PARADISE LOST, HANGMAN’S CHAIR: Konzertbericht – Backstage Werk, München – 23.10.2022

Nach der Festivalsaison geht es durch die europäischen Clubs: PARADISE LOST stellen ihr aktuelles Album “Obsidian” (2020) endlich auch mit einer eigenen Tour vor. Weil darüber hinaus mit HANGMAN’S CHAIR auch das Vorprogramm qualitativ besetzt ist, machen wir für das Live-Paket gerne einen Abstecher ins Münchner Backstage.

Es gibt also doch noch positive Botschaften. Mussten wir allein in diesem Oktober bereits mehrfach von abgesagten Shows, Hallen-Downgrades und mäßig besuchten Konzerten berichten, freuen wir uns heute über die Ausnahme zur Regel. PARADISE LOST bespielen im Münchner Backstage anders als ursprünglich angedacht die große Bühne des Werks. Der Vorverkauf lief für die Altmeister augenscheinlich blendend, obwohl man mit HANGMAN’S CHAIR lediglich einen Support-Act mit an Bord genommen hat. Alles kein Problem für uns – am Sonntagabend halbwegs zeitig ins Bett zu kommen, hat ja auch seine Vorteile.

Zunächst aber erwartet uns eine diesige Halle, in der schon am frühen Abend die Nebelmaschinen für ein besonderes Ambiente sorgen. Noch ist genügend Platz in der geräumigen Lokalität, als wir einen kurzen Abstecher zum Band-Merchandise wagen. Zahlreiche Motive stehen zur Auswahl, für T-Shirts möchte der Headliner durchaus faire 25,-€, da haben wir in letzter Zeit schon andere Preise erlebt. Lange Bedenkzeit gesteht man uns derweil nicht zu, denn den Konzertstart hat man im Backstage Werk offenbar kurzfristig nach vorne gelegt.

HANGMAN’S CHAIR

Ganze zehn Minuten früher als offiziell veranschlagt bringen HANGMAN’S CHAIR ihren konsternierten Post Metal nach München. In tiefblaues Licht getaucht stehen die Franzosen im Nebel, während sie vorwiegend ihr aktuelles Album „A Loner“ (2022) präsentieren. Der Klang im Backstage ist drückend, aber doch klar genug, um die unverzerrten Gitarren sowie die Synthesizer ausmachen zu können. Lediglich der melancholische Gesang Cédric Toufoutis, der auf der rechten Seite der Bühne die zweite Gitarre bedient, könnte ab und an etwas deutlicher aus der doomigen Sound-Decke hervortreten.

Die Rezeptur jedenfalls funktioniert live ausgesprochen gut, vor allem da HANGMAN’S CHAIR jede Minute auf der Bühne genießen. Insbesondere Bassist Clément Hanvic verliert sich schnell im Flow von Songs wie „Who Wants To Die Old“, indem er jede Zeile leidenschaftlich mitsingt und durch Gestik sowie Augenkontakt die Kommunikation mit dem Münchner Publikum sucht. Dieses füllt nach der ersten Viertelstunde den Innenbereich der gestuften Halle zwar ganz ordentlich aus, ist so früh am Abend allerdings noch nicht komplett aufgetaut.

Auch wortlos bringen HANGMAN’S CHAIR einige überzeugende Argumente vor

Aufmerksam gelauscht und im Takt genickt wird dennoch, schließlich bringen die Franzosen auch ohne Worte zwischen den Stücken einige überzeugende Argumente vor. Entsprechend wird jedes einzelne davon mit Applaus belohnt, schon allein weil HANGMAN’S CHAIR dem Verzicht auf Ansagen zum Trotz alles andere als unnahbar wirken. Für ein Headliner-Set fehlt in dieser Form vielleicht noch die Abwechslung, die rund 40 Minuten füllt das Quartett aber anstandslos – allein das letzte Riff des Closers „Naïve“ hätte die Band gerne noch ein paar Runden länger zelebrieren dürfen, um das starke Ende des Auftritts so richtig in unsere Köpfe zu hämmern.

Fotogalerie: HANGMAN’S CHAIR

PARADISE LOST

Dass der Headliner des Abends zwar aus einer anderen Generation stammt, nicht aber aus der Zeit gefallen ist, erleben wir nur 25 Minuten später. Lauter Applaus erfüllt das durchaus gut gefüllte Werk, als PARADISE LOST zum Piano-Intro des Openers „Enchantment“ die Bretter entern und ohne große Umschweife loslegen. Es gibt viel Nebel, dessen Schwaden durch seitlich montierte Illuminationen in tiefe Farbtöne getaucht werden, ansonsten allerdings beschränkt sich die Formation auf sich selbst und ihre Musik.

