MY DYING BRIDE: Die schöne Seite der Melancholie

MY DYING BRIDE: Die schöne Seite der Melancholie

Es gibt Musiker, die beantworten brav sämtliche Fragen, die man ihnen stellt. Es gibt aber auch Musiker, denen viel daran liegt, statt eines Frage-Antwort-Abtausch ein Gespräch zu entwickeln. Aaron Stainthorpe ist einer dieser Musiker, der mit nahezu unerschöpflicher Geduld und wachsendem Eifer seine Sicht der Dinge erläutert. Doch lest selbst, was er interessantes über sich und MY DYING BRIDE zu erzählen hat…

Zuerst fiel mir der Titel „Return TO The Beautiful“ auf dem neuen Album auf; die Originalfassung des Songs von „As The Flowers Wither“ hatte den Namen „Return OF The Beautiful“ – hat dieser Titel etwas mit der Rückkehr zu einem bestimmten Stil zu tun? Schließlich erinnert „The Dreadful Hours“ eher an die ersten Alben von MY DYING BRIDE.

Eigentlich ist es eine gute Idee, den Songtitel darauf zu beziehen, aber wir haben zu keiner Zeit so etwas überlegt. In den letzten Jahren hatten wir oft darüber nachgedacht, den Song neu aufzunehmen, denn es ist ein großartiger Song. Allerdings ist die Produktion von „As The Flowers Wither“ nicht so gut – wir wollten diesem Song einfach in angemessener Qualität aufnehmen. Als sich Hamish Glencross (Gitarre) und Shaun Steels (Schlagzeug) der Band anschlossen, wussten sie schon, dass wir den Song neu aufnehmen wollten. Sie meinten, dass jetzt der richtige Zeitpunkt dafür wäre. Sie hatten recht: Wir haben lange darüber nachgedacht – also warum sollen wir es nicht jetzt tun?!

Für mich klingt der Song nicht nur in punkto Soundqualität anders, sondern insgesamt reifer, erwachsener. Das Original ist viel rauer – ich bin mir nicht sicher, ob das nur an der Produktion liegt, es ist auch die Art wie ihr spielt und wie du singst.

Ich denke, das stimmt. Als wir den Song damals aufgenommen hatten, waren wir natürlich noch recht unerfahren. Andrew Craighan hatte damals erst seit drei oder vier Jahren Gitarre gespielt und das ist wirklich nicht sehr lange – auch für ein Debütalbum nicht. MY DYING BRIDE gibt es nun seit über elf Jahren, natürlich sind wir über die Jahre älter und reifer geworden. Es ist nicht nur die Produktion besser, der Song ist auch sauberer eingespielt. Als wir jung waren, war der Song recht wild und wir verloren manchmal ein wenig die Kontrolle darüber, haha. Die neue Version ist viel tighter und kontrollierter.

Wie war es für euch, als ihr den Song neu eingespielt habt? Ich kann mir vorstellen, dass in einem solchen Moment viele Erinnerungen hochkommen

Ich glaube, ich habe damals ganz andere Dinge im Kopf als heute, ich habe auf eine andere Art gedacht. Damals gab es nur ganz wenige Bands, die etwas ähnliches wie wir gemacht haben. Wir wussten, dass wir damit vielleicht etwas ganz Neues schaffen können. Heutzutage gibt es so viele Gothic und Doom Bands, die epische Songs machen – es fühlt sich heute einfach anders an. Ich hatte den Song eine sehr lange Zeit nicht mehr gehört, obwohl ich wusste, dass es ein sehr gutes Stück ist. Als wir jetzt begonnen haben, den Song zu proben, war es fantastisch, die alten Riffs wieder zu hören!! Ich konnte mich an manchen Stellen gar nicht an den Text erinnern, aber als sie mir wieder einfielen, war auch ein gutes Gefühl da – ich dachte, yeah, das ist es! Wir fühlten uns ein wenig wie damals. Aber ich denke auch, dass sich in den elf Jahren sehr, sehr viel geändert hat.

Ich mag an MY DYING BRIDE, dass ihr offensichtlich eure Vergangenheit mögt und immer zu ihr gestanden seid. Es gibt genügend Bands, denen ihre Debütscheiben anscheinend mittlerweile peinlich sind – da liest man dann Aussagen wie „Wir waren einfach sehr jung damals“ und live werden die alten Stücke auch nicht gespielt. MY DYING BRIDE haben sich immer auch auf ihre Frühwerke bezogen, zum Beispiel gab es auf dem letzten Album „The Light At The End Of The World“ einen dritten Teil zu „Sear Me“, und nun habt ihr einen Song vom Debüt neu eingespielt.

Wir waren immer stolz auf unsere ersten Platten. Ich weiß, dass es Bands gibt, die ihre frühen Werke hassen und nicht darüber reden wollen – das ist bei uns ganz anders. Klar müssen wir, wenn wir uns „As The Flower Withers“ heute anhören, an manchen Stellen lächeln, denn man kann einfach hören, dass wir damals noch sehr unreif waren. Wir waren noch Kinder und wir hatten kaum Geld für die Produktion, die deshalb auch schlecht ist. Aber so waren MY DYING BRIDE im Jahr 1992 eben! Wir sind sehr stolz auf diese Zeit und auch auf alles, was später kam – auf alles, was wir getan haben. Wir hatten niemals ein Management, wir haben immer alles selbst erledigt. Es ist schön zu wissen, dass man nach elf Jahren noch dabei ist und alles unter eigener Kontrolle hat. Wir designen unser T-Shirts selbst, wir machen alles selbst. Es gibt nicht viele Bands, die so lange durchhalten – besonders ohne Manager!

Durch diese Freiheit ist es natürlich auch möglich, die Fans abstimmen zu lassen, welche Songs sie auf einer Kompilation hören wollen – für die beiden „Meisterwerk“ Alben konnte man über die Tracklist auf eurer Homepage abstimmen.

