LEPROUS, THE OCEAN, PORT NOIR – “Pitfalls”-Tour, Freiheiz, München, 19.11.2019

Es ist unser erster Besuch im Münchner Freiheiz, als wir durch den Vorraum mit den Merchandise-Tischen in die stilvolle Halle schreiten. Wir staunen daher nicht schlecht, als sich ein geräumiger Saal mit hoher Decke vor uns öffnet – die schick ausgeleuchteten Backsteinmauern verleihen der Örtlichkeit ein historisches und zugleich warmes Ambiente. Platz ist in dem alten Turbinenwerk für rund 600 bis 700 Gäste, wovon die ersten bereits mit einem kalten Getränk auf den Abend anstoßen. Wir inspizieren in der Zwischenzeit die Bühne am Ende der Halle, wo später die norwegische Progressive Rock- / Metal-Band LEPROUS ihr neues Album „Pitfalls“ vorstellen wird. Mit dabei sind die Post Metal-Pioniere THE OCEAN sowie die schwedische Alternative Rock-Band PORT NOIR.

PORT NOIR

Deren Schriftzug leuchtet vorne bereits gut leserlich in weißen Buchstaben. Als wenig später um Punkt 20 Uhr die Lichter ausgehen, bilden die beiden Leuchttafeln links und rechts des Schlagzeugs die einzige Bühnendeko des schwedischen Trios. Nicht nur visuell neigen PORT NOIR zum Understatement: Mit dem aktuellen Album „The New Routine“ begann die Formation im Frühjahr eine musikalische Neuausrichtung, die weniger auf Spektakel denn auf Groove und erdige Synthesizer setzt.

Dementsprechend klar und differenziert erklingt das neue Material im Freiheiz, das eine erstaunlich gute Akustik zu haben scheint. Viel Platz haben die drei Skandinavier auf der vollgestellten Bühne nicht – sogar sein Schlagzeug musste AW Wiberg in der ersten Reihe aufbauen. Den Platz, den Andreas Hollstrand zur Verfügung hat, nutzt der Gitarrist immerhin bis zum letzten Zentimeter. Der Aktivposten der Band ist nicht selten Fixpunkt der Live-Show, die in „Flawless“ und dem Banger „Old Fashioned“ einen unverschämten Groove entwickelt. Zu verdanken ist das neben Drummer Wiberg vor allem den Mal dröhnenden, Mal federleichten Backing Tracks, die Hollstrand parallel an einem Keyboard steuert.

Drummer AW Wiberg musste sein Schlagzeug in der ersten Reihe aufbauen

Bei Bassist Love Andersson laufen schließlich alle Fäden zusammen: Wenn der stoisch anmutende Sänger seine Stimme erhebt und dem erdigen Unterbau einen warmen Kontrast entgegensetzt, fügen sich die einzelnen Versatzstücke ineinander. Dies bleibt dem Münchner Publikum nicht verborgen, das zum abgezockten Finale „13“ endlich vollständig auftaut und schließlich lauten Beifall spendet.

PORT NOIR Setlist

  1. Young Bloods
  2. Flawless
  3. Blow
  4. Old Fashioned
  5. 13

THE OCEAN

Falls am Ende des Abends die Tanks der Nebelmaschinen leer sein sollten, haben wir die Schuldigen gefunden. Dicke Schwaden legen einen Schleier um die Musiker von THE OCEAN, während im Boden versteckte Scheinwerfer das Geschehen in tiefgrünes Licht tauchen. Der Auftakt „Permian: The Great Dying“, der sich Stück für Stück immer weiter aufbaut, ist ungemein atmosphärisch, auch wenn wir Sänger Loïc Rossetti auf den Brettern bisweilen kaum ausmachen können.

Der Frontmann hat sich zu unserer Linken auf ein Podest im Hintergrund zurückgezogen, nur in den ruhigen Momenten erhellt ein Spot das dunkle Areal. Es ist ungewöhnlich, dass der sonst so aktive Sänger die Bühne seinen Kollegen an Bass und Gitarre überlässt. Zumindest Bandkopf Robin Staps, dessen Schatten durch die indirekte Beleuchtung an die Backsteinwand des Freiheiz geworfen wird, lässt sich nicht beirren und posiert fleißig mit seiner überdimensionalen Silhouette um die Wette.

