BRUTAL TRUTH: Bob Dylan, der Punkrocker

BRUTAL TRUTH: Bob Dylan, der Punkrocker

Back for Attack! BRUTAL TRUTH haben mit Evolution Through Revolution ein sensationelles Comebackalbum aufgenommen, dass ihrer bärenstarken Diskografie in absolut nichts nachsteht, im Gegenteil: Die Grindcore-Formation bündelt die besten Momente der legendären Alben der Neunziger und bietet genügend Gesprächsstoff um einen kleinen Plausch mit Bassist und Gründungsmitglied Danny Lilker zu halten. Dieser äußert sich gut gelaunt zu familiärem Songwriting, Bikram-Yoga und einer neuen Chance für die USA.

 

Hallo Danny, alles klar, wie war die Tour und wie läuft es in New York?

Hier läuft alles, die Tour war gut, aber recht kurz. Ich wohne gar nicht mehr in New York City, sondern in Rochester, das ist näher an Buffalo und Toronto.

Wieder was gelernt. Dann herzlichen Glückwunsch zu Evolution Through Revolution. Als ich euch vor zwei Jahren in München gesehen habe, dachte ich bevor ihr angefangen habt zu spielen, dass das nicht gut gehen würde, ehrlich gesagt. Aber ihr habt dann so extrem Gas gegeben, das war echt irre.

Ja, das war im Backstage Club, richtig?

Genau. Ihr habt extrem viel Energie gezeigt. Das habe ich ehrlich nicht erwartet.

Naja, das passiert bei uns ganz automatisch. Es ist einfach wie Fahrrad fahren, bei so extremer Musik ist es ganz einfach auszuflippen.

Arbeiten wir die Reunion mal auf. Dank dem Tributalbum For the Sick für EYEHATEGOD habt ihr euch entschlossen den Song Sister Fucker zu covern. War das Grund für euch, neu anzufangen, obwohl ihr eigentlich zerstritten wart?

Die Wunden heilen einfach nach so langer Zeit irgendwann. Wir haben außerdem jetzt einen anderen Gitarristen. Gurn war es nicht mehr möglich fest mitzumachen.

Aber Gurn hat Sister Fucker noch mit aufgenommen.

Genau. Danach hatte er keine Zeit mehr sich um BRUTAL TRUTH zu kümmern.

Warum konnte er nicht weiter machen?

Er hat viel zu tun, muss sich viel mehr um sein Zuhause und seinen Beruf kümmern als wir anderen. Er hat Kinder und einen Job, bei dem er am Wochenende arbeiten muss, da ist es sehr schwer für ihn, alles für die Band einfach hinter sich zu lassen.

Aber jetzt habt ihr Erik Burke in der Band, den du ja von NUCLEAR ASSAULT her kennst.

Erik ist ein großartiger Gitarrist. Er machte bei ein paar Reunion-Shows von NUCLEAR ASSAULT mit. Ich kenne ihn seit ein paar Jahren, als ich hier hoch gezogen bin. Ich wusste, dass er der Richtige dafür ist. Bei uns kann nicht jeder einsteigen, das ist nicht einfach nur Rock and Roll, was wir spielen. Ich wusste, dass er die Begabung dafür hat und den richtigen Background um solche Musik zu schreiben. Das, was er auf Evolution Through Revolution geboten hat ist erstaunlich, es bringt uns auf eine ganz neue Ebene.

Das ist ein gutes Stichwort, denn das finde ich nicht. Ich würde Evolution Through Revolution als Bindeglied zwischen Need to Control und Sounds of the Animal Kingdom einordnen. Meiner Meinung nach hat euer neues Album mehr klassische Grindcore-Elemente, als noch das Album zuvor.

Das ist sehr interessant. Ich gebe in letzter Zeit viele Interviews und jeder ordnet das Album irgendwo anders ein in unserer Diskografie. Aber für mich ist das schwer zu sagen, weil wenn du nach neun oder zehn Jahren wieder anfängst Material zu schreiben, ist es schwierig zu bestimmen, wo du das Songwriting wieder aufnimmst. Wir haben musikalisch gesehen alles vermischt, es gibt viel chaotisches Zeug, traditionellen Death-Grind im Stil unseres ersten Albums und einer ähnlich klaren Produktion wie zu Extreme Conditions Demand Extreme Responses, so dass du alles hören kannst.

