REAPER: Viridian Inferno

Die Australier REAPER präsentieren sich auf “Viridian Inferno” so subtil wie ein Stoßzahn und so filigran wie Blutwurst. Macht nichts, weil ihr räudiger Steinzeit-Rumpelsound mit viel Kultpotential aus den Boxen poltert. Eine Frage muss aber erlaubt sein: Die wievielte Band mit Namen „Reaper“ ist das jetzt?

Wer sich nach Australien begibt, muss aufpassen. Viel gefährliches Ungetier treibt dort sein Unwesen. Würfelquallen, die dich mit ihren Tentakeln auf den Grund des Meeres schicken können, weil ihr Gift dein Herz zum Stillstand bringt. Salzwasserkrokodile, für die jeder Tourist ein saftiger Leckerbissen ist. Trichternetzspinnen, die unter Toilettensitzen lauern und deren Biss, wenn nicht mit Gegengift behandelt, zum Herzstillstand führen kann. Nun ist ein neues gefährliches Tier aufgetaucht, das von Wissenschaftlern bisher noch nicht beschrieben wurde. Ein tollwütiges Wollnas-Känguru, mit Fäusten so groß wie der Ayers Rock und einer Stimme wie tausend tasmanische Teufel. Räudig bahnt es sich den Weg durch die Großstadt, um jedes Bier sofort zu killen und dem Urkult des Primitiven zu huldigen. Das Känguru heißt REAPER.

REAPER sind eine Band aus Melbourne, sie legen mit „Viridian Inferno“ ihr Debüt vor. Und jetzt, da wir beinahe alle Australien-Klischees abgefrühstückt haben, sei eins vorweg geschickt: Wer eine Aversion gegen Gerumpel hat, ist hier definitiv raus. Fast schon unverschämt ist es, wie die drei Jungs und das eine Mädel in die wenigen Tempowechsel hinein stolpern und torkeln, wie sie ihre Produktion unbehauen lassen und das Schlagzeug immer leicht neben der Spur holpert. Aber das tun sie mit stolz geschwellter Brust – und behangen mit schweren Eisenketten. Denn sie nennen ihren Sound „Hellhammering Metal Punk aus den Erste Welle-Gräbern der Achtziger“. Es ist Black Metal der ganz alten Schule, als er noch gallig und giftig klang und niemand über Orchester-Begleitung oder progressive Strukturen sprach. Es ist der Sound von Bands wie HELLHAMMER und VENOM.

REAPER machen eigentlich fast alles richtig: also Vieles sympathisch falsch!

Sollte es tatsächlich Vampster-Leser geben, denen der Name HELLHAMMER nichts sagt? Netter Versuch, ich weiß. Aber wir müssen uns die Qualitäten dieser Band ins Bewusstsein rufen. Nach einer Reihe von Demos veröffentlichten sie 1983 ihre Debüt-EP „Apocalyptic Raids“, sie gilt als Wegbereiter des Death- und Black Metal. Das lag nicht allein am brutalen und harschen Sound und an den nihilistischen Texten. Sondern auch an zahllosen spielerischen Unzulänglichkeiten:

Einem Gitarristen, der sich auf HELLHAMMER beruft, müsste man streng genommen mindestens eine Hand abhacken, damit er es nicht übertreibt mit spielerischen Sperenzchen. Zwei Akkorde sind im Grunde einer schon zu viel. Natürlich ist das längst Kult und über jeden Zweifel erhaben: der völlig übersteuerte Bass-Sound. Tom Warriors infernalisches Growlen und Grunzen. Das primitive Gebolze. Okay, es hätte beinahe die Karriere des späteren CELTIC FROST-Frontmanns zerstört: Das Magazin „Rock Power“ adelte die Scheibe mit der Beschreibung: “das Schrecklichste, Abscheulichste und Grausamste, was ‘Musiker’ je aufnehmen durften”. Aber wem das nicht gefällt, der werfe die erste Hexe ins Feuer.