Nun, wir mussten die Fans fragen. Es ist einfach für uns, ein paar Stücke auszusuchen, die uns gefallen – aber nicht wir kaufen unsere Platten, sondern die Fans! Wir müssten einfach die Menschen fragen, die uns all die Jahre unterstütz hatten: „Was sind eure Lieblingssongs?“, „Welchen Song wollt ihr auf dem Album haben?“. Am Schluss hatten wir so viele Songs, dass wir zwei CDs machen mussten – auf die wir auch ein paar alte Demo Aufnahmen, Japan Tracks und Coverversionen als Bonbon gepackt haben.

Wart ihr vom Ergebnis der Abstimmung eigentlich überrascht?

Im Großen und Ganze nicht, es gab aber eine große Überraschung: „Two Winters Only“ (The Angel and The Dark River) ist ein Song, den wir nie live gespielt haben. Ich hatte diesen Titel schon fast vergessen, doch als er in der Abstimmung nach oben kletterte, hörte ich ihn mir wieder an und dachte, dass es ein richtig guter Song ist, den wir unbedingt live spielen müssen. Ich denke zwar nicht, dass er auf der nächsten Tour gespielt wird aber es ist ein guter, starker Song. Wer weiß, vielleicht werden wir ihn ja auch mal neu aufnehmen?

Vor dem Songwriting zu „The Light At The End Of The World“ hattet ihr euch ein Ziel gesetzt, ihr wolltet weg vom experimentellen Stil und wieder näher an die ersten Alben der Band – war es bei „The Dreadful Hours“ ähnlich?

Es war insgesamt ein viel ungezwungenere Situation. Wir waren noch ein wenig high von den Aufnahmen zu „The Light At The End Of The World“. Als wir angefangen haben, das Material für „The Dradful Hours“ zu schreiben, wussten wir, dass es in eine ähnliche Richtung wie das Vorgänger Album gehen wird, denn wir mögen dieses Album einfach sehr. Wir haben keinen Druck gefühlt. „The Light At The End Of The World“ war sehr einfach zu schreiben, wir waren sehr entspannt beim Songwriting. Genauso ging es uns jetzt bei „The Dreadful Hours“: Wir wussten, dass es funktioniert, wenn wir einfach nur das machen, was wir fühlen. Es ist nicht notwendig, irgendjemanden mit verrückten Ideen zu beeindrucken. Wir wollten Musik mit ehrlichen Gefühlen machen, Musik, die von Herzen kommt. Ich denke, das ist uns mit „The Dreadful Hours“ gelungen. Es sieht so aus, als ob wir heute um einiges verärgerter sind, denn es steckt sehr viel Aggression in diesem Album. Es hat sehr melancholische Momente, aber über all dem steht Aggressivität – für mich ist dieses Album aggressiver als alle anderen. Vielleicht werden wir nicht nur älter, sondern auch aggressiver?

Aggression ist ein gutes Stichwort. Ich weiß, dass du nicht gerne über einzelne Songs redest, aber der Titelsong „The Dreadful Hours“ sollte eine Ausnahme wert sein: Der Song hat mich sehr berührt, der Kontrast durch deinen Gesang gibt dem Song eine sehr intensive Atmosphäre.

Danke! Ich war bei diesem Song gar nicht sicher, ob es wirklich gut klingen würde. Es gibt diese geflüsterten, ruhigen Parts und pure Aggression. Als ich den Gesang zu diesem Song ausgearbeitet habe, war ich über den Kontrast sehr glücklich, aber ich stellte mir immer vor, diesen Song live zu singen. Man kann mit diesem Song eine ruhige Atmosphäre schaffen und dann durch die Aggressivität die Fans dazu bringen, auf- und ab zu springen, dann wieder das Tempo rausnehmen und diese ruhige Atmosphäre wieder aufleben lassen. Ich stelle mir das wie ein Spiel mit dem Publikum vor, wie eine Katze, die mit einer Maus spielt. Ich fragte mich, ob es vielleicht viel zu schwierig für das Publikum sein könnte, diesen Song zu genießen. In einem Moment ist er sehr ruhig, dann bricht das Chaos los und dann beruhigt sich alles wieder. Es mag funktionieren, es mag aber auch nicht funktionieren – es gibt nur einen Weg, das herauszufinden… wir müssen es ausprobieren!

Nun, auf CD kommt gerade dieses extreme Wechselspiel dem Song zugute – die Stimmungen verstärken sich durch den Kontrast gegenseitig.

Ein guter Gedanke – ich hatte mir nicht dasselbe, aber etwas ähnliches überlegt. Alle Emotionen, die man mit MY DYING BRIDE verbindet, sind wie zwei Seiten einer Münze für mich: Sie sind einerseits sehr dunkel, deprimierend, wütend, schwarz, voller Hass – auf der anderes Seite gibt es immer einen Hoffnungsschimmer in den Songs, sie sind niemals völlig deprimierend. Es scheint immer noch etwas anderes da zu sein, sehr versteckt und sehr schwach, aber es gibt einen Lichtschimmer, der das Album davor bewahrt, komplett düster zu sein. Das ist etwas, was wie nie bewusst versucht haben, es ist einfach da!

Für mich drückt MY DYING BRIDE auch eine schöne Seite der Melancholie aus – es ist schwer, diese Atmosphäre ohne Schwulst in Worte zu fassen… Es ist ein sehr seltsames Gefühl, das es wohl auch nicht allzu oft gibt.