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Genügend Material um acht Jahre George W. Bush zu verarbeiten: Evolution Through Revolution

auch mal etwas langsamer und mit Midtempo-Stellen. Das schnelle Zeug wirkt natürlich noch schneller, wenn du es mit anderen Teilen vergleichen kannst.

Die langsameren Elemente, wie Detached, wäre vor zehn Jahren gar nicht möglich gewesen. Das ist eine neue Art der Langsamkeit, gar nicht zu vergleichen mit den alten Sachen.

Ehrlich? Detached erinnert mich etwas an Blue World von Sounds of the Animal Kingdom, vielleicht auch nur, weil es langsam ist. Detached haben Eric und ich zusammen geschrieben, er hatte die Idee für dieses seltsame erste Riff. Das schwere Riff danach, das nach To Mega Therion von CELTIC FROST klingt, kam von mir. Aber wie gesagt, für mich ist es schwer zu analysieren, was wir selbst geschrieben haben.

Ist auch verständlich. Trotzdem musst du mir zustimmen, dass Semi-Automatic Carnation ein absolut ungewöhnlicher Song ist. Mich erinnert dieses Stück ziemlich an GODFLESH.

Das stimmt definitiv. Dieser Song wurde nicht mal richtig geschrieben, wir wollten einfach ein paar Minuten des Experimentierens auf Evolution Through Revolution bringen. Nachdem die Drumtracks im Studio aufgenommen waren, schrieb ich spontan das Riff dazu. Dabei habe ich mich ein wenig an alte NAPALM DEATH und Swans gehalten. GODFLESH ist auch eine perfekte Referenz dafür.

Ihr habt auch einen ziemlich seltsamen Coversong, Bob Dylan Wrote Propaganda Songs.

Ja, der ist von den MINUTEMEN. Unser Drummer Rich ist ein großer Fan von ihnen. Die ganze Zeit, als wir dieses Album schrieben lag er uns in den Ohren: Ich will diesen Song spielen! Spielen wir jetzt endlich das verdammte Lied? Wir haben natürlich ja gesagt, weil es toll ist. Die meisten Leute missverstehen diesen Song, weil die MINUTEMEN Bob Dylan bewundern, sie sagen er war schon ein Punkrocker, lange bevor es das Genre überhaupt gab.

Erik und du lebt ja in Rochester, Rich lebt weiter entfernt. Wie lief da das Songwriting ab?

Rich wohnt in Philadelphia, das ist eine ziemlich weite Strecke von Rochester. Erik und ich hingegen leben nur ein paar Meilen auseinander. Ein, zwei Mal im Monat besuche ich ihn, wir essen dann zusammen, dann gehen wir auf seinen Dachboden, da stehen einige Gitarren herum. Wir rauchen ein bisschen was, trinken ein kaltes Bier und wir präsentieren uns gegenseitig unsere Ideen. Nach anderthalb Stunden stehen dann die Grundideen für ungefähr drei Songs. Rich kommt einmal im Monat aus Philadelphia zu uns und wir stellen diese Songs dann fertig. Also schreiben wir pro Monat drei neue Songs und nach einiger Zeit haben wir schließlich das Material für ein neues Album.

Dann zieht sich das ja doch ganz schön hin. Gut sieben Monate für Evolution Through Revolution, dann noch etwas Zeit für die Songs von This Comp Kills Fascists, da ist ein Jahr gar nichts.

Ja, das liegt eben am Faktor Geographie. Könnten wir drei bis vier Tage pro Woche proben, wie eine Band die in der selben Stadt lebt, wären wir bestimmt schneller gewesen. Aber wir haben außerdem viele Konzerte gespielt, waren in Japan und zweimal in Europa, dann hatten wir natürlich noch die Qualitätskontrolle. Weil nach zehn Jahren wollen die Leute keinen Haufen Scheiße hören.

Aber da solltet ihr euch keine zu großen Sorgen machen. Ich bin mir sicher, die Leute werden das Album lieben.

Das ist sehr ermutigend, freut mich zu hören. Wir haben das Album nicht selbst gemischt, das hat unser Freund Jason P.C. in Australien gemacht. Als wir das Endprodukt gehört haben, waren wir erleichtert: OK, wir haben es geschafft. Es gab keine Beschwerden, die Qualität ist hoch, die Songs sind gut, keiner bedauert irgendwas. So etwas ist sehr rar.

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Nach zehn Jahren wollen die Leute keinen Haufen Scheiße hören. Danny Lilker (zweiter von rechts), Qualitätskontrolle.

