AT THE GATES, NIFELHEIM, DESERTED FEAR: Kiff, CH-Aarau, 14. Dezember 2019

Vor fünf Jahren waren AT THE GATES das letzte Mal im Aarauer Kiff zu Gast und lieferten eines der schweißtreibendsten Konzerte der Clubgeschichte ab. Trotz dieser gerade mal fünf Jahre „alten“ Vorschusslorbeeren der Göteborger Melodic Death Metal-Institution und dem Seltensheitsgast mit Kultfaktor NIFELHEIM ist das Kiff an diesem Samstagabend überraschenderweise nicht ausverkauft. Gut gefüllt – ja, ausverkauft – nein.

Brüderlicher Merchandise bei NIFELHEIM

Am Merchandise-Stand klingeln indes dennoch die Kassen. Die schwedische Angewohnheit, bargeldloses Merchkaufen zu motivieren, wird vom AT THE GATES– und NIFELHEIM-Mercher fleißig kultiviert. Für Schweizer lohnt sich der angebotene Eurokurs und die Bands müssen nicht mühsam Schweizer Franken in Euro umwechseln. Die Preise sind vernünftig und vor allem im Hoodie-Bereich kein Vergleich zu den überrissenen AMON AMARTH– und ARCH ENEMY-Preisvorstellungen von letztem Monat. NIFELHEIM haben unter anderem ihre „The Burning Warpath To Hell“-Vinyl 7` dabei, die auf 750 Exemplare pro Variante limitiert ist. Das eine Cover, das auch das T-Shirt ziert, wurde von Tyrant gemalt, das andere von Hellbutcher – die Bröderna Hårdrock schlagen also auch visuell künstlerisch zu und zeigen ihre verschiedenen Ansichten bezüglich der Hölle. Raritäteninvestoren sind also schon mal am richtigen Stand präsent an diesem Abend.

DESERTED FEAR

Gegen 20 Uhr ist es Zeit für DESERTED FEAR aus Thüringen, die stilistisch klar das jüngere AT THE GATES-Publikum in Wallung bringen. Mit gutem Sound und Nebel- und Scheinwerfereffekten in Szene gesetzt, streifen DESERTED FEAR durch ihre todesmetallische Diskografie. Mit den „My Empire“-Songs „Battalion of Insanities“ und „Bury your dead” beginnt beziehungsweise endet das Set, dazwischen gibt es neueres Material wie „The Final Chapter“ und „Welcome to Reality“ vom aktuellen Album „Drowned by Humanity“. Obwohl die Thüringer stilistisch eher an ältere HYPOCRISY und AT THE GATES erinnern, hat ihr Auftritt einen gewissen Vibe, den man eher THE BLACK DAHLIA MURDER zuschreiben würde. Sympathische Ansagen runden den guten DESERTED FEAR-Auftakt schließlich ab.

NIFELHEIM

NIFELHEIM auf Tour wäre vor zehn Jahren noch mehr oder weniger undenkbar gewesen – abgesehen von mehrtägigen Konzertreisen in Südamerika. Dass die kultigen Black Speed Metaller jemals mit AT THE GATES in Europa unterwegs sein würden, schien mehr als utopisch zu jenem Zeitpunkt. Item, ihre DIY-Rock`n`Roll-Einstellung unterscheidet NIFELHEIM auf Tour dennoch von anderen Bands dieser Grössenordnung: So haben die Schweden keinen Mischer dabei und verzichten bewusst auf einen eigenen Lichttechniker. Vertrauen in die Metalheads vor Ort oder no risk, no fun? Das weiß keiner so genau.

Neue Dämonen in Satans Diensten

Was hingegen alle genau kennen, ist der NIFELHEIMsche Kultfaktor. Die Schweden entern die Bühne und werden sogleich frenetisch bejubelt – selbst wenn sie ihren Gig in ungewohnter Dunkelheit beginnen. Tyrant und Hellbutcher tragen noch immer genug Metall, um schneller in einem Fluss zu ertrinken als Kaiser Barbarossa und auch die „neue“ Gitarristenfraktion aus Savage Aggressor (DESTRÖYER 666) und Blackosh (MASTER`S HAMMER) ist den langen Spikes nicht abgeneigt. Schlagzeugtechnisch hat sich das Bandkarussell abermals gedreht und statt Insulter of Jesus Christ! (VOJD, Ex-ENTOMBED) treibt nun Genocidor trommelnd seine vier Dämonenkumpanen an.

