JESS AND THE ANCIENT ONES: Vertigo

Der Retro-Rock-Trend liegt in den letzten Zügen und wie immer, wenn ein Trend langsam abstirbt, zeigt sich, welche Bands genug kreative Kraft haben, um selbstständig weiter zu bestehen und wer sich nur einen Bart und eine Schlaghose wachsen ließ. Dass JESS AND THE ANCIENT ONES zu den Überlenden zählen würden, hätte ich allerdings so nicht erwartet. Aber das neue Album „Vertigo“ zeigt eine kraftvolle und zurecht selbstbewusste Band mit Klasse und Potential.

“Vertigo” zeigt eine Band auf dem kreativen Höhepunkt

Bereits der Opener „Burning of Velvet Fires“ bietet schmissigen 60ies Proto-Hardrock, in dem Orgel und die einzige im Line-Up verbliebene Gitarre gleichberechtigt ihre Plätze einnehmen, dominiert von der kraftvollen, bluesigen Stimme von Sängerin Jess, die mit ihrem dunklen Timbre an die großartige Grace Slick (JEFFERSON AIRPLANE) erinnert und natürlich einen großen Teil der Qualität der Band ausmacht. Aber das gilt ja irgendwo für jeden Sänger/Sängerin. Daher haben wir es hier nicht mit einer tollen Sängerin als Blickfang und Begleit-Musikern zu tun, sondern mit einer Band, die offenbar auf ihrem kreativen Höhepunkt angekommen ist und ein tolles und interessantes Album vorlegt.

Nach dem Opener kommt das für meinen Geschmack etwas zu schunkelig-hippiesk geratene„World Paranormal“, was aber der einzige Schwachpunkt dieser Platte bleiben soll.

Es dominieren die dunklen Psyschedelic-Rock-Songs wie das mit leichtem Horror-Flair versehene „Talking Board“, das schmissige „Summer Tripping Man“ oder das mit wunderbarem Gesang und einer abgefahrenen Mischung aus düsteren und einschmeichelnden Riffs versehene „What´s on your Mind“ oder das leicht melancholisch-swingende „Love Zombi“.

JESS AND THE ANCIENT ONES sind authentisch und ohne übertriebenes Vintage-Flair

Vor allem aber stellt die Band mit dem 11:35 Minuten-Prog-Koloß „Strange Earth Illusion“ den Höhepunkt der Platte ans Ende und bietet eine wunderbare Abfahrt durch ihre Interpretationen von verschiedene Facetten von Psychedelic-Rock zwischen THE DOORS und Früh-70er DAVID BOWIE und leichtem Early SABBATH-Flair und erreicht damit sogar an die Klasse einer Band wie BLOOD CEREMONY heran.

Die Platte macht in ihrer Gesamtheit einfach Spaß und vermeidet gekonnt alle 60ies-Klischee-Fallen, in die ein gewisser Herr N. Andersson regelmäßig tritt und die jede seiner Platten zum gleichförmigen Soundtrack für den immer gleichen mittelmäßigen Biker-Exploitation-C-Movie machen. JESS AND THE ANCIENT ONES sind da ein völlig anderes Kaliber, was Geschmacks-Sicherheit und den Einsatz von Retro-Stilmitteln angeht. Das fängt schon bei einer transparenten, aber dennoch authentischen Rock-Produktion ohne übertriebenes Vintage-Flair an, setzt sich über Cover und Auswahl sowie dosierte Nutzung von Film-/Sprach-Samples fort und endet mit einer Musik, die eindeutig im Heute verwurzelt ist und dennoch die Vergangenheit als kreative Keimzelle in sich trägt.

„Vertigo“ ist ein kraftvolles Ausrufezeichen einer quicklebendigen Band, die damit als Überraschungs-Sieger im Retro-Rock-Battle vom Feld geht.

Release Date: 21.05.2021

Label: Svart Records

Line Up:
Jess – Vocals
Fast Jake -Bass
Thomas Corpse – Guitars
Abrahammond – Keyboard
Yussuf AFGran – Drums

Tracklist:
1. Burning Of The Velvet Fires
2. World Paranormal
3. Talking Board
4. Love Zombie
5. Summer Tripping Men
6. Born To Kill
7. What’s On Your Mind
8. Strange Earth Illusion

https://jessandtheancientones.bandcamp.com/album/vertigo

https://svartrecords.bandcamp.com/