HAKEN: Visions

HAKEN: Visions

Das habe ich jetzt davon, dass ich auf meinen Wunschzettel geschrieben habe:
– Schöne CD von DREAM THEATER
– Klon
Eigentlich wollte ich nur, dass der Weihnachtsmann mir eine richtig schöne CD von meiner ehemaligen Lieblingsprogband beschert; und dazu noch einen Klon, der für mich die ganzen Promos reviewt, die hier ständig eintrudeln. Leider gab es bei der Wunschzettelübertragung offenbar einen Formatierungsfehler. Jedenfalls blieben beide meine Wünsche unerfüllt. Stattdessen hat der Geschenkelieferant wohl gelesen: Schöne CD von DREAM THEATER-Klon. Das Album heißt Visions und stammt von der englischen Gruppe HAKEN.

Klar, die Musik besitzt eine gewisse Eigenständigkeit. Der Gesang ist weniger ausdrucksstark, dafür aber auch organischer in die Kompositionen eingewoben. Das Schlagzeug klingt weniger dominant und die Produktion wirkt wärmer und fülliger als die meisten DREAM THEATER-Werke. Und in ruhigeren Momenten klingen zudem die britischen Wurzeln von HAKEN durch, die Erinnerungen an Bands wie IQ wachwerden lassen.

Auf der anderen Seite gibt es die typischen Gitarrenriffs mit latentem Thrash-Feeling, krumme Takte, die sich an allen möglichen und unmöglichen Stellen dramatisch hochschaukeln, nur um dann in schwerfällige Dissonanzen überzugehen. Die eher düstere Grundstimmung wird allenthalben durchbrochen von flinken Gitarrenläufen und Breaks. Die Keyboards bewegen sich mit Klavierklängen, Streicherflächen und Soundexperimenten genau im Spannungsfeld von Kevin Moore und Jordan Rudess. Im Vergleich zur Schwemme an Traumtheaterkopien, die vor 15 Jahren auf den Markt drängten, sind HAKEN schon wieder ein bisschen anachronistisch. Welche Metalband nimmt sich heutzutage für einen Spannungsaufbau noch minutenlang Zeit? Und verzichtet auf Death-Metal-Gesang? Und paart Leadgitarren und Synthieskalen derart präzise?

Unterm Strich ist Visions zwar nicht die originellste Scheibe des Jahres, aber doch ein hörenswertes Album. Es ist natürlich nur für Leute geeignet, die die Musik nicht einfach nur nebenher hören, sondern voll und ganz in die Stücke eintauchen und bei jedem Hördurchgang neue Details entdecken wollen. So kulminiert der Progressive Metal beim überlangen Titeltrack (22 Minuten!) in ein Feuerwerk aus Gefühl, Technik, Härte und Stilvielfalt. Dank der Sextettbesetzung gibt dabei auch nie Klanglöcher. Bei aller Komplexität agieren HAKEN dabei durchaus songdienlich, so dass sich die CD wohltuend von den ganzen (gerne auch Instrumentalen) Frickeleskapaden anderer Progger abhebt (wobei mit Portals auch ein ausführliches Instrumental mit allerlei Fingerknotentonleitern vertreten ist). Hinzu kommt ein Gespür für ausgewogene Stimmungen – von gespenstisch bis fast schon fröhlich findet man alles, wobei die Übergänge schlüssig konzipiert wurden und den nötigen Raum haben, damit der Gesamteindruck nicht verworren wirkt. Besonders zurückhaltende Stücke wie Deathless profitieren von diesem Mut zur Ausführlichkeit. Denn hier übertrumpft die verträumte Atmosphäre klar die blank polierte Präzision des Traumtheaters (man denke nur an Wither). Also, wer PAIN OF SALVATION zu anstrengend und sperrig findet, sollte sich auf alle Fälle mit HAKEN beschäftigen.

Veröffentlichungstermin: 28.10.2011

Spielzeit: 71:33 Min.

Line-Up:

Ross Jennings: Gesang
Richard Henshall: Gitarre, Keyboard
Charlie Griffith: Gitarre
Diego Tejeida: Keyboard
Thomas Maclean: Bass
Raymond Hearne: Schlagzeug

Label: Sensory

Homepage: http://www.hakenmusic.com

Mehr im Netz: https://www.facebook.com/pages/HAKEN/102787549743

Tracklist:

1. Premonition
2. Nocturnal
3. Insomnia
4. The Mind`s Eye
5. Portals
6. Shapeshifter
7. Deathless
8. Visions

Jutze
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