The burning warpath to Hell überzeugt

NIFELHEIM nutzen diesen Abend auch, um ihre neue Single „The burning warpath to Hell“ zu promoten. Live fährt der Song sogleich ein, da NIFELHEIM ihre bekannten Trademarks verwenden und genau das bieten, was ihre eingefleischten Fans so schätzen. Tyrants Bassspiel überzeugt an diesem Abend besonders und harmoniert perfekt mit Genocidors Rhythmen. Blackosh und Savage Aggressor sind ebenfalls versiert, doch bei gewissen „Envoy of Lucifer“-Soli vermisst man die charakteristische Handschrift des Ex-Saitenhexers Vengeance from Beyond (NECROPHOBIC) hier und da.  NIFELHEIM auf Tour ist ein grossartiges Erlebnis und für das neue Album fehlen nur noch die Vocals. Die Vorfreude ist nach diesem Gig definitiv grenzenlos.

Setliste NIFELHEIM

Infernal flame of destruction
Unholy death
From Hell`s vast plains
Evil blasphemies
The burning warpath to Hell
Bestial rites
Storm of the reaper
Sodomizer
The bestial avenger
Satanic sacrifice
Possessed by evil
The final slaughter

AT THE GATES

Die vielgeführte intensive Diskussion, ob am Ende dieses Abends mehr AT THE GATES-Fans etwas mit NIFELHEIM anfangen können als eingefleischte NIFELHEIM-Fans mit AT THE GATES, löst sich am Ende dieses Samstags nicht auf. Was indes schon beim Umbau zu AT THE GATES klar wird, ist, dass die Göteborger wenig dem Zufall überlassen: eigener Techniker, eigene schöne Lichter, abgestimmtes Bühnenbild. Die Routine ist definitiv da und AT THE GATES funktionieren wie eine gut geölte Maschine.

Ohne AT THE GATES kein Metalcore

Wie schon zwei Wochen zuvor in Karlstad zeichnet sich bei der Songauswahl von AT THE GATES ein ähnliches Reaktionsbild seitens des Publikums. „Slaughter of the Soul“ ist die Welt, die Atlas bzw. AT THE GATES zu tragen haben – und das Publikum flippt bei sämtlichen Songs dieses Albums einfach aus. Daran ändert sich wohl nichts mehr, selbst wenn „At War with Reality“ und „To Drink from the Night Itself“ keine schlechten Alben sind. Aber eben – „Slaughter of the soul“ gibt es nur ein Mal und ohne diesen Melodic Death Metal-Meilenstein gäbe es keinen Metalcore. AT THE GATES scheren sich indes nicht darum – Tomppa macht sympathische Ansagen und erinnert sich an den Gig im Kiff vor fünf Jahren, Gitarrist Martin und Bassist Jonas posen zusammen, dass es eine wahre Freude ist. Sound- und lichttechnisch sind AT THE GATES an diesem Abend ebenfalls am besten unterwegs und nicht nur anwesende Bassisten freuen sich ob dem hörbaren Bass. AT THE GATES haben trotz ihrer langen Bandgeschichte, ihrer langen Stille und ihrer Erfahrung die Spielfreude noch immer für sich gepachtet – geiler Gig.

Setliste AT THE GATES

Der Widerstand
To drink from the night itself
Slaughter of the soul
At war with reality
A stare bound in stone
Cold
The colours of the beast
Death and the labyrinth
Daggers of black haze
Under a serpent sun
The swarm
Raped by the light of Christ
Heroes and tombs

Arlette Huguenin Dumittan
Arlette ist seit 2000 bei vampster und unsere Schweizer Fachfrau für schwarze Musik und vegane Backrezepte. Lieblingsbands: DARKTHRONE, MAYHEM, HAIL OF BULLETS. Genres: Black Metal, Death Metal, Dark Metal/Rock.