PROGPOWER 2003: Der Festivalbericht

PROGPOWER 2003: Der Festivalbericht

Das Festival

Samstag, 04. Oktober 2003

Symmetry | Chrome Shift | Novembre | Green Carnation | Nightingale | Vanden Plas

Sonntag, 05. Oktober 2003

XYSTUS | Pagan´s Mind | Andromeda | Everon | Elegy | Evergrey

Das Festival

(nach oben…)

Ganz ehrlich, es fällt schwer noch große einleitende Worte über das ProgPower-Festival zu verlieren. Denn wer die Berichte der vergangenen Jahre verfolgt hat, der hat eine exakte Vorstellung dessen, was auch dieses Jahr geboten wurde .

Das heißt nichts schlechtes, absolut nicht, schließlich war das ja ein Wunsch aus dem letzten Jahr. Den familiären Charakter hat man sich jedenfalls bewahrt und wer das ein oder andere Festival zuvor schon besucht hat, dem werden viele Gesichter die er zu sehen bekommt schon bekannt sein. Es ist fast schon wie ein Treffen eines eingeschworenen Kreises und so verwundert es nicht, dass auch viele mehr oder weniger bekannte Musiker regelmäßige Gäste des Events geworden sind.

Vor allem die holländischen Fans dürften sich beim ProgPower so richtig wie Zuhause fühlen, doch auch den vielen ausländischen Gäste werden gastfreundlich empfangen. Kein Wunder also dass so mancher Einheimische allein wegen dem Zusammentreffen verschiedenster Menschen beim Festival anwesend ist.

Unter die Altproggies dürfen sich dann auch nach wie vor ein paar Schwarzbekittelte mischen, für die man im Jahr 2003 mit GREEN CARNATION, EVERGREY und vor allem NOVEMBRE wieder etwas zu bieten hatte, insgesamt wirkte die Bandauswahl dieses Jahr aber doch wieder deutlich traditioneller orientiert.

Der Kontakt zwischen Bands und Publikum außerhalb der jeweiligen Auftritte wurde geradezu wieder zelebriert, dafür scheint das Rahmenprogramm aber immer noch unbedeutender zu werden. In Sachen Merchandise und CD-Verkauf wird man jedenfalls von Jahr zu Jahr schwächer, was dem Geldbeutel zwar entgegen kommt, insgesamt aber etwas die Attraktivität der Veranstaltung schmälert. Man will halt doch auch ein bisschen was geboten bekommen außer großartiger Musiker und guten Auftritten.

An der Qualität der Bandauswahl indes braucht man gar nicht zu rütteln. Die Mischung aus mittelgroßen Headlinern und Prog-Hopefuls vor allem aus dem Holländischen und Skandinavischen funktioniert und unterstreicht die Basisorientiertheit der Veranstaltung. Hier wird noch echte Überzeugungsarbeit geleistet und dieser Eindruck zieht sich durch die gesamte Veranstaltung.

Um es dieses Jahr einfach mal kurz zu machen: die Veranstalter haben an ihrem erfolgreichen und überzeugenden Konzept festgehalten und erst gar nicht versucht durch großartige Veränderungen Unruhe in die Sache zu bringen. Beim ProgPower ist das aber auch richtig, letzten Endes wird aber der Publikumszuspruch zeigen ob diese Beständigkeit honoriert wird.

Für uns steht jedenfalls fest – wenn die Bandauswahl nicht vollkommen unglücklich verlaufen sollte sind wir auch nächstes Jahr wieder dabei. Schon allein der lockeren Atmosphäre wegen aber natürlich auch deshalb, weil man eine derartige Überzeugungsarbeit einfach unterstützen muss.

Samstag, 04. Oktober 2003

(nach oben…)

SYMMETRY

(nach oben…)

