GOREPHILIA: In the Eye of Nothing

GOREPHILIA: In the Eye of Nothing

Bereits mit ihrem letzten Album „Severed Monolith“ aus dem Jahre 2017 konnte mich GOREPHILIA nach einer gewissen „Einarbeitungs-Phase“ in die musikalische Welt der Finnen, nachhaltig begeistern und so war die Erwartung für den Nachfolger groß.

Allerdings sollte die Band bis zum Erscheinen des neuen Albums schwer geprüft werden. Der tragische Selbstmord von Sänger und Gründungs-Mitglied Henri „Henu“ Kuula im Dezember 2018 hat die Band natürlich schwer getroffen, aber man entschied sich weiterzumachen und Gitarrist Jukka übernahm zusätzlich die Vocals.

GOREPHILIA erschaffen Musik mit Bedeutung

Das klingt immer so leicht und nachvollziehbar, wenn man das liest „man entschied sich weiterzumachen“, aber ich kann mir nur schwer vorstellen, welche Konflikte jeder Einzelne und die Band als Ganzes in dieser Situation durchgemacht hat. Wenn ich das hier so schreibe, kommt es mir selber völlig unangebracht vor, so kurz über den Verlust eines Menschen zu reden, und dann einfach die neue Platte der übrig gebliebenen Band-Mitglieder zu bewerten. Wer selber in einer Band spielt, weiß, dass man in einer Band, wenn man wirklich Musik mit Bedeutung erschaffen möchte, nicht einfach nur zusammen Instrumente bedient, sondern einen Bereich seiner Seele miteinander teilt. Und wenn dann ein Stück dieser gemeinsamen Seele so plötzlich herausgerissen wird, und dann noch auf diese schlimmstmögliche Weise, ist es ein schwerer Prozess, zusammenzufinden und zu sehen, ob die Verbindung noch stark genug ist oder neu entstehen kann, um gemeinsam weiterzumachen. Bei GOREPHILIA war das Ergebnis dieses Prozesse, die Band am Leben zu halten. Und wenn man die neue Platte hört, war das die absolut richtige Entscheidung.

Nicht alles niederballern

Direkt mit dem ersten Track „Walls of Weeping Eyes“ ziehen uns GOREPHILIA direkt wieder tief in ihr ureigenes Death Metal-Universum aus groovendem Doublebass-Drum-Attacken, schrägen Riffs, unvermittelten Breaks, Blastbeats und in diese spezielle schräge Atmosphäre, wie sie offenbar nur Finnen zustande bekommen. Und dabei müssen sie gar nicht mal die ganz großen Geschütze auffahren und alles niederballern. Der Teufel steckt hier im Detail und daher kann es auch vorkommen, dass man die Platte beim ersten Nebenbei-Reinhören auf Youtube, während man gleichzeitig noch Nachrichten beantwortet, auf dem Handy noch ein Bild auf Instagram hochlädt und das Wetter checkt, als fast unspektakulär wahrnimmt, und zwar einfach deswegen, weil man nicht richtig zuhört. Weil die Platte einem nicht mit Anlauf in das Gesicht springt. Weil die Musik der Finnen das Kunststück vollbringt,  aus mehr Tiefe als Oberfläche zu bestehen. Weil man sich hier etwas erarbeiten muss, an dem man dann lange Freude haben wird. Also eigentlich genau das, was wir von Musik wollen.

GOREPHILIA erschaffen verdichtete Brutalität

Songs wie „Perpetual Procession“, die sich fast ausschließlich im vermeintlich „harmlosen“ Midtempo bewegen, erzeugen trotzdem durch die Eindringlichkeit der Riffs und die spezielle Atmosphäre einen Sog in die Dunkelheit, der dann eigentlich auch keine Auflösung in Blastbeat-Attacken oder ähnlichem braucht, um die volle Wirkung zu entfalten.

Man kann nicht von eigentlicher Reduktion sprechen, dafür sind Songs und Riffs einfach zu vielschichtig und anspruchsvoll, aber die Verweigerung der profanen Brutalität durch permanentes Geballer erschafft wiederum eine eigene Art der verdichteten Brutalität, die auf dem neuen Album noch klarer hervortritt. als auf der letzen Platte, was auch an der sehr aufgeräumten und im positiven Sinne differenzierten Produktion liegt.

„Not for the Weak“ mit seiner stampfenden Unruhe oder das im Kontext des Albums teilweise fast schon hektisch wirkende „Ark of the Undecipherale“ mit dem wunderbaren melodisch-disharmonischem Part in der Mitte, bilden hier die zwei Pole, zwischen denen die Finnen eine Reihe von fantastischen und gefangen nehmenden Death Metal-Kleinoden erschaffen haben, die eine ungefähre Vorstellung von dem repräsentieren könnten, was man bekommt, wenn man DEMILICH mit IMMOLATION kreuzt. Natürlich nur dann, wenn vorher die DNA-Stränge in schmerzhaften Operationen in einem viel-dimensionalen Raumschiff ohne Betäubung mit einem rostigen Küchenmesser entnommen wurden.

„In The Eye of Nothing“ ist ein echter Grower

Und obwohl die Stilmittel der Band im Einzelnen nicht wirklich außergewöhnlich oder innovativ sind, zeigt sich hier wieder einmal hervorragend, dass das Ganze immer mehr ist als die Summe der einzelnen Teile. Und das zusätzliche Etwas ist auch auf „In the Eye of Nothing“ zu finden, in der ganz eigenen Atmosphäre. Ohne den Death Metal als Genre zu verlassen und ohne eine vordergründiges Abfeuern von Sensationen, die dann aber doch nur Schauwerte bleiben, schafft es die Band, wie schon beim Vorgänger-Album, Musik von Bedeutung zu kreieren und einen echten Grower abzuliefern.

Wer das bisherige Schaffen der Band mochte, muss hier zugreifen. Wem KHTHONIIK CERVIIKS zu hektisch und SPECTRAL VOICE zu dumpf sind, der sollte hier ebenfalls dringend ein Ohr riskieren.

Release Date: 02.10.2020

Label: Dark Decent Records / Me Saco un Ojo

LINE-UP:

Tami Luukkonen – Bass
Jukka Aho – Guitars/Vocals
Kauko Kuusisalo – Drums
Pauli Gurko – Guitars

https://www.facebook.com/gorephilia

https://gorephilia.bandcamp.com/

GOREPHILIA „In The Eye of Nothing“ Tracklist

1. Walls of Weeping Eyes
2. Perpetual Procession
3. Ouroboran Labyrinth (Audio bei Youtube)
4. Devotion Upon the Worm
5. Consensus
6. Simplicity of Decay (Audio bei Bandcamp)
7. Not for the Weak
8. Death Dream
9. Ark of the Undecipherable