SUNN o))) und EAGLE TWIN am 18. Oktober im Feierwerk/Hansa 39, München

Ohrenbetäubend laut, bewusstseinserweiternd, langweilig, brillant und echt einmalig.

Langsam aber sicher wird es nach dem Mini-Winter ein paar Tage zuvor, wieder etwas freundlicher und wärmer. Aber es ist noch kalt und bewölkt genug, um lieber im Warmen drinnen zu warten, als draußen sich die Beine in den Bauch zu stehen. SUNN o))) sind in München mit zweistündiger Verspätung eingetroffen, beim Soundcheck wird das Stromnetz des Clubs wohl an den Rand des Machbaren geführt und die Leute müssen Geduld haben. Es ist kurz vor neun, als sich die Pforten des Hansa 39 endlich öffnen und wir eintreten können, am meisten freuen sich aber darüber die Leute, die im Vorraum keinen Platz gefunden haben und arg erfroren wirken. Denn die vierhundert wartenden Konzertbesucher passen ja gerade Mal in die große Halle des Feierwerks. Wenn SUNN o))) auf eine ihrer raren Touren gehen, dieses Mal um den Geniestreich “Monoliths & Dimensions” zu feiern, dann kommen sie alle.

Black Metaller, Doom Metal-Freunde, Grunge-Generation, Ambient-Fans, von achtzehn bis weit über fünfzig, das Publikum ist so bunt gemischt wie selten. Und doch sind sich die meisten Anwesenden einig, EAGLE TWIN, die um kurz nach halb zehn die mit Boxen nur so zugestellte Bühne betreten, bieten schweren Stoff. Einerseits, weil der avantgardistische Doom mit dem unbedingtem Willen zur Improvisation gesegnet und nicht wirklich leicht verdaulich ist, andererseits, weil diese zwei Jungs so verflucht heavy spielen, dass nicht wenige begeistert mitbangen, zumindest bei den strukturierteren Teilen des Sets. Denn trotz dem Vorhaben, die Songs vom wahnsinnig guten Debütalbum “The Unkindness Of Crows” ein wenig zu bearbeiten, EAGLE TWIN übertreiben es nicht. Mit “Crow Hymn” gibt es dennoch erstmal eine Viertelstunde bizarren Materials zu hören, das live noch intensiver wirkt, als auf Platte. Überhaupt, EAGLE TWIN wirken auf der Bühne auch noch mehr wie aus einem Guss, “Carry On, King Of Carrion” ist live weniger als EARTH-Hommage zu verstehen, denn als nächster Schritt in Richtung der spirituellen Beschwörung von Tiergeistern.

Und die wird so voller Hingabe zelebriert, dass Schlagzeuger Tyler Smith folgendes zerstört: Mindestens fünf Sticks, das Fell einer Standtom, das Resonanzfell (!!!) seiner Snaredrum und das Fell seiner Bassdrum. Sänger und Gitarrist Gentry fragt das Publikum, ob nicht zufällig jemand eine Bassdrum dabei hat, und wie im Cartoon meldet sich jemand. Dass einem schlagfertigen Menschen wie Gentry hierzu nichts mehr einfällt, verwundert nicht. Der Austausch der Bassdrum geht dann schnell vonstatten, so lange zeigt Gentry viel von seinem Humor und Charme und schließlich geht es mit den beiden Tracks “Murderer Of…”, das fließend in “And It Came To Pass That Birds Rain Down As Black Snakes” übergeht, dem Ende entgegen. Jammerschade, dass nach diesen höchst intensiven fünfundvierzig Minuten schon Schluss ist, aber dieses sympathische Gespann mit seiner tiefgründigen Musik, hat bei dem überraschend offenem Publikum zumindest viele neue Freunde gefunden.

