RIOT: Zurück in die Zukunft II

RIOT: Zurück in die Zukunft II

Die Reunion zum 20-jährigen Jubiläum von Thundersteel ist nun auch schon ein paar Jahre her. Immer noch aktuell ist dagegen das neue Album Immortal Soul – mein persönliches CD-Highlight 2011! – sowie mein 10-jähriges Vampster-Jubiläum. Dazu gibt es jetzt eine Neuauflage meines ersten Interviews mit Gitarrist und Gründungsmitglied Mark Reale. Diesmal steht eine andere Besetzung im Vordergrund sowie allerlei Höhen und Tiefen der inzwischen 36-jährigen (!) Bandgeschichte.

Wie seid ihr das Songwriting für das neue Album Immortal Soul angegangen? Habt ihr von Anfang an vorgehabt, ein komplettes Album zu produzieren?

Immortal Soul ist letztlich der Nachfolger zu Thundersteel und The Privilege Of Power, nur halt 20 Jahre später! Der Sound des Thundersteel-Line-Ups hat einen hohen Wiedererkennungswert, und die neue CD hat dasselbe Feeling, den selben Klang – nur mit etwas mehr modernen Metal-Anwandlungen. Wir wussten, dass wir etwas Großartiges abliefern mussten, und ich habe das Gefühl, wir haben den Stil von vor 20 Jahren wieder eingefangen. Die songwriterischen und die spielerischen Fähigkeiten dieser Besetzung besaßen die gleiche Magie, wie wir sie damals bei den Aufnahmen der beiden Alben auch hatten. Wir waren von Anfang an darauf aus, ein komplettes Album abzuliefern.

Ein Hardrock-Gitarrist wird von einem Haufen abenteuerlustiger Musiker dazu überredet, aggressiven Heavy Metal zu spielen. Wie weit beschreibt dieser Satz die aktuelle RIOT-Besetzung?

Also nein, ich wurde zu nichts überredet. Ich liebe progressiven Metal genauso wie Hardrock, aber bei dieser Reunionsbesetzung müssen wir natürlich im Thundersteel-Stil komponieren und spielen. Jedes Line-Up hat seinen charakteristischen Klang, egal ob es jetzt die Sänger oder die Instrumentalisten sind, dementsprechend schreibe ich im Stil der jeweiligen Ära.

Wie kam es dazu, dass sich die Texte überwiegend um Krieg und Alkohol drehen?

Auf früheren Alben habe ich viel bei den Texten und Gesangslinien mitgeschrieben, auch bei Thundersteel und The Privilege Of Power, aber bei Immortal Soul hat Tony diesmal alle Texte und fast alle Gesangslinien verfasst. Da es sich um ein Comeback-Album handelt, hielten wir es für das Klügste, wenn wir alle in unserem jeweiligen Bereich die bestmögliche Leistung abliefern. Tony hat also die Demoaufnahmen der Stücke angehört und sich dann damit ausgetobt. Er lässt sich gerne mal von seiner persönlichen Welt, dem Leben und Gefühlen im Innern bezüglich des Weltgeschehens inspirieren. Man kann die Texte somit ruhig einmal genauer anschauen und ihre tiefere Bedeutung nachvollziehen.

Wie habt ihr es geschafft, angesichts der heutigen Aufnahmetechnik (Computergebastel, Pitch-Korrektur, Trigger usw.) den natürlich Bandsound zu bewahren?

RIOT waren schon immer stolz darauf, bei Aufnahmen und beim Abmischen nichts zu kaschieren. Am liebsten soll alles so natürlich wie möglich bleiben. Die Musiker in der Band sind allesamt gewillt, im Zweifelsfall so lange ihre Takes aufzunehmen, bis alles klappt. Die wissen alle, wie man mit ihrem Instrument umgeht. Bei den Möglichkeiten der Aufnahmetechnik wird man leicht faul, aber wir lassen es gerne so großartig wie möglich klingen, ohne dabei zu tricksen. Bruno Ravel war unser Produzent. Er ist wie wir einer von der alten Schule und wusste folglich, wo wir hin wollten.

