ULVER WITH TROMSØ CHAMBER ORCHESTRA: Messe I.X-VI.X

ULVER WITH TROMSØ CHAMBER ORCHESTRA: Messe I.X-VI.X

Langsam kriecht sie wieder in unsere Knochen, die Kälte, die Dunkelheit. Stellen wir uns auf lange Monate voller Finsternis ein, in denen wir die Wärme und das Licht mehr denn je brauchen. Das haben auch ULVER verstanden, die uns Trost spenden wollen und mit ihrer Trauer d´accord gehen. Der Untertitel des neuen ULVER-Albums lautet Music commisioned for Tromsø Kulturhus in cooperation with the Arctic Opera and Philharmonic Orchestra. Es kann erahnt werden, was das bedeutet, und der Verdacht trifft natürlich zu. Begeben wir uns auf eine Reise durch das Schwarz, zusammen mit ULVER, die wieder dort sind, wo sie hingehören. Beim Drama, beim Pathos. Statt jedoch ein Livealbum mit der extra für einen Abend generierten Musik vorzulegen sind ULVER mit den Aufnahmen dieses Konzerts mit dem TROMSØ CHAMBER ORCHESTRA vom 21. September 2012 ins Studio gezogen und haben nochmal kräftig Hand angelegt. Ein Semi-Livealbum mit experimentellem Charakter ist Messe I.X-VI.X geworden, aber doch so nachvollziehbar, so schön, so tief, so betörend, dass jeder mitkommt, der mitkommen will.

Und wie es sich aufbaut! Wie leise die Stücke beginnen und wie konsequent sie auf die Spitze getrieben werden! Das Klischee von der puren Stille zum donnernden Finale wird vermieden, ULVER orientieren sich dafür zu sehr an der eigenen Vergangenheit, an Teachings In Silence in Sachen Experimentierfreudigkeit und Düsternis, an A Quick Fix Of Melancholy, an Shadows Of The Sun im Bezug auf Dramatik und Melancholie, sogar an Blood Inside, wenn es um die ausufernde Instrumentierung geht. Und nebenbei betreten ULVER auch ein bisschen neues Terrain. So wie die Stücke zerlegt und wieder zusammengefügt wurden, wird ein Einfluss von Industrial und Ambient deutlich, so unterschwellig finster und erbarmungslos, dass der Hörer vielleicht sogar erst hinterher merkt, wie sehr er sich fürchtet – ich denke dabei natürlich an Noche oscura del alma, das sich so tief ins Unterbewusstsein gräbt und mit seinem tiefen, bizarren Sounds und der gesampelten Stimme zu einem enorm schauerlichen Stück wird.

Davor gibt es noch jede Menge weitere Momente zum Fürchten und zum Lieben. As Syrians Pour In, Lebanon Grapples With Ghosts Of A Bloody Past ist der Auftakt dieser Dreiviertelstündigen Messe, ein beinahe zwölfminütiges Orchesterstück, das ebenfalls sehr dynamisch aufgebaut ist, aber sich trotz großer, dramatischer Momente als recht zurückhaltend und todtraurig präsentiert, zumindest bis in den letzten drei Minuten. Tragik durch Krieg, Trauer als Antwort, Gänsehaut dazwischen. Darüber und darunter legen ULVER Drones, Synthesizer, Samples und bereichern die Musik dadurch, statt sie zu ersticken, auch da die Band weiß, wann es besser ist, sich zurück zu halten. ULVER fungieren als Dirigenten, das TROMSØ CHAMBER ORCHESTRA – übrigens das nördlichste Symphonieorchester Europas – unterstützt, wird nicht aufdringlich. ULVER sind auf Messe I.X-VI.X Klangmagier wie selten zuvor, obschon die sechs Stücke allesamt ruhig und auf den ersten Blick gleichförmig klingen, gibt es eine enorme Diversität in der Musik zu hören. Shri Schneider ist etwas elektronischer, ein beinahe tanzbar-psychedelisches Stück, das mit jiddischer Folklore liebäugelt und erst dann so richtig mitreißt, wenn man genau darüber nachdenkt.