Du sagst, das Album hat nicht Billy Anderson gemischt. Das überrascht mich doch ein wenig, weil die Produktion für mich sehr nach Sounds of the Animal Kingdom klingt.

Ich finde, es klingt definierter. Auf Sounds of the Animal Kingdom war es schwierig alle Riffs heraus zu hören. Aber es hat dennoch eine recht derbe Produktion, denn es ist Grindcore, es hat verzerrten Bass, es gibt noisige Aspekte. Das ist eben Teil dieser Musik.

Vielleicht liegt dieser Eindruck, den ich habe auch an deinem Basssound, der ist ziemlich einzigartig verzerrt, dreckig und sehr tief gestimmt und hebt sich sehr von anderen Bassklängen ab.

Das ist eine wirklich gute Sache und Teil unserer Originalität. Ich habe auch lange gebraucht, bis ich einen Verzerrer gefunden habe, der den idealen Sound für mich hat, der sowohl die richtige Zerrung bringt, aber auch klar und deutlich klingt und nicht wie ein Insekt. (lacht) Danke, das hört sich so an als würde ich meinen Job richtig machen.

Welche Amps und Verzerrer benutzt du dann?

Ich habe einen Sans Amp GP 2-Pedal, und das Geheimnis daran ist, dass es eigentlich für Gitarren ist. Das gibt es auch in der Bassausführung, die meine Freunde Craig von SICK OF IT ALL und Shane von NAPALM DEATH verwenden, aber für mich ist das Gitarrenpedal maßgebend. Als Amp verwende ich einen Gallien Kruger, aber wenn ich auf Tour bin und andere Ausrüstung verwende, reicht es mir die Lautstärke einzustellen, alle Equalizer werden auf 0 gestellt und ich hole meinen Sound aus dem Zerrpedal.

Ihr alle habt ja noch weitere Eisen im Feuer. Wie schaut es euren Nebenprojekten und anderen Bands aus? Ich nehme an, dass BRUTAL TRUTH momentan Priorität besitzen.

Absolut. VENOMOUS CONCEPT habe ich zusammen mit Kevin und den Jungs von NAPALM DEATH, außerdem spiele ich hier in Rochester in einer Band namens CRUCIFIST. Erik ist nach wie vor mit seiner Band SULACO aktiv und Rich spielt natürlich auch weiterhin bei TOTAL FUCKING DESTRUCTION. Das ist alles nur eine Frage der Planung, jeder versteht es, wenn BRUTAL TRUTH aktiv sind und das läuft in der Regel problemlos ab.

Liege ich richtig, wenn ich vermute dass es einige Tourneen für Evolution Through Revolution geben wird?

Das ist zumindest der Plan. Aber wegen unserer privaten und beruflichen Situation können wir nicht anderthalb Monate am Stück auf Tour gehen, wie in den Neunzigern. Aber wir können uns nun etwas mehr aussuchen, welche Gigs wir wo und wann spielen wollen. Es scheint, dass wir nun, da wir zurück sind, recht beliebt sind, was ziemlich seltsam und amüsant für uns ist. Während unserer Nichtexistenz haben die Leute unsere alten Sachen verstehen gelernt. Damals haben uns die Leute gefragt, was zur Hölle das sollte und nun sind sie bereit dafür.

War es damals etwa die beste Idee, sich aufzulösen und Zeit ins Land ziehen zu lassen?

Es gab damals natürlich keinen Plan, dass wir uns irgendwann neu formieren würden, wir alle dachten, die Zeiten von BRUTAL TRUTH seien vorbei. Aber das war wohl nicht der Fall.

Und da bin ich sehr froh. Wie gesagt, wie ihr auf der Reunion-Tour Gas gegeben habt, war klar, dass diese Reunion Sinn macht. Vor allem Rich Hoak ist ein Wahnsinniger. Wie kann man es nur schaffen, 80 Minuten lang durchgehend Blast Beats zu spielen?

Rich praktiziert viel Yoga, eine Art namens Bikram-Yoga, die mit hoher Hitze zu tun hat. Das hält ihn in Form extremen Grind so lange zu spielen.

Das Artwork von Evolution Through Revolution ziert das Symbol für Chaos, das geziert wird von den Stars

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Es scheint, dass wir nun, da wir zurück sind, recht beliebt sind. BRUTAL TRUTH sind verwundert über ihre späte Popularität.

and Stripes der US-Flagge. Das riecht für mich verdächtig nach Anarchie.