Die niederländische Combo SYMMETRY hatte die Ehre, das PROG POWER-Festival 2003 zu eröffnen und machte von Beginn an klar, dass auch dieses Jahr sämtliche Bands auf einem äußerst hohen technischen Niveau musizieren würden. Während in technischer Hinsicht somit alles im Lot war, konnte das Songmaterial allerdings keine Maßstäbe setzen. Damit haben SYMMETRY das alte Problem, mit dem ein Großteil der Progkapellen zu kämpfen hat: an den Instrumenten top, aber irgendwo wirken die Melodien und Riffs oft entweder sehr vertraut oder so unspektakulär, dass sie es einfach nicht schaffen, sich in den Gehörgängen festzusetzen. Immerhin heben sich SYMMETRY durch das Fehlen eines Keyboarders durchaus wohltuend von all den anderen Bands ab, dennoch wird der Härtefaktor nur zeitweise angezogen, etwa bei Lies, das vom Riffing und den Gesangsmelodien deutliche Parallelen zu neueren SYMPHONY X aufweist oder beim teils sehr speedigen, ebenfalls an die Amis erinnernden Journey To The Unknown. Vielleicht sollten in Zukunft eher die Richtung der nicht ganz so harten Stücke einschlagen, die bei ihrem Gig ebenso Platz fanden. So konnte die Gitarrenfront in Lost in einem cleanen und sehr atmosphärischen Mittelteil durch den Einsatz eines Slides Akzente setzen, und desöfteren gab es zwei- bis dreistimmige Gesangsharmonien zu hören, die auch und gerade ohne eine fette instrumentale Wand dahinter sehr gut funktionierten. So blieb der Eindruck leider etwas zwiespältig, Potential für eine deutliche Steigerung war aber nicht zu überhören, und dass die Niederländer vor größtenteils heimischem Publikum mit englischen – wenn auch ab und an etwas langatmigen – Ansagen die ausländischen Gäste nicht vergaßen, macht die Band obendrein sehr sympathisch. (doomster)

CHROME SHIFT

(nach oben…)

Nach dem formidablen Debütalbum, welches dieses Jahr bei DVS Records veröffentlicht wurde, war es eigentlich klar, dass CHROME SHIFT auch auf dem PROG POWER-Festival auftreten würden. Man durfte gespannt sein, wie sich die Band live schlagen würde, insbesondere, Sänger Rasmus Bak, der auf Ripples In Time eine echte Glanzleistung hinlegte, dies so auch umsetzen würde können.

Auf den ersten Blick wirkten die Dänen auf der Bühne allerdings recht bizarr. Allein der Altersunterschied zwischen dem über 50-jährigen Gitarristen Otto Schütt und dem hauptsächlich aus Anfang- bis Mittzwanzigern bestehenden Rest der Band hinterließ optisch doch einen sehr seltsamen Eindruck. Zunächst wirkte das Stageacting zudem sehr statisch. Dem Bassisten Jens Christian Nielsen und dem Tastenzauberer Jakob Lund Paulsen merkte man zwar deutlich ihre Spielfreude an, Otto Schütt hingegen wirkte teilweise völlig unbeteiligt, dann wieder viel zu sehr auf sein Gitarrenspiel konzentriert. Während Frontmann Rasmus Bak auf den ersten Blick erstaunlicherweise wie der schüchterne Sänger einer Schülerband rüberkam und so gar nicht der Vorstellung eines typischen Prog-Metallers entsprechen wollte, zeigten sich dann nach kurzer Warmlaufphase doch seine Frontmannqualitäten, die man von ihm als erfahrenen Musical-Sänger zurecht erwarten durfte. So machte er das mangelnde Stageacting des Rests der Band durch locker wett und zog mit seinen gekonnt wirkenden Gesten die Aufmerksamkeit auf sich – und natürlich mit seiner außergewöhnlichen Stimme. Zwar konnte diese beim ersten Song, dem ersten Teil des Ripples In Time-Mammutwerkes noch nicht überzeugen und drohte in den ganz hohen Stellen zu kippen, doch gewann Bak mit jedem Song an Souveränität. So konnte er bereits beim schleppenden, mystischen Full Moon gänzlich überzeugen.

Bei der Songauswahl konzentrierte man sich natürlich auf das auf dem Debüt vertretene Material, so durften In My Own Dream, Le Temp des Assassins und das Instrumentalstück Kosmonauten Er Død nicht fehlen, die allesamt durch einprägsame Riffs und Melodien statt sinnlosem Gefrickel zu begeistern wussten. Doch auch die neuen bzw. nicht vom Album bekannten, teilweise überraschend harten Songs konnten vollauf überzeugen.

Leider war der Sound während des CHROME SHIFT-Gigs relativ bescheiden. Während der ersten Songs war die Gitarre so gut wie gar nicht auszumachen, das besserte sich zwar im Laufe des Gigs, jedoch wirkte die Gitarre dennoch immer recht drucklos. Alles in allem eine überzeugende Vorstellung einer bereits erstaunlich eigenständig agierenden Band, die aber live sicherlich noch mehr rausholen könnten, wenn sie sich nicht nur auf die Qualitäten ihres Frontmanns verlassen würden. (doomster)

NOVEMBRE

(nach oben…)