Leichter macht es Glamour Box (Ostinati), das langsam, mit weichen Tönen den Hörer in der Realität abholt und durch die Wärme ein Kribbeln im Bauch entstehen lässt. Und das Finale dieses Stücks, wie groß und schön es doch ist! Messe I.X-VI.-X kommt über weite Strecken instrumental aus, erst bei Son Of Man erhebt Kristoffer Rygg seine Stimme. Ausgerechnet dieses Stück will sich mit seinem unbequemen Gesangsarrangement Anfangs nicht wirklich beim Hörer festsetzen. Dann beginnt der Aufbau, die Leidenschaft kommt in Ryggs Stimme zurück und der Schluss wird wieder groß und entlädt sich mit der typischen Größe, die wir von ULVER kennen. Das abschließende Mother Of Mercy beginnt wieder sanft und mit Kristoffer Ryggs bester Gesangsarbeit seit Jahren, als wolle er uns mit der ganzen Welt versöhnen. Doch nur das erste Drittel ist wirklich hoffnungsvoll in all seiner zarten Melancholie – die letzten Minuten dieses Stücks sind doch trostlose Orgeln, Ambient-Klänge, Geräusche und gespenstische Streicher. Die Trauer hat gesiegt, sie hat überlebt. ULVER wird auch in Zukunft die Inspiration nicht ausgehen, zumindest so lange sich diese Welt nicht ändert.

Hatten wir nach Wars Of The Roses mit seinem Psychedelic Rock-Touch und dem Spaßalbum Childhood´s End mit all seinen Covers der Beat-Generation nicht doch befürchtet, dass ULVER ihre Inspiration verlieren? Ein wenig zu viel Daniel O´Sullivan-Einfluss (der dieses Mal übrigens nicht beteiligt war) in der Musik? Die ersten Videos von der Liveaufführung mit dem Tromsø Chamber Orchestra ließen aber schon erahnen, dass es wieder da ist, das Pathos, das Drama, die Größe. Messe I.X-VI.X ist nun genau das, was wir an ULVER lieben. Epische Eleganz und elegische Ernsthaftigkeit, gepaart mit einem neoklassischen Grundgerüst, mit elektronischen bis krautigen Experimenten. Mit betörend schönen Streicherarrangements, mit überraschenden Wendungen, mit einem soliden Fluss und einer Menge wenig aufdringlicher Überraschungen ist ULVER das gelungen, was eigentlich nach Shadows Of The Sun hätte kommen müssen. Aber so sind ULVER eben: Es bleibt spannend, die Norweger sind so unberechenbar wie eh und je und beweisen dank ihrer Experimentierfreudigkeit, ihren mannigfaltigen Einflüssen und ihrem unglaublichen Sinn für Ästhetik, wie man auch heute noch große Epen schreiben und dabei Neuland betreten kann. Ein Meisterwerk.

Veröffentlichungstermin: 18. August 2013

Spielzeit: 44:49 Min.

Line-Up:
Ole Alexander Halstengård
Kristogger Rygg
Jørn H. Svaeren
Tore Ylwizaker

TROMSØ CHAMBER ORCHESTRA:
Snorre Holmgren, Yuko Kawami, Aelita Osadchuk, Brynjar Lien Schulerud und Kristina Nygaard Walsnes – 1st Violins
Berit Fonnes, Eira Foss, Sami Martinussen und Anders Melhus – 2nd Violins
Katrina Brown, Mari Giske und Sigrid Lien Schulerud – Viola
Mario Machlik, Ørnulf Lillebjerka und Inga Raab – Cello
Stein Paulsen – Double Bass
Arne Bjørhei und Ingrid Eliassen – Trumpet
Torbjørn Ingvaldsen, Jens Christian Kloster – Trombone
Martin Romberg – Grand Piano

Produziert von ULVER
Label: Jester Records / Neuropa

Homepage: http://www.jester-records.com/ulver

Mehr im Netz: http://ulver.bandcamp.com

Tracklist:
1. As Syrians Pour In, Lebanon Grapples With Ghosts Of A Bloody Past
2. Shri Schneider
3. Glamour Box (Ostinati)
4. Son Of Man
5. Noche Oscura Del Alma
6. Mother Of Mercy