EUROPE: Come this Madness

Die Frage, wer EUROPE anno 2026 noch braucht, beantwortet die Band einfach auf ihre Art: Sie beanspruchen mit „Come to Madness“ den Thron des melodischen Hard Rock für sich. Komplett selbstsicher mischen sie Catchyness mit Classic Rock und klingen dabei frischer als mancher Newcomer.

Schreit es in alle Friseursalons und Karaokebars: EUROPE sind wieder da! Die beste Boyband der 80er-Jahre, die uns diesen einen Hit – wie hieß er doch noch gleich? – beschert hat, den mit den Keyboard-Fanfaren. Seien wir ehrlich: Sie galten schon in ihrer Glanzzeit als ein wenig cringe, auch wenn man das damals noch nicht so genannt hat.

Meine Güte, was sahen wir bescheuert aus!

Da war dieser hübsche Sänger mit der wallenden Föhnfrisur-Mähne (der eine der besten Stimmen im Hardrock hatte, just saying), da waren cremefarbene Hemden in Seidenoptik, große weiße Schalkragen, Rüschen und Volants, BRAVO-Starschnitte und manche Songs, die dezent cheesy waren. Ja, auch großartig. Aber eben auch cheesy.

Und schon haben wir das Klischee. Ihrem Ruf half es vielleicht ebenfalls nicht, dass sie auf ihren erfolgreichsten Alben konsequent auf große Hooks und eingängige Melodien setzten, während andere Bands stärker um Erdigkeit bemüht waren. EUROPE ließen den Hard Rock ein wenig melodischer und fließender klingen – sehr europäisch eben. Wenn wir bei den Schweden von einem ABBA-Gen sprechen, ist das vielleicht gar nicht grundsätzlich falsch.

Meine Güte, was sahen wir bescheuert aus! Auch ich hatte durchaus eine Phase, in der ich diesen Stil nachzuahmen versuchte – wenn auch in den frühen 90ern, zu einer Zeit, als er auf der Peinlichkeitsskala jedes Fieberthermometer zum Platzen gebracht hätte.

Das Problem, dass ich keine bunten Rüschen- und Seidenhemden besaß, löste ich ganz elegant, indem ich mich einfach an Omas Schrank bediente und die Beute mit meiner teuren Kunstlederhose kombinierte. So bin ich dann durch die ostdeutsche Kleinstadt stolziert. Und die Frage, ob ich damit bei den Mädchen meiner Klassenstufe Eindruck schinden konnte, lässt sich laut lachend auf dem Boden liegend und mit einem Erstickungsanfall beantworten.

Man kann sich EUROPE auch anders nähern …

Aber man kann sich EUROPE natürlich auch anders nähern. Als Pioniere des Melodic Metal mit Alben wie „Wings of Tomorrow“. Als Musiker mit beachtlicher Virtuosität in Gesang, Gitarrenspiel und Songwriting. Als Band der großen Melodiebögen, die Sehnsucht und Pathos miteinander verband – wenn auch manchmal mit einer leichten Neigung zum Kitsch. Und als Band, die es ganz selbstverständlich verstand, Keyboards mit eleganten Gitarrenriffs und Soli zu verweben.

Bei EUROPE standen die großen, zuweilen poppigen Melodien nie im Gegensatz zum Hard Rock. Sie waren eben – schon wieder dieser Vergleich! – die ABBA des Hard Rock. Und es stimmt ja auch: Zuweilen kippte das ins Cheesige und bescherte einem so manchen klebrigen Skipmoment. Die Ballade „Carrie“ mit ihrem flehend-wimmernden Refrain, immerhin ein Top-3-Hit in den USA, kann ich mir nach wie vor nicht anhören.

Fragt man Gitarrist John Norum nach seinen Vorbildern, fallen Namen wie DEEP PURPLE, UFO oder LED ZEPPELIN. Und so fanden, nach einer Phase der Unsicherheit, in der EUROPE mit ihrer eigenen Rolle haderten, spätestens auf Alben wie „Last Look at Eden“ (2009) und „Bag of Bones“ (2012) auch Blues und Classic Rock wieder stärker Eingang in ihren Sound.

