchen, eine Handvoll Highlights in jedem Subgenre zu haben und
zu bearbeiten.

Unter welchen Umständen verabschiedet Ihr Euch von einer Band beziehungsweise löst den Vertrag auf?

Verträge gehen meistens über einen bestimmten Zeitraum, über eine bestimmte Anzahl von Alben. Wenn man das Gefühl hat, da gibt es keine Möglichkeit
mehr, eine gesunde Entwicklung der Band, eine Steigerung der Erfolge, der Arbeiten, der Verkäufe zu erreichen, man hat aber einen gewissen vertraglichen
Druck, dann kann man schon durchaus in eine Situation kommen, in der man seitens des Labels auf die Zusammenarbeit verzichtet. Es kann aber auch der Fall
sein, dass man sich überhaupt nicht versteht oder man sieht, dass man die Band nicht mehr so betreut, wie man müsste, dass die Band sich vielleicht aus dem
Musikbusiness herausentwickelt. Oder es kann auch der Fall sein – darüber sprach ich am Anfang, die Notwendigkeit bei Bands, viel zu touren, viel Leidenschaft
zu zeigen – und wenn das dann letztlich bei einer Band doch nicht der Fall ist, fragt man sich halt, ob es wirklich Sinn macht, diese Zusammenarbeit
fortzusetzen.

Ihr habt aber die Option, einen Vertrag, der z.B. über fünf Jahre geht, nicht zu erfüllen und vorzeitig aufzulösen?


Ja, den gibt es von Album zu Album und es gibt auch die Möglichkeit, im Vorfeld darüber zu sprechen, wenn man die Planung für den nächsten Studiobesuch
macht, welche Songs geschrieben wurden, etc. Wir arbeiten sehr gerne mit Vorproduktionen und Demos, damit die Bands uns über das neue Material auf dem
Laufenden halten, weil wir auch im kreativen Bereich mitreden wollen, in welche Richtung das neue Material geht, damit wir uns schon darauf vorbereiten
können und nicht eine fertige Platte auf den Tisch gelegt bekommen. Deshalb sehen wir bereits in einem sehr frühen Stadium der neuen Platte, ob es wirklich
eine Sache ist, in der wir eine Steigerung sehen, ob es eine Sache ist, die wir behalten und bearbeiten wollen.

Haben Bands die Möglichkeit, frühzeitig aus einem Vertrag auszusteigen?

Ja, haben sie eventuell, das ist aber ganz klar abhängig von dem Vertrag. Wenn es Verträge sind, die unsererseits zu kündigen sind, kann die Band nicht
so einfach aussteigen, zumal dieser Vertrag ja auch beinhaltet, dass man sich auf eine bestimmte Länge einer Kooperation einlässt, ansonsten könnte man sich
einen solchen Vertrag komplett schenken, wenn man von Seiten des Künstlers nicht gewillt ist, diesen zu erfüllen.

Wir haben eben von der Unmenge von Labels gesprochen, die in den vergangenen Jahren gegründet worden sind – was würdest Du jungen Bands, die einen
Plattenvertrag suchen oder unterschreiben wollen, sagen, worauf die besonders achten müssen?

Sie sollten eigentlich sehen, dass sie sich ihre eigene Position sehr neutral anschauen und dementsprechend zusehen, dass sie den für sie bestmöglichen
Vertrag bekommen. Eine Band sollte natürlich immer ambitioniert sein, den allerbesten Vertrag der Welt zu bekommen. Wenn sie den aber nicht bekommt, kann auch
ein schlechterer Vertrag gut genug sein. Dafür ist der Markt auch momentan relativ schwierig und ich denke, die Erwartungshaltung seitens der Band sollte in
Relation mit den derzeitigen Möglichkeiten stehen. Sie sollten natürlich darauf achten, dass sie sich nicht an eine Firma binden, wo ein Wachsen der Band nicht
ermöglicht wird. Aus Verzweiflung sollte man keinen Plattenvertrag unterzeichnen. Man sollte darauf achten, dass die Plattenfirma ein gutes Konzept hat, dass
sie auf dem Markt etwas zu sagen hat und somit neue Türen für die Band öffnen kann, dass sie international arbeitet. Es gibt Labels, die sind auf bestimmte
Länder begrenzt; das macht es für eine Band nach einer gewissen Zeit wahrscheinlich auch nicht sehr reizvoll oder gar ernüchternd, wenn man merkt, dass man
zum Beispiel fünf Jahre in Deutschland hart gearbeitet hat, aber in der Schweiz die Band niemand kennt.

Es kommt ganz darauf an, was auf den Tisch gelegt wird. Es schadet nie, dass man im Vorfeld einer Vertragsunterzeichnung ganz sicher ist, worauf man sich
einlässt und wenn man sich da auch beraten lässt. Gute Musikanwälte gibt es nicht besonders viele, aber es gibt sie und man sollte sich natürlich vorher auch
absichern.

Du hast eben die Demobänder bzw. Bänder mit Vorproduktionen erwähnt, die von Euren Bands eingereicht werden – schlagt Ihr nach Anhören dieser Bänder zum
Beispiel auch Produzenten oder Studios vor, je nachdem, in welche Richtung ein Album tendiert?