NOVEMBRE werden immer wieder gerne als die italienischen OPETH bezeichnet und tatsächlich hat die Band ihrem Gothic Metal eine derart progressive Schlagseite verpasst, dass sie auf dem ProgPower nicht wirklich deplatziert wirkte. Eine gewisse Ausnahmestellung hatte sie dennoch inne, auch wenn die Besucher des Festivals allmählich daran gewöhnt sein dürften dass auch Acts, die eher dem Düster-Genre zuzuordnen sind, ihren Weg ins Line-Up finden. Live hatte ich NOVEMBRE bisher eigentlich als sehr introvertierte Tuppe in Erinnerung, umso erstaunter war ich über die Performance und allen voran über Gitarrist Massimiliano Pagliuso, der zum einen durch seine sehr femininie Kleidung und zum anderen durch sein relativ bewegtes Stageacting herausstach. Sänger Carmelo Orlando dagegen gibt sich nach wie vor etwas Bewegungsarm, dafür aber mit umso mehr Ausdruck. Er ist nach wie vor Mittelpunkt einer NOVEMBRE-Show und verleiht den Songs ihre wunderschön traurige Atmosphäre. Besonders beeindruckend sind dabei aber seine unter die Haut gehenden Kreischer und Schreie die so viel Schmerz in sich tragen, dass man mit Worten gar nicht mehr sagen könnte. Dabei wirkt gerade er nach wie vor völlig in die Musik versunken und darin aufgehend, gibt sich dabei angenehm zurückhaltend, bescheiden und doch mit viel Ausstrahlung versehen. Eine komplette Setlist abzugeben fällt mir zugegebenermaßen schwer, denn NOVEMBRE machen für mich Musik die mehr von ihrer Atmosphäre lebt als dass sie durch Hits für Aufmerksamkeit sorgt. Neben Stücken wie Tales from a Winter to come, My Starving Bambina, Child of the Twilight Valantine Dream of the old Boats noch die RADIOHEAD-Coverversion Street Spirit. Schade nur, dass ein großer Teil des Publikums zu sehr auf Gefrickel und weniger auf intensive Traruigkeit eingestellt waren, weshalb NOVEMBRE den Saal nicht unbedingt leer spielten, eine gewisse Fluktuation war aber deutlich zu spüren. Schön dennoch, dass die Italiener stets mit großem Beifall gefeiert wurden und sich nicht als Verlierer des Festivals vorkommen mussten. Eine ganz klar viel zu unbeachtete Band.

GREEN CARNATION

(nach oben…)

Der Geheimtipp des diesjährigen ProgPower waren eindeutig die Norwegern GREEN CARNATION, die derzeit zu den außergewöhnlichsten Acts gehören, die das Prog- und eigentlich auch das ganze Metal-Genre zu bieten hat. Außergewöhnlich ist die Band in Ausstrahlung, Sound und Auftreten und dies zu unterstreichen galt es bei diesem Gig. Den grandiosen Auftritt vom letztjährigen Wacken Open Air noch immer im Hinterkopf, schafften es GREEN GARNATION nicht ganz eine ähnliche Atmosphäre aufzubauen. Wirkte die Truppe auf der Festivalbühne absolut unnahbar, war genau das Gegenteil in der kleinen Baarloer Halle der Fall. Sehr natürlich, bodenständig und fannah kam die Band rüber, was zunächst der Magie der Musik etwas den Zauber nahm. Die Erwartungen aber erstmal zur Seite gestellt wurde auch dieser Auftritt ein einmaliges und intensives Erlebnis, das nicht mal technische Probleme schmälern konnten. Mit Into Deep stieg man überraschend in das neue Album ein um dann den eigentlichen Opener folgen zu lassen. Langsam fand man sich dann auch mit den Clubgigverhältnissen zurecht um dann mit einem der Übersongs des neuen Albums Writings on the Wall den letzten Tritt in den Arsch verpasst zu bekommen. Sänger Kjetil Nordhus (nicht der einzige in der Truppe, der ordentlich an Gewicht zugelegt hat) machte dabei schon deutlich, dass er von seinem außergewöhnlichem Stageacting nichts verloren hat, wobei er aber weniger erhaben über die Bühne stolzierte wie auf dem Wacken, sondern ein ganzes Stück publikumsnäher agierte. Einen Teil der Distanziertheit kam dann allerdings beim nächsten Stück wieder zurück, mit dem an dieser Stelle wohl kaum einer gerechnet hat. In einer 25-minütigen Version brachten GREEN CARNATION eine auf die wesentlichen Elemente des Songs reduzierte Fassung von Light of Day, Day of Darkness, die auch live in ihrer ganzen Intensität erstrahlte. Und ausgerechnet bei diesem Monumentalsong passiert es: Bassist Stein Roger Sordal reißt die Saite, was ihn doch reichlich ins schwitzen brachte – und dies im wortwörtlichen Sinn. Ärgerlich sicherlich für den Musiker, für den Zuschauer war das ganze aber in erster Linie ein weiteres Zeichen für die Bodenständigkeit und vor allem für die Klasse der Band, die insgesamt (und Sordal im ganz speziellen) dieses Problem gut zu überspielen wusste. Abgefeiert wurden GREEN CARNATION jedenfalls ordentlich und dann war wieder Blessing in Disguise angesagt. Mit The Boy in the Attic verblieb man nochmals in etwas ruhigeren Gefilden, es folgten Myron & Cole und Rain und mit As live flows by wurde der perfekte Ausstieg gewählt, der das Publikum noch mal so richtig anpeitschte und somit den fulminanten Gig auch als solchen untermauerte. Ganz ehrlich: GREEN CARNATION sind eine Ausnahmeband, der man diesen Status auch von ganzem Herzen gönnen kann – verdient ist der Status allemal.