Diese Atmosphäre drückt sich auch schon im Namen der Band aus – er beschreibt etwas sehr Trauriges. Es muss aber auch Hoffnung da gewesen sein: Die Braut wollte schließlich heiraten. Als mir dieser Name eingefallen ist, war mein erster Gedanke, dass er einen sehr emotionalen Moment beschreibt. Dieser Moment muss doch das Herz zerreisen! Etwas, das wundervoll und romantisch sein sollte, wird plötzlich ins Gegenteil verkehrt. Etwas sehr Helles, Schönes wird in tiefste Dunkelheit gestürzt.

Da wir gerade über die Atmosphäre der Musik reden: Mit den beiden letzten Alben sind MY DYING BRIDE wieder zu ihren musikalischen Wurzeln, und damit zu einer vertrauten Atmosphäre, zurückgekehrt. Dazwischen gab es auch Experimente – doch diese Zeit scheint vorbei zu sein. „34.788 %“ zeigte eine andere Seite der Band.

Ich persönlich empfand „34.788 %“ nie als so bizarr, wie viele andere. Für mich besteht dieses Album einerseits aus Experimenten, andererseits bietet es auch ganz typische My DYING BRIDE Songs. Es gab ein paar abgefahrene Stücke und ein paar, die typisch für diese Band sind. Das Album hatte einen seltsamen Titel und ein seltsames Cover, das hat vielleicht einige Leute abgeschreckt, doch ich bin noch immer der Meinung, dass es starke, typische MY DYING BRIDE Songs darauf hat. Wir haben zwar andere Gitarreneffekte benutzt, aber trotzdem erscheint mir dieses Album nicht so ungewöhnlich wie vielen anderen. Alle Songs sind wie Kinder für mich, ich liebe alle auf dieselbe Art und Weise. Vielleicht sieht eines davon anders aus, aber ich mag es genauso. Das Album sieht das Leben aus einem anderen Blickwinkel, aber macht die Sache doch erst interessant! Wir haben „34.788 %“ sehr gerne gemacht und wir wussten, dass es sehr unterschiedlich aufgenommen werden wird. Nun, vier Jahre später scheint es so, als ob langsam erkannt wird, dass es ein gutes Album ist – man wusste zunächst nicht so recht, wie man damit umgehen sollte, aber hat dann erkannt, dass es gut ist.

Es ist eben kein einfaches Album, es fordert viel vom Zuhörer.

Ja, es ist wie das hässliche Entlein, das zum Schwan wird. Wir sind heute sogar begeisterter von diesem Album als damals, als es veröffentlicht wird. Es gab viele Leute, die dem Album einfach keine Chance gegeben haben.

Wenn ich über die Band My DYING BRIDE und ihre Alben urteilen müsste, dann würde ich folgendes sagen: Die Band hat bewiesen, dass sie etwas neues machen kann, ohne ihre Markenzeichen vollkommen aufzugeben. Nach „Like Gods Of The Sun“ gab es keine Violine mehr in den Songs, trotzdem klangen sie nach MY DYING BRIDE…

Es ist sehr ungewöhnlich, dass man eine Band auf jedem Album sofort erkennt. Wir hatten das Trademark „Violine“, auf das wir bei den letzten drei Alben verzichtet haben. Ich weiß, dass viele Leute die Geige anfangs vermisst haben. Ich glaube aber, dass die Atmosphäre, die durch „The Dreadful Hours“ geschaffen wird, keine Violine mehr braucht. Es gibt genügend andere Dinge, die in den Songs passieren: Gitarrenmelodien, Keyboardmelodien… und die Songs klingen noch immer typisch nach MY DYING BRIDE. Sie haben aber auch etwas Neues! Es ist schwer, das auszudrücken. Wenn ich sage, dass die Songs typische MY DYING BRIDE Songs sind, dann gebe ich damit zu, dass wir nur solche Songs schreiben können. Das aber meine ich nicht. Es ist noch immer eigenständige Musik – aber es ist auch immer noch MY DYING BRIDE. Kein Mensch erwartet von Elvis Presley, dass er SLAYER Songs singt! Bands haben einfach ihre Erkennungsmerkmale – das ist alles. Ich bin der Typ, der singt und die Texte schreibt, natürlich gibt es da Verbindungen zwischen den einzelnen Stücken.

Die Geige war Anfangs der Neunziger ja auch ein eher exotisches Instrument. Mittlerweile braucht ihr dieses „Exotenbonus“ oder wie immer man es nennen will, nicht mehr für euren eigenen Stil.

Ja, wir schaffen diese melancholische, schwarze und bösartige Atmosphäre, die wir immer hatten, heute mit Keyboards. Viele denken, dass die Violine besser gewesen ist, aber wir hatten die Violine sieben Jahre verwendet – man kann doch nicht immer und ewig dasselbe machen! Als wir zum ersten mal dieses Instrument verwendet haben, was es natürlich großartig – so etwas gab es vorher nicht, es war einzigartig! Als Martin die Band verließ, benutzen viele Bands Streichinstrumente oder Female Vocals – es nichts besonderes mehr. Es war einfach nicht notwendig, die Geige weiter einzusetzen. Die Musik war auch ohne Violine ausdrucksstark!

Das stimmt – du hast in einem Interview gesagt, dass MY DYING BRIDE Fans komische Leute sein müssen, denn sie bezahlen Geld dafür, dass sie traurig werden. Fühlst Du besonders auch bei Live-Konzerten eine gewissen Macht über das Publikum?

