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RAY WILSON: Nach der Show ist vor der Show…

RAY WILSON: Nach der Show ist vor der Show…

RAY WILSON: Live Isernhagen/Nienburg/Isernhagen

Nach der Show ist vor der Show, anders kann es bei einem Ausnahmekünstler wie den Schotten RAY WILSON kaum sein. Einmal gesehen, und man geht immer wieder hin. Und da schon bereits der nächste Besuch in der knuffigen Isernhagener Bluesgarage ansteht, hier noch kurz die Vergangenheitsbewältigung, um Shows die Ehre zu erweisen, die auf einem lange toten Netbook dahinvegetierten.

30. September 2011, Bluesgarage Isernhagen

Erster Live-Kontakt mit dem Mann, der durch den 94er STILTSKIN Levis-Werbungshit Inside und  vor allem das GENESIS-Album Calling All Stations seinen Durchbruch hatte, war die Tour zum Album Genesis vs. Stiltskin, welches neben Liveaufnahmen zahlreicher Klassiker von GENESIS und Umfeld auch das tolle neue STILTSKIN-Album Unfulfillment enthält. Die Isernhagener Bluesgarage ist bekanntlich ein toller Live-Club, also muss man das mitnehmen. Wie gern RAY WILSON hier spielt, das belegen sicher auch die Aufnahmen zum Video zu American Beauty, die Live-Szenen wurden hier aufgenommen.
Die Show am 30. September 2011 eröffnet allerdings STILTSKIN-Gitarrist ALI FERGUSON, der gerade selbst ein wirklich tolles Soloalbum herausgebracht hat. Nur begleitet von den Macmillan-Brüdern, ebenfalls von STILTSKIN und halt WILSON-Begleiter an Bass und Drums, gibt er ein paar Songs zum Besten, die total in sich gekehrt klingen, melancholisch und durch seine hohen, leisen Vocals herrlich introvertiert wirken, und dabei total verzaubern. Bending Bullets, Breaking Falls kommt mit ein wenig Hippie-Flair, man denkt schnell mal an SIMON & GARFUNKEL, aber ansonsten werden die ruhigen Songs mit Samples und dem fantastischen Gitarrenspiel von ALI zu kleinen Wellness-Oasen. Wie sollte man nicht bei Flickering Golden oder Coincidence Is No Accident dahinschmelzen, da geht man den Abend total entspannt an. A Child´s Song, Gänsehaut, da ist es sicher, dass viele Leute heute Abend ein ungeplantes Album mitnehmen werden.

Dann ist es Zeit für den Boss der Vorband, der auf der wieder ausufernden Tour mal allein mit Akustikshows, mal mit seinem GENESIS CLASSIC QUARTET und auch heute Abend mit dem Programm zum aktuellen Album-Pack unterwegs ist. Was sofort auffällt: keiner hat Augen für den bodenständigen Rockstar, wie auch, wenn Alicia und Barbara mit Killer-Highheels die enge Treppe zur Bühne betreten. Wer solche Violinistinnen dabei hat, der schiebt sich selbst in den Schatten, aber das passt zum rauen, brummeligen RAY WILSON. Aber egal, wohin man auf der kleinen und dadurch proppevollen Bühne schaut, alle Musiker leben von reichlich eigenem Charme, spielen mit deutlicher Leidenschaft. Wären RAYda nicht die beiden Damen auf der Bühne, man wüsste echt nicht, wo man hinschauen sollte. Man scherzt untereinander, auch über die schrille Stratocaster, die Ali zeitweise spielt, denn die gehört eigentlich WILSON´s heute leidenschaftlich aufspielenden Bruder Steve, der dieses bunte Ding aber lieber nicht live spielen möchte. Die Macmillan-Brüder Lawrie und Ashley spielen auf den Punkt, der irgendwie entrückt wirkende Keyboarder Filip Walcerz ist einfach witzig, da schaut man gerne hin, und heute ist auch WILSON´s Sidekick und Produzent Uwe Metzler an der dritten Gitarre dabei. Und wenn man doch mal den Blick von den Ladies und den Musikern lösen kann, ist da ja noch der Kopf der Band. RAY WILSON lebt von seiner bodenständigen, etwas raubeinigen, vielleicht auch einfach typisch schottischen Ausstrahlung. Ausgewaschenes Schlabbershirt, Waschbärbauch, speckige Haare, keine Spur von Rockstargehabe. Dafür bietet er neben seinem rauen Charme eine große Stimme, die mitreißt und bei den ruhigen Songs unter die Haut geht. So präsentiert man einen bunten Mix aus GENESIS-Klassikern und natürlich den Songs des neuen STILTSKIN-Album. Fans der Bluesgarage feiern natürlich nicht nur wegen dem Video das rockige American Beauty, den alten Hit Inside, manche Songs, die auf dem Album nicht gleich gegriffen haben, kommen live viel intensiver. Oh nein, natürlich spielen sie auch die intensive Ballade First Day Of Change. Die steht in direktem Bezug zum Tod meines besten Freundes, jetzt bloß cool bleiben. Egal, in der ersten Reihe sieht´s ja nur der Basser. Die Texte von RAY WILSON hinterlassen eh immer Spuren, ich kenne keinen Musiker, der seiner Ex-Frau einen wirklich respektvollen Song widmet oder dessen Liebes- und Herzschmerztexte so 1:1 vom Zuhörer nachfühlbar sind wie eben bei diesem Mann.