Manchmal schlagen wir ihnen was vor, was sie zuvor überhaupt nicht berücksichtigt hatten oder woran sie nicht gedacht hatten. Das ist die
klassische A&R-Arbeit. Im besten Fall bringt eine Band natürlich die ganzen Ideen mit, dass sie eine genaue Vision hat, wann sie wie mit wem aufnehmen
möchte, wie lange sie dafür braucht, welche Farbe das Cover haben soll, unter Umständen auch welches Motiv; etc. Wenn sie die nicht haben, beginnt die
klassische A&R-Produktarbeit, d.h. der Band Vorschläge zu machen. Nach einer gewissen Zeit weiß man, welche Studios, Artwork-Leute, Fotografen, Agenten
für Tourneen die besten Partner sind, und das bespricht man dann mit der Band und versucht, das alles so gut wie möglich zu koordinieren und einen Konsens zu
finden. Das machen wir durchaus, einer Band zu sagen, dass dieser oder jener Produzent aus bestimmten Gründen zu ihnen passen würde. Man gibt ihnen Hörmuster
von anderen Bands, die vielleicht ähnlich sind, man gibt ihnen durchaus auch in punkto Songwriting Tipps, wenn man denkt, dass es sich um einen besonders guten
Song handelt. Ich denke, dass sind Dinge, die eine Band auch von einem Label hören möchte und hören sollte, denn schließlich geht es ja bei beiden Seiten
darum, dass man das Bestmögliche aus dem Release herausholt.

Es gibt ja durchaus unterschiedliche Bands, zum einen die, die genaue Vorstellungen von ihrem Sound etc. haben, dann wiederum aber auch andere, die
vielleicht etwas unsicherer sind…

Ganz genau. Es gibt Bands, die liefern Sachen ab, die stimmen von vorne bis hinten, wo man auch nicht mehr viel machen muss, aber es gibt auch Bands,
die offen für Vorschläge sind, die vielleicht auch keine Kontakte zu Leuten haben, bei denen sie ihre Vorstellungen, was z.B. den Sound betrifft, umsetzen
können. Dann nennen sie vielleicht eine bestimmte Band, deren Sound ihnen besonders gut gefallen hat, und dann kann man seitens des Labels versuchen, in
diese Richtung zu arbeiten. Aber am einfachsten ist es natürlich, wenn eine Band ihren eigenen Sound entwickelt hat und diesen einfach nur noch technisch
einwandfrei aufgenommen haben möchte. Aber dafür ist auch ein Produzent im Studio zuständig, damit er sich in die Band hineinversetzt und letztlich das
musikalisch Passende und das Songdienlichste findet.

Inwieweit spielen dabei kommerzielle Aspekte eine Rolle? Dass Ihr vielleicht sagt: ‚Das ist toll, was Ihr macht, aber das verkauft sich nicht?‘, wenn z.B.
eine Band bei der zweiten Scheibe sehr stark experimentieren möchte…

Man versucht natürlich schon, das ein bisschen zu koordinieren. Man versucht natürlich in bester Absicht, einer Band zu sagen, was ihre Schiene ist und
wo sie hingehen sollte. Man versteht natürlich auch, dass Bands Künstler sind und Künstler müssen experimentieren und sie müssen sich manchmal auch selber
neu erfinden, von Platte zu Platte, aber ich denke, prinzipiell geht es darum, dass ein Song gut ist. Wenn der Song gut ist, aber nicht besonders kommerziell,
ist es trotzdem noch ein guter Song; wenn es eine Mischung aus kommerziellem Potential und einem guten Song ist, sind wir natürlich umso glücklicher. Aber
natürlich versucht man im Vorfeld darauf hinzusteuern, wenn man bei der Vorproduktion merkt, hier gibt es fünf gute Songs und einen sehr, sehr guten, der Band
zu sagen: ‚Okay, das hier ist wirklich sehr gut, das hört auch ein Dritter, der nicht zur Band gehört, jemand vom Studio, jemand aus dem Freundeskreis‘, und
das gibt einer Band auch einen guten Ansatzpunkt und eine Motivation.

Aber es gibt auch Budgetgrenzen – wie wird das geregelt?

Es ist teilweise im Vertrag geregelt, teilweise ist es nach dem geregelt, wie die Notwendigkeiten der Band sind, – wenn man zum Beispiel weiß, dass
eine Band mindestens zwei, drei oder vier Wochen braucht, um im Studio aufzunehmen – weiß man auch, welches Studio gebucht werden kann oder welches außerhalb
der finanziellen Möglichkeiten liegt. Budgets haben letztlich etwas damit zu tun, wie die Erwartungen aussehen, künstlerisch etwas aus dem Produkt
herauszuholen beziehungsweise wie auch die Verkaufserwartungen sind. Wenn man z.B. sieht, dass es sich um eine Band handelt, die sich im Laufe der nächsten
Veröffentlichungen wirklich weiterentwickeln wird und nach einigen Scheiben auch sehr groß sein wird, dann kann man natürlich auch bereits sehr früh höhere
Investitionen in Betracht ziehen. Wenn man dagegen sieht, dass es sich um eine Band handelt, bei der man nicht weiß, ob sie kommerziell explodieren wird oder
nicht, muss man auch anhand der Zahlen, anhand der erzielten Verkäufe beim letzten Album, anhand der investierten Gelder faktisch arbeiten. Alles kostet
Geld – Werbung, Produktion, Tourneen – und nicht alles bringt Geld zurück, nicht jede Veröffentlichung bringt Geld ein. Und wenn bei einer Tournee Geld
gemacht wird, bekommt das die Band, nicht das Label. Deswegen muss man auch offen mit der Band reden, wenn es um die Wirtschaftlichkeit geht, denn wir müssen
sehen, dass Kosten ausgeglichen werden. Also: ‚Wir glauben zwar an Euch, wir müssen aber auch zusehen, dass wir als Firma funktionieren‘.

