THE GATHERING: 30. November 2004, Hirsch Nürnberg

THE GATHERING: 30. November 2004, Hirsch Nürnberg

Uiii, die ist ja schwanger!. Der gestandene Metaller neben mir kriegt tellergroße Augen, als Anneke van Giersbergen im gutbesuchten Hirsch lächelnd auf die Bühne schlappt. Jawohl: THE GATHERING aus Holland sind sogar dann auf Tour, wenn ihre Frontfrau und Leadsängerin im sechsten Monat ist.

Gestartet im Death Metal-Boom der frühen 90er Jahre, avancierte die unermüdlich tourende Truppe um die Brüder Hans und René Rutten schnell zu einem Aushängeschild des noch jungen Gothic Metal, um Ende der 90er über den Notausgang Folk die selbstgewählte Schublade TripRock aufzuziehen. Das Kunststück: Trotz dieser abenteuerlichen Entwicklung zieht sich ein konstanter roter Faden durch alle Schaffensphasen. So vereinen The Gathering heute die besten Momente von PINK FLOYD, PORTISHEAD und FATES WARNING – und dürften eine der wenigen Bands sein, die sowohl mit MASSIVE ATTACK als auch mit MORBID ANGEL auf Tour gehen könnten.

Mit sagenhafter Leichtigkeit treffen hier progressive Arrangements auf trancige Elemente und eine erfrischend unkonventionelle Performance. Wo eben noch Meereswellen aus den Boxen rollen, reißt schon im nächsten Augenblick ein kerniges Gitarrenriff mit. Sphärische Drum-Loops zu psychedelisch-wabernden Keyboards werden von knackigen Double-Bass-Attacken abgelöst, die sogar die Gothicjünger im Publikum zum Headbangen animieren. Besser geht´s eigentlich kaum.

Als sich die zierliche Sängerin mit der klaren, kräftigen Stimme im Hirsch schließlich selbst eine Gitarre vor den kugelrunden Bauch schnallt und amtlich losrockt, ist das Eis endgültig gebrochen. Herrschaftszeiten ist das eine gute Band! Da ist man einen Augenblick lang tatsächlich versucht, seinen vor vielen Jahren an der Biegung des Flusses begrabenen Missionarseifer zu exhumieren und gleich am nächsten Tag sämtliche Bekannte abzutelefonieren, um ihnen vom Versäumten vorzuschwärmen und im gleichen Atemzug anzubieten, etwas von dieser Ausnahmeformation aufzunehmen. Ganz großes Kino!

gnadiator
Stef (aka “gnadiator”) steuert seit 2002 immer wieder Konzertberichte, Interviews, Reviews oder Filmkritiken bei.