Loïc Rossetti bewegt sich heute ungewohnt oft im Hintergrund

Insgesamt erscheinen uns THE OCEAN heute ein wenig gemäßigter im Auftreten, als es noch auf dem SUMMER BREEZE 2019 im August der Fall war. Es bedarf schon heftiger Ausbrüche in den dynamisch arrangierten Songs, dass es Loïc Rossetti von seinem Podest an den vorderen Rand der Bühne zieht. Dass in „Mesopelagic: Into The Uncanny“ direkt der erste Kontakt mit dem Publikum beinahe mit einem Sturz von der Bühne endet, scheint den guten Mann nicht zu beeindrucken: In „Bathyalpelagic I: Impasses“ lässt sich Rossetti von den Münchnern in die Mitte der Halle tragen, wo er auf den Händen der Fans den kompletten Song über verweilt. Er ist eben doch ein Rockstar. Ein Rockstar, der darüber hinaus ausgesprochen gut singen kann – besser als heute Abend haben wir ihn stimmlich noch nicht erlebt.

Spontaner Jubel bricht aus, als die ersten Töne von „Bathyalpelagic II: The Wish In Dreams“ erklingen. Es ist der einzige schnellere Song im Set des Kollektivs, der aber nun alle Dämme brechen lässt. Uns fehlt vielleicht manchmal der Punch der Gitarren, die im sonst differenzierten Mix etwas lauter sein könnten, der Energie in der Luft können wir uns dennoch nicht entziehen.

THE OCEAN lassen uns mit dem Wunsch nach mehr zurück

Als Robin Staps zum Ende hin noch „etwas Altes“ ankündigt, möchten wir fast glauben, er habe sich unseren alleinigen Kritikpunkt an der SUMMER BREEZE-Show zu Herzen genommen. Mit „Firmament“ haben THE OCEAN für den Schluss sicherlich keine schlechte Wahl getroffen, wie ein Blick durch die Menge nahelegen lässt. Zumal Drummer Paul Seidel im ruhigen Zwischenteil vor dem Finale das Ruder noch einmal an sich reißt und uns dank einiger wunderbarer Fills mit dem Wunsch nach mehr zurücklässt – beim nächsten Mal gerne auch mit etwas Uraltem.

THE OCEAN Setlist

  1. Permian: The Great Dying
  2. Mesopelagic: Into The Uncanny
  3. Silurian: Age Of Sea Scorpions
  4. Bathyalpelagic I: Impasses
  5. Bathyalpelagic II: The Wish In Dreams
  6. Devonian: Nascent
  7. Firmament

LEPROUS

Mittlerweile ist es im Freiheiz richtig kuschelig geworden, als um exakt 22:00 Uhr die Lichter ausgehen und eine stilisierte Tür auf der großen weißen Leinwand hinter dem Schlagzeug erscheint. Ein Verweis auf das Musikvideo zur ersten Single „Below“, deren sanftes Synthesizer-Intro ein Raunen durch den Saal schicken lässt. Ein Raunen, das alsbald in Jubel ausbricht, denn nur Momente später tritt Sänger Einar Solberg mit seinen Kollegen vor das grelle Scheinwerferlicht.

Als der groß gewachsene Frontmann die Stimme erhebt, verkommen die Videoprojektionen im Hintergrund zum Beiwerk. Mit großer Gestik und aufrechtem Schritt gleitet Solberg geradezu über die Bühne. Sein Auftreten hat etwas Feierliches, mit einem Hauch Theatralik vielleicht, aber dennoch kleben wir ihm umgehend an den Lippen. Dass „Pitfalls“, von dem „Below“ und das folgende „I Lose Hope“ entnommen sind, für den Sänger ein ungemein persönliches Album ist, spüren wir im Ausdruck seiner emotionalen Stimme.