Wer entscheidet das?

Das ist auch eine Entscheidung, die zwischen A&R und den Leuten, die mit diesem Produkt zu tun haben, getroffen wird; da ist auch die Geschäftsführung
involviert und diese Entscheidungen werden von Release zu Release getroffen.

Du hast eben über Vermarktung gesprochen – Ihr gebt Euren Bands nach wie vor die Möglichkeit, Videos zu machen, obwohl die Zahl der TV-Sendungen, die
Metal-orientierte Videos zeigen, stark begrenzt ist, und auch im Radio laufen relativ wenig Metal-Sendungen – wie und wo seht Ihr hauptsächlich Möglichkeiten
für eine effektive Vermarktung?

Die Situation ist schwieriger als noch vor ein paar Jahren, ganz klar, auf der anderen Seite ist es so, dass das Musikbusiness einem komischen Zyklus
unterliegt, der sich alle paar Jahre wieder ändert. Da öffnen sich die Türen, die sich z.B. zwei Jahre zuvor geschlossen hatten. In den USA gibt es momentan
die Entwicklung, dass harte Musik wieder im Fernsehen gezeigt wird. Es gibt MTV2 und Much Music, es gibt neuerdings wieder einen Headbangers‘ Ball – das
heißt, es werden auch wieder die extremsten Videoclips von Bands wie
KRISIUN im Fernsehen gezeigt, obwohl dies in den Jahren zuvor nicht der Fall war. Das hat halt immer damit zu tun, was der ganz große Markt vorgibt. Wenn sich Nu Metal – der ja gitarrenlastiger ist als beispielsweise die BACKSTREET BOYS – sehr gut verkauft, dann öffnen sich auch für die Indies und die härteren Bands wieder Türen. Hier in Europa ist es momentan ein Wechselbad. In Deutschland selbst –
über VIVA und MTV – ist die Situation für Metal nicht besonders gut. Das haben wir zur Kenntnis genommen, dafür läuft es in anderen europäischen Ländern nach
wie vor gut. In England bessert es sich langsam; Italien, Spanien und Frankreich hatten seit jeher einen offenen Markt für diese Musik. Es gibt halt immer
spezialisierte Sendungen. Auf VIVA2 wurde ja auch wieder Rock/Alternative eingesetzt, wo unsere Videos laufen. Es ändert sich halt immer. Videos zu machen
hat immer damit zu tun, welche Möglichkeiten, welche Ideen vorhanden sind. Wenn es eine Band gibt, die visuell schön umzusetzen ist, wo man weiß, man kann
ein Video produzieren, das vielleicht interessant für das Fernsehen ist, wo man weiß, man hat Charteinstiege in zwei oder drei Ländern in Europa, – was auch
der Schlüssel ist, um ins kommerzielle Fernsehen zu kommen – dann tätigt man eine solche Investition. Heutzutage kann man mit Videos auch viel mehr machen
als noch vor zwei oder drei Jahren. Man kann eine DVD-Compilation machen. Wir achten in letzter Zeit verstärkt darauf, dass wir die Videos auch auf Tonträger
zum Einsatz bringen, dass sie als Bonusmaterial auf CDs verwendet werden. Das ist ein gutes Extra für den Käufer, dass man nicht nur Musik bekommt, sondern
auch die visuelle Seite der Band. Und ein teures Produkt wie ein Video nicht zu nutzen, ist nicht Sinn der Sache, es sollte eingesetzt werden. Und da wir
auch international arbeiten, können wir es auch weltweit einsetzen, also sind die Möglichkeiten nicht nur auf Deutschland begrenzt.

Was das Radio betrifft, so ist die Situation sehr schwierig, man hat aber durch Offene Kanäle, Spezialsendungen bei größeren Stationen noch ein paar Outlets,
die wir versuchen zu bedienen. Wir haben eine sehr intensive Radiobetreuung im Vergleich zu anderen Labels, weil wir daran glauben, dass man die Leute, die
diese Musik im Radio spielen, wirklich unterstützen muss. In ein oder zwei Jahren dreht sich der Wind vielleicht wieder und dann weiß man, mit wem man in
der Vergangenheit gut zusammengearbeitet hat und mit wem nicht. Ich finde es klasse, dass es Leute gibt, die – obwohl die Situation im Radio schwierig
ist – trotzdem noch ihre Metal-Sendungen machen.