Nein, nein. Wenn ich so denken würde, dann würde ich ein durchgeknallter Rockstar werden!! Mit Mädchen, die ihn verehren – haha. Das ist lächerlich, denn ich könnte nie so sein. Ich bin Teil eines Teams. Wir alle schaffen die Musik und die Atmosphäre. Vielleicht bin ich der Frontmann, aber ohne die anderen wäre ich gar nichts. Ich denke niemals: „Das sind meine Fans, ich habe die Kontrolle über sie!“ Ich könnte das gar nicht. Nach den Auftritten gratulieren wir uns gegenseitig und schütteln uns die Hände – WIR haben gut gespielt, die Menge liebte UNS! Wir können das Leben von anderen nicht verändern, aber vielleicht können wir ihnen etwas Neues geben. Wenn du dir dieses deprimierende Zeug anhörst, fühlst du vielleicht ein wenig anders – ich hoffe es. Vielleicht kann man das Leben ein wenig verbessern. Man könnte meinen, dass solche Musik das Leben eher trauriger macht – aber ich denke, dass es nicht so ist. Wenn ich DEAD CAN DANCE höre, fühle ich mich großartig, obwohl die Musik dieser Band sehr, sehr viele dunkle Momente hat.

Es ist ja bekannt, dass du ziemlich unter Lampenfieber leidest. Das zeigt aber auch, dass dir die Fans nicht egal sind.

Ich habe sehr viel Respekt vor dem Publikum. Ich könnte niemals mit dem Gedanken, alles zu kontrollieren, auf die Bühne gehen. Ich würde arrogant wirken – und das würden die Fans sehr schnell sehen. Sie würden sagen, ich sei ein Rockstar, der nur noch sich selbst liebt. Wenn ich auf die Bühne gehe, bin ich schrecklich nervös – auch noch nach elf Jahren ist ein kein bisschen einfacher für mich geworden. Wahrscheinlich bin ich so nervös, weil ich eine aufrichtige Person bin. Ich habe verstanden, dass all die Leute in der Halle ihr hart erarbeitetes Geld ausgegeben haben, um diese Band zu sehen! Ich muss ihnen 100 Prozent bieten, andernfalls würde ich sie enttäuschen. Daher gehe ich in den Songs völlig auf. Ich werde hoffentlich niemals ein Rockstar, sondern bleibe wenn ich auf die Bühne komme, dieselbe Person, die sich zwar sehr, sehr unwohl fühlt, die aber aufrichtig ist!

Ich bevorzuge kleinere Hallen, denn auf einem Festival hast du Zehntausende von Leuten, die vielleicht ganz anders denken. Kleinere Venues sind viel intimer und emotionaler. Ich kann die Menschen spüren, auch wenn ich die Augen geschlossen habe. Ich spüre ihre Augen auf mir. Der Druck ist manchmal überwältigend – zumal ich mein Herz in die Musik lege. Obwohl ich auf der Bühne Angst habe, ist diese Situation etwas ganz besonderes für mich, ich habe viel Ehrfurcht in solchen Momenten.

MY DYING BRIDE sind ja auch überhaupt keine Festivalband…

Nein, wirklich nicht. Wir haben vor ein paar Jahren auf dem Waldrock Festival gespielt und es war scheiße. Man geht auf ein Festival, um mit seinen Freunden eine gute Zeit zu haben. Beim Waldrock Festival schien die Sonne und die Leute lagen auf dem Gras, sie wollten Spaß haben. Nun, MY DYING BRIDE machen aber keine Sonnenschein-Musik. Es war eine unangenehme Situation. Das Dynamo vor ein paar Jahren war besser, dort war es dunkel und wir haben im Zelt gespielt – das war etwas anderes.

Zurück zum neuen Album – hat sich der Line-Up Wechsel (Hamish Glencross ist der neue Gitarrist der Band) denn auf das Songwriting ausgewirkt?

Eigentlich nicht. Shaun (der Schlagzeuger) war ja schon auf „The Light At The End Of The World“ dabei, er hat auch ein paar Sachen geschrieben. Jetzt haben wir Hamish dabei und auch er hat zu dem Album beigetragen. Wir schreiben unsere Songs auf eine sehr demokratische Art – vielleicht erklärt das auch, warum die Songs so lang sind: jeder will etwas beitragen! „Halte das Maul und spiele, was ich will“ – solche Sätze gibt es in unserem Proberaum nicht. Jeder hat ein Gehirn und kann kreativ sein und großartige Ideen haben. Wir lassen gute Ideen niemals ungenutzt, wir sind keine arroganten egoistischen Rockstars. Wir bewerten unsere Einfälle gegenseitig. Es ist nicht so, dass einer das Kommando im Proberaum hat – im Gegenteil. Auf dem Album passiert viel, besonders was die Gitarren angeht. Andrew und Hamish spielen nicht nur PowerChords, weil wir eine Heavy Metal Band sind, haha. Sie versuchen vielmehr, alle möglichen Atmosphären mit der Gitarre zu erschaffen. Es sind zwei brillante Gitarristen – aber nicht in dem Sinne wie Yngwie Malmsteen. Malmsteen kann vermutlich alle Noten spielen, die jemals erdacht worden sind und noch ein paar neue dazuerfinden. Die Gitarristen von MY DYING BRIDE können das nicht, aber sie schreiben bessere Songs, haha. Es kommt nicht darauf an, ein Instrument perfekt zu beherrschen, sondern gute Songs zu schreiben. Ein mittelmäßiger Gitarrist kann wundervolle Musik schreiben und ein brillanter Spieler schreibt vielleicht weniger gute Songs.

Mir kommt es so vor als ob die Keyboards auf „The Dreadful Hours“ anders eingesetzt werden als auf „The Light At The End Of The World“. Sie sind weniger häufig, dafür an prägnanteren Stellen eingesetzt. Yasmin Ahmed, die ja auch auf der letzten Tour dabei war, und Jonny Maudlin, der bei Bal Sagoth in Diensten steht, haben beide zu „The Draedful Hours“ beigetragen.