Dass LEPROUS-Sänger Einar Solberg eine Erkältung plagt, ist kaum bemerkbar

Passend dazu tragen LEPROUS heute Hemd und im Falle von Solberg sogar Krawatte. Spießig wird es dennoch nicht, im Gegenteil: Der Bandkopf legt den typisch skandinavischen Pragmatismus schon nach rund zehn Minuten ab und führt stattdessen mit trockenem Humor und viel Selbstironie durch den Abend, als möchte er der emotionalen Schwere mancher Songs einen entsprechenden Ausgleich zur Seite stellen.

Tatsächlich spielen LEPROUS im Rahmen des anderthalbstündigen Sets stark mit Kontrasten. Gerade das erste Drittel steht mit seinen ruhigen Stücken ganz im Zeichen von Einars einzigartiger Stimme, dem wir nur in den zerbrechlichsten Momenten und höchsten Tonregionen dezent anmerken, dass er gerade mit einer Erkältung zu kämpfen hat. Es ist folglich nur konsequent, dass „Bonneville“, wo der Bass einige Akzente setzt, und „The Cloak“ die Anspannung immer weiter nach oben schrauben, bevor sich das MASSIVE ATTACK-Cover „Angel“ mit seinem trippigen Synthie-Loop tief in unsere Gehirnwindungen bohrt, bis der Druck kaum mehr auszuhalten ist.

Auf ihre Hits wollen LEPROUS am Ende doch nicht verzichten

Mehr als ein einfaches: „Are you ready?“, braucht Einar Solberg anschließend nicht, um mit dem Klassiker „The Price“ den Knoten platzen zu lassen. Zu grellem Blitzlicht löst auch Drummer Baard Kolstad endgültig die Handbremse, während vor der Bühne im Handumdrehen Bewegung herrscht. Auf ihre großen Hits wollen LEPROUS dann eben doch nicht verzichten, weshalb dem mitreißenden „Alleviate“ mit viel Elan das tanzbare „From The Flame“ nachfolgt.

Bevor die Norweger auf den Schlussakt zusteuern, nehmen sie noch einmal das Tempo heraus. Das erst reduzierte „Distant Bells“ erklingt anfangs so hilflos und zerbrechlich, dass wir am liebsten auf die Bühne klettern möchten, um den gedankenverlorenen Frontmann in den Arm zu nehmen. Bevor wir jedoch etwas tun, was wir später bereuen könnten, schwingt sich das Stück im Finale zu übermenschlicher Größe auf und lässt uns mit offenen Mündern zurück.

Nicht selten ist Drummer Baard Kolstad der heimliche Star auf der Bühne

Wir wären nicht böse, wenn das Konzert damit sein Ende gefunden hätte. Doch obwohl LEPROUS die Bühne fürs Erste tatsächlich verlassen, bleibt mit Tourmitglied Raphael Weinroth-Browne ein Mann mit seinem Cello zurück. Irgendwo zwischen Outro und Einleitung für den Schlussakt kann man wohl die folgende Solodarbietung einordnen, bei der Weinroth-Browne sein Instrument fast wie eine Konzertgitarre erklingen lässt.

Im Nachhinein wissen wir, dass wir gerade das Auge des Sturms passiert haben. Denn als sich LEPROUS zurückmelden, drehen in „Third Law“ die Gitarren richtig auf. Heimlicher Star bleibt hier wie auch im sperrigen „The Sky Is Red“ aber Drummer Baard Kolstad, der dank kreativer Patterns und exzellentem Klang im Freiheiz für enormen Drive hinter den Kesseln sorgt. Im Verbund mit der eindringlichen visuellen Untermalung wird aus dem elfminütigen Finale live eine ungemein intensive Erfahrung, deren Riffwände mit ihren unbequemen Synthesizer-Spitzen noch in unseren Ohren nachhallen, während wir längst zu Hause in unseren Betten liegen.

LEPROUS Setlist

  1. Below
  2. I Lose Hope
  3. Acquired Taste
  4. Bonneville
  5. The Cloak
  6. Angel (MASSIVE ATTACK-Cover)
  7. The Price
  8. Observe The Train
  9. Alleviate
  10. From The Flame
  11. Distant Bells
  12. Third Law
  13. The Sky Is Red

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