Wir versuchen, diese beiden Bereiche nicht außer Acht zu lassen, obwohl sie schon mal offener für Metal waren.

Das Medium, mit dem Ihr aber hauptsächlich zusammenarbeitet, ist nach wie vor der Printbereich…?

Print und Online. Wir haben einen Verteiler, der mittlerweile mit Printmagazinen ebenso wie mit Online-Magazinen gefüllt ist. Es steht ja der gleiche
Gedanke dahinter. Sehr viele Metal-Fans ziehen immer noch die Print-Version vor, weil es einfacher ist, ich weiß es nicht. Ich persönlich mag beides – ich
mag die Geschwindigkeit und Aktualität von Online-Medien, auf der anderen Seite mag ich die Sicherheit und Gemütlichkeit bei den Print-Medien. Und Metal hat
ja sehr viel mit Tradition zu tun und wenn man seit Jahren oder Jahrzehnten ein bestimmtes Heft liest, hört man nicht damit auf, nur weil es
Online-Magazine gibt. Und so sehen das, glaube ich, auch sehr viele Metal-Fans. Das ist aber schon der konkreteste Marketing-Mechanismus, den wir haben,
weil es auch der direkteste ist.

Durch Online-Magazine hat sich in den vergangenen Jahren ja auch viel getan, und es werden immer mehr; soweit ich weiß, gibt es bei Labels täglich Anfragen
neuer Zines…

Es geht da auch um Qualität, ganz klar, und es geht auch nicht nur darum, wie viele Besucher eine Seite hat, sondern es geht unter anderem auch darum,
wie so eine Seite gestaltet wird, wie gut die Interviews sind, die dort zu finden sind, wie fundiert die Kritiken sind, denn letztendlich will man immer
Qualität haben. Ich denke, ein Web-Magazin, das sich mit Inhalt, tiefen Stories, mit aktuellen News gut versorgt, ist eines, auf das man gerne
zurückgreift. Es ist technisch sehr einfach, sich eine Seite einzurichten, ein Logo einzusetzen und zu erwarten, dass man von der Industrie umsonst
Tonträger bekommt. Das müssen wir natürlich manchmal auch mehrfach hinterfragen und sehen, wo wirklich etwas gemacht wird und wo nicht. Bei Printmedien
sieht man das eher. Wenn es erscheint, hat man es in der Hand und sieht, welche Inhalte es gibt. Und wenn es nicht mehr existiert, dann existiert es nicht
mehr. Im Online-Bereich ist es ein Kommen und Gehen und da kommt es darauf an, dass es Leute machen, die etwas davon verstehen und es auch längerfristig
ausbauen wollen.

Die gesamte Industrie, vor allem aber die Major-Labels, gehen mittlerweile gegen MP3s im Internet vor, und es gibt eine unaufhörliche Diskussion drüber,
wie groß die Verluste sind, die der Industrie durch illegales Downloaden entstehen – einige geben an, die Verluste gingen ins Unendliche, andere behaupten,
dass 85% der Leute, die ein Album aus dem Netz geladen haben, dieses Endprodukt letztlich doch käuflich erwerben…

Ich denke, das wird man nie genau herausfinden können. Es ist eine sehr schwierige Frage, die wir auch nach einigen Jahren immer noch nicht genau
beantworten können; die kann, glaube ich, niemand beantworten. Es ist einfach eine Tatsache, es gibt halt einen MP3-Markt, der sehr schnell ist, der sehr
rücksichtslos ist, weil es durchaus Leute gibt, denen das egal ist, dass da Arbeit und Geld eines Künstlers und eines Labels hineingesteckt wurden. Ich
vermute, dass zum Teil auch Spaß am Boykott dahintersteckt, nicht zu respektieren, wann ein Album veröffentlicht wird und nicht zu respektieren, dass
ein Künstler sich dabei etwas gedacht hat. Das ist natürlich auch das, was wir verurteilen. Es ist aber sehr schwer zu verfolgen, wer dahintersteckt. Wir
versuchen natürlich auch, den Online-Bereich für uns als Werbemittel zu benutzen: Eine Website, einen MP3-Download pro Album, den wir als Standard immer
anbieten, sind Werbeflächen. Dass eine Band eine Website hat, dass wir eine Website haben, daran arbeiten wir im Prinzip so stark wie wir können. Alles, was
darüber hinaus geht, finde ich nicht korrekt. Der Tonträger mit der Verpackung, mit den Texten und Fotos wird im Online-Bereich niemals ersetzt werden, weder
qualitativ noch vom Prinzip her. Das sehe ich an mir selbst: Ich habe nicht nur offizielle Veröffentlichungen, ich habe durchaus auch schon mal eine Scheibe
aus dem Internet gehabt oder bekommen, ich lasse sie aber nicht gerne in meiner Sammlung. Ich habe sie, um mich vielleicht mit einem Thema anzufreunden und
schon im Vorfeld reinzuhören, und wenn es mir gut gefällt, werde ich mir diese Scheibe auch kaufen. Damit entschuldigen viele Leute diese MP3-Geschichten. Ob
das jetzt bedeutet, dass 40% der Leute darauf verzichten, sich eine Platte zu kaufen, weil sie die schon als gebrannte Version haben, kann, denke ich, keiner in
genauen Zahlen festhalten.