Setlist EAGLE TWIN:
Crow Hymn
Carry On, King Of Carrion
Murderer Of…
And It Came To Pass That Birds Rain Down As Black Snakes

Es dauert einige Zeit, bis SUNN o))) sich auf die Bühne bequemen. Eingeräuchert von einer riesigen Menge Nebel läuft erst sehr dezenter, gar nicht mal so schlechter Trance und dann Ambient, so dass wir eine halbe Stunde lang glauben, das Intro läuft schon. Um 23:00 Uhr stehen dann zwei Männer namens Greg Anderson und Stephen O´Malley in ihren Umhängen auf der Bühne. Dahinter, zwischen den acht Marshall-Boxen und zwei Ampeg-Türmen sitzt Keyboarder Steve Moore von EARTH, der abseits der Bühne eher der freundliche Hippie von nebenan ist. SUNN o))) spielen keine Songs, sie improvisieren neunzig Minuten lang in einer irren Lautstärke. Die Haarspitzen kitzeln, die Hose zittert, meine Freundin berichtet mir, dass ihre Zähne wackeln. Das Dröhnen ist so laut, dass ich jedem den imaginären Vogel zeige, der ohne Gehörschutz rumrennt, und ich glaube, das waren zum Glück nicht viele.

Ungefähr fünfzehn Minuten später betritt Attila Csihar die Bühne. Seine Stimme geht in dem Gedröhne nicht unter, aber als er die ersten Töne von “Agharta” von “Monoliths & Dimensions” anstimmt fällt auf, dass diese Musik eigentlich ins Wohnzimmer gehört, mit Kopfhörer und einer Sitzgelegenheit. Auch seine Stimme ist ein wenig enttäuschend. Langsam stehen wir uns die Beine in den Bauch, irgendwie geht nichts wirklich vorwärts, es ist teilweise einfach nur laut. Das ist das zweite Stadium des SUNN o)))-Konzertes, zuerst war es Verblüffung, dann Langeweile. Außerdem weiß niemand, welcher Song gerade gespielt wird, ich meine ein paar Töne von “Domkirke” und “White 2” zu erkennen, aber das ist nebensächlich. Erst als Steve Moore die Posaune erklingen lässt und Attila im Anschluss alleine einen Acapella-Chor erklingen lässt, ist sie zu spüren, die Klasse von SUNN o))). Es beginnt der zweite Akt des knapp anderthalbstündigen Konzertes, Attila ist wieder weg, die Faszination voll da und ich stehe in mitten der Menschenmenge, die sich völlig surreal teilweise sogar zu den “Rhythmen” bewegt. Es wird immer intensiver, die Rechnung von SUNN o))) geht auf, Nachhaltigkeit ist die Devise. Die Konsequenz und Ausdauer, mit der dieses Kollektiv dröhnt ist wirklich beachtlich.

Viel von der Improvisation passiert über Zeichen, die sich die Musiker geben, nach einem Akkord von O´ Malley streckt dieser die Hand in die Luft, was das Zeichen für Greg Anderson ist, diesem zu folgen, so entsteht eine Art Drone-Kanon. Attila kehrt zurück, nachdem jeder dachte, die Zeremonie würde jetzt langsam enden. Aber wie er aussieht! Verkleidet als Baum, das ist zwischen Beschwörung und B-Movie, aber ganz klar gewinnt die Seite Zeremonie. Es steigert sich die Intensität eine weitere halbe Stunde, und schließlich ist abrupt Schluss. Der abschließende Applaus wirkt ganz leise, so als würde man sanft aufgeweckt werden. In Wirklichkeit aber sind wir alle halb taub.

Klar ist, SUNN o))) live zu sehen ist eine Erfahrung, aber nicht uneingeschränkt positiv. Die Lautstärke ist sicherlich das Hauptargument, warum diese Band live ertragen werden kann. Vielleicht fällt dieser Aspekt weg, wenn man vorher Drogen konsumiert. Fakt ist aber, dass jeder aufgeschlossene Musikfreund diese Erfahrung zumindest einmal gemacht haben sollte. Und am nächsten Tag alle Leute anbrüllen sollte, was er am Vorabend erlebt hat.

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