NIGHTINGALE

(nach oben…)

Nachdem GREEN CARNATION sich mit ihrem ganz eigenen Sound, der so gar nicht zum Progressive Metal-Einerlei passen wollte, das teilweise während der zwei Tage dargeboten wurde, gekonnt abheben und damit punkten konnten, folgte mit NIGHTINGALE direkt die nächste Combo der etwas anderen Art, bei der statt auf endloses Gefrickel aufs Songwriting Wert gelegt wird. Nicht nur ich, sondern der Ansammlung von Menschen zufolge auch viele andere waren gespannt, wie sich die Band um Dan Swanö live behaupten würde, zumal NIGHTINGALE bisher vor einiger Zeit immer eher den Charakter eines Studioprojektes gehabt zu haben schien.

Los ging es mit Into The Light, einem sehr straighten Old-school-Rocker vom aktuellen Album Alive Again: The Breathing Shadow Part IV, der mit coolen Hammond-Sounds und einem echten Ohrwurm-Refrain zu begeistern wusste. Während Swanö, der mit seiner klaren, stets in angenehmer Tonlage bleibenden Stimme immer eine gewisse Melancholie transportiert und mit seinem sehr emotionalen Gesang absolut zu überzeugen wusste, den größten Teil des Gigs auch gitarrenmäßig aktiv war, wechselte sein Bruder Dag (besser bekannt unter dem Pseudonym Tom Nouga) immer wieder zwischen Gitarre und Keyboards. Während das aktuelle, sehr starke Album natürlich im Mittelpunkt stand, war aber mit Scarred For Life auch gleich als zweites Stück der Opener des 2000er-Albums I zu hören. Eindeutiger Höhepunkt war aber neben dem kleinen Hit Shadowman das über elfminütige Epos Eternal, bei dessen Ansage sich Dan Swanö, der sich bereits im Vorfeld sehr fannah und sympathisch zeigte, einmal mehr bescheiden gab. Bei diesem Song dann wechselte er ans Keyboard, und in den elf Minuten gelang es der Band spielend, eine so dichte Atmosphäre zu schaffen, dass man alles um sich herum vergessen konnte. Wie eigentlich alle NIGHTINGALE-Songs mit unglaublich eingängigen Gesangslinien versehen, rief Eternal mitunter Erinnerungen an die getragenen Parts von ARENA wach. Ganz groß!

Zu guter letzt kündigte Dan dann als letzten Song noch eine Coverversion an. Dass es sich dabei im Black Tears von EDGE OF SANITY handelte, war dann doch einigermaßen überraschend. So wurde jedenfalls nochmal heftig gerockt und das Ende eines auf allen Ebenen – auch soundmäßig war alles im Reinen – perfekten Gigs eingeläutet, der für mich ganz klar zu den Highlights des diesjährigen PROG POWER-Festivals gehörte. (doomster)

VANDEN PLAS

(nach oben…)

Nach einer längeren Pause war es dann an der Zeit für VANDEN PLAS zu zeigen, ob sie zurecht die Headlinerposition des ersten Festivaltages für sich beanspruchen konnten. Alleine aufgrund des überaus professionellen Auftretens und Zusammenspiels sollte dies eigentlich von niemandem in Frage zu stellen sein. Man merkte der deutschen Prog Metal-Institution aus Kaisernlautern einfach ihre langjährige Bühnenerfahrung an – wo andere Bands vielleicht eine leichte Unsicherheit zeigten, versprühten die Pfälzer eine Selbstsicherheit sondergleichen. Das drückte sich etwa im lockeren Auftreten von Bassist Torsten Reichert aus, dem man den Spaß sichtlich anmerkte und bei dem man den Eindruck hatte, auch die kompliziertesten Bassläufe wären die leichteste Übung der Welt. Aber auch das extravagante Gepose von Frontmann Andy Kuntz trug seinen Teil dazu bei, wenn es auch oft arg übertrieben wirkte und etwas Arroganz ausstrahlte.

