ARSTIDIR LIFSINS: Wissenschaftliche Inspiration und altwestnordische Kultur

Neben dem reinen Hörgenuss, den ich bei „Saga á tveim tungum I: Vápn ok viðr“ empfinden durfte, warf das neue ARSTIDIR LIFSINS-Album doch auch die eine oder andere Frage auf. Grund genug also, bei Stefán Drechsler nachzufragen.

Mit eurem neuen Album beleuchtet ihr die Geschichte rund um Óláfr helgi Haraldsson. Zwar kann man eine Zusammenfassung über den norwegischen König auf Wikipdia nachlesen, doch welche Geschichten rund um ihn passieren konkret auf „Saga á tveim tungum I: Vápn ok viðr„?

Hallo Christian und vielen Dank für das Interview. Die Geschichte, die auf „Vápn ok viðr“ erzählt wird, ist etwas komplexer. Wir befassen uns seit unserem ersten Album sehr intensiv mit altwestnordischer Literatur, Kunst und Sprache, und verwenden diese entsprechend umfangreich. Unser neuestes Album ist zudem keine einfache Wiedergabe der Vita des St. Olav, sondern eine Geschichte, die sich in dessen direkten Umfeld abspielt.

Vápn ok viðr“ erzählt von einem jungen Mann, der von einem der Schiffe aus dem Gefolge des Königs vor dem Ertrinken gerettet wird. Danach wächst der Mann im Umfeld des Königs auf und erlebt dessen Einigungs- und Missionierungsversuche Norwegens aus nächster Nähe. Schließlich stirbt er in derselben Schlacht, in der auch König stirbt; in der berühmten Schlacht von Stiklastaðir im Jahr 1030.

Und was passiert im zweiten Teil, „Saga á tveim tungum II: Eigi fjoll né firðir“?

Der zweite Teil bezieht sich musikalisch und lyrisch stark auf den ersten Teil. „Eigi fjoll né firðir“ erzählt von der Schwester des oben genannten jungen Mannes, die die Einigungs- und Christianisierungsversuche von St. Olav aus den Augen der nicht-christlichen, heidnischen Gesellschaft Norwegens erlebt. Dabei gehen wir wie immer wertfrei und ausschließlich auf historischen und literaturhistorischen Fakten beruhend vor. Wir versuchen daher keine einseitige Geschichte zu erzählen. Ganz im Gegenteil: die Geschichte, wie sie die Primärquellen erzählen, ist äußerst komplex und vielschichtig, in der es keine gute oder schlechte Seite gibt.

Was gab den Ausschlag, gerade die Geschichte von König Olav II. Haraldsson zu vertonen?

Wie bereits erwähnt ist es weniger die Lebensgeschichte des Königs, die auf dem Album vertont wird, sondern die eines (fiktiven) Gefolgsmannes. Warum nun das nähere Umfeld von St. Olav für uns interessant erschien, ergibt sich aus der inhaltlichen Struktur unserer Alben. Alle Alben sind so konzipiert, dass sie von einer (fiktiven) Familiengeschichte erzählen und diese fortlaufend historisch weiterführen. Da nun die Regierungszeit von St. Olav an der Reihe war, hat es sich angeboten, sich einmal näher mit ihm zu befassen – und entsprechend zu vertonen.

Was fasziniert euch insbesondere an der nordischen Geschichte?

Ich kann hier natürlich nur für mich selbst sprechen. Mein Interesse an der skandinavischen Geschichte, Literatur und Kunst hat sich bereits in der Jugend entwickelt, jedoch erst durch das Studium und die anschließende wissenschaftliche Arbeit in der Nordischen Philologie gefestigt. Den Entschluss, die Musik mit meinem Forschungsinteresse zu verbinden, hat sich da fast wie von selbst ergeben.

Lasst ihr euch hauptsächlich von alten literarischen Werken und der Geschichtsschreibung inspirieren oder darf es auch schon einmal eine TV-Serie wie „Vikings“ sein?

Die Inspiration, die wir unsere Veröffentlichungen wählen, ist ausschließlich wissenschaftlicher Natur. Ich persönlich kann mit Fernsehsendungen wie „Vikings“ nicht viel anfangen.

Wenn man sich wie ihr wiederholt für ein Konzeptalbum entschieden hat, könnt ihr euch dann eigentlich noch für das Schreiben von einem bloßen Song-für-Song-Album erwärmen?

Wie bereits erwähnt, liegt unseren Alben ein Konzept zugrunde, welches es nicht vorsieht, ein vergleichsweise einfaches Metal-Album zu erschaffen. Davon abgesehen muss ich zugeben, dass mir auch das Interesse daran fehlt. Viele der Bands, die ich höre und schätze, legen ihren Veröffentlichungen Konzepte zugrunde, die nur als Ganzes funktionieren.

Saga á tveim tungum I: Vápn ok viðr“ ist ja rein auf Alt-Isländisch gehalten. Ist die Erarbeitung der Lyrics rein der Part von Árni oder anders gefragt – wie ist es um euer Isländisch bestellt?

Bis auf die zahlreichen skaldischen Strophen sind die Texte wie immer komplett von mir verfasst und – nach Zufügung etlicher skaldischer Umschreibungen – von einer engen Freundin aus Reykjavík übersetzt worden. Ich selber spreche recht gutes Isländisch, da ich dieses durch mein Studium in Kiel und Reykjavík erlernt habe. Marsél hat wiederum Isländisch während seines Studiums in Münster gelernt und, bereits bevor er bei ARSTIDIR LIFSINS einstieg, bei HELRUNAR perfektioniert. Dass ich nun nicht selbst unsere Texte übersetze, liegt an ihrer Komplexität: da diese sehr poetisch sind, würde es viel länger dauern, bis ich sie übersetzt habe, als wenn es direkt unsere Übersetzerin macht. Außerdem schätzen wir ihren Stil sehr.