Die Band klang erdiger und rauer, zugleich wieder deutlich heavier. Weniger geschniegelt, weniger auf Hochglanz produziert – und vor allem: weniger anschmiegsam.

Mirko! Höre ich nun schon wieder die mahnenden Stimmen aus der Redaktion? Mirko! Du hast hier schon wieder 8.000 Zeichen geschrieben, aber noch kein Wort zur neuen Platte. Wie weit sollen wir denn noch runterscrollen, um endlich zu erfahren, ob das neue Album etwas taugt? Fair Point, gebe ich zu.

EUROPE musizieren fast in Originalbesetzung

Kürzen wir die Sache also ab (hahaha!) und kommen zu den harten Fakten. „Come This Madness“ ist das zwölfte Studioalbum der Schweden und das erste EUROPE-Werk seit „Walk the Earth“ von 2017. Und trotz der langen Pause musizieren sie in der Besetzung, die auch „The Final Countdown“ von 1986 aufgenommen hat: Joey Tempest, John Norum, John Levén, Mic Michaeli und Ian Haugland.
Produziert hat das Album Tom Dalgety, der eher aus anderen Kontexten bekannt ist. Seine Referenzen lauten GHOST, RAMMSTEIN, THE CULT oder auch die Indiehelden PIXIES.

Die Frage „Wer braucht EUROPE noch im Jahr 2026?“ würde ich vielleicht ein wenig anders formulieren: Sind sie die vielleicht beste europäische Band des melodischen Hardrock? Denn hier musiziert hörbar eine Band, die um ihre Qualitäten weiß. Eine Band, die selbstsicher genau das macht, worauf sie Bock hat, und einen – pardon! – Fick darauf gibt, ob irgendein Kritiker oder Spötter das vielleicht cringy finden könnte. Und die nicht einfach einen Platz in den hinteren Reihen beansprucht, sondern weiß, dass sie auf dem Thron sitzt.

Und die ein Album vorlegt, das nicht nur frisch klingt, sondern bei dem in jeder Note zu hören ist, wie viel Sorgfalt und Detailliebe darin steckt. Das hier ist kein Album aus der Kategorie: „Na ja, für ein Alterswerk klingt das noch ganz gebräuchlich.“ Das ist eher eines aus der Kategorie: „Hat die Band eigentlich jemals besser geklungen?“

Wieder mehr 80s-Reminiszenen

Auf „Come This Madness“ wählen die Schweden einen Mittelweg zwischen ihrer 80s-Catchyness und den erdigeren Momenten von „Bag of Bones“. Die Classic-Rock-Anmutung ist da, getragen von Norums kraftvollem, riffbetontem Spiel und den hardrockigen Grooves. Da streut er im Titelsong auch schon einmal ein bluesiges Gitarrensolo ein. Und ja, der Sound auf dem Album ist poliert. Aber durchaus in den richtigen Momenten kraftvoll und groovy. Hinzu kommen gelegentliche Ausflüge in Prog und Bombast Rock, die hier sehr dezent unter der Oberfläche der eingängigen Nummern versteckt sind.

„One on One“ ist der Opener. Wir werden mit einem bombastischen, aber kurzen Streicherintro in das Album hineingeführt, bis John Levéns Bass mit einem markanten, fast holzig sich windenden Bassmotiv übernimmt. Dann legt sich dezent ein Keyboardteppich darunter, bevor die Gitarre hinzuschaltet und das Bassmotiv aufnimmt.

„I’ve been missing you“, singt Tempest, „And it’s only been a day or two / I guess Amsterdam / Is getting the best of you.“ Ein Song über Sehnsucht und eine Liebe, die trotz der räumlichen Trennung ganz gegenwärtig ist. „I wanna hear your voice again / Your laughter when I tell you stories of how we met“, heißt es später. Und schließlich: „This boy can love you better yet.“ Hier haben wir einen gereiften Blick auf eine Beziehung, die schon eine gemeinsame Geschichte hat – und trotzdem nichts von ihrer Sehnsucht verloren. Man erinnert sich an das Kennenlernen, vermisst das Lachen des anderen und weiß offenbar ziemlich genau, was man aneinander hat.

