PARACHUTES: Gewalt in den Medien macht keine Mörder. Gewalt in Familien schon.

Mit "Vultures" gelang PARACHUTES letztes Jahr ein überraschend starkes Album, das sich musikalisch irgendwo zwischen Emocore und Screamo bewegte und den Vergleich mit den Werken internationaler Genregrößen nicht scheuen zu brauchte. In dieser Hinsicht macht auch das neue Studioalbum "The Working Horse" keine Ausnahme, das den Stil des Quintetts konsequent weiterführt und in allen Belangen reifer und erwachsener wirken lässt. Gitarrist Carsten Jung, seines Zeichens vielleicht schnellster Interviewbeantworter im Musikgeschäft, ließ keine Zeit verstreichen und lieferte mir innerhalb von zwölf Stunden auf elektronischem Weg die passenden Antworten auf meine Fragen.

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Mit “Vultures” gelang PARACHUTES letztes Jahr ein überraschend starkes Album, das sich musikalisch irgendwo zwischen Emocore und Screamo bewegte und den Vergleich mit den Werken internationaler Genregrößen nicht scheuen zu brauchte. In dieser Hinsicht macht auch das neue Studioalbum “The Working Horse” keine Ausnahme, das den Stil des Quintetts konsequent weiterführt und in allen Belangen reifer und erwachsener wirken lässt. Gitarrist Carsten Jung, seines Zeichens vielleicht schnellster Interviewbeantworter im Musikgeschäft, ließ keine Zeit verstreichen und lieferte mir innerhalb von zwölf Stunden auf elektronischem Weg die passenden Antworten auf meine Fragen.

The Working Horse” ist euer nunmehr drittes Studioalbum. Man sagt ja immer so schön, dass gerade das Drittwerk über die Zukunft der jeweiligen Band entscheidet. Aber mal ehrlich, denkt man als Musiker überhaupt über derartige Redewendungen nach und glaubst du, da steckt vielleicht sogar ein Fünkchen Wahrheit dahinter?

Na ja, ich würde schon sagen, dass es von Album zu Album schwerer wird, da man sich immer neu definieren und erfinden will. Auch für uns war die Herangehensweise an “The Working Horse” eine total andere. Aber wir hatten unseren Spaß und haben trotz des gesunden Drucks, den “Vultures” heraufbeschworen hatte, einfach nur das gemacht, was uns Spaß macht.

Wenn es nach mir geht, dann dürfen PARACHUTES uns ruhig noch ein paar Jahre erhalten bleiben. Ich sehe das neue Album nämlich als konsequente Weiterentwicklung von “Vultures“. “The Working Horse” klingt reifer und erwachsener; vielleicht sogar ein Stück weit düsterer als der Vorgänger. Wie siehst du das?

Da kann ich dir absolut zustimmen. Wir haben diesmal ganz andere Dinge probiert und uns selbst in keiner Weise limitiert – sei es durch Zeitmangel wie bei unserem Debüt oder durch das Konzept bei “Vultures“. Wir haben verstärkt an unserem Songwriting gearbeitet und hatten riesigen Spaß, auch mal Dinge zu machen, die wir vorher in dieser Form absolut nicht ausprobiert hätten.

Der Grund hierfür liegt meiner Ansicht nach auch im härteren Songmaterial. Eingängige Melodien und Ohrwurmrefrains sind mitunter zwar immer noch vorhanden, aber nicht im selben Ausmaß und auch nicht so offensichtlich wie auf “Vultures“.

Ja genau, wir wollten diesmal einfach das Album als komplettes im Vordergrund stehen haben. Beim Schreibprozess zu “Vultures” hatten wir früh gemerkt, dass einzelne Songs das Album etwas überstrahlen. Diesmal soll das Album als Ganzes verstanden werden und auch als Ganzes wirken. Das ist auch einer der Gründe, warum wir uns diesmal so schwer getan haben, einen einzelnen Song als Vorabtrack oder Single zu wählen, da unserer Meinung nach jeder Song total unterschiedlich ist.

“Die Songs machen einen Höllenspaß live zu spielen.”