RAYDas Publikum feiert natürlich auch die GENESIS-Klassiker und PHIL COLLINS-Hits wie Mama, das herrlich selbstironische I Can´t Dance, No Son Of Mine, Another Day In Paradise und In The Air Tonight. Mit GENESIS konnte ich nie so viel anfangen, weil ich die Stimme von COLLINS nicht mag. Mit RAY WILSON am Mikro erreicht auch mich die Größe dieser Songs. Keine Frage, dass auch die Songs vom einzigen GENESIS-Album mit RAY, Calling All Stations, richtig groß kommen. Der tolle Titelsong, das fröhliche Congo mit Bongogetrommel und Trillerpfeife vom Frontmann, das intensive What About Us, Shipwrecked, wunderschön, Gänsehaut! Aber die besten Songs nützen nichts, wenn die Musiker keinen Spaß machen, und da trumpft RAY WILSON mit seiner Band. Jeder ist auf seine Weise einen Hingucker wert und auf seine eigene Art sympathisch, der Bandkopf bleibt immer ein Teil des Ganzen und hat es gar nicht nötig, sich in den Vordergrund zu drücken. Dass natürlich die Frauen im Publikum von seinem rauen Charme und die Männer von seiner Kumpelausstrahlung, und beide natürlich von seiner starken Stimme gefesselt sind, das steht außer Frage. Ein mehr als gelungener Konzertabend mit einer tollen Band und einem charismatischen Frontmann. Beim Rausgehen kann man noch ein Schwätzchen mit ihnen halten, ich leider nicht, der Babysitter wartet auf Ablösung. Aber das ist sicher, dieses erste RAY WILSON bzw. STILTSKIN-Konzert für mich wird definitiv nicht das letzte bleiben.

RAY

 

