OFDRYKKJA: Gryningsvisor

OFDRYKKJA: Gryningsvisor

„Gesundheit!“ ist nicht nur ein Wort, das ich gerne rufen würde, wenn mich jemand nach der neuen OFDRYKKJA fragt, sondern auch genau das passende Motto für dieses Album. Als ich „The Swan“, die erste Single des Albums, zum ersten Mal hörte, war mir nämlich sofort klar, worum es geht: um Rekonvaleszenz, Genesung, Gesundheit eben. Das Ende dieses über alle Maßen schönen Liedes wirkt wie die in jahrelange Dunkelheit einbrechende Sonne, und genau darum geht es: Die ehemalige „Depressive Suicidal Black Metal“-Band OFDRYKKJA hat Depressionen, Suizidalität und Alkoholismus besiegt und das Leben entdeckt. Es ist fast zu schön, um wahr zu sein, aber wer „Gryningsvisor“ hört, vielleicht am besten bei einem herbstlichen Waldspaziergang, der spürt, wie ernst es den Herren ist. Das Album ist ein zutiefst wehmütiges Plädoyer für das Leben, und als solches ist es wahnsinnig authentisch, ehrlich und emotional.

Das Mittel, um dies zu erreichen, ist, wen wundert’s, Volksmusik, und zwar die skandinavische. Die lieblichen Melodien werden von der Gastsängerin Miranda Samuelsson dargeboten, die angesichts ihres enormen Anteils an diesem Album eigentlich weit mehr als nur zu Gast ist; es gibt mit „Herr Mannelig“ sogar eine rein akustische Vertonung eines echten Volkslieds, aber die folkloristische, sonnige Atmosphäre zieht sich – mit Ausnahme vielleicht von „Grey“, das sich eher an der finsteren Vergangenheit der Band orientiert – durch das ganze Album. Es ist dabei angenehm abwechslungsreich: das hymnische „The Swan“ mit seinem männlichen Klargesang bleibt der einzige Vertreter dieser Gattung, es folgen epische Ausflüge in die Gefilde von SUMMONING oder LUSTRE, melancholische Gothic-Rock-Einsprengsel und eben die über allem schwebende angesprochene Volksmusik; „Gryningsvisor“ wird niemals langweilig und berührt über die volle Strecke.

„Gryningsvisor“ – ein schrulliges Kleinod mit kleinen sympathischen Schwächen

Dabei ist es alles andere als perfekt. Intro und Outro etwa sind überflüssig wie ein Weihnachtsbier, und an den Übergängen zwischen den Liedern müsste dringend mal gearbeitet werden – zwar erkennt man bei jedem Lied, zu welchem Album und zu welcher Band es gehört, aber ein sinnvoller Spannungsbogen fehlt mir, gelegentlich hören die Lieder gar einfach irgendwann auf. Hinzu kommt die amateurhafte Produktion; die hat zwar ihren schrulligen Charme, macht sich aber insbesondere beim weiblichen Gesang störend bemerkbar, der dröhnt nämlich hin und wieder.

Das ist angesichts der wirklich wunderschönen Atmosphäre, die OFDRYKKJA hier schaffen, allerdings wirklich Meckern auf hohem Niveau und sicherlich auch gut nachvollziehbar bei einem Album, dessen Songs zu großen Teilen im Knast geschrieben wurden; und es sollte niemanden davon abhalten zumindest mal ein Ohr zu riskieren: Wer sich in „The Swan“ verliebt, wird nicht enttäuscht werden.

Veröffentlichung am 29.11.2019 auf AOP Records

Spielzeit: 61:25 Min.

1. Skymningsvisa (3:02)
2. The Swan (6:29)
3. Swallowed By The Night (7:21)
4. Ensam (2:26)
5. Wither (6:32) (Video bei YouTube)
6. In i natten (3:16)
7. As The Northern Wind Cries (5:24)
8. Herr Mannelig (6:59)
9. Våra minnens klagosång (4:23)
10. Köldvisa (4:55)
11. Grey (8:09)
12. Gryningsvisa (2:26)

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Andreas ist mit vampster und Metal großgeworden, liebt Wald- und Wiesenmusik und dreckigen Punk und alles, was dazugehört (Whisky, Wanderschuhe und ein kaltes Bier in dunklen Kellern z.B.), und schreibt und singt und kämpft für das Wahre, Gute und Schöne.