Um zu verhindern, dass Alben vor Veröffentlichung ins Internet gestellt werden, lassen sich Labels mittlerweile bei den Promo-CDs einiges einfallen: Songs
werden ausgeblendet, es wird hineingepiepst, etc. Es ist zum Teil aber so, dass viele Special Features auf den Endprodukten landen (Videos, Artwork, etc.), bei
MOONSPELL findet sich zum Beispiel auch noch ein ganzes Buch hinter dem Album – ist das nicht die beste Art, die Leute zum Kaufen eines Albums zu animieren?


Das ist ja auch eine der Ideen dahinter, ein Produkt so hochwertig wie möglich zu gestalten. Wenn man die technischen Möglichkeiten hat, ein Produkt
aufzuwerten durch einen Video-Clip, durch besondere Multimedia-Sachen, durch Sticker oder Poster, die dem Album beigefügt werden, oder einer besonders tollen
Verpackung – wenn man durch unsere Release-Kette schaut, sieht man durchaus, dass wir versuchen, die Bands aus den verschiedenen Bereich so gut wie möglich zu
verpacken, damit es eben auch kein Billigprodukt wird. Wir wissen ja, dass diese schlechte Marktsituation besonders auch für die Leute gilt, die nicht genügend
Geld haben, um alle Platten zu kaufen, die sie haben möchten, ganz klar. Deshalb möchte man eine Platte so gestalten, dass man weiß, dass die Leute für ihr Geld
auch etwas sehr Hochwertiges bekommen. Der MOONSPELL-Release, „The Antidote„, ist jetzt natürlich etwas ganz Besonderes, der aus dem Rahmen fällt, weil es an
die Veröffentlichung von José Luís Peixoto gekoppelt ist, basierend auf den Texten und in Zusammenarbeit mit der Band, wo ein sehr aufwendiges
Multimedia-Feature gemacht wurde. Es ist ein interaktives Buch mit Sound, mit Bildern, und es sieht sehr, sehr gut aus. Und es ist auch ein wirklich
erstklassiges Video gemacht wurden zu „Everything Invaded„, das auch auf dem Album enthalten ist. Wir haben auch noch eine Digi-Pack-Version mit hochwertigen
Stickern und einem doppelseitiges Poster, mit einem extra Schuber über dem Digi-Pack, und sehr viele Bronze- und Sonderfarben. Das ist ein sehr edles Ding und
ich denke, das ist ein klassisches Beispiel für eine Platte, die man als Fan nicht mit gutem Gewissen verpassen kann. Das ist das, was man im Prinzip mit
jedem Produkt erzielen will. Bei einigen Bands hat man größere kreativere Möglichkeiten als bei anderen, ganz klar, aber das ist auch eine Art und Weise, wie
man als Label versucht, dieser Download-Sache entgegenzuwirken, weil es schon einen großen Unterschied macht, ob man eine unbeschriftete CD-R oder ein
komplettes Kunstwerk hat.

Gibt es denn irgendwelche Pläne für einen eigenen Download-Bereich bei Century Media, von dem sich User gegen Geld Songs runterladen können?

Dafür gibt es keine aktuellen, akuten Pläne. Das alles ist bereits seit einiger Zeit im Gespräch, aber wir versuchen zurzeit, den Online-Bereich
ausschließlich für Promotion zu nutzen, um Bands, die vielleicht noch nicht bekannt sind, eine Möglichkeit zu geben, erst einmal ihre Musik vorzustellen und
damit die Leute in Ruhe reinhören können, ob sie die Musik mögen, um sich dann vielleicht die Platte zu kaufen. Zudem nutzen wir es, um Neuveröffentlichungen
ein oder zwei Monate vor Release anzukündigen und bieten dann exemplarisch einen Song vorab zum Download. Dafür ist der Online-Bereich wirklich sehr gut. Alles
andere finde ich zurzeit immer noch sehr unausgereift und in der Darstellung unbefriedigend. Dieses ‚Pay per download‘ wird von manchen Labels bereits gemacht,
aber es ist nur eine Möglichkeit, nebenbei zusätzlich Geld zu verdienen, ersetzt für mich aber immer noch nicht die Idee eines Tonträgers. Der Grundgedanke
hinter einem Tonträger wird im Internet immer noch nicht adäquat umgesetzt, meiner Meinung nach. Aber mal schauen, was sich in diesem Bereich noch bewegt. Neue
Impulse und Ideen fließen ja fast täglich rein…

Inwieweit habt Ihr letztendlich Einfluss auf den endgültigen Ladenpreis von Tonträgern?

