RIOT: Inishmore

Das Album enthält eine außergewöhnliche Mischung aus altmodischem Hardrock-Flair, technischem Speed Metal, Blues-lastigem Gesang und erstklassigen Lead-Gitarren. Obwohl die einzelnen Zutaten auf den ersten Blick vielleicht nicht zueinander passen, schaffen es RIOT sie zu einem einzigartigen, hammergeilen Stil zu verbinden.

Die Bandgeschichte von RIOT enthält so ziemlich alles, was das Musikgeschäft zu bieten hat: Abgesagte Tourneen, gefeuerte Manager, Ärger mit Major-Labeln und ein hoher Musikerverschleiß sind ein kleiner Auszug aus dem Bereich Pleiten, Pech und Pannen. Es grenzt an ein Wunder, dass Bandkopf Mark Reale nach nunmehr 30 bewegten Jahren immer noch aktiv ist. Aber auf der anderen Seite hatten RIOT mit Warrior wohl den ersten Speed Metal-Song der Welt (auf ihrem Debüt Rock City 1977) und traten 1980 erfolgreich beim ersten MONSTERS OF ROCK in Donnington auf. Sowohl Fire Down Under (1981) als auch Thundersteel (1988) sind Speed Metal-Klassiker, die beide an dieser Stelle ein Review verdient hätten.

Mein persönlicher Favorit ist allerdings das 1998 erschienene Album Inishmore. Der Silberling enthält eine ziemlich außergewöhnliche Mischung aus altmodischem Hardrock-Flair, technischem Speed Metal, Blues-lastigem Gesang und erstklassigen Lead-Gitarren. Obwohl die einzelnen Zutaten auf den ersten Blick vielleicht nicht zueinander passen, schaffen es RIOT sie zu einem einzigartigen, hammergeilen Stil zu verbinden.

Wenn man das Album zum ersten Mal hört, merkt man kaum, wie vertrackt die Musik tatsächlich ist. Denn zum einen bleiben die Saiteninstrumente auch bei den komplexen Teilen hochmelodiös und zum anderen zieht sich die charismatische Stimme von Mike DiMeo wie ein Roter Faden durch die Songs. Wie erwähnt ähnelt die Atmosphäre des Albums eher den Klassikern aus den 70ern als den hochtransparenten Produktionen neueren Datums. Die Gitarren klingen warm, der Bass voll und das Schlagzeug fast schon dumpf. Der unglaublich kräftige Gesang von Mike DiMeo passt folglich bestens ins Gesamtbild, auch wenn er definitiv nicht Speed Metal-typisch klingt (ganz im Gegensatz zu dem von Thundersteel-Sirene Tony Moore).

Die Leidenschaft, mit der die Band zu Werke geht, basiert auf dem sensationellen technischen Können des Quintetts. Das klingt zwar widersprüchlich, ist aber so. Denn nur durch die traumwandlerische Sicherheit im Umgang mit Gitarre, Bass, Schlagzeug und Stimme ist es möglich, jederzeit nach Belieben emotionale Nuancen in die dicht arrangierte Musik einzuflechten. Beim Gesang wird das am deutlichsten. Selbst große Höhen meistert Mike DiMeo mühelos. Aber auch die Gitarrenarbeit strotzt nur so vor Feeling. Und obwohl die Rhythmusgruppe hinsichtlich der Dynamik wenig Spielraum hat, wird trotzdem jeder Ton mit Bedacht und jedes Break mit erstaunlicher Kreativität gespielt.

Damit wäre ich auch beim letzten und entscheidenden Punkt angelangt: In Sachen Songwriting übertrifft Inishmore alle anderen RIOT-Alben und sucht im gesamten Metal-Bereich seinesgleichen! Während die meisten Bands stupide 16tel-Riffs spielen, bauen Mark Reale und Mike Flyntz ihre Stücke in erster Linie auf ausgefeilte und überwiegend zweistimmige Gitarrenleads auf, wobei sie ein Melodiegespür haben wie IRON MAIDEN zu ihren besten Zeiten!