Yasmin lebt recht weit von uns entfernt, sie konnte während des Songwritings höchstens einmal pro Monat vorbeikommen. Sie hatte viele wichtige Dinge zu tun und konnte deshalb nicht viel mitarbeiten, sie hat auch nur die Keyboards für „Cruel Taste Of Winter“ eingespielt. Den Rest hat Jonny von Bal Sagoth beigesteuert. Wir hatten ihm die Songs nicht vorgespielt, sondern haben ihn ins Studio eingeladen und ihm vier Tage Zeit gegeben, die Keys einzuspielen. Wir haben ihn ins kalte Wasser geworfen und zu ihm gesagt, er solle seine Magie walten lassen. Natürlich waren wir dabei und haben ihm gesagt, was uns gefällt und was nicht. Wir haben bei diesem Album die Keyboards nicht als Hintergrund verwendet, nicht als Instrumente, das lediglich etwas mehr Atmosphäre schaffen soll. Wir wollten hervorstechende Keyboards in den Songs, das Keyboards sollte ein gleichberechtigtes Instrument neben Gesang, Gitarre, Schlagzeug und Bass sein und sich nicht dahinter verstecken. Ich denke, das haben wir geschafft, man kann nicht nur Chöre im Hintergrund hören…

Nun, du hast es bereits angesprochen: Yasmin konnte nicht zu dem Aufnahmen kommen und auch ihr habt alle ganz normal Jobs, mit denen ihr Geld verdient. Ist der Wunsch, nur von der Musik zu leben, nicht manchmal übermächtig? Irgendwie träumt doch jeder davon, mit seinem „Hobby“ Geld zu verdienen.

Natürlich – das wäre schön. Aber wir machen eben „Underground“ Musik. Obwohl MY DYING BRIDE eine bekannte Band ist, kann man nur sehr, sehr wenig Geld damit verdienen. Wir verkaufen zwar ein paar Tausend Platten, aber viel Geld geht an das Label, die Läden und den Vertrieb. Dazu kommt, dass wir in England 40 % Steuern bezahlen. Bei 1000 Pfund sind das 400 Pfund!! Wir machen diese Musik, weil wir sie lieben und nicht wegen des Geldes. Wir hätten nach einem Jahr aufgegeben, wenn Geld wichtig gewesen wäre! Vielleicht ist das auch der Grund, warum viele Bands schnell wieder verschwinden – vielleicht gibt es diese Vorstellung, dass man reich wird, wenn man CDs verkauft. Die Realität sieht aber anders aus. Es ist verdammt viel Arbeit: Du gehst jeden Tag zur Arbeit, kommst heim, gehst zur Probe, nimmst ein Album auf, entwirfst Album Cover, T-Shirts, machst Interviews. Eigentlich sind es zwei Jobs, die du machst. Es ist weniger ein Job und ein Hobby, es sind eher zwei Jobs!

Nun, es gibt auch Bands, die mittlerweile viel erfolgreicher sind, wie zum Beispiel PARADISE LOST oder welche, die etwas komplett anderes machen, wie ANATHEMA. Allerdings hat sich bei beiden die Musik sehr gewandelt, während MY DYING BRIDE eine der ganz wenigen Bands sind, die ein paar Schritte zurückgegangen sind und sich nach zwischenzeitlichen Experimenten wieder wie früher anhören.

Wir haben eigentlich nie bewusst, daran gedacht, „back to the roots” zu gehen. Wir wollten einfach nur Musik schreiben, die wir gerne spielen und an der wir Spaß haben. Das klingt jetzt wahrscheinlich komisch – MY DYING BRIDE schreiben Musik, an der sie Spaß haben… Ich bewundere Bands, die den Mut haben, etwas vollkommen neues auszuprobieren. PARADISE LOST und ANATHEMA haben beide etwas anderes gemacht, und ich hoffe, dass sie es schaffen, berühmt werden. Manchmal klappt es. Man kann als Band versuchen, etwas ganz anderes zu machen, sich von seiner Szene komplett zu entfernen – und plötzlich ist die Band vielleicht so bekannt wie Mariah Carey. Wenn du aus einem Umfeld kommst, in dem es nicht viel Geld gibt und die Chance hast, da raus zukommen – dann versuche es!! Du musst den Stier bei den Hörnern packen! Wir haben auch schon mit dem Gedanken gespielt, wie es wäre, wenn MY DYING BRIDE bei einem Major Label unterschreiben würden. Allerdings wäre dies das Ende dieser Band, soviel weiß ich. Die Musik, die wir machen, verkauft sich eben nicht gut. Es kann sein, dass der Name der Band bekannt ist. Vielleicht kommt ein Major Label auf die Idee, dass diese Band cool sein muss, weil viele über sie reden – allerdings würden sie den Gedanken, uns unter Vertrag zu nehmen, sofort verwerfen, wenn sie die Verkaufszahlen sehen! Und man verliert als Band eben seine ganzen Fans, wenn man bei einer großen Firma unterschreibt..

Es gibt eine Textzeile im Song „The Dreadful Hours“, die sich mir besonders eingeprägt hat, auch weil so viel Verzweiflung in der Passage steckt: „God in Heaven, can you help me“ – ich habe mich gefragt, wie diese Zeile zu verstehen ist, ob du mit religiösen Vorstellungen spielst oder ob wirklich ein Glaube dahinter steckt. Religion kommt immer wieder als Thema in deinen Texten vor…

Ich glaube an keinen Gott. Wenn ich diese Zeilen singe, dann bin ich nicht Aaron Stainthorpe, sondern ein Charakter in einem Song. In diesem Fall bin ich ein kleiner Junge, der von seinem Vater brutal attackiert wird. In dieser Situation schreie ich – Gott im Himmel, was habe ich denn getan, dass ich so behandelt werde?

Ich kann leicht zwischen Charakteren hin und her springen. Ich werde zu der Person, über die ich schreibe – deshalb kann ich über jede Religion sprechen, die mir einfällt. Wichtig ist eben, dass die Leser der Texte daran denken, dass nicht Aaron, sondern eine fiktive Person diesen Text singt. Als ich diese Worte gesungen habe, war ich nicht Aaron. Kein Mensch hat von Michael Jackson erwartet, dass er sich in einen Zombie verwandelt, als er „Thriller“ gesungen hat. Er war ein fiktiver Charakter – das ist genauso bei MY DYING BRIDE.