Wir haben einen gewissen Einfluss darauf, auf der anderen Seite ist es aber auch eine Kette. Man geht über ein Label zu einem Vertrieb, zu einer
Ladenkette, letztlich zu einem Verkäufer, und da gibt es schon eine Möglichkeit, das zu steuern, dadurch dass man Abgabepreise so reguliert, dass man
ungefähr weiß, zu welchem Preis die Platten in den Handel kommen, aber es ist ein freier Wettbewerb. Wenn jemand zum Schluss im Laden die Platte für 50 Euro
anbietet, ist es sein eigenes Ding. Man muss dementsprechend den Käufer motivieren, sich auch kundig zu machen, wo der ‚Laden des Vertrauens‘ sitzt, der die
ein oder zwei Euro wirklich nicht auf den Preis schlägt, den ein anderer Laden nimmt.

Letztlich machen jedoch viele Käufer Plattenfirmen allein für die Preise im Laden verantwortlich.

Gut, das muss man aber dann verstehen, dass es nicht unsere Entscheidung ist. Wir haben im Prinzip selbst Abgabepreise für Produkte und dass ein
Produkt in verschiedenen Geschäften zu verschiedenen Preisen steht, ist dann nicht Sache des Labels. Man kann bestimmte Kampagnen fahren, wie zum Beispiel
vor einigen Jahren, wo SPV eine Kampagne startete, dass nicht mehr als DM 9,99 für eine Scheibe gezahlt werden sollte. Das ist aber auf Dauer schwierig,
weil der Einzelhandel von einer gesunden Konkurrenz lebt, dass z.B. ein Laden eine CD für einen Euro billiger verkauft als ein anderes Geschäft. Aber im
Prinzip hat man da die Meßlatte der anderen Vertriebe, der anderen Labels und generell die Standards in den Läden, so dass man ungefähr sieht, was ein
Produkt in einer Normalausstattung, in einem Digi-Pack, in einer Box zu kosten hat. Aber einen direkten Einfluss darauf, dass eine Platte z.B. 14,99 Euro im
Laden kostet, haben wir nicht.

Die Preise im Merchandise-Bereich variieren auch sehr stark – inwieweit beeinflusst Ihr die Preise für Sachen, die auf Tourneen verkauft werden? Zudem habt
Ihr auch einen Merchandise-Bereich im Haus, wie Du eben erwähnt hast, den Ihr preislich natürlich vollkommen bestimmt – wie wichtig ist Merchandise für Euch?

Merchandise kann wichtig sein, je nach Band natürlich auch. Es gibt Bands, die einen sehr großen Merchandise-Anteil auf einer Tour verkaufen, es gibt
aber auch andere Gruppen, bei denen das keine so große Rolle spielt. Was die Preise angeht – wir können, ähnlich wie bei den CDs, versuchen, es anhand unserer
Abgabepreise zu steuern, auf der anderen Seite ist es nicht immer unsere Entscheidung, dass etwas 35 anstatt 30 Euro auf einer Tour oder im Handel kostet. Die
Direktpreise, die wir vorgeben, die versuchen wir so zu setzen, dass sie Sinn machen in Relation zu dem, was man dafür bekommt, weil wir ja auch nicht
blind sind. Wir sehen ja, was ein Produkt wert ist, wir sehen, was man selbst auch gerne dafür bezahlt hätte, wenn man es von jemand anderem gekauft
hätte. Insofern versuchen wir da wirklich nicht, ausschließlich geldbezogen zu arbeiten. Es gibt aber auch Bands – und das hat man in den letzten Jahren auf
verschiedenen Tourneen gesehen – denen es egal ist, ob sie weniger Verkäufe erzielen, dafür aber teurer verkaufen. Wir ziehen lieber mehr Verkäufer durch
faire Preise. Und ich denke, dass die Preise, die auf Tourneen für Produkte von CM-Bands verlangt werden, bislang immer relativ fair gewesen sind. Wenn dem
nicht so wäre, bekommen wir auch als erste die Beschwerden. Entweder sind wir vor Ort oder die Leute beschweren sich direkt hier im Büro. Wir haben da schon
einen sehr direkten Kontakt mit dem Endabnehmer und wenn man eine falsche Entscheidung bezüglich Verpackung oder Preispolitik gemacht hat, bekommt man das auch
sehr schnell wieder zurück. Insofern ist das immer eine Kombination aus dem, was Sinn macht, und dem, was die Leute auch zufrieden stellt.

Das ist ja auch eine Frage von Kundenbindung, ob eine Identifikation stattfinden kann, und Merchandise ist ja eigentlich ein sehr guter Weg, um genau das
herzustellen…

Ja, durchaus. Wir merken das auch bei den Bands, die wir hier betreuen, dass eine bestimmte Zielgruppe erreicht wird, die sich eben nicht nur mit
TIAMAT oder MOONSPELL anfreundet, sondern auch vielleicht ein Ohr für Newcomer-Themen wie
FLOWING TEARS oder
LULLACRY hat. Deswegen versuchen wir natürlich
schon, einen Kunden zufrieden zu stellen, damit er das ganze Label als Qualitätsgarant auf dem Schirm hat und nicht eben nur eine bestimmte Band, egal auf
welchem Label sie ist. Und das ist auch eine Sache, die uns im Laufe der Jahre immer sehr wichtig war, dass wir Bands des Labels zusammen auf Tournee geschickt
haben und dass wir versuchen, die Marke oder das Etikett ‚Century Media‘ als Qualitätsgarant in verschiedenen Bereichen zu etablieren und zu halten.