War diese Fortführung des auf “Vultures” eingeschlagenen Stils diesmal eine eher bewusste Entscheidung? Die letztendliche Härte von diesem war ja meines Wissens zunächst so nicht geplant gewesen.

Auch diesmal haben wir nicht gesagt: Komm, wir schrauben jetzt ein wenig an der Härte, weil härtere Musik momentan so angesagt ist. Dass das Album härter geworden ist als “Vultures“, wurde uns eigentlich erst ein paar Wochen nachdem wir das Mastering in der Hand hatten wirklich bewusst, da man dann mit dem nötigen Abstand Vergleiche ziehen konnte. Aber man muss sagen, die Songs machen einen Höllenspaß live zu spielen. Aber festlegen, ob die nächste Scheibe nun härter oder weicher wird, wollen wir uns natürlich nicht. Alles ist möglich.

The Working Horse” klingt außerdem sehr ehrlich und rau. Ist das auch ein Resultat eurer Arbeitsweise? Gab es Unterschiede in der Herangehensweise im Vergleich zu euren vorherigen Produktionen?

Uns wird ja sehr oft nachgesagt, dass wir sehr amerikanisch klingen und natürlich stehen wir auch auf diese breiten und fetten Sounds, die amerikanische Produktionen mit sich bringen. Allerdings muss man auch immer irgendwie schauen, ob das überhaupt passt oder ob das zu plastisch wirkt. Was bei “Vultures” perfekt funktioniert hatte, hätte bei “The Working Horse” zu aufgesetzt gewirkt, da das Album ein sehr ehrliches, raues und direktes ist.

Damit hast du meine nächste Frage schon angesprochen. Obwohl PARACHUTES eine deutsche Band ist, klingt ihr für viele Leute vom Gefühl her amerikanisch oder international. Seht ihr solche Vergleiche als Kompliment an und wo liegen eure wirklichen Einflüsse?

Ich habe das ja oben schon mal kurz angeschnitten, aber alles in allem sehen wir dies natürlich als Kompliment, da ja viele unserer direkten Einflüsse aus Amerika kommen. Wenn du dann mit deinen Vorbildern verglichen wirst, freut dich das umso mehr.

“Wir sind Arbeitstiere und beschweren uns dahingehend auch nicht, denn von nichts kommt nichts.”

Wie schon der Vorgänger “Vultures“, wurde “The Working Horse” erneut von Phil Hillen in den SU2-Studios aufgenommen. Was genau zeichnete die Arbeit mit eurem Produzenten aus? Was hat euch dazu bewegt, ein weiteres Mal dort aufzunehmen?

Das Arbeiten mit Phil ist einfach unglaublich entspannt. Er bringt sich sehr stark in den kreativen Prozess mit ein, steht immer mit Rat und Tat zu Seite und macht allgemein einfach einen Bombenjob. Es gab schlicht und ergreifend keinen Grund für uns jemand anderen zu wählen.

PARACHUTES
Beim Schreibprozess zu “Vultures” hatten wir früh gemerkt, dass einzelne Songs das Album etwas überstrahlen. Diesmal soll das Album als Ganzes verstanden werden und auch als Ganzes wirken.

Der Titel “The Working Horse” lässt vermuten, dass euch das Album in den letzten Monaten ziemlich beansprucht hat. Haben sich die Arbeiten wirklich über die kompletten vergangenen anderthalb Jahre hingezogen?

Wir hatten tatsächlich relativ kurz nach “Vultures” schon angefangen, Songs zu schreiben, die mit auf “The Working Horse” gekommen sind und wir hatten es uns diesmal auch nicht wirklich einfach gemacht. Allgemein steht das Album einfach für unseren Spaß an der Arbeit. Wir sind Arbeitstiere und beschweren uns dahingehend auch nicht, denn von nichts kommt nichts.

Wenn man sich die Songtitel ansieht, dann fällt auf, dass ihr scheinbar einen ganz eigene Art von Humor habt. Oder sind Namen wie “Get Bitches Or Die Tryin'” und “How Are You Feeling, Jimmy? Like A Mean Motherfucker, Sir!” einfach eure Art von Proberaumhumor, den ihr in diese Form auch nach draußen tragt?