Die richtige Entscheidung am heutigen Abend, da die reichhaltige Diskografie der Briten ohnehin für sich selbst spricht. Neben einer Handvoll Stücken des aktuellen Werks „Obsidian“ (2020) kramen PARADISE LOST tief in der Songkiste, was bei den anwesenden Zuschauer:innen durchaus auf positive Resonanz stößt. Wir würden uns nicht wundern, wenn der Altersdurchschnitt im Backstage heute Abend jenseits bzw. um die 40 Jahre liegt – so lange prägen die Doom-Death-Veteranen bereits die Szene.

Irgendwann greift PARADISE LOST-Frontmann Nick Holmes selbst zum Smartphone, um die feiernde Meute festzuhalten

Und das mit Recht, wenn wir uns den heutigen Abend zum Maßstab nehmen. Frontmann Nick Holmes führt zwar nur kurz angebunden durch das rund 80-minütige Set, hat das Publikum ansonsten allerdings fest im Griff. In „Blood And Chaos“ reicht ein Fingerzeig, im treibenden „The Last Time“ ein trockenes „Come on!“, um die Menge vor der Bühne zu aktivieren. Nun mag die Musik PARADISE LOSTs vielleicht nicht die beste sein, um einen Circle Pit zu eröffnen, zum Klassiker „Eternal“ wird dafür kollektiv die Nackenmuskulatur strapaziert, wenn nicht gerade die Fäuste gen Hallendecke schießen.

Die Ankündigung von Evergreens à la „One Second“ oder „No Hope In Sight“ wird ebenso frenetisch mit Jubelschreien erwidert, wie die Gelegenheit, in „The Last Time“ den Refrain gemeinsam mit Fronter Nick Holmes zu singen oder selbigem die Titelzeile von „As I Die“ mit Inbunst entgegenzubrüllen. Der Sänger greift ob dieser kollektiven Huldigung schließlich selbst zum Smartphone, um zu den ersten Tönen von „Say Just Words“ die feiernde Meute vor sich im Bewegtbildformat festzuhalten.

Das packende “Ghosts” beschließt das abgeklärte und doch lebendige Gastspiel PARADISE LOSTs in München

Nach dieser Zäsur lassen PARADISE LOST die bayerische Landeshauptstadt ein paar Momente zappeln, um schließlich doch nochmals auf die Bühne zurückzukehren. Drei Songs umfasst der Zugabenblock, der mit dem behutsam beginnenden „Darker Thoughts“ startet und nach dem Klassiker „Embers Fire“ durch das starke „Ghosts“ ein packendes Ende findet. Zusammenfassend somit ein abgeklärter, aber doch lebendiger Auftritt der Genre-Veteranen, denen wir die Freude an der Sache selbst nach mehreren Dekaden noch anmerken können: sei es an Gitarrist Greg Mackintosh, der in „Forsaken“ und „The Last Time“ ein Paar schöne Soli aus dem Handgelenk schüttelt, oder Tour-Drummer Guido Montanarini (STRIGOI), welcher die komplette Show über eine absolut aufgeweckte Performance hinlegt.

Die Band ist offenbar zufrieden, wir sind es ebenfalls – und dass es neben uns noch einigen hundert Köpfen ähnlich ergeht, ist schlussendlich die Kirsche auf der Torte. Es darf in diesen herausfordernden Zeiten zwischendurch auch mal Gewinner geben. Heute sind es zweifellos PARADISE LOST – und ein bisschen sogar wir selbst, wo wir es doch an einem Sonntagabend trotz Metal-Konzert ausnahmsweise vor Mitternacht ins Bett schaffen.

PARADISE LOST Setlist – ca. 80 Minuten

1. Enchantment
2. Forsaken
3. Blood And Chaos
4. Faith Divides Us – Death Unites Us
5. Eternal
6. One Second
7. Serenity
8. The Enemy
9. As I Die
10. The Devil Embraced
11. The Last Time
12. No Hope In Sight
13. Say Just Words
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14. Darker Thoughts
15. Embers Fire
16. Ghosts

Fotogalerie: PARADISE LOST

Fotos: Tatjana Braun (https://www.instagram.com/tbraun_photography/)