Was braucht es zum Cool Down nach einem Album wie „An Undying Love For A Burning World“? Ein Waldbad mit leicht ornithologischer Note? JARBOE lädt ein, die Welt des Rotaugenvireos zu betreten, den scheuen Vogel, dessen Blick und Gesang gleichermaßen in den Bann ziehen können. „Sightings“, das neue Album der US-amerikanischen Sängerin und Komponistin orientiert sich am Gesang des Tieres und lässt ihre Musik rundherum entstehen und sich ausdehnen. Dabei passiert viel mehr auf dem Album, als beim ersten Hören wahrzunehmen ist. Schon längst geht JARBOE den leisen Weg, verglichen mit ihrer Vergangenheit bei SWANS, verglichen mit Soloalben wie „Anhedoniac“ und „The Men Album“ oder ihrer Kollaboration mit NEUROSIS.
Apropos NEUROSIS: Es ist natürlich etwas unfair, das neue Werk einer Künstlerin wie JARBOE in den Schatten einer anderen Band zu stellen, wie der Verfasser es eingangs tat, zumal „Sightings“ nur vordergründig beruhigend und entspannend klingt. Das verstörende Element, dass in JARBOEs Musik immer vorhanden war, ist nun subtiler in die Stücke integriert als zuvor. Das wird gleich bei „The Holy Water“ deutlich, das langsam mit JARBOEs beschwörendem, irgendwie abwesend wirkenden Gesang, Drones und Hand Drums eingeleitet wird. Je mehr Instrumente sich darauf legen – Klarinette, Horn, Trompete von Thor Harris, Violine und Cello von Andrea Calderon – umso voller und betörender wird das Stück. Und so dominiert die Schönheit dennoch über weite Teile: Das kürzeste Stück des Albums „Francesca Sun“ schwelgt mit leisem Piano und Streichern, während JARBOE darüber zu schweben scheint.
JARBOE nutzt Drones und Field Recordings als Basis für „Sightings“, ein Album das zwischen Ambient, Neofolk und Minimal pendelt und dabei sogar subtil Jazz integriert.
„Sightings“ ist ein doppelbödiges Album, spätestens „Choir And Night Fox“ lässt das besonders deutlich werden. Als beschwörender Neofolk-Song mit reicher Instrumentierung kommt das nokturne Thema gut zur Geltung, und gerade das Bellen des Fuchses ist zumindest beim ersten Mal fast ein Jump Scare. Obwohl das Stück durch die Repetition keine Längen aufweist, hätten die acht Minuten vielleicht letzten Endes doch ein wenig gestrafft werden dürfen. Mit „Breathe“ geht es weiter hin die Nacht hinein, es scheint zu zerfasern, fließt aber über neun Minuten wie ein Traum durch die Dunkelheit und bleibt so vage, dass selbst JARBOEs Stimme nur selten zu hören ist.
Ab diesem Song wirkt das Album dann etwas zu fragmentarisch, und das, obwohl der offizielle Teil mit der friedvollen, schönen „Vireo Serenade“ endet. Hier taucht JARBOE aus der dunklen Nacht wieder auf. Ein schöner Sommermorgen, der Vireo singt und begrüßt den Tag begrüßt, mit nichts außer verträumtem Klavier und einem Gesang, der von JARBOE ebenso stammen könnte, wie von Field Recordings. Der Bonus-Track der digitalen Version und der CD „The Holy Waters (Sangha Mix)“ dient als instrumentale Alternative zur Eröffnung des Albums und schließt einen der Kreise, die dieses Album darstellt. „Sightings“ ist nebenbei ein sehr depersonalisiertes Album, keines, dass die Künstlerin in den Mittelpunkt stellt. Ihre Kompositionen und ihre Stimme bilden viel mehr die Basis, und erst durch ihre Kollaborationspartner Thor Harris, Andrea Calderon und die Gitarristen Brett Robinson und Freddie Murphy wird „Sightings“, das Anklänge aus Jazz und Minimal in sich vereint, zu einem großen, geheimnisvollen Ganzen.
Mit „Sightings“ zieht JARBOE ihr Publikum in den Bann, so wie es dem Vireo mit seinem Gesang und seinen Augen gelingt.
Am Ende steht mit „Of Ancient Memory“ noch die Neuinterpretation eines Songs von JARBOEs Debütalbum „Thirteen Masks“, das sich völlig homogen in den Rest von „Sightings“ einfügt und praktisch nichts mit dem 35 Jahre altem Song gemein hat. Hier schließt sich ein weiterer Kreis: JARBOE betrachtet ihre Vergangenheit mit den Augen der Frau, die sie heute ist. Das mag den Vireo etwas in den Hintergrund drängen, aber vielleicht ist dieser kleine Vogel auch nur ein Katalysator für das künstlerische Mysterium „Sightings“ geworden. Das verdeutlicht, dass kaum eine Musikerin so eigenwillig und facettenreich ist wie JARBOE, aber auch nur wenige sind so schwer zu fassen. Auch wenn „Sightings“ kein bahnbrechendes, überwältigendes Werk geworden ist, JARBOE hat mit diesem knapp 50-minütigen Album ihrer reichhaltigen Diskografie eine weitere Facette geschenkt.
Wertung: 5 von 7 Birdings
VÖ: 3. April 2026
Spielzeit: 47:51
Line-Up:
JARBOE: Voice, Keyboard, Synth, Field recordings, Words, Concept, Composition architecture
Andrea Calderon: Violin, Cello
Brett Robinson: Guitar, Synth, Field recordings
Chiara Lee: Synth, Electronics
Freddie Murphy: Guitar, Breathing, Field recording
Thor Harris: Bass drum, Hand drum, Gong, Cymbal, Crotales, Clarinet, Baritone horn, Trumpet, Marimba
Fox: Vixen’s screams
Vireo: Vocalizations
Label: Consouling Sounds
JARBOE „Sightings“ Tracklist:
1. The Holy Waters (Official Video bei Youtube)
2. Francesca Sun
3. Choir and Night Fox
4. Breathe
5. Vireo Serenade
6. The Holy Waters (Sangha Mix) [CD & Digital versions only]
7. Of Ancient Memory (Oblivion Mix)
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