Das Publikum, das sich überaus zahlreich versammelt hatte, um den Klängen der Pfälzer zu lauschen, hatte damit offenbar keinerlei Probleme und fraß Sänger Andy aus der Hand, genauso wenig wie mit der Musik, wurden VANDEN PLAS doch mächtig abgefeiert. So ganz kann ich die Faszination, welche von den Songs der Band offenbar ausgehen muss, allerdings nicht nachvollziehen. Klar, an den technischen Fähigkeiten und wohl auch musiktheoretischen Kenntnissen der Herren Reichert, Lill und Werno gibt es nichts auszusetzen, sind die Jungs doch in dieser Hinsicht über alle Zweifel erhaben. Doch bringen Songs wie Into The Sun, das mit typischem Stakatto-Riffing daherkommende Iodic Rain oder Soul Survives mir einfach nichts rüber, sie wirken auf mich kalt, technisch und gefühllos, genau das Gegenteil also von dem, was Rachendrachen vor zwei Jahren über den damaligen Auftritt auf dem PROG POWER-Festival zu berichten hatte. Das mag vielleicht auch an dem unangenehmen Timbre von Andy Kuntz liegen, dessen Gesang mich gerade in höheren Tonlagen an James LaBrie erinnert und auf mich zwar technisch perfekt, aber völlig unemotional wirkt. Dass sie es auch anders können, zeigten VANDEN PLAS leider viel zu selten, etwa beim melancholisch-düsteren und ruhiger gehaltenen und nahe gehenden Healing Tree. Versöhnlich stimmte außerdem der alte Hit Rainmaker, der mit seinen ausgeklügelten Hooklines und einer gesunden Härte zu begeistern wusste. Ansonsten wusste man aber eher durch das professionelle Auftreten als durch besonders hochwertige Kompositionen seine Headliner-Position zu rechtfertigen… (doomster)

Sonntag, 05. Oktober 2003

(nach oben…)

XYSTUS

(nach oben…)

Als die Holländer XYSTUS am Sonntag Mittag den zweiten Tag des Festivals einläuteten, war die Halle schon recht gut gefüllt. Der Bassist des Quartetts hatte erst relativ kurz vorher die Band verlassen, und so gab es bei diesem Auftritt ein Wiedersehen mit SILENT EDGE-Gitarrist Emo Suripatty, dessen Kapelle ja vor zwei Jahren beim PROG POWER-Festival dabei war und der nun die Rolle des Aushilfsbassisten übernahm. Eingedenk dieser Umstände kamen XYSTUS aber richtig tight rüber. Klar, Suripatty wirkte hoch konzentriert und damit etwas verkrampft, aber das Zusammenspiel klappte hervorragend.

Mit einem richtig eigenen Sound, wie ihn nur wenige herausragende Prog Metal-Bands vorweisen können, konnten auch XYSTUS nicht aufwarten. Besonders speedige Nummern wie das schwache Into The Void oder Lost In Misery klangen sehr austauschbar und könnten auch von jeder anderen Prog Metal-Band stammen, die Referenz SYMPHONY X als große Inspirationsquelle kommt zwangsläufig wie bei unzähligen anderen Bands dieses Genres immer wieder in den Sinn. Dem gegenüber wussten die jungen Holländer mit dem doomig-schleppenden Opener, der obwohl von richtig schön mystischen Keyboards dominiert, wie man sie von frühen TAD MOROSE-Werken kennt, immer noch eindeutig dem Metal zuzuordnen war, punkten. Auch das mit coolen Breaks, Stakkato-Rhythmen und einem gelungenen Duell zwischen Keyboarder Desmond Robberegt und Gitarrist und Frontmann Bas Dolmans daherkommende Waste Of Compassion wusste durch und durch zu überzeugen. Während ich mir mehr im Stil dieser beiden Songs gewünscht hätte, kamen XYSTUS beim einheimischen Publikum, das die Combo bejubelte und bei Journey gar zum Mitklatschen animiert werden konnte, aber auch und gerade mit den speedigen Nummern sehr gut an.