Hehe, das mit dem Humor hast du gut getroffen. Wir haben einfach unheimlich viel Spaß und auch wenn wir unsere Musik sehr ernst nehmen, tun wir dies mit uns selbst als Personen umso weniger. Wir albern einfach gerne herum und manchmal schlägt sich das dann auch auf Songtitel oder Tourvideos nieder. Jetzt könnte man sagen, man müsse da aufpassen, dass man nicht Ernst genommen wird. Aber wir denken, warum sollten wir uns verstellen? Wir haben Spaß an dem, was wir tun und können auch viele negative Dinge mit Humor nehmen.

“Wir haben einfach unheimlich viel Spaß und auch wenn wir unsere Musik sehr ernst nehmen, tun wir dies mit uns selbst als Personen umso weniger.”

Den US-Army Marsch-Gesang in “How Are You Feeling, Jimmy? Like A Mean Motherfucker, Sir!” finde ich übrigens großartig. Wer ist denn auf die Idee gekommen, ihn in den Song einzuflechten?

Das war eine relativ schwere Geburt, da der Part ursprünglich gar nicht so gedacht war. Wir kamen irgendwann ins Studio als Stefan (Kinn, Vocals – Anm. d. Verf.) mit Phil (Hillen, Produzent – Anm. d. Verf.) an den Gesangsaufnahmen war. Die beiden grinsten uns nur an und haben uns den Part dann direkt gezeigt. Was ursprünglich eher als Insider-Witz der beiden gedacht war, gefiel auf Anhieb allen beteiligten und so haben wir gesagt, das muss da rein. Zack ein paar mehr Leute für den Chor dazu genommen…tja und was will man sagen. So kann man das Ganze dann jetzt auf der Platte hören.

“The Watchers Report” greift das leider nur allzu aktuelle Thema Amoklauf auf. Dabei kommt der Text gegen Ende mit den Zeilen “[…]if they had just listened, only once / I never had to do this, to show them that I’m here[…]” zu einem Schluss, den man sich eigentlich von den Politikern und sonstigen Offiziellen gewünscht hätte. Nicht die modernen Medien tragen die Schuld an solchen Tragödien, sondern die Gesellschaft und das jeweilige soziale Umfeld. Oder wie stehst du dazu?

Der Song liegt mir persönlich sehr am Herzen und du triffst das da ganz genau. Allerdings sage ich, dass gewisse Medien zumindest eine Teilschuld daran tragen, da diese Tragödien einfach extremst ausgeschlachtet werden. Sei es nun im Fernsehen oder in Zeitungen, so dass ich denke, dass manch kaputter Geist als Nachahmer herangezüchtet wird. Ich halte das für sehr gefährlich und ich wünsche mir da einfach auch ein wenig mehr Fingerspitzengefühl im Umgang mit solchen Dingen. Wobei natürlich totschweigen auch grundlegend falsch wäre. Der Punkt ist, Gewalt in den Medien, sei es nun in Form von Spielen oder Filmen oder sonstigen Dingen, macht keine Mörder. Gewalt in Familien, sei es nun körperlich oder durch mangelnde Zuwendung oder mangelndes Verständnis, schon.

Der Text von Get Bitches Or Die Tryin'” ist hingegen sehr metaphorisch gehalten. Beschreibt das Stück die Verrohung der Gesellschaft aus dem Blickwinkel einer Person, die durch das eigene Umfeld – vor allem in Beziehungen –  verschlagen, egoistisch und unehrlich geworden ist?

Da könntest du komplett richtig oder komplett falsch liegen. Das ist einer meiner Lieblingstexte, da er so unglaublich viel Spielraum für Interpretationen lässt. Darum geht’s mir auch bei den Texten. Ich weiß, welche Bedeutung diese für mich haben und freue mich immer zu hören, wenn sie für andere eine komplett andere haben.

PARACHUTES
“Wir albern einfach gerne herum und manchmal schlägt sich das dann auch auf Songtitel oder Tourvideos nieder.”