Ich musste in der Vergangenheit schon viele Fragen beantworten – woran glaubst du? Wo stehst du? Aber es gibt keinen Gott in meinem Glauben. Es gibt einige persönliche Dinge, die in den Songs vorkommen – aber ich hoffe, dass die Hörer zwischen fiktiven Charakteren und meiner Person unterscheiden. Man kann jetzt natürlich hergehen und sagen, der Typ ist ein Lügner, er sagte, er glaube nicht an Gott… und nun das. Aber man sollte eigentlich verstehen, wie es gemeint ist!

Ich habe mal gelesen, dass du dir überlegst, Texte zum Thema Vampirismus zu schreiben – was ist daraus geworden?

Dieses ganze Vampir-Ding hat mich nie sehr beeinflusst. Der Song „Black Heart Romance“ ist vielleicht lose mit dem Thema Vampire verknüpft, ich mag die Idee, eine Vampir-Szenerie auf einem unserer Alben auszubreiten. Aber ich würde das Thema auf eine ganz andere Art und Weise wie zum Beispiel CRADLE OF FILTH angehen, ich würde einen sehr subtilen Weg wählen, ich würde versuchen, alle Klischees zu vermeiden. „Black Heart Romance“ ist vielleicht eine Art Vampir-Song, aber das ist nicht sehr offensichtlich. Ich verstecke gerne etwas in den Song. Ich gebe nur kleine Hinweise oder lege vielleicht nahe, worum es geht. Wenn Du in der richtigen Stimmung bist, dann wirst Du den Text verstehen… aber wenn du überhaupt nicht an Vampire denkst, dann wirst du sie in diesem Song nicht sehen.

Du benutzt in deinen Bildern öfter Kreuze, eine Form, die ich mit dem Kruzifix verbinde. „Saviour“ und „Saviour´s Return“ sind ein zwei Beispiele. Es ist doch recht ungewöhnlich, dass dieses Symbol in der Metal Szene verwendet wird….

SaviourZumindest, wenn das Kreuz richtig herum verwendet wird, hehe. Ich benutze Kreuze aus zwei Gründen: Einer davon ist sehr einfach, ich mag die Form. Es ist eine sehr einfache Form, die mir gefällt. Der andere Grund ist, dass das Kreuz ein internationales Symbol ist. Ich empfinde Religion als etwas sehr enttäuschendes. Ich bin in dieser Beziehung verbittert, deshalb sind auch diese Bilder recht ungewöhnlich. Sie sind verstörend und niemals schön, sondern eher makaber und düster. Für Kirchgänger sind diese Darstellungen wahrscheinlich schon entweihend und sollten verboten werden. Ich will mit diesen Bildern nicht provozieren, ich will einfach meine eigene Einstellung zum Thema Religion darstellen. Religion sollte da sein, um dir zu helfen. Ist sie aber nicht – Religion ist wie jemand, der dir eine Hand entgegenstreckt und sie dann, wenn du sie ergreifen willst, einfach wegzieht. Diese Hand schlägt Dich nicht, sie ist auch nicht aggressiv – sie ist einfach nicht mehr da, wenn du sie brauchst! Religion sollte eine wunderbare Erfahrung sein, aber davon ist nichts zu spüren.

Es ist also ein bekanntes Symbol, das aus einem anderen Blickwinkel gesehen wird?

Saviour´sReturnIch mache wirklich nichts Neues, denn dieses Symbol wird seit Jahren verdreht und neu interpretiert. Religiöse Menschen denken vielleicht, dass hier ein weiterer Rockstar mit ihren Symbolen rumspielt. Ich erwarte nicht, in der Zeitung zu stehen, ich erwarte nicht, dass Leute darüber reden, ich will nicht kontrovers sein. Ich mache diese Bilder, wenn ich niedergeschlagen und deprimiert bin und keine Texte schreiben will. Die Bilder sind eine Art Interpretation der Texte, manche davon sind wie die Geschichten, die MY DYING BRIDE erzählen. Andere sind einfach nur chaotische Darstellungen, die in meinem Kopf eingeschlossen waren. Weil ich nicht nur die Texte, sondern eben auch diese Bilder mache, ist es ganz logisch, dass es eine Verbindung zwischen beidem gibt. Manche Leute können sogar einzelne Songs in den Bildern sehen. Mich hat mal jemand gefragt, ob ich ein bestimmtes Bild für „Sear Me“ gemacht hätte. Daran hatte ich nie gedacht, aber da nun einmal dieselbe Person für beide Dinge verantwortlich ist, beziehen sich beide Dinge aufeinander.

Macht es einen Unterschied für Dich, ob du Bilder machst oder Texte schreibst?

Texte schreiben ist viel schwieriger. Beim Texten bewege ich mich in einem viel engeren Rahmen, ich habe mich selbst limitiert, ich singe nun mal nur über Sex, Tod und Religion. Wenn ich Texte vergleiche, dann kann man das durchaus mit einer Prüfung in der Schule vergleichen: Ich setze mich hin und versuche, mir etwas interessantes zu überlegen. Wahrscheinlich habe ich deshalb in letzter Zeit viel mehr Bilder gemacht – die Arbeit an Bildern entspannt mich. Ich fühle mich dabei nicht eingeschränkt, ich muss mich nicht an einer Richtschnur orientieren, ich kann einfach machen, was ich will. Es interessiert mich nicht, ob Diese Bilder irgendjemandem gefallen – aber ich hoffe, dass meine Texte gelesen werden und dass sie der ein oder andere mag. Der Profi in mir konzentriert sich auf die Texte, und der entspannte Teil, dem es absolut egal ist, was andere denken, konzentriert sich auf die Bilder.

