IDES OF GEMINI: Constantinople

Was für ein Debütalbum: Als würden sie die letzten Tage einer großen Dynastie einleiten, setzen IDES OF GEMINI mit biblischer Schwere und gerechtem, manchmal sogar martialischem Zorn zu einem durchaus diplomatischen Rundumschlag an.

Wie auch die Iden des März, so verheißt der Name IDES OF GEMINI nicht unbedingt etwas Gutes. Zumindest nichts Harmonisches oder Leichtes. Es wird schwer, das ist von Anfang an klar. Dabei ist Constantinople eines des besten Debütalben seit langem, aber auch eines das etwas Zeit braucht, um zu wirken. Faszinierend ist dieses Album gleich von Anfang an, nicht allein wegen BLACK MATH HORSEMANs Frontfrau Sera Timms unglaublicher Stimme, sondern wegen seinen heftigen Kontrasten. Hier wird zusammen gefügt, was auf den ersten Blick nicht funktioniert: Eine gewisse Zärtlichkeit geht mit beachtlicher Heaviness Hand in Hand, eine dumpf wirkende Produktion, die auf unterschwellig schwebende Musik trifft. Dass hier Potenzial drin ist, verwundert nicht, dass es geradezu brillant ist und tief berührt, ist dann doch eine kleine Überraschung.

IDES OF GEMINIs erstes Lebenszeichen The Disruption Writ war bereits ziemlich stark, aber noch nicht ganz ausgereift. Nicht nur durch Schlagzeugerin Kelly Johnston wird Constantinople zu einem organischen Ganzen, auch das Songwriting hat sich merklich verbessert. Die vier Stücke der EP finden sich auch auf Constantinople und bilden durch leichte Adjustierungen eine nahtlose Einheit mit den neueren Songs. Dennoch scheint es so, als seien sich IDES OF GEMINI erst danach ihres wahren Talents bewusst geworden. One To Oneness, Reaping Golden und vor allem das unglaubliche Starless Midnight überwältigen den Hörer durch das so gekonnte Zusammenspiel der Protagonisten. Selbst wenn einige Übergänge in den Songs etwas abrupt wirken, es kann nicht die Magie der Songs an sich brechen.

Das Schlagzeug poltert recht simpel, die Gitarren halten sich von virtuosem Spiel fern – manchmal sind es nur angezerrte Akkorde, die durch einen Song leiten – und der Bass beschränkt sich hauptsächlich auf die Grundtöne. Völlige Reduktion, alles nur, um Sera Timms Stimme Platz zu bieten. Und wie sie ihn nutzt. Ihre raue, warme Stimme schwebt über der Musik, so dass wir endlich verstehen, warum IDES OF GEMINI ihre Musik Dream Doom nennen. Wenn sich jemand nur aufgrund ihrer Gesangsperformance ohne wenn und aber in diese Frau verliebt, es sei ihm oder ihr nicht zu verdenken. Langsam, rituell, wie Druiden lassen IDES OF GEMINI die Songs reifen, und sie reifen beim Hörer auch noch nach dem zehnten Hören. Dazwischen zeigt das Trio immer wieder die Zähne: Kurze eingestreute, grimmige Riffs, die schon fast im Black Metal liegen, lassen den Hörer aufhorchen, erzeugen ein weiteres Erschaudern, fallen aber nicht aus dem stilistischen Rahmen.

Das alles klingt ein wenig nach dem Debütalbum von A STORM OF LIGHT, es ist nur viel eingängiger, kompakter, homogener und mit einer viel besseren Stimme versehen. Constantinople vermeidet jegliche Länge, kein Lied dauert länger als sechs Minuten, Ballast gibt es keinen. IDES OF GEMINI mögen durch ihr Songwriting im ersten Moment wie blutige Anfänger wirken, aber das täuscht. Und dass man dieses Trio dadurch zu unterschätzen beginnen könnte, ist ein schwerer Fehler. Constantinople ist nämlich musikalisch wie textlich unglaublich gut geschrieben, voller Seele und Weitblick. Als würden sie die letzten Tage einer großen Dynastie einleiten, setzen IDES OF GEMINI mit biblischer Schwere und gerechtem, manchmal sogar martialischem Zorn zu einem durchaus diplomatischen Rundumschlag an. Kurz: Ich bin überwältigt.

Veröffentlichungstermin: 1. Juni 2012

Spielzeit: 42:10 Min.

Line-Up:
Sera Timms – Vocals, Bass
Jason Bennett – Guitars, Backup Vocals
Kelly Johnston – Drums, Backup Vocals

Produziert von IDES OF GEMINI
Label: Neurot Recordings

Homepage: http://www.idesofgemini.com

Mehr im Netz: http://www.facebook.com/IdesofgeminI

Tracklist:
1. The Vessel & The Stake
2. Starless Midnight
3. Slain In Spirit
4. Resurrectionists
5. One To Oneness
6. Reaping Golden
7. Austrian Windows
8. Martyrium
9. Old Believer