KATHAARSYS, PUNISH: Rock City, CH-Uster, 20.11.2007

Ein musikalisch anspruchsvolles Zweierpack macht an diesem Novemberabend Halt im Rock City – und zeigt, dass sich technische Raffinesse in todes- und düstermetallischen Gefilden wohlfühlt…

 

Nach einem anstrengenden Arbeitstag bietet das Programm des Rock Citys an diesem Dienstag genau das Richtige: Niveauvolle, harte Metal-Kost. Leider geht jedoch die Gleichung musikalische Qualität = publikumsmässige Quantität an diesem Abend nicht auf, und so musizieren die Winterthurer Todesmetalltechniker PUNISH und die spanischen Melacholiker KATHAARSYS vor geschätzten 15 Auserwählten, die sich im kleinen Club am Rande von Uster eingefunden haben.

Die fehlenden Leute verderben PUNISH die Laune allerdings nicht. Basser Hardy begrüsst grinsend den extremen Besucheraufmarsch, den man sich von der komplett ausverkauften Welttournee schon gewohnt sei. Mit langem Lachen ist allerdings nix, denn das Winterthurer Quartett legt sogleich los. Als Opener fungiert Screams from Misanthropic Town (von der Four Songs in Morbid Lust-EP) und zeigt ganz klar, wo der Frickelhammer hängt.

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Technisch versiertes und harmonisch rüberkommendes Quartett – PUNISH

Die Gitarristen André und Ralph zaubern herrlich perlende Tonfolgen auf ihren schwarzen Jacksons. Dabei fällt auf, dass die musikalisch-technische Einträchtigkeit eine visuelle Ergänzung hat – denn lässt man den Geist genügend den Gitarrenläufen nachwandern, sieht man quasi zwei gespiegelte Gitarristen mit dem größer gewachsenen Bassisten als Symmetrieachse in der Mitte. Angetrieben von Drummer Reto Crola (REQUIEM), der mit Click im Ohr die Zügel fest in der Hand hält, bieten PUNISH technischen Death Metal vom Feinsten, der auch um die eine oder andere Thrash-Anleihe nicht verlegen ist.

Gleich zu Beginn manifestiert sich zudem, dass sich die Band als Quartett sehr wohl fühlt und harmonischer wirkt als zu ihren Quintettszeiten. Hardy übernimmt kompetent die tiefen Vocals und führt mit gut gelaunten Ansagen durchs Set, während Gitarrist André die Kreischvocals beisteuert und so interessante Kontraste setzt. Nach dem Titeltrack der aktuellen Scheibe Dawn of the Martyr folgt – entgegen der Ansage – keine Mädchenmusik, sondern Miss Anne Thrope, das ebenfalls demonstriert, dass bei PUNISH alles dort sitzt, wo es zu sitzen hat – ohne in Rock`n`Roll-fernen, zwangsintellektuellen Prog-Eskapaden zu enden. Klar tendieren die Schweizer vom Stage-Acting her eher in Richtung NECROPHAGIST – aber wie die Deutschen auch, machen PUNISH fehlendes Bewegungsbrimborium durch unerbittliches Gefrickel und spannende Songs wett. Die Bandvorstellung flechten die Jungs nonchalant in einen Song ein und danach wird weiter fleißig das aktuelle Album vorgestellt – etwa mit Neo Phosphorescent Insignificance, Obnoxious Objector, Freaks oder Fragrance of Abomination.

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Frickeln macht Spass – André (PUNISH)

Doch auch die älteren Zeiten werden nicht außer Acht gelassen und Tracks wie Punishment by the Veil of the Dark Creation, Divinity Falls oder das abschließende Suffering of the Enemies finden ebenfalls den Weg in die Setliste. Soundtechnisch ist bei der Performance alles im grünen Bereich und PUNISH zeigen sich von ihrer roheren Seite, wo auch ein etwas zischiger Gitarrensound gut ins Klangbild passt. Ruhig und besinnlich – Weihnachten vorgezogen ist die Bierpause gegen Ende des Sets, doch als Reto nach Suffering of the Enemies schon die Bühne verlassen will, motiviert Hardy die Zuschauer zu einem Zugabe-Ruf. Daraufhin wird noch Hall of Violence zum Besten gegeben, inklusive getapptem Duett – und PUNISH dürften mehr als fit sein für ihre offizielle CD-Taufe am 24. November…

Keine Frage, nach PUNISH aufzutreten ist keine leichte Sache, besonders bei Gitarristen dürfte diese Aufgabe keine unbeschwerte Freude auslösen. Doch fast schon wie ein Omen zu den ausgedehnten KATHAARSYS-Kompositionen läuft in der Umbaupause Crimson von EDGE OF SANITY.