Ich habe das Cover von „The Dreadful Hours“ noch nicht im Original gesehen, das Bild auf der My Dying Bride Homepage ist aber ungewohnt farbig. Wir haben vorhin schon über Kontraste auf diesem Album gesprochen, hat dieser Rot Grün-komplementärfarben-Kontrast damit etwas zu tun?

Ja, ich habe diese Farben ausgewählt, da sie gut miteinander kontrastieren. So wie es aussieht, wird es aber leider ein paar Probleme mit dem Cover geben. Die Farben des Originalcovers sind nicht so grell! Ich habe in einem Mag eine Anzeige gesehen, in der das Cover abgedruckt war – das Rot war sehr rot und das Grün war sehr grün…. Es war dasselbe Bild mit ganz anderen Farben! Das Original wurde damals eingescannt und Computer behandeln Farben anders…

Stimmt, es ist schon ziemlich bunt…

Es soll kein sehr freundliches Bild sein. Es sollte ein dunkler, düsterer windiger Tag sein und nun ist es ein heller Sommertag. Ich wollte ein Cover, das bunter ist als die anderen – aber so bunt sollte es nicht werden!

Bilder geben für mich eher eine Atmosphäre wieder, während ein Songtext eine Geschichte erzählen kann. Denkst du, dass auch Bilder Geschichten erzählen können?

Das können sie auf jeden Fall. Es steckt eine Geschichte hinter dem Cover zu „The Dreadful Hours“. Es illustiert den Titelsong, in dem es um ein Kind geht. Dieses Kind wird misshandelt, sein Vater schlägt es, da er einfach keine Gefühle für das Kind entwickeln kann. Ich habe versucht, mir diesen Alptraum vorzustellen. Dabei kam mir das Bild des Covers in den Sinn. Ich stellte mir vor, dass das Kind dieses Cover sieht, dass es sich selbst auf dem Boden liegend sieht, attackiert und ausgeliefert. Ich wollte diese Situation nicht aus den Augen des Kindes zeigen, wie es nach oben schaut und den Angreifer sieht. Ich wollte, dass das Kind sieht, wie es angegriffen wird – das macht die ganze Idee wahrscheinlicher noch viel verstörender! Es gibt also die Geschichte und das Cover – wenn man nun beides zusammenbringt, dann gibt es verschiedene Interpretationen. Was zeigt das Bild? Einen Mann, einen Engel, einen Dämon? Wen attackiert er oder es? Ist es ein Kind, ein Mann oder ein Schatten?

Ein altes Sprichwort sagt: Ein Bild sagt mehr als tausend Worte – was in vielen Fällen stimmt. Manche der MY DYING BRIDE Artworks sind so dunkel und surreal, dass nicht einmal ich weiß, was sie darstellen. Als ich die Artworks gemacht hatte, war ich in einer bestimmten Verfassung. Ein Jahr später kann ich mir sie noch mal ansehen und mir überlegen, an was ich damals gedacht hatte. Eine bizarre Erfahrung… Kunst ist immer eine ungewöhnliche Sache, kein Mensch kann dir sagen, was gute und schlechte Kunst ist. Man kann ein Bild lieben, dass ein anderer überhaupt nicht mag – das heißt nicht, dass dieses Bild gut oder schlecht ist, diese Entscheidung liegt alleine im Auge des Betrachters. Du alleine kannst entscheiden, ob dir etwas gefällt, kein dritter sollte dir Vorschriften machen.

Ich mache Kunst ausschließlich für mich. Es gibt Leute, besonders unter modernen Künstlern, die versuchen, aus Scheiße Kunst zu machen und vortäuschen, dass ihre Werke eine tiefe Bedeutung haben. Ich war neulich in der Tate Modern in London (Sammlung moderner Kunst von 1900 bis heute) und diese Ausstellung ist voll von modernem Müll. Einige Dinge dort haben mich wirklich völlig angewidert. Ein paar Ziegelsteine auf dem Boden… für mich ist das keine Kunst! Vielleicht zahlen ein paar irre Amerikaner Tausende von Dollars dafür…

Dort stand zum Beispiel ein ungemachtes Bett einer Frau – auf mich wirkte es komplett lächerlich. Sie hat eine ungefähr zwanzigseitige Beschreibung dazu verfasst. Diese Frau verarscht andere. Dafür sollte sie einen Preis bekommen – für die größte Verarsche der Welt! Ich kann dasselbe wie sie im Schlaf erschaffen – ganz im wörtlichen Sinn. Wenn ich dann sage „Schaut her, dass habe ich im Schlaf geschaffen“ würden mich alle ignorieren. Wenn man aber einen 20 Seiten Aufsatz dazu verfasst, dann wird man ernst genommen. Kunst hat heute sehr viel mit Beschreibung zu tun: Wenn man gut schreiben kann, dann wird man als Künstler wahrgenommen.

Ich war auch in der National Portrait Gallery in London und habe dort klassische Gemälde gesehen, riesige, beeindruckende Landschaften. Es muss Jahr gedauert haben, bis ein solches Bild fertig war, all diese winzigen Details. Das ist Kunst für mich. Und heute gehen Künstler her und bezeichnen diese Kunst als Scheiße – was umso bizarrer ist, wenn es von jemandem gesagt wird, der selbst auf eine Leinwand scheißt und es anschließend als Kunst verkauft!

Es ist allerdings auch schwer, heute noch etwas eigenständiges zu machen. Das betrifft nicht nur die darstellende Kunst, sondern auch Musik – eigentlich war doch alles schon mal da, oder?

