SILVER LAKE by Esa Holopainen: Silver Lake

AMORPHIS-Gitarrist Esa Holopainen stellt auf seinem Solodebüt die Atmosphäre ins Zentrum. Umsichtig arrangiert bringt “Silver Lake” als gediegenes Rock-Album nichts Außergewöhnliches zu Tisch, hat aber nicht zuletzt aufgrund starker Gesangsbeiträge Charakter.

Wir werden nicht jünger. Daran erinnern uns mittlerweile beim morgendlichen Blick in den Spiegel die ersten grauen Haare – zwar noch nicht auf dem Haupt, aber unter dem Kinn. Wie lange also noch, bis wir offiziell zur Zielgruppe AOR gehören? Dass wir nach anfänglichem Zaudern Esa Holopainens SILVER LAKE zu schätzen gelernt haben, gibt uns diesbezüglich durchaus zu denken.

Okay, von AOR ist der AMORPHIS-Gitarrist mit seinem Solodebüt schon ein Stück weg, auch wenn der Musiker zwischendurch mit Songs à la „Storm“ tendenziell Richtung Altherrenrock schielt. Das ist nicht böse gemeint, der hymnische Refrain geht auch dank Håkan Hemlins kratziger Stimme gut ins Ohr, wenngleich das Drumherum ungleich glattgebügelt wirkt.

Auf “Silver Lake” ist die Atmosphäre König

„Silver Lake“ ist allerdings auch kein Album für den Aggressionsabbau, sondern ein schöner Begleiter, um nach einem sonnigen Frühlingstag den Abend auf dem Balkon schwelgend ausklingen zu lassen. Dazu passt das Glas Rotwein natürlich besser als das lauwarme Bier aus dem PVC-Einwegbecher. Holopainen schenkt somit der richtigen Atmosphäre besondere Aufmerksamkeit, insbesondere wenn er mit dem träumerischen Titelstück besonnen und instrumental in das Album einleitet.

Als eine der treibenden Federn bei AMORPHIS ist der Gitarrist ohnehin in puncto Songwriting bewandert, weshalb SILVER LAKE nicht den Fehler begeht, zu einem reinen Gitarrero-Album zu werden: Die Atmosphäre ist König und um ihr zu dienen, hat sich der Musiker für jeden Song prominente und nicht minder hochklassige Unterstützung geholt.

Dank Esa Holopainens umsichtiger Arrangement fließen die Songs auf “Silver Lake” förmlich ineinander

Da wäre die stets bezaubernde ANNEKE VAN GIERSBERGEN, mit der Holopainen bereits auf dem letzten AMORPHIS-Album zusammengearbeitet hat und die dem entspannten „Fading Moon“ ihren eigenen Stempel aufdrückt. Mit Björn Strid, der auf „Promising Sun“ mehr an THE NIGHT FLIGHT ORCHESTRA denn an SOILWORK denken lässt, huldigen SILVER LAKE trotz Metal-Fundament kurz den 80ern, nachdem „In Her Solitude“ nicht nur dank Tomi Joutsen am ehesten noch Esa Holopainens Hauptband in Erinnerung gerufen hatte.

„Silver Lake“ gibt sich somit einerseits wandelbar, andererseits erstaunlich unaufgeregt: Die Akustik-Gitarren erklingen in „Sentiment“ im besten OPETH-Stil, bevor KATATONIA-Frontmann Jonas Renkse das Stück an sich reißt und in eine melancholische, aber warme Richtung lenkt. Der Sänger darf als einziger zweimal ran, vielleicht um zum Abschluss mit „Apprentice“ den Kreis zu schließen und dem Potpourri verschiedenster Gesangsstile einen Rahmen zu verleihen. Nötig wäre das nicht zwingend gewesen. Denn dank Esa Holopainens umsichtiger Arrangements fließen die Songs förmlich ineinander, weshalb ein Ausnahmesänger wie Einar Solberg (LEPROUS) mit seiner exzentrischen wie mitreißenden Performance („Ray Of Light“) problemlos neben der tiefen Erzählstimme von Schauspieler Versa-Matti Loiri („Alkusointu“) stehen kann.

SILVER LAKE bringt eigentlich nichts Außergewöhnliches zu Tisch, hat aber Charakter

SILVER LAKE hat genügend Charakter, um derartige Diskrepanzen auszuhalten, ja sogar sich zu eigen zu machen. Das mag vielleicht nicht ganz darüber hinwegtäuschen, dass der meist entspannte Rock-Anstrich mit dezenten Metal-Einsprengseln für sich genommen kaum Außergewöhnliches zu Tisch bringt. Zur richtigen Tageszeit und mit dem richtigen Flair lässt es sich dennoch gut am silbernen Gewässer ausharren – und das sogar unabhängig vom Alter, schließlich können wir die grauen Haare im Gesicht gegenwärtig noch an einer Hand abzählen.

Veröffentlichungstermin: 28.05.2021

Spielzeit: 37:24

Line-Up

Esa Holopainen – Gitarre

Sessionmusiker:
Pasi Heikkilä – Bass
Sampo Haapaniemi – Schlagzeug (Tracks 1, 3, 5, 6, 8, 9)
Gas Lipstick – Schlagzeug (Tracks 2, 4, 7)
Vili Itäpelto – Keyboards

Produziert von Esa Holopainen, Nino Laurenne (Mix) und Svante Forsbäck (Mastering)

Label: Nuclear Blast

Facebook: https://www.facebook.com/SilverLakeEH

SILVER LAKE By Esa Holopainen “Silver Lake” Tracklist

1. Silver Lake (instrumental)
2. Sentiment (feat. Jonas Renkse von KATATONIA)
3. Storm (feat. Håkan Hemlin von NORDMAN) (Video bei YouTube)
4. Ray Of Light (feat. Einar Solberg von LEPROUS)
5. Alkusointu (feat. Vesa-Matti Loiri)
6. In Her Solitude (feat Tomi Joutsen von AMORPHIS)
7. Promising Sun (feat. Björn ‘Speed’ Strid von SOILWORK / THE NIGHT FLIGHT ORCHESTRA)
8. Fading Moon (feat. ANNEKE VAN GIERSBERGEN)
9. Apprentice (feat. Jonas Renkse von KATATONIA)