Um richtigen Anarchismus geht es gar nicht. Viel mehr darum, dass wir nun endlich einen Präsidenten haben, der sich nach acht finsteren Jahren endlich um die Menschen kümmert. Über George W. Bush muss ich dir ja nichts erzählen, oder? Nach acht Jahren unter ihm geht eine große Evolution in diesem Land vor. Es passierte in diesen acht Jahren so viel Scheiße, der Irakkrieg, die ökonomische Krise, die Verschlimmerung der Erderwärmung und so weiter. Dennoch sind viele Gruppen hier in den USA wütend auf unseren neuen Präsidenten, diese konservativen Christen, die Typen aus den Radio-Talkshows, beschweren sich, dass Obama eine Revolution startet und aus den USA einen europäischen sozialistischen Staat macht. Aber diese Leute hatten ihre Chance und sie haben es verbockt.

Get a Therapist… Spare the World handelt ja auch von Grandmaster George W. selbst.

(lacht) Das ist ein teils humoristischer Songs, der davon handelt, dass George W. Bush in den Irak einzog, weil er wütend auf die Typen waren, die seinen Daddy verarscht haben und ihn blöd aussehen lassen haben. Vielleicht hätte er einen Psychologen aufsuchen und das Thema verarbeiten sollen, dann wäre der Krieg erspart geblieben.

Wer ist der Global Good Guy?

Das ist auch George W. Bush.

Ah, Sarkasmus.

Genau. Wie in War is Good.

Und wer ist der Sugardaddy?

Das ist ein wenig komplizierter. Das ist eigentlich Barak Obama, aber das ist nicht negativ gemeint. Als Sugardaddy bezeichnet man einen reichen, alten Typen, der mit einer jungen Frau zusammen ist. Aber das kann auch jemand sein, der Veränderung bringt. Das ist auch Sarkasmus, aber wir schreiben nicht gegen Obama, wir haben dem Wort nur eine neue Bedeutung gegeben.

Die Texte zu Evolution Through Revolution liegen mir leider nicht vor, aber ich wette, dass es durchgehend politische Inhalte hat.

Es gibt deutlich politischere Texte als in unseren alten Tagen, weil was war da? Wir hatten Bill Clinton, und das schlimmste was er gemacht hat, war seine Frau zu betrügen. Er hat nicht der Tod von tausenden von Menschen zu verantworten, weil er den Irakkrieg losgetreten hat. Nach acht Jahren George W. Bush hatte Kevin Tonnen an Material über das er schreiben konnte und vieles davon ist auf unserem neuen Album gelandet. Der Song Humpty Finance dreht sich zum Beispiel darum, hier geht es um die ökonomische Kernschmelze durch die Immobilienkredite, die es gab, weil die Republikaner ihren Hals nicht voll genug bekommen konnten. In War is Good geht es um diejenigen, die vom Krieg profitiert haben, die Rüstungsindustrie, die Waffenhersteller, Dick Cheneys alte Kumpels eben. Sie alle haben viel Geld damit gescheffelt. Turmoil dreht sich um die militanten Christen, die den Republikanern nahe stehen, und so weiter. Wir haben genügend Themen um darüber zu schreiben.

Hoffentlich findet ihr auch unter Barak Obama genügend Themen um darüber zu schreiben. Das bringt mich auf eine Idee, meinst du, es würde ein Grindcore-Album mit positiven Texten funktionieren?

Vielleicht. Aber im Grindcore muss immer eine gewisse Wut enthalten sein, damit es zur Musik passt. Kevins frühere Texte waren immer interpretativ und persönlich, vielleicht macht er da weiter. Jetzt werden die Probleme in diesem Land hoffentlich geringer, wo wir dieses Arschloch losgeworden sind.

Danny, letzte Frage. Wird es ein Video zu Branded geben?

(lacht) Du meinst wie zu Collateral Damage? Das kann es sicherlich geben. Aber der Text ist nicht so aussagekräftig wie Collateral Damage. Kevin brüllt einfach Branded und ich weiß nicht mal, was er wirklich damit meint. Kriegt da eine Kuh vielleicht ein Brandzeichen?

Danny, vielen Dank für deine Zeit. Du hast wahrscheinlich tausende Interviews momentan.

Kein Problem, ich habe zu danken. Es ist gut zu wissen, dass die Leute noch immer an uns interessiert sind.

Bilder: Relapse Records