RED SPAROWES: Die Spatzen sind überall

Das zweite Album "Every Red Heart Shines Toward the Red Sun" der Visionäre aus dem NEUROSIS und ISIS-Umfeld namens RED SPAROWES ist ein Instrumentalalbum geworden, das die Fans dieser Musikrichtung süchtig machen wird. Wie die Musik und die tragische Geschichte verschmelzen, wer bei diesem Mammutunternehmen zur Seite stand, warum man gegen Diebe schlussendlich doch nicht verliert und warum das Pedal Steel eines der am schwersten zu spielenden Instrumente überhaupt ist erzählte mir der charismatische Gitarrist und Visualisten-Guru Josh Graham mit einer Engelsgeduld in dem 45minütigem Telefonat.

Das zweite Album Every Red Heart Shines Toward the Red Sun der Visionäre aus dem NEUROSIS und ISIS-Umfeld namens RED SPAROWES ist ein Instrumentalalbum geworden, das die Fans dieser Musikrichtung süchtig machen wird. Wie die Musik und die tragische Geschichte verschmelzen, wer bei diesem Mammutunternehmen zur Seite stand, warum man gegen Diebe schlussendlich doch nicht verliert und warum das Pedal Steel eines der am schwersten zu spielenden Instrumente überhaupt ist erzählte mir der charismatische Gitarrist und Visualisten-Guru Josh Graham mit einer Engelsgeduld in dem 45minütigem Telefonat.

Hallo Josh, erstmal herzlichen Glückwunsch zu eurem neuen Album. Die Idee von politischer, instrumentaler Musik ist nicht besonders neu. Haben euch GODSPEED YOU! BLACK EMPEROR inspiriert?

Naja, so gesehen war nur At the Soundless Dawn ein politisches Album. Um auf GODSPEED YOU! BLACK EMPEROR zu sprechen zu kommen, die sind Anarchisten. Oder auch nicht. (lacht) Jedenfalls vertreten sie ihre eigene Agenda, das machen wir nicht. Auf Every Red Heart Shines Toward the Red Sun geht es um eine Geschichte, die in Wirklichkeit passiert ist. Das Thema Politik bei Instrumentalbands ist aber definitiv nicht neu, da gebe ich dir recht.

Euer neues Album handelt von einer wahren Geschichte, die heutzutage nicht sonderlich bekannt ist. Wie kamt ihr auf die Idee eine Scheibe über den großen Sprung nach vorn zu schreiben?

Ich kam auf die Idee durch einen Artikel, den ich in einem Magazin gelesen habe. Wir haben in der Band darüber diskutiert und fanden die Idee sehr reizvoll, auch da es etwas mit Spatzen zu tun hat. Das erste Album handelte auch schon von Spatzen, es ging um die sechste Auslöschung, eine wissenschaftlichen Theorie von Richard Leakey. Leakey beschreibt grob gesagt die Entwicklung des Menschen in der Geschichte und seinen Einfluss auf die Erde. Das erste was dabei im Ökosystem angegriffen wurde waren die Spatzen, weil sie an niedrigster Stelle standen. Auf unserem neuen Werk geht es um eine Kampagne der chinesischen Regierung in den 1950er Jahren, bei der sämtliche Spatzen getötet werden sollten, was eine humanitäre Katastrophe verursachte. Übergreifend gesagt, wir gehen vor wie eine Art Rock-Band, versuchen zu unserem Namen eine Geschichte zu erzählen.

Als ich mich in die Geschichte von Every Red Heart Shines Toward the Red Sun hineinlas, glaubte ich auch die Story von At the Soundless Dawn zu begreifen, die mir bislang total verborgen blieb. Mir kommt das erste Album wie eine Vorgeschichte vor, nicht wie eine wissenschaftliche Theorie.

Ich kann das nachvollziehen, es klingt nach Industrialisierung, bevor der große Sprung nach vorn so richtig begann. Es kommt immer darauf an, was der Hörer sich vorstellt und du hast recht – die beiden Geschichten sind so geschrieben, dass sie gut zusammenpassen.

Julie Xmas von MADE OUT OF BABIES half euch beim Schreiben der Geschichte. Hat sie euch geholfen die richtigen Worte zu finden?

Ja, das hat sie. Sie hat ein großes Talent, Dinge in Worte zu fassen und somit erleichterte sie uns die Arbeit deutlich. Ich habe dennoch einige Sätze der Geschichte geschrieben.