Du sprachst eben von direkten Rückmeldungen der Käufer – achten die Leute darauf, von welchem Label ein Produkt ist?


Vielleicht nicht mehr so sehr wie früher, um ehrlich zu sein. Heutzutage sieht man sehr oft, dass verschiedene Bands die Labels wechseln, das heißt, da
ändern sich dann auch die Vorzeichen. Früher konnte man sich blind alle Veröffentlichungen eines Labels kaufen. Dafür ist unsere musikalische Ausrichtung aber
auch zu divers. Da müsste man wirklich sehr offen sein, um von einer Emocore-Band bis hin zum Gothic Metal und Black Metal alles gut zu finden. Wir haben drei
bis vier Veröffentlichungen pro Monat aus verschiedenen Bereichen, da kann man, glaube ich, nicht mehr labelbezogen kaufen. Aber wir versuchen schon, innerhalb
dieser Subgenres mit Künstlern zu arbeiten, die die Leute gemeinsam ansprechen könnten.
Wir haben zum Beispiel versucht, unseren Hardcore- und Punk-Bereich dadurch nach außen ganz klar zu trennen, dass man es Kingfisher genannt hat, also das
Label, auf dem der Old School Hardcore bei Century Media veröffentlicht wird, dass man vom Stoner- bis zum Punkrock-Bereich weiß, dass dieses Label
spezialisiert ist und keine Power Metal-Veröffentlichung rausbringen wird. In den USA haben wir ein Label namens Abacus gegründet, das in Europa nicht unter
diesem Namen läuft, sondern unter Century Media, in den USA aber getrennt betrieben wird und auf dem die Emo-Bands und Hardcore-Sachen veröffentlicht werden. Es
gibt mit Olympic Recordings ein extremes Sublabel, das in den USA Black und Death Metal betreut. Hier in Europa betreuen wir andere Labels in Sachen Marketing
und Distribution wie zum Beispiel seit ein oder zwei Jahren Necropolis, die zuvor jahrelang hier keinen Fuß gefasst haben. Wir machen die Veröffentlichungen von
New Haven Records aus Schweden, einer sehr guten Plattenfirma, die nicht sehr viele Releases, aber qualitativ sehr hochwertige Bands haben, wie zum Beispiel
NAGLFAR und
ANDROMEDA. Und von solchen Zusammenschlüssen wird es in Zukunft mehr geben, weil wir halt über die richtigen Kanäle verfügen, um diese guten

Produkte an den Mann zu bringen. Und wenn eine stilistische Trennung notwendig ist, weil es eine komplett andere Szene ist – wenn wir jetzt beispielsweise ein
Rap-Label machen würden, würden wir nicht versuchen, das über Century Media zu veröffentlichen, sondern würden es anders nennen. Wir haben auch ein
Drum’n’Bass-/Trance-/Techno-Label innerhalb des Hauses namens Millennium Records, das so gesehen mit Century Media nicht zu tun hat, aber hier im Haus sitzt
und seine spezifische Szene bedient.

Hat ein Metal-Label größere Schwierigkeiten als zum Beispiel ein Major Label? Ich denke beispielsweise an diese Sache vor einigen Jahren, wo hier einige
Leute auftauchten und das SAMAEL-Mastertape konfiszierten, nachdem Frau Christa Jenal ziemlichen Ärger veranstaltet hat…


Das könnte einem Major Label sicherlich auch passieren, wenn man eifrig dahinter ist und ausreichend klagt (lacht). Aber ansonsten würde ich nicht sagen,
dass es Probleme oder Schwierigkeiten gibt. Wir bedienen natürlich eine andere Szene. Wenn von heute auf morgen der Metal-Bereich tot wäre, hätten wir
sicherlich ein Problem, es hat sich aber gezeigt, dass der Metal-Markt ein sehr solider ist, der sich alle paar Jahre von selbst erneuert und neue Impulse
durch neue Bands, neue Stilrichtungen erhält, insofern sind wir bisher sehr gut damit gefahren. Major Labels oder Pop-Labels springen halt kurzfristiger und
härter auf bestimmte Bewegungen und Stilrichtungen auf und verlassen sie dementsprechend schnell auch wieder. Das Witzige an dieser Herangehensweise ist, dass
man sieht, dass manche Bands – wenn sie denken, sie sind zu groß für den Metal-Bereich geworden – den Schritt in Richtung Pop-/Major Label wagen und da auf
einmal weniger verkaufen als bei der kleineren Firma. Daran sieht man, dass es ganz bestimmte Musik für bestimmte Leute ist, die man vielleicht auch nicht
mehr erreicht, wenn man über die falschen Kanäle geht. Klar, es gibt auch Bands, die aus dem Metal heraus sehr kommerziell werden, vielleicht sogar sehr poppig
werden und auch im Mainstream Erfolg haben, aber das sind die wenigsten Beispiele. Da kommt es nur darauf an, welche Entwicklung bei einer Band oder einem
Produkt stattfindet.