Sänger Bas Dolmans, der sympathischerweise auch nach einem entsprechenden Zwischenruf eines niederländischen Gastes bei englischen Ansagen blieb, verhedderte sich mit eben diesen ab und an, zeigte ansonsten aber durchaus echte Frontmann-Qualitäten, konnte er doch mit seinem Auftreten die Anwesenden in seinen Bann ziehen. Zu schade, dass seine stimmlichen Qualitäten da nicht ganz heranreichen. Die recht dünne Stimme, deren Umfang doch ziemlich beschränkt war, konnte jedenfalls nicht wirklich überzeugen, zudem war der Gesang alles andere als ausdrucksstark. So war es erfreulich, dass ab und an Keyboarder Desmond Robberegt mit einer guten, vielleicht sogar besseren zweiten Stimme für Fülle sorgte, wenn er auch in einigen Momenten ganz leicht neben der Spur lag.

Alles in allem sicherlich keine Offenbarung, zeigen XYSTUS aber sehr gute Ansätze, die es gilt weiter auszubauen, um in die Oberliga aufsteigen zu können. (doomster)

PAGAN´S MIND

(nach oben…)

Nach dem eher durschnittlichen und leicht überbewerteten Debütalbum der Schweden PAGAN´S MIND haben sicherlich viele Leute gar nicht richtig wahr genommen, dass die Truppe inzwischen ein wirklich hervorragendes Zweitwerk auf den Markt geschmissen hat, mit dem man zwar noch nicht ganz überzeugen kann aber immerhin die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen in der Lage ist. Songwriterisch bietet man inzwischen einprägsame und interessante Kompositionen und angesichts des Insiderpublikums des ProgPower war es da nicht verwunderlich, dass die Band derart empfangen wurde, dass Bassist Steinar Krokmo nur noch wie ein Honigkuchenpferd grinsend über die Bühne schritt. Das Hauptaugenmerk legte man da selbstredend auch auf Celestial Entrance und zeigte sich live fast noch fassettenreicher als auf dem Album. Ganz klar, hier steht eine Band am Anfang ihrer Karriere mit einem Potenzial, das noch einiges erwarten lässt. Live scheint man auch schon ausreichend Erfahrung gesammelt zu haben, zumindest wirkte die Truppe absolut routiniert und gut aufeinander eingespielt. So was merkt man natürlich besonders bei einem instrumentalen Stück wie The Seven Sacred Promises Back to the Magic of Childhood, sieht man aber auch bei der Lockerheit mit der die Jungs sich auf der Bühne bewegen. besonders Schlagzeuger Stian Kristoffersen kann es einfach nicht lassen beim Spielen immer wieder kleine Faxen einzubauen, die man erst bei genauem Hinschauen richtig wahr nimmt. Im Vordergrund des Geschehens steht normalerweise aber immer der Sänger, so auch bei PAGAN´S MIND. Und da haben wir es mit einem Mann zu tun, der die Ausstrahlung der Musik geradezu verkörpert – sehr metallisch, aber doch mit einem Schuss Mystik versehen bringt er seine hohen Gesangsteile perfekt dar, besonders geil wird es aber, wenn die Evil-Gesangsparts zum Einsatz kommen, die nicht nur Gimmick auf Platte darstellen. Solche Sachen geben dem ganzen eine besondere Note, mit der man sich vom Einheitsbrei angenehm abhebt und nachdem die letzten Töne verklungen waren, hatte man die Sympathien ganz auf seiner Seite. Diese Band muss man auf jeden Fall weiter im Auge behalten

ANDROMEDA

(nach oben…)

Von ANDROMEDA hatte ich mir ehrlich gesagt nicht allzu viel versprochen, konnte mich doch deren zweites Album II=I als Ganzes aufgrund des übertriebenen Zurschaustellens der technischen Fähigkeiten auf Kosten des Songs nicht überzeugen. Bei ihrem zweiten Auftritt auf dem PROG POWER-Festival – bereits 2001 waren die Schweden in Baarlo präsent – konnte die Band dennoch und berechtigterweise abräumen. Geschickterweise konzentrierte man sich nämlich auf die Songs von II=I, welche in meinem Review hochgelobt wurden, da sie im Gegensatz zu restlichen Material nicht völlig konfus und zusammengeschustert, sondern bei aller Komplexität sehr schlüssig wirken und mit bärenstarken Hooklines ausgestattet sind. So durften neben dem zugegebenermaßen etwas sperrigen Reaching Deep Within, mit dem das Konzert eröffnet wurde, Killer wie Encyclopedia oder das wunderbar hymnische, schleppende Mirages nicht fehlen und sorgten nicht nur bei mir, sondern bei einem großen Teil des Publikums, welches die Leistung mit mehr als ordentlichem Applaus honorierte, für Begeisterung. Einen Anteil daran hatte sicher auch die Tatsache, dass die Musik der Band live trotz der Keyboards sehr heavy und druckvoll rüberkam. Auch konnte Sänger David Fremberg vollauf überzeugen, der auch schwierige Gesangslinien mit Bravour meisterte und sich dabei stimmlich keine Blöße gab, sei es bei den aggressiveren hohen Parts oder bei ruhigen, emotionalen Parts wie in Two Is One. So konnte man auch über die offensichtlichen Parallelen zu SYMPHONY X-Shouter Russell Allen wohlwollend hinwegsehen.

