SCOTT KELLY: The Wake

"The Wake" zeigt eine geschundene Seele, ungefiltert, ohne irgendwelchen Schnickschnack. Purer geht es nicht. Bedrückender auch nicht. Und befreiender sowieso nicht.

In einer Szene, in der Songs über Einsamkeit, Leid und Verzweiflung quasi an der Tagesordnung sind, da mag es als nicht besonders erscheinen, wenn ein Musiker wie SCOTT KELLY zu seiner Gitarre greift und sich an ebenso klingenden Stücken versucht. Aber Leute, ihr habt keine Ahnung. The Wake zeigt eine geschundene Seele, ungefiltert, ohne irgendwelchen Schnickschnack. Purer geht es nicht. Bedrückender auch nicht. Und befreiender sowieso nicht.

SCOTT KELLY, seines Zeichens Gründungsmitglied, Gitarrist und Sänger von NEUROSIS, ist hier ganz auf sich alleine gestellt. Nur seine Gitarre, er und eine Handvoll Countrynummern. Gelebter, pragmatischer Minimalismus, ohne Kitsch oder Überheblichkeit. So unbequem wie zu kleine Schuhe, aber gleichzeitig unglaublich fesselnd. Zugegeben, die Töne des ersten Songs The Ladder in My Blood mögen nicht wirklich ins Ohr gehen. Hier klingt SCOTT KELLY so, als wäre er meilenweit entfernt, auf einem fremden Planeten, ohne wirkliches Bewusstsein. Das ist hypnotisierend und erschreckend und auch ein sehr guter Einstand in dieses Album. Der vierzigjährige Musiker spielt allerdings auf The Wake einige Stücke, die deutlich mehr können.

So zu hören in Figures, ein Song der im Stande ist, mit nur wenigen Tönen die Stimmung des Hörers völlig umzupolen. Von himmelhoch jauchzend bis zu Tode betrübt. Hier spürt man jede Note, jeden Ton mit unglaublicher Intensität. Die Worte, die Melodien, so rau sie auch sein mögen gehen nicht aus dem Kopf. Saturn´s Eye geht in dieselbe Richtung, KELLY klingt hier jedoch unnahbar, bisweilen sogar unterdrückt wütend. Das genaue Gegenteil dieser finsteren Country-Stücke sind das unglaublich schöne In My World, das mehr vom Inneren des Musikers ausdrückt, als Worte sagen können, so dass man schließlich glaubt, ihn zu kennen wie seinen besten Freund. Auch die BLOOD AND TIME-Neuaufnahme Remember Me und das irisch-verwurzelte Catholic Blood zeigen einen erfahrenen Musiker, der stets nur auf sein Herz hört und so authentisch klingt wie kein anderer Mensch. Melancholisch, aber durchaus positiv gepolt.

Dennoch ist The Wake im Vergleich zum ersten Solo-Album Spirit Bound Flesh deutlich zahmer und reifer, die Songs sind besser durchdacht, logischer aufgebaut, zugänglicher und besser abgemischt, auch wenn die Intensität des einmaligen Acapella-Stücks Sacred Heart nicht erreicht wird, auch nicht im extrem minimalistischen The Searcher, das ein paar Anflüge dessen besitzt. Trotzdem, in einem echten Studio aufzunehmen, war ein guter Entschluss. Ebenso wie auch Gastmusiker ins Boot zu holen, wie Remember Me und Saturn´s Eye beweisen. Das Lap Steel von Country-Legende Frank Sullivan taucht die Musik in Hintergründe, die einer Dämmerung in der Wüste gleichen. Und wenn sich bei Remember Me außerdem der dezente Bass erhebt, der von SCOTT KELLYs Sohn Damon gespielt wird, dann ist das Erlebnis perfekt und der Hörer den Tränen nahe.

The Wake mag mit nur 35 Minuten und sieben Songs sehr kurz ausfallen, aber es ist dennoch ein großes und vor allem großartiges Album, das man immer wieder und wieder hört. Es macht süchtig, es befreit, es bedrückt, es bietet das ganze Spektrum. Man meint, SCOTT KELLY wirklich zu kennen, wenn er mit seiner tiefen, aber sanften Stimme und nur mit seiner Gitarre dermaßen tiefegründige Musik zelebriert. Zweifellos, das ist ein Album, das mir auch in fünf Jahren noch immer Schauer über den Rücken jagen wird. Wer sich mit seinem Vater wieder vertragen will, der hört mit ihm zusammen dieses Meisterwerk, ein paar Scheiben von HANK WILLIAMS, trinkt Whiskey und liegt sich am Ende dieser Rosskur weinend in den Armen.

Veröffentlichungstermin: 23. Mai 2008

Spielzeit: 34:27 Min.

Line-Up:
Scott Kelly – Vocals, Acoustic Guitars

Gastmusiker:
Frank Sullivan – Lap Steel
Damon Kelly – Bass

Produziert von Scott Kelly
Label: Neurot Recordings

Tracklist:
1. The Ladder in My Blood
2. Figures
3. Saturn´s Eye
4. The Searcher
5. Catholic Blood
6. In My World
7. Remember Me