Nach über einer Woche Dauerhitze luden ALKALINE TRIO in die Halle des Im Wizemann zum gepflegten Punk-Rock-Konzert. Es war erst der dritte Auftritt in Baden-Württemburg in der mittlerweile 30-jährigen Bandgeschichte. Ich wollte schon ein Vierteljahrhundert lang die Band einmal live erleben, nachdem mich Songs wie „Radio“, „Sorry About That“, „This Could Be Love“ und „Stupid Kid“ angefixt hatten. Je populärer die Band mit der Zeit wurde, desto weniger blieben die neuen Alben in meinem Ohr hängen. Zu meiner Freude und Erleichterung bot das Konzert in Stuttgart einen Querschnitt aus allen Alben. Es hätte also ein großartiges Konzert werden können.
Punk ist nicht tot – er hatte nur leider kurz zuvor einen Motorradunfall.
Bandkopf Matt Skiba saß deshalb mit seiner Gitarre die meiste Zeit über auf einer Kiste und kämpfte sichtlich um die passende Nähe zum Gesangsmikrofon. Bassist Dan Adriano und insbesondere der hyperenergische Neuzugang am Schlagzeug, Tosh Peterson, kompensierten den statischen Frontmann nach Kräften. Dieses Ungleichgewicht spiegelte sich leider auch im Klangbild wider: Die Rhythmusgruppe schepperte laut aus den Boxen, die Gitarren konnte man mühsam erahnen und der Gesang gingin der instrumentalen Geräuschkulisse unter. Entsprechende Zwischenrufe wurden bedauerlicherweise von Band und Tontechnik ignoriert. Die ersten drei Songs konnte man eigentlich nur erahnen.

Die Halle war hinten abgehängt und etwa zur Hälfte gefüllt. Das Publikum war freilich da, um das Trio live zu sehen. Man zeigte guten Willen und feierte mit einer gewissen Zurückhaltung Höhepunkte wie das flotte „This Addiction“ und „Mercy Me“. Doch angesichts der tropischen Temperaturen vermied der Großteil allzu ekstatische Bewegungen.
Punk ist nicht tot – aber er schwitzt verhalten vor sich hin.
Immer wenn Dan Adriano für einen Song den Lead-Gesang übernahm, wurde es etwas besser, auch wenn er eigentlich der deutlich limitiertere Sänger ist. „Is This Thing Cursed?“ machte Laune und der Oldie „She Took Him to the Lake“ versetzte dann auch mich in Bewegung. Insgesamt gab es hitzebedingt nur einmal ein kleines Moshpit. Wie Tosh Peterson an seinem Drumkit die 80 Minuten lang derart Vollgas geben konnte, blieb mir ein Rätsel. Ein paar Songs lang vertiefte ich mich eher in sein unbändiges Spiel als in die eigentlichen Songs, zumal die gelegentlich verwendeten Backing Tracks das Live-Erlebnis auch nicht aufwerteten.
Mit „Cringe“ vom Debüt „Goddamnit“ zollten ALKALINE TRIO auch ihren Uptempo-Wurzeln Tribut, was entsprechend mit Jubel und dezenter Publikumsbewegung belohnt wurde. Zu den seltsameren Momenten gehörte die Ankündigung eines neuen Albums. Man hätte es ganz frisch aufgenommen, aber den neuen Drummer aus Termin-Gründen nicht bei den Aufnahmen involviert. In der Luft spürte man die Erwartung, nun etwas Neues zu hören. Doch es folgte „nur“ eine der jüngsten Single-Veröffentlichungen „Bleeding Out“. Auch Skibas Enttäuschung darüber, dass er es nicht geschafft hatte, das Porsche-Museum zu besuchen, löste bei den Stuttgarter Fans wenig Mitgefühl aus.
Punk ist nicht tot – er würde nur gerne das Porsche-Museum besuchen.
Aufgrund der Verletzung des Bandchefs verzichtete das Trio auf eine Zugaben-Pause und machte nach dem im Soundmatsch versteckten Songjuwel „This Could Be Love“ und dem coolen „Warbrain“ direkt weiter mit „Radio“. Es gab einen lautstarken Publikumschor, der sich nicht davon stören ließ, dass der Gesang, der in den ruhigen Straßen ausnahmsweise besser zu hören war, eher schief klang. Die Band hat im Lauf ihrer Karriere über 1000 Konzerte gespielt. Die Hitze und die Verletzung haben aber offenbar eine gewisse Verunsicherung mit sich gebracht. Am neuen Schlagzeuger lag es jedenfalls nicht. Das saß jeder Schlag, jeder Groove. Und die 20 dargebotenen Songs waren zum allergrößten Teil langjährige Setlistkonstanten. Möglicherweise hat sich auch einfach zu viel Routine eingeschlichen, als dass die außergewöhnliche Ausgangssituation angemessen gewürdigt werden konnte. Auch der übermäßige Einsatz von grellem Stroboskop-Licht drückte irgendwie auf die Stimmung.
Es wäre also mehr drin gewesen an diesem Abend. Immerhin waren die etwa 600 Zuhörer kein distanziertes Festivalpublikum, sondern Fans der Band, die mit etwas persönlicher Ansprache und einem differenzierten Sound die Hitzelethargie garantiert öfter überwunden hätten. Sie spendeten ANTHONY GREEN mit seiner BOOM DONE BAND im Vorprogramm zuvor wesentlich mehr als Höflichkeitsapplaus. Mit einer Mischung aus hohem Emo-Gesang, gefühlvollen Grunge-Gitarren und krachigen Rock-Ausbrüchen traf der CIRCA SURVIVE-Frontmann den Geschmack der meisten Anwesenden. Dabei entstand gerade in den vorderen Reihen durchaus ein gemeinschaftliches Gefühl beim Schwelgen im Alternative-Rock-Sound. Eine vergleichbare Verbundenheit gelang ALKALINE TRIO anschließend erst spät im Set bei den letzten (und mit populärsten) Songs. So blieb es am Ende bei einem passablen Auftritt der Hauptband mit sporadischen Höhepunkten.
Setlist ALKALINE TRIO:
- Private Eye
- Calling All Skeletons
- I Wanna Be a Warhol
- Is This Thing Cursed?
- Bad Time
- Oblivion
- This Addiction
- Mercy Me
- In Vein
- We’ve Had Enough
- She Took Him to the Lake
- Sadie
- Cringe
- Blue Carolina
- Bleeding Out
- All on Black
- Time to Waste
- This Could Be Love
- Warbrain
- Radio