Aber natürlich verzichteten ANDROMEDA nicht völlig darauf, ihre Instrumentalisten ordentlich in Szene zu setzen. Dies funktionierte live jedoch erstaunlich gut, so dass etwa während des Instrumentals Chameleon Carneval vom Debüt Extension Of The Wish eine Menge beeindruckter Gesichter Gitarrist Johan Reinholdz und Keyboarder Martin Hedin auf die Finger schauten. Alles in allem also ein unterhaltsamer, aber doch recht anstrengender Auftritt, wollte man all das, was da auf einen hereinprasselte, verarbeiten. Etwas weniger der Frickelei hätte sicherlich gut getan, ich warte noch immer auf einen Auftritt der Band, bei dem nur Hammer-Songs vom Kaliber eines Mirages auf der Playlist landen. Vielleicht nach dem nächsten Album? (doomster)

EVERON

(nach oben…)

Mit Erschrecken musste ich vor dem ProgPower feststellen, dass mir meine gesamten EVERON-Tapes irgendwie abhanden gekommen sind und somit war das nix mit audieller Vorbereitung auf diesen Gig. Um ehrlich zu sein haben mich die deutschen Progger aber auch noch nie derart in den Bann gezogen dass mich der Verlust besonders niederschlagen würde. Ein sattes gut war meine bisherige Wertung, umso mehr musste ich feststellen, dass viel nicht hängen geblieben ist. Live war die Band aber dann doch ein echtes Erlebnis und was die zurückhaltende Truppe bot war eine Stunde Verzauberung auf musikalisch sehr hohem Niveau. Deutlich vom Prog alter Schule im Stile MARILLIONs geprägt wussten EVERON gefühlvoll Stimmungen zu vermitteln in die man sich herrlich versinken konnte – ruhig, atmosphärisch, melancholisch und positiv. Sänger, Keyboarder und Gitarrist Oliver Philipps wirkte dabei fast schon verschüchtert und doch irgendwie von seinem Tun überzeugt. Man könnte das ganze vielleicht aber auch einfach als professionell bezeichnen – eine Rockshow ohne jegliche Rockstarallüren allerdings. Wobei….nennen wir es einfach Prockshow. Besondere Aufmerksamkeit fanden EVERON ganz besonders in dem Moment, als die Attraktive Judith Stüber die Bühne zu betreten um drei Stücke gemeinsam mit der Band zum besten zu geben, was der Verzauberung eine neue Facette gab. Und so kam es eben, dass man da eine Stunde lang im Publikum stand und einfach vor sich hin sinnierte, die Musiker beobachtete und die Songs auf sich wirken lies. Nicht unbedingt spektakulär das ganze aber einfach herrlich schön.

ELEGY

(nach oben…)

Der große Ausfall dieses Festivals – ganz klar. Kein Totalausfall, denn dazu hatten wir es hier einfach mit viel zu guten und verdienten Musikern zu tun, das muss man sagen. Aber insgesamt war die musikalische Darbietung der Holländer einfach viel zu nichtssagend, was angesichts eines Albums wie Supremacy, das zu Zeiten der Veröffentlichung bei mir tagelang rauf und runter lief, verdammt schade ist. Der Live-Gig auf dem ProgPower war aber auf jeden Fall eine hervorragende Bestätigung dafür, dass es sich nicht wirklich gelohnt hätte, sich nach diesem Werk weiter mit ELEGY zu beschäftigen. Irgendwie hat man es geschafft ziemlich belanglos und banal zu werden. Zudem wollte man auch mit dieser Ausstrahlung großer gescheiterter Rockstars nicht so richtig in die familiäre Atmosphäre des Festivals passen und auch wenn es derzeit wieder im Trend zu sein scheint, nach unnahbaren Rockstars zu fordern, waren ELEGY ein Argument für die guten Jungs, die auf dem Boden geblieben sind. Nein, arrogant waren die Bandmiglieder nicht….aber halt auch nicht besonders als Idolfiguren geeignet – ich persönlich mag es da eine Spur natürlicher. Lediglich ein altes Stück wurde zum Besten gegeben (fragt mich nicht nach dem Titel), ansonsten langweilte die Band mit gut dargebrachtem Durchschnitts-Melodic-Metal, so dass ich es zum ersten Mal vorzog, das Geschehen von ganz hinten aus weniger konzentriert weiter zu verfolgen. Hat keinen Spaß gemacht.