18. August 2012, Rendezvous am Wall, Nienburg

RAYWie nett, dass er dann sogar mal bei mir zuhause einen Stop macht. Mit seinem GENESIS CLASSIC QUARTET spielt er beim heimischen Rondezvouz am Wall, einem kleinen jährlichen Open-Air im Stadtpark bei freiem Eintritt. Da ist Publikum garantiert, wobei das Nienburger Volk nicht gerade Partytauglich ist. Aber zumindest meine Twins Of Doom freuen sich, schließlich sind sie schon riesen RAY WILSON-Fans, seit sie eineinhalb Jahre alt sind und vor allem das STILTSKIN-Album Unfulfillment abgefeiert haben. Heute ist WILSON nur mit Brüderchen Steve, einem neuen Kollegen am Piano und seinen bezaubernden Violinen-Schönheiten unterwegs, das Quartett gibt es heute also als Quintet. Aber auch Alicja und Barbara können kaum helfen beim bekannt trostlosen Nienburger Publikum. Alle bleiben auf Sicherheitsabstand, bloß nicht zu viel Bewegen oder gar Begeisterung zeigen, was aber nicht heißt, dass die Leute nicht begeistert wären! Jeder Song kriegt ehrlich gemeinten Applaus und die Leute reden noch heute vom Besten Rondezvouz überhaupt. Wie WILSON die üblichen GENESIS- und COLLINS-Hits im Akustikrahmen präsentiert, das ist wie erwartet Weltklasse und muss einfach begeistern, obwohl ihn das träge Publikum sichtbar etwas irritiert. Aber als Profi muss man da durch, wer seine eigene Musikerhistory auf Nienburger Bühnen begonnen hat, der kennt es nicht anders. Pianist Darek Tarczewski und nRAYatürlich Barbara und Alicja kriegen Raum, sich zu präsentieren, aber heute zieht doch eher RAY WILSON die Blicke auf sich. Der Stadtpark ist gut besucht, viele der Leute kannten ihn eindeutig nicht, so einen echten Rockstar mit einer so großen Stimme und seiner natürlichen Ausstrahlung hatte wohl kaum wer erwartet. Außer natürlich Merlin, die eine Hälfte meiner Twins Of Doom, der zweidrittel der Show als einziger in der sehr weiträumigen ersten Reihe seinen Helden feiert und eigentlich schon total müde, natürlich würde er eigentlich schon längst pennen, wie zuhause mit ausgebreiteten Armen zu seinen Lieblingssongs More Than Just A Memory und Tale From A Small Town tanzt. Morgain, Doom-Twin Nummer Zwei, hat bereits aufgegeben und träumt im Kinderwagen. Zum Ende hin wagen sich doch ein paar Leute näher an die Bühne, aber bloß nicht zu nah, wir sind ja in Nienburg. So bleibt RAYMerlin weiterhin einsamer Tänzer und erntet die Bewunderung der hinter ihm sitzenden und immerhin mitschunkelnden Leute. Ein musikalisch tolles Konzert in einer etwas trostlosen Atmosphäre, was definitiv nicht an unserem netten Park oder gar den Künstlern auf der Bühne liegt. Schade, so kriegt man den Mann kaum wieder her, der es auch nach der Show recht kurz hält. Man hat schließlich noch einen weiten Ritt vor sich, es ging noch direkt weiter ins polnische Krasnystaw. Schade, hatte ein Glas selbstkreierte Marmelade dabei, die bei uns Hausintern den Namen Wilson hat: Pflaumen aus dem eigenen Garten, eingelegter Ingwer aus Holland, ein kräftiger Schuss 12er Glenlivet und ein Hauch Bourbon-Vanille, köstlich!

30. November 2012, Bluesgarage Isernhagen

Aber die nette Bluesgarage liegt ja mit gut 60km fast um die Ecke, und die besucht RAY WILSON gern und regelmäßig. So auch wieder am 30. November 2012, also Babysitter gebucht, Frau eingepackt und los. Aber der Abend beginnt mit Ernüchterung und erzählenswerten Erlebnissen der besonderen Art. Da glaubt man sich auf der Gästeliste, ist es aber nicht, trotz Bestätigung der Tourmanagerin. Also nix mit einfach so rein, das Bluesgarage-Team ist bemüht, weil ich zum Glück die Bestätigung ausgedruckt habe. Vorschlag vom Chef: Ich rein, Frau zahlt, fair, aber mit 10Euro in der Tasche für zwei Cola, wieder nix. Irgendwo einen Geldautomat suchen und die Show ist halb durch, na klasse! Aber wenn die Leute hier so fair sind, was soll´s. Aber nein, die eh immer sehr charmante Carol geht direkt zur Band, und die RAYwinkt uns durch. Warum ich das erzähle? Nein, nix Tränendrüse und Mitleid, einfach mal um zu zeigen, dass die Bluesgarage Isernhagen ein fantastisches Team hat, bei dem man sich immer wohl fühlen kann. Das auch, obwohl der Club heute bis zum Bersten gefüllt ist. Klar, jede der RAY WILSON-Shows hier hat sich rumgesprochen und neue Fans gesichert. Auch hier absolute Fairness von der Bluesgarage, Hausherr Henry bieten allen, denen es zu voll ist, die Wahl zu gehen, die Ticketpreise würde er erstatten. Nun ja, viele nehmen das sicher nicht an, merklich luftiger wird es wohl nicht. Ein weiteres persönliches Highlight: Da wagt man es, sich in die erste Reihe zu schmuggeln, weil zwei Hühner da gerade weggegangen sind, um Getränke zu holen. Als sie nun wieder kommen und hinter mir stehen müssen, weil vor mir kein Platz mehr ist, verfallen sie in ein Rumgezicke und Gepöbele, dass sie mindestens fünf bis sechs Songs unentwegt durchhalten. Klar waren die Beiden recht klein, und selbst ein Durchschnittstyp wie ich wird da zum Hindernis. Aber über die Show, die sie abgezogen haben, war bald das gesamte Umfeld am Schmunzeln. Ein einziges freundliches Wort, und sie wären sofort wieder vor mir gewesen. Aber mit dem Theater haben sie es sich selbst versaut, dumm gelaufen! 😉

