GLACIER: The Passing Of Time

GLACIER veröffentlichen 35 Jahre nach ihrer bisher einzigen EP Ihr Debütalbum und zeigen darauf, dass es sich hier keineswegs um eine Altherren-Veranstaltung handelt. Die wollen es echt nochmal wissen!

Widmen wir uns hier einem Kapitel aus dem Buch “Comebacks der obskureren Art”. GLACIER haben es in den Achtzigern gerade mal auf eine selbstbetitelte EP gebracht, welche 1985 erschien. Fünf Jahre später war dann erstmal Schluss. Michael Podrybau, seines Zeichens Sänger auf den drei Stücken der B-Seite besagter EP, gründete 2016 eine Tribute-Band mit dem Namen DEVIL IN DISGUISE und trat mit dieser 2017 auf dem KEEP IT TRUE auf. Ein Jahr später fasste man den Entschluss, die Band fortan unter dem Namen GLACIER fortzuführen. Die Reinkarnation von GLACIER enthält also streng genommen kein einziges Originalmitglied, immerhin aber den Sänger, der drei Fünftel der EP eingesungen hat. Alle anderen Musiker auf “The Passing Of Time” stießen in den letzten drei Jahren zur Band. Mit Loren Bates und Timm Proctor sind bei drei Songs aber immerhin der Schlagzeuger sowie der Bassist der selbstbetitelten EP zu hören.

Sinn oder Unsinn – braucht man so eine Reunion? – Die Antwort geben GLACIER mit “The Passing Of Time”

Über Sinn und Unsinn solcher Reunions, bei denen nur ein Originalmitglied am Start ist, kann man sicherlich streiten. Darum soll es hier aber nicht gehen, sondern um das erste Full-Length-Album der Band aus Oregon, welches nun 35 Jahre nach der EP und 41 Jahre nach der Bandgründung erscheint. Auf dem Cover finden wir, wie schon auf dem Cover der EP eine Hand mit einer Sanduhr. Nur dass die Hand 1985 noch außen am Fenster eines Kerkers erschien, aus dem eine andere Hand sich nach ihr streckte. Nun liegt die Hand mit der Sanduhr selbst in Ketten. Eine nette Verbeugung in Richtung der eigenen Vergangenheit.

Die EP gilt nicht zu Unrecht als einer der vielen verborgenen Schätze des US Power Metal. Die fünf Songs boten alles, was man an klassischem US Metal schätzt. Mal treibende, mal epische Songs, starker, hoher Gesang und tolle Gitarrenarbeit. GLACIER zählten zu den eher melodischen Genre-Vertretern und das setzt sich nun auch auf “The Passing Of Time” fort. Ein großer Unterschied ist sofort in Sachen Sound zu hören. Die EP hatte diesen typischen Sound kleinerer US Metal-Produktionen, während das neue Album da etwas “gewöhnlicher” klingt. Das ist aber nun überhaupt nicht negativ gemeint, denn “The Passing Of Time” klingt genau, wie ein traditionelles Metal-Album 2020 klingen sollte.

Michael Podrybau steht stimmlich auch mit 57 Jahren noch voll im Saft

Sänger Michael Podrybau ist trotz seiner 57 Jahre noch verdammt gut bei Stimme und hat den hohen, melodischen Gesang immer noch perfekt drauf. Klar, man hört seiner Stimmfärbung, die mich übrigens latent an Biff Byford erinnert, an, dass da kein Zwanzigjähriger singt, aber vom Stimmvolumen her ist der Mann noch voll da! Das neue Gitarrenduo Mike Maselbas und Marco Martell muss sich ebenfalls nicht verstecken und zaubert neben knackigen US Metal Riffs und starken Soli auch so manche an IRON MAIDEN erinnernde Harmonie aus den Saiten.

Los geht es mit der flotten Melodic Speed-Nummer “Eldest And Truest”. Nach dem Intro legen GLACIER hier einen treibenden und zugleich hochmelodischen Opener vor, bei dem das Gitarrengespann uns die Harmonien nur so um die Ohren haut. “Live For The Whip” hält das Tempo, legt sogar noch eine Schippe Heaviness drauf. Ein absolut klassischer US Metal-Headbanger mit coolen Gang-Shouts im Refrain. Dieser Song sowie “Sands Of Time” stammen noch aus den Achtzigern – da passt es ja, dass bei diesen Songs die beiden Ex-GLACIER-Musiker Loren Bates und Timm Proctor zu hören sind. Das balladesk beginnende, sich zum epischen Stampfer steigernde “Sands Of Time” gehört ganz klar zu den stärksten Songs des Albums. Podrybaus Gesang in den Strophen ist schon verdammt mitreißend und sollte jedes Metal-Heart erweichen. Selbiges gilt für den Uptempo-Galopper “Infidel”, bei dem Bates und Proctor sich abermals die Ehre geben.

Operation Comeback ist geglückt – “The Passing Of Time” sollte den US Metal-Fans gefallen

Mit “The Passing Of Time” ist GLACIER ein gelungenes Comeback geglückt, da ändern auch ein oder zwei nicht ganz so zwingende Stücke nichts dran. Das Album klingt zu keiner Sekunde nach einer Altherren-Veranstaltung, man spürt einfach, dass die Band es nochmal wissen will und einfach Bock auf Metal hat. Fans von melodischem US Power Metal müssen hier auf jeden Fall ran, egal ob man die EP nun kennt oder nicht. In dieser Form dürfen gerne noch weitere Alben folgen. No Remorse Records haben dieses Jahr echt einen Lauf, das muss man ihnen lassen. Unter den ganzen ausgebuddelten US Metal-Truppen war bisher kein Rohrkrepierer dabei.

Veröffentlichungsdatum: 30.10.2020

Spielzeit: 40:11

Line Up:
Michael Podrybau – lead vocals
Mike Maselbas – guitar
Marco Martell – guitar, vocals
Alex Barrios – bass
Adam Kopecky – drums

Label: No Remorse Records

Bandhomepage: https://www.glaciermetal.com/
Facebook: https://www.facebook.com/GlacierMetal
Bandcamp: https://glaciermetal.bandcamp.com/

GLACIER „The Passing Of Time“ Tracklist

1. Eldest and Truest (5:07) (Lyric-Video bei YouTube)
2. Live for the Whip (4:02)
3. Ride Out (4:52)
4. Sands of Time (5:39)
5. Valor (5:12)
6. Into the Night (4:32)
7. Infidel (4:14)
8. The Temple and the Tomb (6:32)