Wir haben eben über Lateinamerika gesprochen – einem sehr wichtigen Markt für Metal, aber über Tourneen in Lateinamerika hat man bereits einige
abenteuerliche Geschichten gehört…

Ja, aber Südamerika ist wirklich ein sehr guter Markt für Metal. Es gibt dort ein sehr großes Interesse an harter Musik, speziell Metal. Was das Geschäft
betrifft, ist es sehr abenteuerlich und hat andere Vorzeichen und Regeln als Europa und Nordamerika, wir arbeiten dort aber mit sehr vertrauensvollen Leuten,
die sowohl europäische Mentalität als auch langjährige Südamerikaerfahrung haben, die auch keine Sprachbarrieren haben und die den Markt dort seit sehr vielen
Jahren kennen, und das in den verschiedenen Bereichen, also nicht nur den Verkauf, sondern auch Bandbetreuung und Tourneeorganisation. Wir versuchen, in allen
Ländern All-Rounder zu haben, die sich nicht nur mit einer Sache auskennen, sondern am besten alles können. Das Century Media-Büro in Sao Paolo, Brasilien, gibt
es seit ein paar Jahren und hat sich sehr schnell etabliert. Wir betreuen dort drüben zurzeit auch Nuclear Blast, Noise, SPV, weil wir eben den Schritt gemacht
und dort ein eigenes Büro eröffnet haben. Wir wollten direkt in diesem Markt sein und uns nicht auf Eventualitäten verlassen, wie es eben ist, wenn man nicht
direkt vor Ort präsent ist. Und es scheint zu klappen, worüber wir sehr glücklich sind. Sehr viele unserer Bands haben jetzt Veröffentlichungen dort gehabt und
die Scheiben sind dort erhältlich, es gibt Presse, es gibt Aktivitäten, die es eben vorher nicht gab.

Lateinamerika ist, denke ich, schon einer der aufsteigenden Märkte, da es dort verhältnismäßig sehr viele Metal-Fans gibt, die Produkte bisher aber nicht
erhältlich waren und auch kaum Tourneen stattfanden…

Es kann ein wichtiger Markt sein bzw. werden, sicher, aber die wirtschaftliche Situation ist dort noch schwieriger als hier, und der Bootleg-Bereich
ist dort viel größer als hier. Die Märkte florieren, aber die angebotenen Produkte dort sind zumeist eben keine Originale. In allen lateinamerikanischen
Ländern gibt es ein extremes Bootleg-Problem, was wir versuchen, durch Präsenz und eigene Aktivitäten zu unterbinden oder zumindest einzudämmen, aber es
ist ein Territorium, wo man im Prinzip alles bekommen konnte, nur eben nicht offiziell.

Welche Visionen habt Ihr mit dem Label?

Wir wollen versuchen, alle Musikbereiche weiter auszubauen, Talentförderung zu machen, kleine Bands groß zu bekommen – das ist für uns sehr wichtig. Es
geht nicht darum, sich die großen Namen ins Label reinzuholen und die weiter zu bearbeiten, sondern wir sehen uns weiterhin als Talentschmiede, obwohl es
durch die Marktsituation schwieriger geworden ist. Wir haben in den vergangenen Jahren verstärkt auf die Globalisierung gesetzt, dass wir versuchen, in
verschiednen Ländern zu expandieren und sich nicht nur auf einen Markt zu konzentrieren, weil wir glauben, dass sehr viele unserer Künstler auf der ganzen
Welt funktionieren, wenn man sie richtig bearbeitet. Und das hat in den vergangenen Jahren sehr viele Investitionen und Arbeit gekostet und wird sich
langfristig hoffentlich bezahlt machen. Wir haben neue Signings – nicht sehr viele, weil wir auch bereits sehr viele gute Bands unter Vertrag haben, die
regelmäßig veröffentlichen, und deshalb sind wir auch an einem Limit angelangt, was die Kapazitäten angeht; wenn wir aber eine neue, hoffnungsvolle Band
entdecken, sind wir nicht abgeneigt, mit ihnen zu arbeiten, selbst wenn sie noch keinen großen Namen haben. Insofern ist das auch immer ein Prozess, der sich
wiederholt und wir hoffen darauf, dass wir mit den richtigen Partnern und den richtigen Bands zusammenarbeiten und das auch so weiter geht.

Welche Qualitäten müssen Eure Mitarbeiter mitbringen?

Man muss vor allem ein großer Musikfan sein; man muss Verständnis dafür haben, dass man trotzdem professionell, geschäftlich arbeiten muss, dass man
einen guten Umgang mit Künstlern haben muss oder haben sollte. Man sollte gewillt sein, sehr viel zu arbeiten. Der Musikbereich ist ein Gebiet, in dem man
sehr schlecht nur wochentags von 9 bis 17 Uhr arbeiten kann, da sind sehr viele Nacht- und Wochenendschichten, teilweise Tourneen, viele Auslandsaufenthalte
angesagt, was positiv und negativ sein kann. Man muss das, was wir hier machen, und diese Musik leben können, ansonsten kommt man nach einer gewissen Zeit
an eine Grenze, wo man nicht mehr kann und will.

Interview: Claudia Feldmann und Frank Kuhnle

Layout: doomster