CANNIBAL CORPSE, DEW-SCENTED, SEVERE TORTURE, Stuttgart, Röhre, 29. September 2002

CANNIBAL CORPSE, DEW-SCENTED, SEVERE TORTURE, Stuttgart, Röhre,  29. September 2002

SEVERE TORTURE hinterließen einen zwiespältigen Eindruck. Einerseits war an dem Auftritt der Band nichts auszusetzen, besonders der Drummer beeindruckte trotz beengten Platzverhältnissen mit Propellerbanging und tightem Schlagzeugspiel. Andererseits ist es fraglich, ob ausgerechnet eine Band wie SEVERE TORTURE als Support für CANNIBAL CORPSE spielen sollte. Für die jungen Holländer war es sicherlich eine unvergessliche Erfahrung mit den großen Vorbildern auf einer Bühne zu stehen, doch der Zuschauer fühlte sich wohl eher an diese „Original und Fälschung Suchbilder“, bei denen es in der Fälschung einige Änderungen zu entdecken gilt, erinnert. Tja, und Songs wie „Impelled to Kill”, “Mutilation of the Flesh”, “Decomposing Bitch” oder “Carnivorous Forge” reichen eben einfach nicht an die großen Vorbilder heran. Technisch haben die Bands zwar einiges gemeinsam, doch die letzten Feinheiten im Songwriting fehlen halt einfach noch. Die Band, die in der Schweiz interessanterweise nicht auftreten durfte, konnte in Stuttgart dennoch einen Achtungsapplaus einheimsen.

Ganz anders wurden DEW-SCENTED empfangen. Auch durch die konstanten „SLAYER“ Rufe ließen sich die Jungs mit Aushilfsbasser Alex von OBSCENITY nicht in ihrer energiegeladenen Show stoppen. Da mich die Band beim Party.San Festival diesen Sommer restlos überzeugt hatte, waren meine Erwartungen entsprechend hoch – und, ums Fazit gleich mal vorneweg zu nehmen, die Erwartungen wurden nicht enttäuscht. Dem Großteil des Publikums ging es ähnlich, wo zuvor nur die ersten Reihen im Wallung kamen und Rest lediglich gemütlich mitnickte, ging nun im vorderen Drittel der Röhre die Luzie ab. Kein Wunder, denn die Band, allen voran Sänger Leif, zeigten sich dermaßen spielfreudig, dass man einfach Anerkennung zollen musste.

“Idolized”, “Locked In Motion”, “Inwards” und der live unschlagbare Kracher “Unconditional” sowie das nicht minder beeindruckend-präzise gezockte “Life Ending Path” machten dem Publikum genauso viel Spaß wie der Band, die alles gab und dementsprechend schweißtriefend, aber in ungebrochenem Bewegungsdrang auf der Bühne agierte. Der Abschluss eines rundum gelungenen Gigs war eine heftige „War Ensemble“ Coverversion, die dann auch die „SLAYER“ Rufer zum Verstummen brachte. Das einzige, was mich ärgerte, ist die Tatsache, dass ich diese Band viel zu spät entdeckt habe.

Einen perfekten Einstieg in ihr Set fanden CANNIBAL CORPSE, indem sie „From Skin To Liquid“ als Opener auswählten. Statt wie erwartet einfach drauflos zu holzen, zeigten die Amis erst einmal, wie finster und bedrohlich sie sein können – ohne gleich den Knüppel aus dem Sack zu holen. Kleiner, aber für den Betreffenden sicherlich nicht unerwünschten Nebeneffekt, war die Tatsache, dass alle gespannt auf Corpsegrinder warteten und ihn bei seinem Erscheinen pünktlich zum zweiten Song gebührend bejubelten. Vorschußlorbeeren, die an diesem Abend durchaus gerechtfertigt waren.

Besonders die Leute in der ersten Reihe dürften diesen Auftritt nicht vergessen, denn CANNIBAL CORPSE zeigten sich unglaublich fannah. Statt die abgeklärten, obercoolen Death Metal-Rockstars zu mimen, baute besonders Alex Webster Kontakt zum Publikum auf, schüttelte zahllose Hände und gab sich – wie auch der Rest der Kannibalen-Kollegen – unglaublich sympathisch. Man sollte allerdings nicht George Fisher um (s)ein Shirt derart penetrant und lautstark anschnorren, wie es einer der Anwesenden tat – denn da hört dann auch die Toleranz eines Corpsegrinders auf.

Als ob die Ohren mit dem akustischen Inferno nicht schon genug gefordert gewesen wären, gab es auch einiges zu sehen: Man wusste einfach nicht, wo man hinsehen sollte, auf Websters spinnengleiche Hand, die dem Anschein nach acht statt vier Finger hatte oder Schlagzeuger Paul Mazurkiewicz entspanntes Lächeln, das sich trotz aller Breaks, Schnelligkeit und Feinheiten nur bei „Pit Of Zombies“ etwas verzerrte. „Disposal Of The Bodies”, “Fucked With A Knife”, “Sentenced To Burn”,

“The Prophecy”, “Dormant Bodies Bursting” , “ I will Kill You”, “ Perverse Suffering”, “Staring Through the eyes of the dead” und “Striped, raped & Strangled” ließen die Spielzeit von CANNIBAL CORPSE ratzfatz vergehen.

andrea
Kümmere mich seit 1999 um Reviews, Interviews und den größten Teil der *Verwaltung*, Telefon-Dienst, Beschwerdestelle, Versandabteilung, Ansprechpartner für alles, Redaktionskonferenz-Köchin...