CRÉPUSCULE D’HIVER: Par-Delà Noireglaces et Brumes-Sinistres

CRÉPUSCULE D’HIVER: Par-Delà Noireglaces et Brumes-Sinistres

Ich habe nie verstanden, wieso der Hang zum Eskapismus bei sich „politisch“ schimpfenden Menschen ein Argument gegen die Metal-Szene sein soll. Es ist doch nur vernünftig, hin und wieder zu entfliehen aus einer Welt, die in ihren Grundstrukturen so verrottet ist, dass sie nun schon seit Jahrzehnten zielstrebig auf den Abgrund zudriftet. Ein Mann namens „Stuurm“ aus Frankreich weiß das und lädt mit seinem Projekt CREPUSCULE D’HIVER nicht nur zu einer Flucht ins tiefste Mittelalter voller Burgen und so ein, sondern, gesetzt den Fall, ihr seid in den 90ern aufgewachsen, mitten hinein in eine Jugend aus epischen Synthesizer-Melodien und Warcraft II.

Aber ist das jetzt besser? Machen wir den Vergleich: Neuzeit – SARS-Cov-2. Mittelalter – Pest. Mein Leben mit 38 – ziemlich gut, hab eigentlich alles, was ich brauche, danke der Nachfrage. Mein Leben mit 16 – ach du Scheiße. Nein, bei Licht betrachtet bringt mir die Flucht gar nichts! Gebe ich der Verlockung trotzdem nach? Klar, denn CREPUSCULE D’HIVER macht einfach zu viel Spaß. Hier ist es jemandem tatsächlich mal gelungen, die beiden Verwandten Dungeon Synth und Black Metal zu einem harmonischen Ganzen zu vereinen und überlange Stücke zu komponieren, die dich ohne viel Federlesens in die Rüstung eines schwarzen Ritters und auf den Rücken eines noch viel schwärzeren Pferdes katapultieren. Geil.

Eine stimmige und gnadenlos nostalgische Melange aus Dungeon Synth und Black Metal

Pate standen die Größen des norwegischen Mittelalter-Black-Metals der 90er Jahre, und Stuurm hat an alles gedacht: den Old-School-Sound, das knarzige Krächzen, die dezent schief singende Gastsängerin, das bezaubernde Artwork (es gibt ein auf 50 Stück limitiertes Boxset, das unfassbar schön aussieht!)… nur die norwegische Sprache fehlt und vielleicht die Originalität, wenngleich ich sagen muss, dass mir – wie gesagt – einer derart konsequente und stimmige Melange aus Dungeon Synth und Black Metal bisher noch nicht untergekommen ist.

Vielleicht fehlen auch ein wenig die ganz großen Hits, und das Album ist natürlich viel zu lang, aber es läuft trotzdem oft bei mir, denn es handelt sich um einen echten Grower: Immer wieder entpuppen sich einzelne Passagen plötzlich als Ohrwürmer, das verspielt-simple Schlagzeug löst gemeinsam mit den Synthies nostalgische Freudenstürme aus, und die im Artwork anklingende Atmosphäre ist musikalisch einfach hervorragend rund umgesetzt. Dieser Geheimtipp für alle, die in den 90ern hängengeblieben sind, sollte keiner bleiben!

Veröffentlichung am 25.09.2020 auf Les acteurs de l’hombre

Spielzeit: 69:22 Min.

CRÉPUSCULE D´HIVER „Par-Delà Noireglaces et Brumes-Sinistres“ Tracklist

01 Que la gloire soit notre !
02 Le sang sur ma lame
03 Héraut de l’infamie
04 Tyran de la tour immaculée
05 Le souffle de la guerre (Lyric-Video bei YouTube)
06 Les larmes d’un spectre vagabond
07 Par – delà noireglaces et brumes – sinistres

Andreas Holz
Andreas ist mit vampster und Metal großgeworden, liebt Wald- und Wiesenmusik und dreckigen Punk und alles, was dazugehört (Whisky, Wanderschuhe und ein kaltes Bier in dunklen Kellern z.B.), und schreibt und singt und kämpft für das Wahre, Gute und Schöne.