Beim Cover-Artwork habt ihr abermals auf die Dienste von Christopher Duis zurückgegriffen. Welche Symbolik verbirgt sich hinter dem Artwork?

Der Kreis auf dem Cover ist eine Foto von dem Portal der Stabkirche von Lomen in Norwegen entnommen und für unser Cover entsprechend umgearbeitet und gespiegelt worden. Die Stabkirche wurde in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts erbaut und gilt somit als eine der ältesten ihrer Art. Die goldene Ornamentik im Mittelteil haben wir wiederum von einem schwedischen Runenstein aus dem 11. Jahrhundert übernommen. Die Runen wurden jedoch aus einem Teil der Albumtexte übernommen und entsprechend neu gesetzt. Wie auch die christliche Symbolik des inneren Feldes spiegeln diese den Inhalt des Albums wieder.

Auch bei der Produktion habt ihr auf bereits Bewährtes gesetzt. Was zeichnet das Klangschmiede Studio E und die Zusammenarbeit mit Markus Stock aus?

Die Zusammenarbeit ist seit jeher sehr freundschaftlich. Wir kennen uns alle schon seit etlichen Jahren und es war nur eine logische Konsequenz, dass wir abermals die exzellenten Dienste von Markus (Stock) in Anspruch nehmen. Sowohl bei HELRUNAR, ARSTIDIR LIFSINS und auch bei seinen eigenen Bands wie EMPYRIUM oder SUN OF THE SLEEPLESS hat Markus in der Vergangenheit ausnahmslos fantastische Arbeit geleistet.

Besonders beeindruckend war für mich der Clean-Gesang in „Siðar heilags brá sólar ljósi“. Wie habt ihr euch generell auf die Aufnahmen der Vocals vorbereitet?

Die Aufnahmen der klaren Gesänge und Sprecheraufnahmen laufen bei uns seit jeher gleich ab und geschehen für gewöhnlich zusammen mit den anderen Gesangsaufnahmen. Da Árni, eines der drei Mitglieder von ARSTIDIR LIFSINS, über eine klassische (Gesangs-)Ausbildung verfügt, können wir sehr von seinem Wissen profitieren und dieses entsprechend in unseren Songs miteinarbeiten. In „Siðar heilags brá sólar ljósi“ hat Árni die Hauptstimme übernommen. Solche Songs verwenden wir immer wieder: Bereits auf unserem ersten Album war ein Song vertreten, der komplett von klaren Gesängen getragen wurde.

Ihr seid ja in der gleichen Besetzung auch mit WÖLJAGER aktiv, wo ihr mittels Dark Folk Sagen aus dem Münsterland vertont. Gibt es hier gegenüber ARSTIDIR LIFSINS Unterschiede in der Herangehensweise zum Komponieren von Songs oder zur Auswahl von Geschichten?

Da bisher nur ein Album von WÖLJAGER erschienen ist, das zudem ein geschlossenes Konzept behandelt, ist der Vergleich vielleicht nicht unbedingt hilfreich. Weitere Veröffentlichungen von WÖLJAGER werden aber wahrscheinlich nicht allein im Münsterländer Platt gesungen sein und haben wohl auch nicht allein die dortige Geschichte und Folklore zum Thema. Es ist aber unwahrscheinlich, dass wir uns auch mit WÖLJAGER mit altnordischer Literatur auseinandersetzen werden. Von daher liegen die Unterschiede beider Bands wohl ganz klar auf der Hand, nicht nur was die Texte, sondern auch was die Musik angeht.

Wie ist es um die Prioritäten bestellt, wenn man eure anderen musikalischen Projekte und Bands als Vergleich zu ARSTIDIR LIFSINS heranzieht? Und, zur Vervollständigung der Frage, die ihr quasi immer gestellt bekommt: wird es ARSTIDIR LIFSINS in naher Zukunft live zu sehen geben?

Zumindest in absehbarer Zukunft werden wir keine Konzerte mit ARSTIDIR LIFSINS spielen. Grundsätzlich möchte ich das zwar nicht verneinen, jedoch haben wir derzeit nicht die Zeit, weitere Mitglieder für die Konzerte einzustudieren und die ganze weitere Arbeit zu verrichten, die Konzerte oder Tourneen so mit sich bringen.

Ihr habt vor geraumer Zeit auch einen Split-Release mit einer isländisches Black Metal-Band angekündigt. Gibt es da schon konkretere Infos, wann die Split erscheinen wird und welche Band euer Partner darauf ist?

Die Split ist bereits seit einiger Zeit aufgenommen, gemixt und gemastert. Wann sie jetzt genau erscheinen wird, ist bisher noch nicht festgelegt worden, jedoch wird das nicht mehr lange auf sich warten lassen. Wer die andere Band auf der Split sein wird, kann ich zu dem gegebenen Zeitpunkt noch nicht sagen. Die, die uns schon seit einer Weile kennen, werden aber wahrscheinlich nicht sehr überrascht sein.

Christian Wögerbauer
Christian ist seit 2005 unser Vertreter der Österreicher Metalszene, rezensiert gern im Bereich Symphonic Metal, Doom, Melodic Death und auffallend gern Bands mit Sängerin. Genres: Symphonic Metal, Gothic Metal, Melodic Death Metal, Doom.