EVERGREY

(nach oben…)

Dass sich ein beträchtlicher Teil des Publikums bereits in den hinteren Bereich der Halle zum Feiern zurückgezogen hatte, ein weiterer Teil den Heimweg angetreten hat und der vordere Zuschauerteil von Ermüdungserscheinungen gezeichnet war, das hatten sich EVERGREY selbst zuzuschreiben. Wer seine Fans weit über eine Stunde warten lässt und den Soundcheck ins Unerträgliche rauszögert, der muss auch mit den daraus entstehenden Konsequenzen leben. Wer sich davon aber nicht die Laune verderben ließ, der hatte endlich mal wieder die Gelegenheit, EVERGREY bei einem Headlinergig auch in näheren Regionen erleben zu können und das hat sich definitiv gelohnt. Bemerkenswert locker und familiär wirkte die Band und vor allem Tom Englund hab ich bei einem Konzert noch nie derart publikumsnah erlebt. Man sah sich von sehr nahen Fans vor allem aus Holland aber auch aus allen möglichen anderen europäischen Ländern umgeben und war sich offensichtlich der Treue der Anhängerschaft bewusst – ohne den hieraus entstandenen Vorteil auf negative Weise ausnutzen zu wollen. Mit Blackend stieg man auch gleich traditionsbewusst ein um sich dann wild durch alle bisherigen Veröffentlichungen zu spielen. Blinded, Mark of the Triangle, She speaks to the Dead“ und Watching the skies unterlegten, dass man nicht gewillt war Schwerpunkte zu setzen, lediglich das Debütalbum blieb vom Opener abgesehen außen vor. Urplötzlich stapfte Bassist Michael Hakansson dann ohne ersichtlichen Grund von der Bühne, was auch in der Band für etwas Verwunderung sorgte, da er auch nach mehrmaliger Aufforderung nicht wieder auf der Bühne erschien. Magen-Darm-Beschwerden??? Keine Ahnung, ganz locker steckte sich Frontmann Tom erstmal eine Zigarette an und von Keyboarder Rikard Zander begleitet stimmte man eine großartige Version von Trilogy of the Damned an – ein wahrlich köstlicher Happen, den die Fans dankend annahmen. Tom nutzte gleichzeitig die Zeit um sich einen Überblick zu verschaffen, wer denn so alles im Publikum zu finden war um dann reichlich Grußgestiken zu verteilen. Als Michael dann endlich wieder auf der Bühne erschien lieferte man mit End of All Days einen der wohl eindringlichsten Songs der Band, The Encounter aber in nichts nachstehen sollte. Auffällig in dem Zusammenhang war, wie metallisch traditionsbewusst die Truppe live auf der Bühne wirkte, vom Düstercharme der Alben blieb man ein ganzes Stück entfernt. Dafür erschien man eindringlich persönlich, was auch die Coverversion I´m Sorry zu unterstreichen wusste, die hervorragend in den Bandkontext passt. Mit den vom Keyboard eingespielten Chorpassagen von Fragments deutete man die gothische Ausrichtung der Band zwar nochmals an, insgesamt wirkte man an diesem Abend aber deutlich rock´n´rolliger. The Corey Curse war dann auch schon der letzte Track vor dem Zugabenteil. Die Aufforderungen hierzu kamen dann auf Grund der Umstände zunächst etwas spärlich, dann aber massiv und mit Recreation Day fand man hierzu auch den gelungen Einstieg – einer der ganz großen musikalischen Höhepunkte dieses Festivals. Solitude Within ist inzwischen ganz klar ein Klassiker der im Set nicht fehlen durfte, genauso was Nosferatu angeht. Ja, und welcher Song fehlt da noch? Richtig, der Videocliphit The Masterplan mit dem man einen wirklich hervorragenden Gig abschloss, der aber noch begeisterter ausfallen hätte können, hätte man die Spannung am Anfang durch die Zulange Wartezeit nicht abgebaut und während des Gigs wieder mehr Anstrengung in den Wiederaufbau gesteckt. So nah und natürlich wird man EVERGREY auf er anderen Seite aber wohl nur selten zu sehen bekommen – und das hat diesen Gig ganz eindeutig geprägt.

Fierce
.