AMON AMARTH: Alles ist erlaubt!

AMON AMARTH: Alles ist erlaubt!

Mit Twilight of the Thunder God haben AMON AMARTH einen soliden siebten Longplayer abgeliefert, der zwar in weiten Teilen die übliche Wikinger-Kost bietet, dennoch aber auch etwas Raum für das eine oder andere kleine Experiment offen ließ. Bevor die Band nun ihre große US-Tournee antritt, bot sich für Vampster noch einmal die Gelegenheit, Sänger Johan Hegg ein wenig auf den Zahn zu fühlen, die Aufnahmesessions noch einmal Revue passieren zu lassen und die eine oder andere kleine Randgeschichte ausfindig zu machen…

Hallo Johan. Erstmal natürlich herzlichste Glückwünsche zu eurem neuen Streich Twilight of the Thunder God. Wie zufrieden seid ihr mit dem bisherigen Feedback?

Ja, tatsächlich sind wir sehr zufrieden, eigentlich fast schon überwältigt. Bisher gab es schon eine Menge fantastischer Kritiken.

In Deutschland gab es ja ähnlich wie bei den Vorgängern gleich mehrere Releasepartys. Der Markt hier scheint hier ja weiterhin hervorragend zu laufen…

Sicherlich ist Deutschland immer noch der erfolgreichste Markt für uns. Ganz nüchtern gesehen verkaufen wir in den Staaten natürlich mehr CDs, aber wir sprechen hier ja auch von einem viel größeren Land.

 Johan
 Wir konnten einfach das tun, auf das wir gerade Bock hatten. Es gab wirklich keine Tabus! 
Johan Hegg über die zahlreichen Gastauftritte auf Twilight of the Thunder God

Dann lass uns mal ein bisschen über das neue Album sprechen. Mit eurer letzten CD habt ihr die Messlatte für die neuen Stücke sehr hoch gelegt, worin lag der entscheidende Unterschied bei den aktuellen Aufnahmen?

Der Unterschied ist nicht sonderlich groß, um ehrlich zu sein. Neu für uns war aber die Herangehensweise, weil wir uns dieses Mal wirklich gesagt haben: Alles ist erlaubt. Wir konnten eben einfach das tun, worauf wir gerade Bock hatten, und das wussten wir auch. Deshalb konnten wir ein paar Dinge ausprobieren, was dem Album irgendwie gut getan hat. Das ist einer der wesentlichen Aspekte, die diesmal beim Songwriting doch irgendwie neu für uns waren.

Ein paar dieser Experimente sind ja ziemlich offensichtlich. Zum einen ist da ein Track wie Where is Your God?, wohl einer der schnellsten und härtesten Songs der letzten Jahre…

Absolut! Außerdem haben wir uns gesagt, wenn sich an der einen oder anderen Stelle ein Gastauftritt anbietet, dann versuchen wir das einfach mal. Es gab wirklich keine Tabus, verstehst du? Abgesehen davon haben wir uns verstärkt darauf konzentriert, die melodische Seite von AMON AMARTH weiter auszuarbeiten, den Melodien mehr Raum zu geben, auch durch die Produktion. Ich denke, dass sich dieses Unterfangen auch wirklich gelohnt hat: Am Ende ist ein großartiges, wesentlich vielschichtigeres Album, als es bisher der Fall war, herausgekommen. Und bisher hat genau das offensichtlich schon einer ganze Menge Leuten gefallen.

Du hast das Thema Gastauftritte angesprochen: Ich mag ja besonders den Song Live for the Kill, alleine schon wegen dem schönen Streicher-Part…

Ja, den haben APOCALYPTICA für uns eingespielt, einer der Gastauftritte auf der CD, außerdem sind L.G. Petrov [ENTOMBED, ist als Gastsänger beim Song Guardians of Asgaard mit an Bord – Anm. d. Verf.] und Roope Latvala [CHILDREN OF BODOM, spielt das Solo im Titelsong – Anm. d. Verf.] zu hören. Es gibt aber noch ein paar mehr.

Um noch mal auf das Lied zurückzukommen: Interessant ist hier auch die lyrische Perspektive. Ich erinnere mich an euren Song Where Silent Gods Stand Guard, in dem der Vergleich zwischen Wolf und Mensch bereits verwendet wurde, nun aber erstmals vollständig im Mittelpunkt steht. Was fasziniert dich an dieser Thematik?

Tatsächlich drängt sich dieses Bild geradezu auf, denn wir berichten aus einer Zeit, in der Menschen häufig Wolfspelze getragen haben, im Grunde also in dessen Kostüm geschlüpft sind. Daher entsteht natürlich eine ganze besondere Verbindung zwischen Wolf und Mensch, die schon immer sehr faszinierend war.

Ja, das Thema taucht immer wieder auf, da hast du schon Recht. Themenwechsel: Zum zweiten Mal habt ihr nun zusammen mit Produzent Jens Bogren. Der Sound ist – ähnlich wie bei With Oden on Our Side – wirklich großartig, dennoch aber etwas anders ausgefallen. Habt ihr viel verändert während der Aufnahmen?