“Wenn jeder für sich selbst etwas anderes interpretieren kann, habe ich eins meiner Ziele erreicht”

“Failing A Cure” scheint sich hingegen um die psychologische Seite von Selbstmord zu drehen. Der personifizierte Tod flüstert dem potenziellen Opfer zu, was es tun soll und verspricht ihm dafür Erlösung von der eigenen Qual. Oder liege ich damit komplett daneben?

Gleiches Spiel wie bei “Get Bitches Or Die Tryin'”. Wenn jeder für sich selbst etwas anderes interpretieren kann, habe ich eins meiner Ziele erreicht.

Zum Song “Flatlines” von eurem letzten Album “Vultures” habt ihr damals ein Video gedreht. Ist für “The Working Horse” erneut ein Clip angedacht? Falls ja, habt ihr schon einen geeigneten Song in Aussicht?

Tatsächlich sind wir mitten in der Vorbereitung zum neuen Video. Dieses wird Ende November gedreht. Welcher Song es wird, verraten wir aber noch nicht.

Wie mir aufgefallen ist, führt die URL eurer ehemaligen Homepage nun direkt auf euer MySpace-Profil. Überhaupt scheinen immer mehr Bands diesem Trend zu folgen. Wie siehst du diese Entwicklung? Sind richtige Websites überflüssig geworden?

Du kannst heute soviel mit MySpace oder Facebook machen, dass Webseiten zum Teil überflüssig geworden sind. Bei uns ist es allerdings momentan einfach so, dass wir das Konzept unserer Webseite ein wenig überarbeiten wollen. Es soll exklusive Downloads und mehr Sachen zum Anschauen geben. Das wird allerdings noch ein wenig dauern, da wir dies, wie so viele andere Sachen, direkt selbst machen.

“Kommt auf unsere Shows und quatscht mit uns.”

Markus, eurer Drummer, hat gerade erst seinen Ausstieg bekannt gegeben. Traf euch seine Entscheidung letztlich überraschend oder hattet ihr bereits zuvor mit ihm über dieses Thema gesprochen, um so rechtzeitig einen würdigen Nachfolger finden zu können?

Als Gründungsmitglied hat Markus natürlich bisher einen riesigen Teil von PARACHUTES ausgemacht und glaub mir, wir würden ihn nicht gehen lassen, wenn wir nicht müssten. Er hat allerdings für sich selbst entschieden, in Zukunft anderen Dingen Priorität zu geben und da wir in erster Linie Freunde sind, würden wir ihm da auch niemals Steine in den Weg legen oder sauer sein. Wir hatten schon eine Weile über die Entscheidung geredet und sind bereits dabei, uns nach einem geeigneten Nachfolger umzusehen.

Wie sieht also die nahe Zukunft der PARACHUTES aus? Gibt es schon konkrete Pläne für die Zeit nach der Tour mit THE DEVIL WEARS PRADA im November?

Als erstes steht der Videodreh an und dann werden wir bis Ende des Jahres noch ein paar Einzelshows spielen. Dann wird konkret der neue Mann an den Drums an den Start gebracht und dann wird es auch irgendwann wieder Zeit sein, ans nächste Album zu denken, zumal wir das ja eigentlich seit dem letzten Studiotag für “The Working Horse” machen.

Bevor wir zum Schluss kommen, würde mich noch interessieren, ob du schon einen vorläufigen Kandidaten für das Album des Jahres hast. Welche Platte hat dich 2009 bislang am meisten begeistert?

Da muss ich vor allen anderen vor allem “New Junk Aesthetic” von EVERY TIME I DIE nennen. Die Platte läuft auf Dauerrotation bei mir und wird und wird einfach nicht langweilig.

Danke fürs Beantworten meiner Fragen. Falls du noch etwas Bestimmtes loswerden möchtest, dann raus damit!

Ich habe zu danken. Es freut mich riesig zu sehen, wie viel Arbeit du dir mit dem Zusammenstellen der Fragen gemacht hast. Man merkt, dass du dich wirklich mit dem Album beschäftigt hast und nicht nur die Standardfragen gestellt hast. Dafür nochmals Danke.

Die letzten Worte für heute:

Kommt auf unsere Shows und quatscht mit uns. Wir freuen uns auf euch und beantworten jede Frage.

Pressefotos © Redfield Records