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Verzaubert mit melancholischen Melodien und charismatischem Gesang – José (KATHAARSYS)

So überrascht es denn auch wenig, als das spanische Trio KATHAARSYS sein Set mit einem langen, vielschichtigen und melancholischen Opener beginnt – und selbst mit der absoluten Grundausrüstung Gitarre – Bass – Gesang – Drums ein düster klingendes Gefühlsfeuerwerk entfesselt. Das Trio webt sensibel wunderschöne, akustische Passagen in Passagen von losgelöster Raserei, kontrastiert hell und dunkel, Nachdenklichkeit und explodierende Wut – und erinnert hierbei nicht selten an OPETH oder die neueren Zeiten von PRIMORDIAL. Zeigen sich die Spanier aus Sanitago del Compostela von ihrer ruhigen, zerbrechlichen Seite, kommen Erinnerungen an die alten Zeiten von ANATHEMA auf. Dies liegt nicht nur an gewissen harmonischen Parallelen, sondern auch am eindrücklichen, cleanen Gesang von Gitarrist José, der die Doppelaufgabe einziger Gitarrist und Sänger zu sein, hervorragend meistert. So gleiten brilliante, leicht ins Jazzige driftende, cleane Parts scheinbar mühelos in tonnenschwere, doomige Gothic Metal-Gefilde. Dann zeigt der unscheinbare, ja fast scheu wirkende Fronter seine andere Seite, aus einem scheinbar unergründlichen Abgrund steigt die Grunz-Facette seiner Stimme empor, aus dem Höllenfeuer entweicht sein fieses Gekreische und beide machen die Musik von KATHAARSYS wieder um eine Dimension reicher. Gleichzeitig halten die Gitarrenlines die Stimmung, die Seele des Songs aufrecht und das kleine Publikum lauscht gespannt den komplexen Gedankengängen, auf welche die Spanier ihre Zuhörerschaft entführen. Ebenfalls auffallend an den KATHAARSYS-Kompositionen ist die Fähigkeit des Trios selbst mit kleinem Instrumentarium immer wieder Dynamik in ihre Songs zu bringen. So sind langsame Passagen, die nur von einem Instrument getragen werden, keine Seltenheit und ausgedehnte Instrumentalparts bevölkern die Songs der melancholischen Spanier ebenfalls. Dabei fällt auf, dass Gitarrist und Sänger José nicht der einzige ist, dem Aufmerksamkeit gebührt – selbst wenn man sich der Faszination nicht entziehen kann, wenn er leichtfüßig und völlig passend frickelnd sein Griffbrett erkundet, nur um danach wieder in gepflegte Clean-Träume zu verfallen. Die Bassistin Martha steht im wahrsten Sinne ihren Mann bzw. ihre Frau und bearbeitet ihren Fünfsaiter gleich mit mehreren Zupf-Techniken und stets mit dem richtigen Feeling. Dazu noch ein bisschen Kreis-Banging und Stretch-Übungen auf dem Griffbrett, um auch den Basslines die Reize aberwitziger Disharmonien zukommen zu lassen. Dabei kommt das Zusammenspiel mit Drummer A. Hernandez – der in den ruhigeren Teilstücken fast schon zärtlich seine Becken zum Schwingen bringt – nicht zu kurz und das rhythmische Fundament ist stets gegeben. Set-technisch legen KATHAARSYS den Schwerpunkt auf ihr aktuelles Doppelalbum Verses in Vain, welches

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Steht am Bass eindrücklich ihre Frau – Martha (KATHAARSYS)

unter anderem mit dem fast 16minütigen The Dawn Leaves Pieces Of Rottenes vorgestellt wird. Ansagentechnisch beschränkt sich José auf ein absolutes Minimum, doch kaum bewegen sich die Spanier auf ihren eigenen Klangpfaden, nehmen sie einen unweigerlich mit der Energie ihrer Songs gefangen. Doch der Horizont dieser Truppe hört nicht bei Eigenkompositionen auf – mutig setzt man bereits auf die zweite Stelle der Setliste DEATHs Lack of Comprehension und vermag auch im Covern eine gute Falle zu machen. Und selbst wenn im Laufe des Abends die Leute weniger werden – lässt man sich auf die vielfältig schillernde Melancholie von KATHAARSYS ein, wird man unweigerlich in den herrschenden Intensität gefangen.

Erst gegen Mitternacht endet die intensive Klangreise. Zum einen ist man überwältigt vom atmosphärisch und technisch dichten Programm, das an diesem Abend von lediglich zwei Bands im knuffig-famililären Rahmen geboten wurde. Zum anderen mischt sich doch ein Funken Wehmut in die Rückschau, da es zwei Bands mit so großem Potenzial und Herzblut nicht vergönnt war, an diesem Abend mehr Metaller in ihre anspruchsvollen Akustik-Welten zu entführen…