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wir gehen vor wie eine Art Rock-Band, versuchen zu unserem Namen eine Geschichte zu erzählen. (Josh Graham über die konzeptionelle Ausrichtung der Band)

Was kam zuerst, die Musik oder das Konzept?

Die Musik kam definitiv zuerst, sie steht an erster Stelle. Danach machen wir uns Gedanken über den Albumtitel, das Konzept, Artwork und so weiter.

Das ist sehr interessant. Denn die Musik scheint für diese tragische Geschichte maßgeschneidert zu sein. Gerade bei Millions starved and we became skinnier and skinnier, while our leaders became fatter and fatter. meint man die verhungerten Menschen auf einem Feld vor sich liegen zu sehen. Es ist wie in einem Film. Meinst du mit einer anderen Geschichte wäre der Höreindruck ein ganz anderer?

Das ist für mich als Bandmitglied schwer zu sagen, wir haben alle unsere eigene Interpretation der Musik. Genauso verhält es sich beim Hörer, manche können mit dem Konzept gar nichts anfangen, hören einfach nur die Musik. Ich finde es aber sehr schön wenn der Hörer das Album als Ganzes in sich aufsaugt und auch hinter die Musik schaut.

Diese und nächste Woche bin ich übrigens dabei für die anstehende UK-Tour neue Visualisierungen zusammen zu schneiden und ich durchforste viel Material von alten Dokumentationen. Du kannst davon ausgehen, dass wir das Konzept auch optisch ins Leben rufen werden. Und gerade arbeite ich an dem Song, von dem du gesprochen hast. Das kurze Lied vor diesem Stück ist gerade fertig geworden, darin ist ein Bauer, dessen Tiere fortlaufen. Dann sieht man eine Heuschrecke und später kommt ein Schwarm mit abertausenden Heuschrecken angeflogen, die alles Essbare vernichten.

Ich habe euch auf eurer Europatour gesehen, da habt ihr zum Beispiel den Opener von Every Red Heart Shines Toward the Red Sun gespielt, optisch war er eindrucksvoll mit einstürzenden Wolkenkratzern untermalt. Schmeißt man dermaßen tolle Videos einfach weg um Neue zu machen, oder hebt ihr sie auf für spätere Visualisierungen?

Die Songs der neuen Scheibe bekommen eigentlich alle neue Visuals. Meistens waren es neu bearbeitete Versionen von Videos, die wir ursprünglich zu alten Songs hatten, da ging es nur noch an das Angleichen.

Meinst du, ihr werdet die optische und die musikalische Komponente eines Tages verbinden und eine DVD rausbringen?

Du sprichst auf die NEUROSISDVD an, oder? Es hat über ein Jahr gedauert, diese DVD fertig zu stellen, es war wirklich harte Arbeit. Alles musste so gut wie möglich werden, trotz der Menge an Material und dem knappen Budget. Ich denke für RED SPAROWES steht so etwas momentan nicht zur Debatte. Zu einem Song werden wir aber wahrscheinlich schon einen Clip drehen, da wird dann die ganze Geschichte des Albums erzählt werden.

Von deinem Talent abgesehen Musik in aussagekräftige und ungewöhnliche Bilder zu verwandeln, kann mir nur schwer vorstellen, dass du vom Drehen von Videoclips leben kannst.

Nein, das kann ich nicht. Wieviel ich verlange kommt immer darauf an, welche Band einen Clip will, wie die Ideen und die Story aussehen. Aber Arbeiten wie die Videos von THE DILLINGER ESCAPE PLAN und ISIS haben mir großen Spaß gemacht und mich auch gefordert. Ansonsten verdiene ich mein Geld eher als Selbstständiger in der Werbbranche.

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Das Artwork von Every Red Heart Shines Toward the Red Sun

Das Artwork von Every Red Heart Shines Toward the Red Sun passt hervorragend zur Musik, ist sehr poetisch. Hast du die Farbe rot in Bild und Titel wegen China und dem Kommunismus gewählt?

Die Farbe im Cover wirkt tatsächlich wegen der chinesischen Propaganda, die die meisten noch im Hinterkopf haben dürften so kommunistisch. Das Cover ist so schön wie möglich gestaltet, es ist liebevoll gezeichnet, die Farben sind warm und gut aufeinander abgestimmt, alles ist so schön wie es nur sein kann.