Vermutlich hast du recht. Aber Kunst ist ein riesiges und unordentliches Feld. Es haben schon Leute zu mir gesagt, dass wir unsere Musik in einem Museum ausstellen sollen. Man sollte sie eher als Kunst wahrnehmen als einfach nur zuzuhören. Eigentlich ist dies ein interessantes Konzept, ich kann mir vorstellen, wie Menschen in einer Gallery umhergehen, die Bilder ansehen und sich währenddessen die Musik über Kopfhörer anhören. Dann können sie sich überlegen, ob es gute oder schlechte Kunst ist. In der Kunst gibt es nichts Neues – alles wurde schon einmal geschaffen. Ich will niemanden beeindrucken – dieser Punkt ist mir sehr wichtig, es steht auch extra noch einmal auf meiner Homepage. Dort kannst du etwas von mir in visueller Form sehen, das ich für mich geschaffen habe. Ich zeige diese Bilder, weil es ein paar MY DYING BRIDE Fans gibt, die daran Interesse haben.

CelticDas stelle ich mir aber auch nicht immer einfach vor. Es gibt eine Serie namens „celtic“ und da kann man die Verbindung recht einfach herstellen, da du zur Hälfte irischer Abstammung bist. Andererseits interpretiert jeder an deiner Person herum…ist es manchmal nicht schwer, etwas von sich preiszugeben?

Doch, das ist es. Wenn ich in meinen Texte etwas preisgebe, dann versuche ich immer, es zu verstecken. Manchmal mag ich es, etwas von mir zu zeigen – aber natürlich nicht alles. Die Texte der persönlichen Songs sind surrealer, schwerer zu verstehen. Man kann darin nicht lesen wie ein einem offenen Buch, persönliche Detail gebe ich nicht preis – allerhöchstens in verschleierter Form. Die Artworks sind nicht so persönlich. Allerdings ist alles, was ich mache, in meinem Kopf, was aber nicht heißt, dass ich Dinge verarbeite, die in meinem Leben passiert sind. Würde ich das tun, dann würde jeder Fragen dazu stellen und ich müsste diese Situation immer wieder neu erleben.

Okay, lass uns langsam zum Schluss kommen, mit ein paar Standardfragen: Stell dir vor Du könntest dir aussuchen, mit wem ihr eine Tour spielt.

Wir haben sehr lange nicht mehr mit OPETH gespielt, einer wirklich guten Band. Schön wäre es auch, noch einmal mit TYPE O NEGATIVE unterwegs zu sein. Wir haben ein paar Shows mit ihnen gespielt und die waren wirklich gut, außerdem sind wir in der Zeit gute Freunde geworden. Ich weiß, dass es viele gibt, die diese Band nicht mögen, aber wir hatten eine sehr gute Zeit mit ihnen.

Welche Alben hast du dir in den letzten Wochen am häufigsten angehört?

Nick Cave And The Bad Seeds: „Henry’s Dream“

Flowing Tears: „Jade”

JJ72: „JJ72” – das ist wie eine Mischung aus PLACEBO und RADIOHEAD, nenn es Dark Pop – obwohl, das klingt blöd. Wie auch immer, eine interessante, wirklich gute Band.

Ich mag FLOWING TEARS sehr, diese Band schreibt einfach gute Songs. Ich versuche mich wieder mehr mit der Metal Szene zu beschäftigen, aber wenn Bands wie PAPA ROACH in jedem Magazin gefeatured werden… Ich kann keine Magazin mehr lesen, denn die meisten taugen nichts. Es gibt so viele ungehörte und ungesignte Bands – doch im Moment scheinen nur sogenannte New Metal Bands angesagt zu sein – das interessiert mich aber überhaupt nicht. Andrew steht total auf Bands wie EMPEROR und alles mögliche aus der Black Metal Ecke – er sammelt wie ein Verrückter Platten. Aber auch diese Richtung gibt mir nicht viel.

Gab einen besonderen Moment bei einer Show, an den du dich erinnerst?

Gigs sind immer sehr intensiv. Die meiste Zeit sehe ich ohnehin nichts, da ich die Augen geschlossen habe. Irgendwo in Frankreich hat einmal jemand ein Pornoheft auf die Bühne geworfen, das den Mikroständer traf und in tausend Teile zerfledderte. Überall lagen diese Bilder! Das Publikum fand das ganze ziemlich witzig, ich habe immer mal wieder einen Fetzen aufgehoben und mal so herum und mal andersherum gedreht – als ob ich nicht verstehen könne, was all die Arme und Beine da machen… die Fetzen flogen überall herum – überall lagen Brüste und was weiß ich noch was alles..

Wen würdest Du gerne treffen?

Den Sänger von den SWANS. Allerdings habe ich gehört, dass er ein wenig seltsam sein soll. Jeder, der ihn getroffen hatte, konnte ihn hinterher nicht mehr leiden. Nick Cave ist sicher auch eine interessante Person, aber auch bei ihm scheint es ähnlich zu sein. Helden sind nicht immer so, wie man sie gerne hätte. Man erwartet einen Helden und dann stellt sich heraus, dass er auch nur ein Mensch ist. Ich könnte mir vorstellen, dass John Lennon eine interessante Person ist. Ich war nie ein großer BEATLES Fan, aber er hat einige phantastische Texte geschrieben. Er konnte Dinge sehen, die nicht viele Menschen gesehen haben. Wenn er noch am Leben wäre, dann würde er sicher große Benefiz-Veranstaltungen organisieren. Ich kann mir vorstellen, dass er eine Art Heiliger geworden wäre – er glaubte an Menschlichkeit, was sehr, sehr schwer ist.

Interview: vampiria

Layout: boxhamster

andrea
Kümmere mich seit 1999 um Reviews, Interviews und den größten Teil der *Verwaltung*, Telefon-Dienst, Beschwerdestelle, Versandabteilung, Ansprechpartner für alles, Redaktionskonferenz-Köchin...