RAYAber auch die echten Stars des Abends haben es nicht ganz so leicht. Jetzt, direkt am Ende dieser unendlichen Tour, merkt man allen deutlich an, dass die Batterien absolut leer sind. Von der positiven Energie, die zum Beispiel vor ziemlich genau einem Jahr direkt hier direkt auf das Publikum überschwappte, ist nicht mehr viel geblieben. Natürlich spielt die Band professionell und gibt alles, was sie noch geben kann. Und natürlich zeigen die großen Songs, die super Musiker und die Stimme von Mainman RAY WILSON Wirkung, man tänzelt, genießt die um eigene ältere Songs erweiterte Songauswahl. Auch die wie immer bezaubernden Barbara und Alicya können sich noch mal ausgiebig präsentieren. Warum sie in ihrer Heimat Polen ganz groß gehandelt werden, das wird wieder einmal deutlich. Klar, Herr WILSON weiß schon, warum er sie in der Band hat. Wie gern schaut man(n) da richtig hin, aber auch den beiden Schönheiten lassen erkennen, dass sie dem Ende der Tour entgegen fiebern. Alle auf der Bühne nutzen die Solopassagen der Kollegen und Kolleginnen, um sich einen Moment in sich zurückzuziehen, die kollektive Müdigkeit auf der Bühne ist fast greifbar. Und auch das zeigt, wie ehrlich RAYund bodenständig die Band ist, da wird nichts vertuscht oder schöngelabert, auch Musiker haben ihre Grenzen. Grenzenlos bleibt trotzdem der Genuss der Songs, wer die müden Leute da oben nicht sehen möchte, der kann ja die Augen zu machen. Dann hätten die beiden Meckerelsen hinter mir auch nicht so rumzicken müssen. Mag sein, dass das alles recht negativ klingt, ist es aber nicht, die Show macht viel Spaß, gerade auch weil die Musiker Schwächen zeigen. Höhren lassen sie einen davon nichts, wie gewohnt kann man die Songs von GENESIS, STILTSKIN, PHIL COLLINS und PETER GABRIEL genießen und abfeiern oder bei den ruhigen Songs eintauchen. Dass RAY nach der wieder sehr langen Show nur noch eher brummig seine Pflichtautogramme gibt und er keinen echten Bock mehr hat auf einen ausgedehnten Wortwechsel, das verzeiht man gerne. Beim nächsten Mal ist er sicher wieder besser drauf, der Mann hat eine Pause verdient und der Talk beschränkt sich auf ein Autogramm für ein verliebtes Girlie, das diesen viel zu alten Mann soooo süß findet.
Wer RAY WILSON heute zum ersten Mal gesehen hat, der wird zufrieden sein und die demnächst umziehende Bluesgarage sicher wieder besuchen, wenn der Schotte wieder vorbei kommt. Und das ist ja schon wieder jetzt im April. Hoffentlich klappt es mit dem Babysitter! Obwohl, ich hab ja noch was gut bei dem Girlie, dass natürlich begeistert war vom unerwarteten Autogramm, hm….

RAY

Fotos: WOSFrank @ vampster.com

Frank Hellweg
Lebensmotto "stay slow", Doomer halt.... Love & Peace geht auch immer, nur ohne Musik geht nichts!