Wenn ich das erste Album mit eurem neuen Werk vergleiche merke ich, dass ihr einen großen Schritt nach vorn getätigt habt. Die Musik ist rauer, die Drums sind härter und die Gitarren dissonanter. War euch At the Soundless Dawn zu harmonisch?

Nein, das denke ich nicht. Das neue Album ist sicherlich experimenteller, härter, dreckiger und hässlicher, aber gleichzeitig auch sehr feinfühlig und schön – schöner als zuvor. Wir haben uns bemüht uns selbst in Sachen Kreativität nach vorne zu bringen. Auf unserem ersten Werk haben wir nach dem gesucht, was wir machen wollten und auf Every Red Heart Shines Toward the Red Sun haben wir es – so denke ich jedenfalls – gefunden.

Ist euer neuer Schlagzeuger Dave ein Mitgrund dafür, dass euer neues Material heavier ist als zuvor? Bei einigen Songs drischt er wirklich heftig drauf los.

Ja, er hat uns mit seinem Spiel einige Türen geöffnet. Auf dem ersten Album hielten wir die heftigeren Passagen etwas zurück, mit dem neuen Material konnten wir dies deutlich ausbauen, ohne die schönen Stellen vernachlässigen zu müssen. Zudem hat sich jedes Bandmitglied mehr geöffnet.

Wenn ich mir Every Red Heart Shines Toward the Red Sun als Ganzes anhöre kommt es mir viel düsterer vor als sein Vorgänger.

Ja, wahrscheinlich ist es das. Ich habe mir At the Soundless Dawn wirklich sehr lange nicht mehr angehört, aber so wie ich es in Erinnerung habe, stimmt es.

Eines vermisse ich an eurem neuen Album: Das Pedal Steel, das dem Debüt so einen wunderschönen Country-Touch gegeben hat. Wenigstens spielt ihr noch Slide-Gitarren.

Es ist aber nach wie vor Pedal Steel auf dem Album, es steht nur nicht in den Credits. Außerdem spielt er das Instrument tiefer, man kann es mit Gitarren verwechseln.

Oh, das ist mir aber peinlich.

Nein, keine Sorge. Wie gesagt, er spielt das Instrument anders und es passiert so viel in den einzelnen Songs, da kann man leicht verwirrt werden.

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Nur Greg Burns (rechts) beherrscht das Pedal Steel.

Ich sprach kürzlich mit dem Besitzer eines örtlichen Instrumentenladens, der mir erzählte, dass sich selbst erfahrene Musiker an dem Pedal Steel die Zähne ausbeißen. Ist es wirklich so schwer zu spielen?

Ja, das ist es. Bei uns schafft es nur Greg (Burns – Anm. d. Verf.) das Instrument zu spielen. Du musst mit beiden Händen spielen, mit vier Fingern an der linken Hand und fünf Fingern an der Rechten, dann gibt es noch drei Fußpedale und zwei Kniepedale. Es ist schon fast absurd schwer, klingt aber wunderschön.

Dann spare ich mein Geld doch lieber für einen Moog.

Das wäre wohl besser, ja. (lacht)

In Sachen Dynamik habt ihr einen großen Schritt nach vorne getan. Im fünften Song wird es ganz leise und es baut sich unbeschreiblicher Druck auf, der sich mit der lauten Explosion danach entlädt. Es ist geradezu erlösend. Und das macht die Intensität des Zweitlings aus.

Ja, es stimmt, wir haben viel mehr Dynamik eingesetzt. Unser zweite Album repräsentiert uns viel besser, ist ausgereifter. Das erste Album haben wir ja auch in nur zwei Tagen aufgenommen und in drei Tagen gemischt. Dieses Mal haben wir uns viel mehr Zeit genommen, wir hatten für das gesamte Album zwei Wochen zeit. (lacht)

Mit Desmond Shea habt ihr aber nicht wieder aufgenommen.

Desmond ist umgezogen, er lebt jetzt in Colorado. Dieses Mal hat Tim Green die Aufnahmen übernommen. Dave hat schon mal mit ihm aufgenommen und war sehr begeistert von ihm und seiner Arbeitsweise, also sind wir nach Seattle um mit ihm dort zu arbeiten. Der Sound ist sehr authentisch geworden, es klingt so, wie wir uns wirklich anhören. Every Red Heart Shines Toward the Red Sun sollte uns wirklich darstellen und das ist durch die Produktion gelungen.