Erstaunlich ernste Untertöne

Bereits die nächsten beiden Songs zeigen, dass der Grundton durchaus ein ernster ist – und sogar einen dezenten politischen Unterton hat. Nein, wir müssen uns keine Sorgen machen, dass EUROPE nun plötzlich zur Punkband mutieren. Man bleibt doch recht allgemein. Aber der Blick auf die weltpolitische Lage ist ein besorgter.

„The Cult of Ignorance“ ist eine lässig groovende Hardrock-Nummer. „Wie haben sie deinen Stolz, wie haben sie dein Herz bekommen? Jetzt warten wir nur noch darauf, dass diese Welt auseinanderbricht“, fragt Tempest. Es geht um eine Welt, in der Realität zur Lüge und Wahrheit zum Ärgernis erklärt wird, während Neugier und Logik keinen Platz mehr haben. „Nicht fragen, nicht denken, einfach fühlen, einfach schreien“, heißt es später.

Und dann kommt der Titelsong. „Come This Madness“ ist musikalisch zunächst ein klassischer, riffbetonter EUROPE-Rocker mit ordentlich Keyboardwucht, bevor sich der Song immer weiter öffnet. Inhaltlich wird es noch deutlicher: „Come this madness no more“ – lass diesen Wahnsinn nicht länger zu. Tempest singt von einer Welt, in der die Stimmen der Ränder zu viel Gewicht bekommen und der moralische Kompass völlig verrücktspielt.

Nur präsentieren uns die Schweden in beiden Songs Refrains, die so unverschämt in Richtung 80s-Stadionrock schielen, wie es bei ihnen vielleicht länger nicht der Fall war. Man hält der Bitterkeit der Welt ein Stück Zartbitterschokolade entgegen. Der Refrain von „Come This Madness“ macht das besonders deutlich: Die Stimmen sind übereinandergeschichtet und breit produziert, mit diesem typischen 80s-Chorus-Effekt. Im Unterton klingt das sogar leicht aggressiv, wird aber mit maximal großer Geste vorgetragen und hat Mitsingpotential.

Das ganz große Panorama

Natürlich scheuen EUROPE auch die Ballade nicht, die – wie sollte es anders sein? – ebenfalls mit großer Geste vorgetragen wird. „This Time of Year“ kommt mit warmen, leicht melancholischen Keyboards daher, durchaus ein wenig nostalgisch klingend. Das Piano trägt zunächst den Song, während der besungene Fall des Schnees von hellen, fast rieselnden Harmonien begleitet wird. Norums Solo ist harmonisch und komplett melodieverliebt.

Und der Refrain? Macht mit großen, hymnischen Melodiebögen das maximal mögliche Panorama auf. Klar, EUROPE waren selten Autorenkino mit Gesichtern in Nahaufnahme. Sie sind schon eher auf überwältigende Bilder aus, die auf der ganz großen Leinwand funktionieren. Ist das zuweilen cheesy? Natürlich, sehr sogar. Aber wer beschwert sich bitte, wenn er einen Käsekuchen geschenkt bekommt?

Pathos trägt auch der melancholische Rocker „In a Different World“ in sich, eine besorgte Hymne an die Zukunft – und damit, haha, schon auch ein thematischer Zwilling von „The Final Countdown“, über den sich nun aber ein dunkler Schatten gelegt hat.

„Hier treffen wir uns also wieder, in einer anderen Welt; wir haben uns irgendwie durchgekämpft“, singt Tempest in einem Refrain, der eher sanft umschmeichelt. Dazu klingen die Gitarren erstaunlich lebendig und beweglich, Norum spielt mit elegantem Ton und viel Gefühl. Sein Solo beginnt fast schwebend und mit einem Hauch psychedelischer Atmosphäre – da darf man kurz an PINK FLOYD denken –, bevor der Schwede die Gitarre wieder etwas kräftiger sprechen lässt.

