SALTATIO MORTIS: Für Immer Frei

SALTATIO MORTIS: Für Immer Frei

Es ist schon ein wenig absurd. Obwohl SALTATIO MORTIS in „Keiner von Millionen“ Individualität und Vernunft propagieren möchten, bedienen sie mit ihren Allgemeinplätzen gleichzeitig das Narrativ der Esoteriker, Klima- und Pandemieleugner, gegen die sie auf „Für immer Frei“ nicht nur einmal schießen. Dass sich die einstige Mittelalter Rock-Band an dieser Stelle argumentativ nur wenig von Verschwörungsideologen abhebt, ist derweil das geringste Problem des zwölften Studioalbums.

Prinzipiell setzen SALTATIO MORTIS nämlich den kommerziell erfolgreichen Kurs des Vorgängers „Brot und Spiele“ (2018) fort: Die Kompositionen bleiben einfach, die Melodien einprägsam und von einer starken Deutschrock-Note geprägt. Das sanfte Intro mit seiner verträumten Drehleier wiegt uns daher zunächst in falscher Erwartung – nach rund anderthalb Minuten brechen die genretypischen ‚Ohhh-ohhh‘-Gesänge durch, die 2020 das liebste Stilmittel der Karlsruher geworden sind.

SALTATIO MORTIS bemühen sich um Abwechslung

In nicht weniger als acht der 13 Stücke betteln grenzdebile Deutschrock-Chöre darum, es ihnen gleich zu tun. Mitgröhlen zum Schrammelakkord – der germanischste Ausdruck von Freiheit. „Für immer jung“ besingt ein generisches Deutschpop-Thema vor ebenso generischen Deutschrock-Arrangements im Stil von DIE TOTEN HOSEN, während das lebensfrohe „Löwenherz“ immerhin instrumental ein paar schöne Melodien auspackt. Dazwischen blitzen ganz selten die Trademarks früherer Zeiten auf: „Loki“ ist ein starker und treibender Mittelalter Rock-Hit, bis im Refrain wieder fleißig Vokale fliegen. Es bleibt also das akustische „Factus de Materia“, das einsam die Fahne der Anfangstage hochhält und dabei den Geist solcher Marktmusik-Klassiker wie „Totus Floreo“ heraufbeschwört.

Immerhin: Eintönig wird es auf „Für immer frei“ nicht. SALTATIO MORTIS bemühen sich hörbar um Abwechslung, versuchen sich an unbeschwertem Sommer-Rock („Seitdem du weg bist“), kitschbeladener Romantik („Rose im Winter“), Neuer Deutscher Härte („Palmen aus Stahl“) und sogar Crossover in „Mittelfinger Richtung Zukunft“. Dass die Mannen routinierte Songschreiber sind, erkennen wir besonders bei Letzterem, wo die Band einen stimmungsvollen Backing Track aus dem Handgelenk schüttelt, den sich die beiden Gastrapper Henning Wehland (H-BLOCKX) und Swiss (SWISS & DIE ANDERN) mit Leichtigkeit zu Eigen machen.

Nicht thematisch, aber lyrisch ist „Für Immer Frei“ zum Davonlaufen

Leider leidet das gesamte Album jedoch unter den oftmals regelrecht dilettantisch geschriebenen Texten, die „Für Immer Frei“ stellenweise unhörbar machen. Erschreckend ist das vor allem, weil SALTATIO MORTIS in der Vergangenheit gesellschaftskritische und ernste Themen lyrisch souverän umgesetzt haben („Koma“, „Worte“, „Fiat Lux“, „Manus Manum Lavat“, „Ebenbild“, etc.). Heute bleibt das – wie in „Linien im Sand“ – eher die Ausnahme. Stattdessen treten an diese Stelle Lyrik wie eine Facebook-Kommentarsektion („Palmen aus Stahl“), schmalzige Allerweltsphrasen („Rose im Winter“) und generell eine Abwesenheit jeglicher Finesse. Hatten Lasterbalk & Co. einfach keinen Bock oder ist es ihnen mittlerweile scheißegal? Die Antwort geben sie im geradezu beschämenden „Seitdem du weg bist“, wo sich SALTATIO MORTIS halbherzig an peinlichen Popkultur-Zitaten versuchen:

„Läuft nicht für die Rebellion, der Sieg ist noch so fern
Das freut Gevatter Vader im Todesstern
Zum Glück gibt’s diesen Lüftungsschacht, ein winziges Detail
Da schieß ich ’nen Torpedo rein, dann geht’s mir wieder geil.“

Der lyrischen Bankrotterklärung folgt bald die musikalische: „Neustart für den Sommer“ als „Anti-Lockdown“-Hymne klingt so abgedroschen, als hätte man sie im Studio noch schnell in fünf Minuten zusammengeschustert, um am Puls der Zeit zu sein. Ironischerweise passt auch dieser Track inhaltlich ins Narrativ all jener Gruppierungen, die SALTATIO MORTIS lobenswerterweise an den Pranger stellen. Weil das aber ohne Fingerspitzengefühl, Raffinesse und in so manchem Fall klare Linie geschieht, bleibt von „Für immer frei“ nicht viel mehr hängen als sein unschöner Kern: der politisierte Mittelalter Rock als durchkalkuliertes Konsumgut – irgendwie absurd, wenn wir darüber nachdenken.

Veröffentlichungstermin: 9.10.2020

Spielzeit: 47:00

Line-Up

Alea der Bescheidene – Vocals
Till Promill – Gitarre, Bouzouki, Backing Vocals
Jean Méchant, Der Tambour – Gitarre, Piano, Percussion, Backing Vocals
El Silbador – Sackpfeifen, Schalmeien
Luzi das L – Sackpfeifen, Schalmeien, Whistle
Falk Irmenfried von Hasen-Mümmelstein – Drehleier
Bruder Frank – Bass
Lasterbalk – Drums

Produziert von Vincent Sorg

Label: Universal Music Group

Homepage: https://saltatio-mortis.com
Facebook: https://www.facebook.com/saltatiomortisofficial

SALTATIO MORTIS “Für Immer Frei” Tracklist

  1. Ein Traum von Freiheit
  2. Bring mich zurück
  3. Loki (Lyric-Video bei YouTube)
  4. Linien im Sand
  5. Für immer jung (Video bei YouTube)
  6. Palmen aus Stahl
  7. Mittelfinger Richtung Zukunft (Video bei YouTube)
  8. Rose im Winter
  9. Factus de materia
  10. Seitdem du weg bist
  11. Keiner von Millionen
  12. Neustart für den Sommer
  13. Geboren um frei zu sein
Florian Schaffer
Genres: Black Metal, Death Metal, Melodic Death Metal, Metalcore, Post Metal, Progressive, Rock, Thrash Metal.