Welche Raumtemperatur eignet sich am besten fürs Songwriting?

Keine Ahnung, was die optimale Temperatur angeht, aber ich bevorzuge es etwas wärmer, damit das Blut gut durch die Adern fließt! Besonders bei dieser progressiven Musik.

Habt ihr euch von alten RIOT-Alben inspirieren lassen?

Da es eine Thundersteel-Reunion war, wussten wir, dass wir etwas Ähnliches spielen würden. Harte, aggressive Musik mit schlüssigen Melodiebögen sind für diesen Sound wichtig. Wir haben quasi eine Art Formel fürs Songwriting und dazu einen Klang, den die Leute lieben. Don Van Stavern ist für viele der Riffs verantwortlich, die heavier klingen, während ich  starke Melodien mag. Don schrieb die meisten Songs auf Thundersteel, und man kann seinen typischen Stil auch auf Immortal Soul hören. Jeder hat auf dieser CD eine Spitzenleistung abgeliefert. Ich bin sehr stolz auf die Jungs und hätte es ohne sie sicher nicht geschafft. Wir mussten uns mit einem Killer-Album zurückmelden – und ich finde, dass uns das auch gelungen ist.

Wie wichtig ist körperliche Fitness, wenn man solche Musik spielt und aufnimmt?

Es hat tatsächlich viel damit zu tun, dass man geistig fit ist. Einige der Riffs sind eine ziemliche Herausforderung und halten einen ganz schön auf Trab. Man muss sich konzentrieren, um das bestmöglich umzusetzen. Physiologisch geht es wohl nur um die Beweglichkeit der Hände, die man locker und flink hält, indem man jede Menge Tonleitern übt, bis die Krämpfe verschwinden. Bobby muss bei seinem Drumming freilich topfit sein und Tony muss seine Kehle pflegen, um einige der hohen Noten zu singen.

Leider konntet ihr bei der jüngsten HAMMERFALL-Tour nicht dabei sein. Ich frage mich, welche Stücke ihr dort wohl gespielt hättet. Wie kommt bei euch die Setlist zustande?

Ja, wir waren verdrossen, dass wir die HAMMERFALL-Tour wegen Tonys akuter Zahnoperation nicht bestreiten konnten, aber es wird weitere Touren geben, die wir nicht absagen. Wir konzentrieren uns gerne zum größten Teil auf Material von dieser Besetzung, werden aber natürlich auch einige ältere Lieblingssongs spielen. Die meisten Liedwünsche betreffen die Fire Down Under-Ära sowie die Thundersteel-Ära. Wir spielen gewöhnlich ein paar Stücke von Thundersteel und The Privilege Of Power, dazu einige Sachen von Fire Down Under, Narita und Rock City sowie natürlich etwas von Immortal Soul. Tonys Gesangsstil passt besser zu diesen beiden Abschnitten der RIOT-Geschichte. Aber vielleicht gibt es auch einmal ein paar Überraschung.

Gibt es einige versteckte Juwelen in der RIOT-Diskographie, die du gerne einmal auf die Bühne bringen würdest?

Wir haben so viele Alben, von denen wir Lieder spielen können, aber wir versuchen uns auf die Zeit von Thundersteel und The Privilege Of Power zu konzentrieren. Trotzdem bemühen wir uns, die beliebtesten Songs unserer Karriere mit einzubauen. Wir sind gerade dabei, die alten Songs Fire Down Under, Road Racin` und Hard Lovin´ Man zusammen mit anderen Klassikern wie Swords And Tequila und Warrior einzustudieren.

Welche Stücke aus der Mike-DiMeo-Ära würden deiner Meinung nach zur aktuellen Besetzung passen?

Wir spielen eigentlich keine Sachen aus dieser Zeit. DiMeo war ein bluesiger Sänger, während Tony eher geradlinigen Metal singt. Wir halten es deshalb lieber mit dem aktuellen Stil plus eben diverse beliebte Oldies.