Die einzelnen Momente sind gut ausbalanciert

Was gerade im Kontrast zu den 80s-Alben auffällt, ist, wie kunstvoll und gekonnt EUROPE hier die einzelnen Elemente ihres Sounds ineinander weben. Wo manch süßliche Melodie ins Kitschige abzugleiten droht, wird sie mit erdigem, überraschend lebendigem Classic Rock geerdet. Im epischen „The Angels Must Have Flown“ kann dieser die Melancholie dann auch schon einmal mit breitbeinigen Riffs begleiten, während orchestrale Momente einen Kontrast setzen und sich der Prechorus sanft ins Ohr schmeichelt.

Hinzu kommen die fast durchgehend melodischen Soli, die zeigen, dass Norum zu den besten seines Fachs zählt. Die Keyboards sind präsent, aber reich an Klangfarben und Nuancen – mal tragen sie die Melodie, mal schaffen sie Atmosphäre, mal duellieren sie sich mit der Gitarre.

So klingt die vorab ausgekoppelte Single „Scandinavian Eyes“ in der Strophe fast wie eine Hommage an DEEP PURPLE, mit verschlungenen Riffs und Hammond-Orgel, während der Refrain dann wiederum die typische EUROPE-Catchyness mit großen Melodiebögen beschwört. Das flott galoppierende „Takin’ It Back“ eröffnet mit melodischen Leadgitarren, die den Geist von THIN LIZZY heraufbeschwören, bis sich die Band ins schnellere Tempo schraubt und einen straighten Heavy Rocker aufs Parkett legt. Der Bass pulsiert nervös und mit leicht gegenläufigen Bewegungen unter den Gitarren, während sich Norum und Michaeli im Instrumentalteil ein kleines Duell liefern.

Mit süßen Harmonien werden wir aus dem Album entlassen

Dass Joey Tempest, der noch immer erstaunlich jugendlich aussieht, auch mit 63 Jahren noch ein Unterschiedssänger ist, der mit sanftem und hellem Timbre ebenso zu überzeugen weiß wie mit raueren, raspeligen Lagen, ist ein Fakt. Seine Stimme ist gut gealtert und passt in ihrer raueren Anmutung hervorragend zu den erdigeren Seiten von EUROPE.

Dabei versteht es die Band durchaus, auch neue Momente zu zeigen. „Nothing Can Follow This“ beginnt zunächst zurückgenommen, bevor sich eine orientalisch anmutende Gitarrenfigur in die zunehmend dramatische Nummer schiebt und sich die Spannung langsam aufbaut.

Ein epischer, fast proggiger Track, der elegant geschwungene Gesangsmelodien mit schwer reitenden und zugleich melodischen Gitarrenriffs verbindet. Dazu kommen immer wieder orchestrale Farbtupfer, bevor sich der Song schließlich in einen großen, beinahe überwältigenden Schluss steigert. Der Song fängt einen hoffnungsvollen, schönen Moment des gemeinsamen Miteinanders ein, in dem sich die ganze Welt offenbart. Natürlich entlassen uns EUROPE mit pathetischen Harmonien und großer Geste aus dem Album – kitschig! Und doch so schön!

Spielzeit: 41:00

Veröffentlichungsdatum: 25. September 2026

Label: Silver Lining Music / Hell & Back Recordings

Offizielle EUROPE-Webseite: https://www.europetheband.com/

Line-up
Joey Tempest – Gesang, zusätzlich etwas Keyboard
John Norum – Gitarren, Backing Vocals
John Levén – Bass
Mic Michaeli – Keyboards, Piano/Synthesizer, Backing Vocals
Ian Haugland – Schlagzeug, Percussion

EUROPE „Come This Madness“ Tracklist

1. One on One (Video bei YouTube)
2. The Cult of Ignorance (Video bei YouTube)
3. Come This Madness (Video bei YouTube)
4. This Time of Year
5. In a Different World
6. Scandinavian Eyes (Video bei YouTube)
7. Takin’ It Back
8. In the Absence of Grace
9. The Angels Must Have Flown
10. The Devil’s Back
11. Nothing Can Follow This