Black Metal kam aus dem Punk

Dass Black Metal ursprünglich – auch – aus dem Punk und Hardcore kam, ist kein Geheimnis. Tom Warrior berief sich damals auf Bands wie MINOR THREAD und GBH: Ikonen des primitiven, rasenden Sounds mit politischen Texten. Solche Bands wollen nicht gefallen. Und auch REAPER haben diese Wurzeln genau studiert, denn sie mischen eine ordentliche Portion Punk in ihren Sound. Und Speed Metal: nicht die virtuose Form mit pfeilflinken Gitarren, sondern jene, die klingt, als würde ein lospreschendes Vollblüter-Gespann mit Pestwagen über eine unbefestigte Dorfstraße hoppeln. Wo HELLHAMMER gelegentlich doomig-schleppende Passagen einbauen, ist hier die Musik fast durchgehend am Anschlag, alle Zügel werden losgelassen. Die Pferde sind natürlich Gerippe: auf dem Bock vorne sitzt der Sensenmann. REAPER machen eigentlich fast alles richtig: indem sie Vieles falsch machen!

Auch eine ordentliche Portion früher Ruhrpott-Thrash schimmert hier durch. SODOM auf „Obessed by Cruelty“. Was liebten wir die unfreiwilligen Tempowechsel von Schlagzeuger Witchhunter! Das macht schon Spaß, wenn man sich darauf einlässt. Der REAPER-Sänger kreischt giftig und gallig, die Gitarren quietschen und knarzen, gelegentlich eingestreute Midtempo-Passagen und Blastbeats sorgen für etwas Auflockerung. Ihr Label Dying Victims fängt die Haltung der Band sehr passend ein: “Postapokalyptische Straßenkrieger, die mit schmutzigen Hochleistungsmotoren, aufgespießten Stacheln und auf Zerstörung ausgerichteten Kanonen durch die Einöde fahren”. Besser hätte ich das auch nicht ausdrücken können. Man muss sich die kultigen Promo-Fotos der Band anschauen: tatsächlich posen sie da mit schweren Ketten und unzähligen Nieten- und Patronengurten. Wer da nicht auch eine Portion Selbstironie erkennt, dem ist nicht zu helfen.

Hier darf Metal noch räudig, primitiv und punkig klingen!

Zehn Songs werden hier geboten, bei einer knappen halben Stunde Spielzeit. Die Songs tragen Titel wie „Satanic Panic“, „Nothing Left to Waste“ oder „Infernal Torment“. Wer will, kann bei den infernalischen Texten auch einen Schuss Gesellschaftskritik raushören. „Mass Grave“ ist im Grunde ein Anti-Kriegs-Song über Bombardements: „Verschlungen von der Folter/ einer menschengemachten Hölle/ Leichen füllen die Schützengräben/ Schwarzer Rauch und fauliger Geruch“. Hier kommt wieder die Punk-Attitüde durch. Und es fällt schwer, einen Song herauszuheben: Kritiker werden die fehlende Abwechslung beklagen. Aber wer bitte vermisste die Abwechslung bei HELLHAMMER, VENOM und den frühen SODOM? Eben. Da setzt doch der Teufel einen großen Haufen drauf. Hier darf Metal mal wieder räudig, gallig, primitiv und dilettantisch klingen! Diese Musik gefällt acht von zehn Kannibalen: und ebenso vielen Höhlenmenschen.

(PS: ein kleiner Hinweis darf noch erlaubt sein. Die Encyclopaedia Metallum kennt mindestens drei weitere Bands mit Namen REAPER: unter anderem jene deutschen Heavy-Veteranen aus Kassel und eine Band aus Schweden. Liebe Metalheads, bevor Ihr zu Euren Instrumenten greift: Googelt doch mal, ob Euer gewünschter Bandname schon vergeben ist. Das kann doch in Zeiten dieses sogenannten Internets nicht sooo schwer sein!)

Label: Dying Victims Productions
Veröffentlicht am: 22.04.2022

Lineup:
R.T – Bass
M.R. – Drums
S.S – Vocals
Adam Ritchie – Guitars

mehr im Web:
REAPER auf Facebook
REAPER auf Bandcamp

REAPER “Viridian Inferno” Tracklist

1. Shadow Of The Crucifix
2. Satanic Panic
3. Taste The Blood
4. Drop Of The Blade (Audio bei YouTube)
5. The Reaper (Audio bei YouTube)
6. Nothing Left To Waste
7. Decay (Audio bei YouTube)
8. Sentinels Of Heresy
9. Mass Grave
10. Internal Torment