INFECTED RAIN: Ecdysis

INFECTED RAIN brechen verkrustete Strukturen auf: “Ecdysis” ist komplexer, eigensinniger und vielschichtiger ausgefallen als sein Vorgänger und gerade deshalb für den Modern / Nu Metal eine erfrischende Bereicherung.

Wir haben keine empirischen Daten, aber sind uns ziemlich sicher: Die Pandemie hat vielerorts kreative Kräfte freigesetzt. Das liest man in Interviews und hört es natürlich auch im musikalischen Output: Dass eine Band wie INFECTED RAIN ihre Platte zu alledem noch unter ein entsprechendes Motto stellt, ist da nur die Kirsche auf der Torte: Den namengebenden Häutungsprozess dürfen wir auf „Ecdysis“ nämlich live mitverfolgen.

Zu erwarten war das im Vorhinein kaum, denn eigentlich befand sich die Moldauer Band ohnehin auf dem aufstrebenden Ast: Der groove-betonte Modern / Nu Metal des Vorgängers „Endorphin“ (2019) kam bei der Hörerschaft gut an, während starke Frauen am Mikro spätestens seit JINJER im modernen Sektor ohnehin wieder en vogue sind. Warum also das Risiko eingehen und allzu viel verändern?

“Ecdysis” ist komplexer, eigensinniger und vielschichtiger ausgefallen als sein Vorgänger

Eine Frage, um die sich INFECTED RAIN nicht allzu viel scheren, wie wir herausfinden sollen: „Ecdysis“ ist ein mutiger Schritt, der gewohnte Strukturen aufbricht, den weiterhin vorhandenen Nu-Metal-Einflüssen eine progressive Schlagseite verpasst und das Ganze dann in Synthesizer kleidet, welche dem breiten Spektrum der 80er entlehnt sein könnten. Das hat zur Folge, dass sich auf dem fünften Studioalbum der Formation tatsächlich kaum klassisches Hitmaterial versammelt hat: „Ecdysis“ ist komplexer, eigensinniger und vielschichtiger ausgefallen als noch „Endorphin“.

Wir sollten den Songs also von vornherein mehr Zeit zugestehen, um bis zu ihrem Kern vorzudringen. Obwohl „Goodbye“ mit sanften Gesangslinien zu umschmeicheln weiß, sind die meisten Tracks nicht um catchy Refrains herumgeschrieben. Stattdessen schwelgen INFECTED RAIN erst ein wenig länger als erwartet in träumerischen Klangwelten, um dann doch nochmal den Knüppel aus dem Sack zu lassen.

INFECTED RAIN geben sich auf “Ecdysis” auch im Songwriting fluide

Diesen verschiedenen Gesichtern verleiht Sängerin Lena Scissorhands eine Stimme, wenn sie etwa in „The Realm of Chaos“ zu drückendem Nu-Metal-Riffing à la SLIPKNOT ihre unerbittliche Seite hervorkehrt, bevor sie im zögerlichen „Nine, Ten“ vor einem minimalistischen Synth-Hintergrund mit sanftem Gesang in fast schon ätherische Dimensionen abhebt.

Meist aber sind die gesanglichen Grenzen nicht gar so deutlich abgesteckt, sondern so fluide, wie es der gesamte Sound der Band anno 2022 ist: „Everlasting Lethargy“ kommt mit leichter Hardcore-Attitüde daher, die von einem zerbrechlichen Ambient-Part unterbrochen wird. „Longing“ und „Postmortem Pt. 1“ wiederum nehmen immer wieder neue Formen an, so dass INFECTED RAIN überhaupt nicht Gefahr laufen können, ins Generische abzudriften.

In der zweiten Hälfte flaut die Spannung etwas ab, genug Tiefgang bietet “Ecdysis” jedoch auch hier

Dafür fordert „Ecdysis“ eben ungleich mehr Zeit ein, um sich richtig entfalten zu können. Das ist kein Manko, aber eine Voraussetzung, die man im Zweifelsfall auf dem Schirm haben sollte. Dann entlohnt das Album allerdings mit überdurchschnittlich viel Tiefgang, wenngleich die Spannung im Verlauf der zweiten Hälfte doch ein bisschen abflaut und das Gesamtwerk daher gerne etwas knackiger hätte ausfallen dürfen. Dem abschließenden Eindruck anhaben kann das derweil wenig: Wir haben zwar auch hier keine empirischen Daten, sind uns aber ebenfalls recht sicher, dass INFECTED RAIN mit diesem kreativen wie mutigen Album bald weitere Türen offenstehen werden.

Veröffentlichungstermin: 7.1.2022

Spielzeit: 54:57

Line-Up

Lena – Vocals
Sergey – Guitar
Vidick – Guitar
Vova – Bass
Eugene – Drums

Produziert von Valentin Voluta

Label: Napalm Records

Homepage: https://www.infectedrain.com/
Facebook: https://www.facebook.com/infectedrain

INFECTED RAIN “Ecdysis” Tracklist

  1. Postmortem Pt. 1 (Video bei YouTube)
  2. Fighter (Video bei YouTube)
  3. Longing (Video bei YouTube)
  4. Goodbye
  5. The Realm of Chaos feat. Heidi Shepherd (BUTCHER BABIES) (Video bei YouTube)
  6. Everlasting Lethargy
  7. These Walls
  8. Showers
  9. November
  10. Never the Same
  11. Nine, Ten
  12. Postmortem Pt. 2