Das Soundgewand klingt jedenfalls sehr organisch.

Die Produktion ist einfach toll geworden, genau das, was ich mir vorgestellt habe.

Nur die Drums sind mir persönlich etwas zu leise, aber vielleicht liegt das auch an meiner Anlage.

Das kann durchaus sein. Ich gebe dir recht, an manchen Stellen könnte die Snare Drum lauter sein, da ist passiert so viel, dass die Snare Drum direkt ein wenig in den Hintergrund gerät. Das liegt wohl am Mix.

Unglücklicherweise hatten RED SPAROWES in der Vergangenheit zweimal großes Pech. Erst wurde euch auf der Europatour euer Equipment gestohlen.

Ja, das war in Stockholm, direkt nach der Show. Unser Glück war, dass das schwedische Nationalradio die Show an diesem Abend mitschnitt, irgendwie ist es witzig, dass wir genau diese Show aufgenommen haben. Außerdem verkaufen wir den Mitschnitt quasi als Benefiz-CD, damit wir das Geld für die Instrumente wieder reinkriegen.

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RED SPAROWES von links nach rechts: Greg Burns, Josh Graham, Bryant Clifford Meyer, Andy Arahood und Dave Clifford

In jüngster Vergangenheit gab es auch große Probleme mit der LP-Veröffentlichung des neuen Albums.

Ja, da hat jemand im Internet den Link zur Veröffentlichung gefunden, als er sich in den Shop der Neurot Recordings-Seite eingehackt hat und hat ihn so manipuliert, als wären alle Exemplare schon verkauft worden. Jeder, der sich die Schallplatte dann vorbestellt hat bekam als Antwort eine Mail, dass sie schon ausverkauft wäre. Dies wieder richtig zu stellen hat viel Arbeit und Frustration verursacht, vor allem bei Neurot Recordings, inzwischen kann man sie aber wieder ganz normal bestellen.

Zu den erfreulichen Dingen gehört hingegen die Split mit GRAILS.

Ja, ich glaube sie ist sogar schon veröffentlicht, es gibt sie schon zu kaufen über den Webstore. Darauf ist von uns ein Song zu hören, der um die 15 Minuten lang ist und den wir zu mit dem letzten Album zusammen aufgenommen haben. Ich glaube, dass die Split außerdem sehr günstig ist, sie lohnt sich definitiv.

Ist eine erneute Europatour angedacht?

Ja, im März und April nächsten Jahres werden wir da sein, soweit die Planung bestehen bleibt. Wir freuen uns schon auf diese Tour, ebenso wie auf alle Anderen, wir würden am liebsten die ganze Zeit unterwegs sein. (lacht)

Wer war eigentlich euer Sessiongitarrist als ihr in Europa auf Tour wart?

Das war Jim, ein toller Gitarrist, der Bryant Clifford (Meyer – Anm. d. Verf.), und mich mit Greg bekannt gemacht hat. Ohne ihn würde es RED SPAROWES nicht geben, selbst wenn er nie bei uns fest dabei war. (lacht) Daher waren wir es ihm fast schuldig, ihn mitzunehmen.

Machst du eigentlich noch die Visuals für NEUROSIS?

Ja, die mache ich nach wie vor. Sobald ich aus England von der RED SPAROWES-Tour zurück bin, werde ich an neuen Videos für die anstehenden NEUROSIS-Konzerte arbeiten.

Ansonsten hast du noch eine andere Band am Start namens BATTLE OF MICE von der ich leider nur die beiden Songs kenne, die auf der Neurot Recordings-Homepage zum Download bereit stehen. Dein Gitarrenspiel fiel mir aber gleich auf, es ist sehr individuell, ausgereift, du hast zweiffellos viel Erfahrung. Dabei bist du mir als Musiker erst seit RED SPAROWES ein Begriff.

Ich habe in meiner Jugend in vielen Bands gespielt, aber so richtig wurde da nie was draus. Aufgewachsen bin ich in Phoenix, Arizona, wo alle anderen größeren Städte mindestens 500 Kilometer entfernt sind, also ging es nicht wirklich Tourneen durchzuziehen und so haben sich alle Bands im Sand verlaufen. Da ist es nicht so, wie im Rest der Staaten oder in Europa. Ich bin wirklich seit langem aktiver Musiker.

Josh, ich danke dir für das Interview und wünsche dir für all deine anstehenden Aktivitäten viel Erfolg.