Notiert Bobby Jarzombek (immer noch) alle Schlagzeugsachen, die er spielt, auf Notenpaper? Wie findest du das?

Ja, er macht das immer noch! Wenn du solche Schlagzeugteile spielst, wie sie Bobby abliefert, würdest du das auch machen. Er bereitet gerne alles bis ins Detail vor fürs Studio und für die Bühne. Er ist eine Maschine und sehr auf sein Spiel bedacht. Deswegen hat er aus diesem Notationssystem eine Wissenschaft gemacht. Er macht das bei all seinen Bands wie HALFORD, FATES WARNING und SEBASTIAN BACH. Die Songs bekommen durch ihn eine weitere Dimension.

RIOT
RIOT 2012 (von links): Tony Moore (Gesang), Don Van Stavern (Bass), Mark Reale (Gitarre), Mike Flynth (Gitarre), Bobby Jarzombek (Schlagzeug)

RIOT stammen ja ursprünglich aus New York, lebten dann aber zwischenzeitlich auch in Los Angeles und Texas. Wo ist die Band heutzutage zu Hause?

Im Laufe der Jahre sind wir alle auseinandergezogen. Tony lebt in Los Angeles, Bobby und Don leben in Texas und Mike und ich sind immer noch in New York zu Hause. Komponieren und Proben wird dadurch schon zu einer Herausforderung, aber gewöhnlich erledigen wir alles Geschäftliche und die Proben in New York, wenn es darum geht ins Studio oder auf Tour zu gehen.

Was macht dich wütend? What is it going to take to make you riot?

Ein paar schlechte Entscheidungen beim Management haben uns zu Beginn der Karriere stark daran gehindert, die Band zu werden, zu der wir das Potenzial hatten. Wir hätten mehr Aufmerksamkeit neben den großen Metal-Bands unserer Generation bekommen können, wenn wir die Möglichkeit gehabt hätten, mit den Firmen zu arbeiten, die damals Interesse an uns zeigten. Aber mit dem neuen Management Rock4Success und dem Team von Labels, Agenten und Promotern an Bord, kommen wesentlich bessere Zeiten auf uns zu! Oh, und außerdem bin ich nicht so glücklich über all diese falschen Webseiten da draußen – die echte ist www.riotrockcity.com und www.facebook.com/riotrockcity.

Was gefällt dir am besten daran, ein Teil von RIOT zu sein?

Jede RIOT-Besetzung hatte gewisse Erfolge und unterhaltsame Momente, manche besser, manche schlechter. Es gab Höhen und Tiefen mit allen Line-Ups. Diese Band hatte es auf Fälle nicht leicht. Es ist schon alleine schön, nach all den Jahren immer noch zu spielen und ein Interesse an RIOT zu erleben. Ob du es glaubst oder nicht, jede einzelne Tour, die wir spielen, bereitet viel Freude. Solange man liebt, was man macht, wird man eine schöne Zeit haben beim Musizieren mit Leuten, die man mag, vor einem Publikum, das unsere Musik liebt – egal ob in großen oder kleinen Hallen. Die Fans sind eindeutig dafür verantwortlich, dass wir unsere Karriere fortsetzen. Zu den Höhepunkten zählen freilich das allererste Castle Donnington Monsters Of Rock-Festival, Port Vale mit OZZY und MOTÖRHEAD, unsere erste Tour mit SAMMY HAGAR, auf Tour sein mit KISS, die Black´n`Blue-Tour mit BLACK SABBATH und BLUE OYSTER CULT sowie zusammen mit Ritchie Blackmore und Randy Rhoads zu spielen. Aber auch die Wiedergeburt von RIOT mit Thundersteel 1988 und jetzt unsere Wiederauferstehung mit Immortal Soul sind spannend! Es ist immer berauschend, durch die Welt zu reisen und an exotischen Orten für Freunde und Fans zu spielen. Da schätzen wir uns glücklich. Ich bin entsprechend sehr zufrieden mit dem, was ich und RIOT bislang so alles erreicht haben!

Bandfoto: Plattenfirma

Jutze
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