Nicht unbedingt während der Aufnahmen. Wir haben uns aber im Vorfeld schon unsere Gedanken gemacht und viele Aspekte weiter entwickelt, weiter ausgetüftelt. Das kann man eigentlich auf alles beziehen. Meistens reden wir hier von kleinen Details, die kaum aufzuzählen sind.

Um das Ganze etwas konkreter zu fassen, würde mir schon eines reichen…

Naja, im Großen und Ganzen haben wir den Weg des Vorgängeralbums weiter verfolgt. Unterschiede gibt es im Mix des Sounds, die Produktion hat sich wirklich in vielerlei Hinsicht verbessert. Viele kleine Schritte, die uns alle einen großen Schritt weiter gebracht haben.

Ja, diese Schritte habt ihr schon immer gemacht. Ich erinnere mich da an die Zeit, als ihr noch in den Abyss-Studios wart. Natürlich war der Sound nicht schlecht, aber es gibt nunmal diesen typischen Sound, den irgendwie jede Band hat, die dort aufnimmt. Danach kamen die Berno-Produktionen und nun habt ihr mit Bogren den wohl besten und vor allem eigenständigsten Sound, den ihr jemals hattet.

Ja, genau das denke ich auch. Wir haben definitiv einiges verändert und durch die Wechsel auch die Möglichkeit dazu bekommen, ein ganz wichtiger Aspekt für AMON AMARTH.

 Amon
 Metal Blade wollten erst einen Comic mit den Bandmitgliedern veröffentlichen, damit waren wir aber so gar nicht einverstanden!
AMON AMARTH sind keine Comic-Helden…

Ein anderer ist sicherlich, dass ihr nun schon seit ein paar Jahren hauptberufliche Musiker seid. Wie war das, als jeder plötzich seinen Job aufgegeben hat. Waren da auch Opfergaben dabei oder war das etwas, was ihr euch alle schon lange gewünscht habt?

Tatsächlich ist es einfach ein Traum, der für jeden einzelnen von uns wahr geworden ist. Von der eigenen Musik leben zu können, ist einfach eine Riesensache!

Es gab also niemanden von euch, der seine Prioritäten anders gelegt hat…

Nun, als Musiker, der ständig Alben produziert und Tourneen spielt, kann man sich keinesfalls zu hundert Prozent auf seinen Job konzentrieren. Irgendwann läuft es dann mit der Band etwas besser und plötzlich stehst du eben vor der Wahl: Entweder du machst weiterhin Musik oder du widmest dich wieder deinem normalen Job. Bei uns ging das lange Zeit wirklich gut, beides unter einen Hut zu bekommen, aber manchmal war es einfach nicht möglich.

Nun habt ihr aber diese Möglichkeiten und in erster Linie mehr Zeit zur Verfügung, natürlich auch für eure Familien…

Ja, das war in der Vergangenheit das größte Problem: Freundin, Familie und Band sind nicht einfach zusammenzuhalten. Natürlich ist das jetzt viel besser geworden, das ist gar keine Frage. Man ist ja auch nicht jeden Tag ausschließlich Musiker, auch ein privates Leben ist wichtig und wir wollen das natürlich genau so haben wie jeder andere auch.

Dennoch wartet ja schon die US-Tournee auf euch, sehr privat wird es dort wahrscheinlich nicht zugehen…

Ja, aber genau darin liegt der große Vorteil, dass diese Touren jetzt unser Fulltime-Job sind. Wenn wir nämlich zuhause sind, haben wir tatsächlich auch Zeit für Frau und Familie, anstatt nebenher zu jobben.

Das leuchtet natürlich ein. Kommen wir zurück zum Musikbusiness: Wer hatte eigentlich die Idee, zusammen mit Twilight of the Thunder God dieses achtseitige Comicheft zu veröffentlichen? Steckt hier das Label dahinter oder ist das auf eurem eigenen Mist gewachsen?

Es ist so ein Zwischending. Um ehrlich zu sein, die eigentliche Idee kommt tatsächlich vom Label, jedoch wollten Metal Blade einen Comic mit den Bandmitgliedern veröffentlichen. Damit waren wir aber so gar nicht einverstanden, deshalb haben wir ein neues Thema gewählt, das den Leuten die mythologische Geschichte hinter unserem Titelsong etwas näher bringt. Was zunächst also nur eine einfache Promotion-Idee war, ist nun etwas geworden, mit dem die Fans wirklich etwas anfangen können.

Habt ihr euch mit dem Zeichner Lucio Parillo eigentlich absprechen können bzw. habt ihr ihn denn getroffen?

Wir haben ihn sogar kontaktiert und ihm die Geschichte und den Songtext zukommen lassen. Aus diesen Dingen hat er dann diese tollen Bilder geschaffen und uns die Rohversion zugeschickt, damit wir sie nochmal abnicken können.