Bereits das irisch angehauchte Intro Black Water weiß mit einem herrlichen Thema zu begeistern. Mit Angel Eyes folgt direkt im Anschluss der vielleicht beste RIOT-Song überhaupt. Atemberaubende Hochgeschwindigkeitsgitarrenarbeit trifft hier auf beseelten Gesang. Angetrieben wird das Ganze von Schlagzeug-Gott Bobby Jarzombek (später u.a. HALFORD), der mit Kraft und Präzision sein Drumkit bearbeitet. Scheinbar mühelos folgt er mit der Bassdrum den Gitarren und streut nebenher mit den Händen noch haufenweise Wirbel und Akzente ein.

An dieser Stelle muss ich darauf hinweisen, dass man Inishmore auf mindestens zwei unterschiedlichen Ebenen erleben kann. Wer spielerisches Können schätzt und Alben gerne daheim mit Kopfhörer anhört, wird permanent Details entdecken und die aberwitzigen Breaks bestaunen. Wer dagegen einfach nur vermeintlich altbackenen Metal hören will, wird von alledem wenig merken. Schließlich kann man bei Midtempo-Stücken wie Kings Are Falling und Watching The Signs problemlos mitgrölen und zu Speed Metal-Lieder der Marke Gypsy prima den Kopf schütteln. Denn obwohl Pete Perez und Bobby Jarzombek stellenweise ähnlich komplexe Passagen spielen wie bei SPASTIC INK, agieren sie stets songdienlich, was verblüffend und faszinierend zugleich ist.

Zum Abschluss seien noch zwei weitere Höhepunkte erwähnt: Der Uptempo-Track Turning The Hands Of Time ist nicht nur (zusammen mit Should I Run) der Beweis, dass auch Mike Flyntz mitreißende Lieder schreiben kann, sondern zeichnet sich zudem durch ein tolles Gitarrensolo aus. Weiterhin besticht die Nummer durch ein geschmackvolles Miteinander der Instrumente und Stimmen, die sich gegenseitig Platz zur optimalen Entfaltung lassen und nicht ständig alle gleichzeitig Vollgas geben. Beim abschließenden Titeltrack sind RIOT einmal mehr in Höchstform. Zu Beginn zeigt die Band sich von ihrer balladesken Seite, während in der zweiten (instrumentalen) Hälfte die Gitarren die Hörerschaft mit wunderschönen Melodien verzaubern. Wie schon beim Intro gibt es hier dezente irische Einflüsse, die der Band ausgezeichnet stehen.

Inishmore begeistert von Anfang bis Ende und gehört zu den wenigen Alben, die auch nach Jahren rein gar nichts von ihrem Reiz eingebüßt haben. Zugegeben, das Titelbild ist ziemlich unspektakulär ausgefallen. Andererseits, immerhin ist keine Robbe drauf!

PS: Der instrumentale Japan-Bonustrack Danny Boy (in Deutschland damals exklusiv auf einer EMP-CD-Beilage erschienen) ist kaum der Rede Wert. Die beiden etwas langsameren Stücke 15 Rivers und Red Reign von der ebenfalls nur in Japan erschienen Angel Eyes-EP sind dagegen ähnlich stark wie die Albumsongs und dementsprechend äußerst hörenswert!

Veröffentlichungstermin: 27.01.1998

Spielzeit: 51:21 Min.

Line-Up:
Mike DiMeo: Gesang

Mark Reale: Gitarre

Mike Flynth: Gitarre

Pete Perez: Bass

Bobby Jarzombek: Schlagzeug

Produziert von Mark Reale und Paul Orofino
Label: Metal Blade

Homepage: http://www.riotsweb.com

Tracklist:
1. Black Water

2. Angel Eyes

3. Liberty

4. Kings Are Falling

5. The Man

6. Watching The Signs

7. Should I Run

8. Cry For The Dying

9. Turning The Hands Of Time

10. Gypsy

11. Inishmore (Forsaken Heart)

12. Inishmore