Ja, der Comic sieht wirklich großartig aus, ich habe mir ihn allerdings nur online ansehen können. Die Geschichte kommt hier auch wesentlich besser zur Geltung als in eurem Videoclip. Schade eigentlich, ich hatte mich wirklich schon auf die Schlange gefreut, wo ist sie?

(lacht) Ja, das war einfach ein bisschen zu teuer.

Das hab ich mir schon fast gedacht.

Aus diesem Grund haben wir das Video etwas metaphorischer gehalten.

Aber es geht trotzdem im eigentlichen Sinne um die Geschichte von Thor, wie er auf offener See gegen die Midgard-Schlange kämpft?

Zumindest um seine letzten Taten vor dem großen Fall, vor Ragnarök, ja. Das ist der ungefähre Inhalt der Geschichte.

Wie genau liefen denn die Aufnahmen ab? Ihr habt ja eine ganze Menge Komparsen und Schauspieler in dem Clip. Wie seid ihr denn an die herangekommen, das sind ja deutlich mehr Personen, als normalerweise in einem Videoclip einer Metalband auftauchen…

Ja, das ist definitiv so. (lacht) Wir haben aber einen sehr guten Draht zu einer Menge Wikinger im europäischen Raum, eigentlich sogar auf der ganzen Welt.

Die musstet ihr also nicht zweimal fragen, als es um euren Videoclip ging, nehme ich an?

Nein, das mussten wir wirklich nicht. Und sie machten einen richtig guten Job und es hat auch ordentlich Spaß gemacht, mit ihnen zu arbeiten.

Für jemanden, der mit der nordischen Mythologie nicht ganz so gut vertraut ist: Wie ist das eigentlich mit diesen ganzen Geschichten. Sind das alles Erzählungen, wie sie bereits auf den Runensteinen und in den Wikinger-Sagen vorkommen oder denkst du dir so manches Szenario einfach selbst aus?

Neben den historischen Texten schreibe ich manchmal auch ganz gerne eigene Sachen. Diese Songexte sind dann tatsächlich auch durch ganz aktuelle Sachverhalte, ob politisch oder zwischenmenschlich, inspiriert. Die Herausforderung ist, diese Dinge auf eine historische, ja mythologische Art und Weise zu erklären.

Gibt es solche Stücke auch auf dem aktuellen Album, die solche modernen Problemstellungen in sich tragen?

Klar gibt es dort auch eine ganze Menge solcher Dinge, die stecken eigentlich in fast allen Songs mit drin. Es ist ja auch viel interessanter, die Songs auf eine solche Art zu schreiben als einfach nur Geschichten wiederzugeben.

 Johan
 Ich möchte auf gar keinen Fall irgendwelche Predigten halten. Ich schreibe die Geschichten auf, die mir lieb sind und gebe Leuten die Möglichkeit, etwas daraus ziehen zu können (Johan Hegg)


Warum aber der Wikinger-Kontext? Wieso die nordische Mythologie? Gibt es bestimmte Werte innerhalb dieser Materie, die dein eigenes Leben beeinflussen?

Zunächst einmal ist die Mythologie unheimlich interessant und vielschichtig. Sie steht mir als Person und dem, was ich bin und wie ich mich fühle, wirklich sehr nahe. In gewisser Weise spricht sie zu mir, aber ich möchte auf gar keinen Fall mit meinen Texten irgendwelche Predigten halten. Ich schreibe lediglich die Geschichten auf, die mir lieb sind oder die mir zu einem bestimmten Thema einfallen und gebe den Leuten die Möglichkeit, etwas daraus ziehen zu können, wenn sie es denn möchten.

Gibt es denn einen ganz konkreten Einfluss dieser Dinge auf euer Leben außerhalb des Songwritings und der Musik? Ich habe jedenfalls gelesen, dass euer Gitarrero Johan [Söderberg – Anm. d. Verf.] kürzlich geheiratet hat… im Wikinger-Stil!

Haha, ja. Das lebende Klischee eben. Du wirst von dem ganzen Kram natürlich ständig beeinflusst. Egal, ob es nun textlich, musikalisch oder historisch ist. Es gibt immer etwas, das dich inspiriert oder verändert. Abgesehen davon geht dem Ganzen ja schon ein gewisses Interesse voraus, ansonsten geht das natürlich alles an dir vorbei. (lacht)

Wie geht es weiter mit euch? Zunächst gibt es ja die große US-Tour im Oktober…

Ja. Es ist zwar nicht die längste Tournee bisher, aber die vielleicht größte als Headliner, zumal die Konzerte im Schnitt etwas größer werden. In Europa [die Band schlägt ab dem 5. November u.a. mit SLAYER, TRIVIUM und MASTODON das dritte Kapitel der Unholy Alliance auf – Anm. d. Verf.] weiß ich allerdings nicht genau über die Locations bescheid, dennoch wird es unsere wichtigste Tour bisher. Ich meine, mit einer Band wie SLAYER auf Tour zu sein, ist wirklich eine Riesensache!

Ja, da kann man sich wirklich auf großartige Konzerte freuen. Viel Spaß dabei und vielen Dank für das Interview.