MADDER MORTEM: Über kleine schwarze Kugeln in Utopia…

MADDER MORTEM: Über kleine schwarze Kugeln in Utopia…

MADDER MORTEM gehören definitiv zu den Bands, die es sowohl ihrem Label als auch Magazinen schwer machen, sie in eindeutige Schubladen zu stecken, da ihre Musik zu vielfältig, intensiv und komplex ist, als dass sie mit einem Begriff oder zwei Worten zusammengefasst werden könnte.

Am Rande ihres Konzertes mit OPETH in Essen äußerte sich Sängerin Agnete M. Kirkevaag zum aktuellen Album “Deadlands“ und diversen anderen Dingen…

In einem Interview habt Ihr auf die Frage, mit welchen Bands Ihr am liebsten auf Tour gehen würdet, OPETH genannt. Und nun seid Ihr mit ihnen unterwegs…

(fängt an zu lachen) Ja, das stimmt. Sie sind diejenigen, die wir uns am meisten gewünscht hätten, und nun sind wir mit ihnen unterwegs, das ist schön. Außerdem sind beide Bands aus Skandinavien; es gibt also keine Sprachbarriere, und ich denke, dass auch unsere jeweilige Einstellung zur Musik zueinander passt. Wenn man zum Beispiel nach dem Konzert zurück in den Tourbus geht, ist es eben nicht unbedingt so, dass einem aus allen Lautsprechern rund um die Uhr Death Metal um die Ohren dröhnt. Es herrscht einfach eine große Vielfalt, und man hat viele Themen, über die man sich austauschen kann. Alles in allem ist die Atmosphäre also sehr gut.

Ihr betrachtet den Tourbus also eher als einen Ort zum Entspannen?

Ja, um uns zu entspannen und ab und zu ein Gläschen zu trinken (lacht schon wieder schelmisch). Also, es ist nicht so, dass wir rund um die Uhr wüste Partys feiern; es sind einfach alles ziemlich lockere, umgängliche Leute. Außerdem ist es natürlich von Tag zu Tag verschieden und hängt von der Stimmung des Einzelnen ab: Während einer vielleicht lange aufbleibt und sich noch ein paar genehmigt, legt sich der andere schlafen, dazu viel Musik und gelegentlich ein Film… nett und gemütlich eben.

Was für Musik gebt Ihr Euch denn so im Tourbus?

Das ist mal eine lustige Frage. Also, bisher hatten wir traditionelle türkische Musik, traditionelle norwegische Musik, Country & Western, HipHop, etwas Reggae und so, dazu VADER, also Death Metal (danke für den Hinweis! – Anm. d. Übers.), DARKTHRONE, FAITH NO MORE … also, so ziemlich alles, was es gibt. Bis zur Klassik sind wir bisher noch nicht gekommen, aber ansonsten hören wir echt so ziemlich alles.

Ihr habt Euch mal darüber beschwert, dass Euch scheinbar jedes Magazin und jede Plattenfirma in irgendeine Schublade steckt…

Ja, das machen die immer.

Tja, und das ist der Punkt: Ich finde, es ist nicht besonders fair, die Arbeit von fünf Individuen einfach so in eine Schublade zu stecken. Eine Band mit vier oder fünf Mitgliedern ist immer irgendwie einzigartig, weil sich dort eine Kombination von Einzelcharakteren ergibt, die man nirgendwo sonst vorfindet. Was denkst Du, warum Magazine etc. Euch – und natürlich nicht nur Euch, sondern auch andere Bands– immer einer bestimmten Kategorie zuordnen?

Ich glaube, die Ursache dafür ist weniger bei den Magazinen als vielmehr auf dem Endkundenmarkt zu suchen. Viele Leute brauchen einfach eine bestimmte Genrebezeichnung als Orientierungshilfe beim Plattenkauf. Ich mache das anders: Ich lasse meinen Bruder die Platten hören, die mich interessieren, dann sucht er diejenigen daraus aus, die er für gut hält, und die höre ich mir dann an. Aber wenn man so eine Möglichkeit nicht hat oder nicht nutzen will, steht man vor einer so immensen Anzahl an veröffentlichten CDs, dass man einfach irgendeine Hilfe braucht, um sich orientieren zu können. Mittlerweile hat das Ganze derartige Ausmaße angenommen, dass die Leute scheinbar sehr klare und eindeutige Kategorisierungen brauchen: Dies hier ist Gothic Metal, das ist Traditional Metal, und so weiter. Dazu kommt, dass in Katalogen oder auf Schildern in Plattenläden einfach kein Platz für eine ausführlichere Beschreibung der Musik bleibt. Von daher muss man diesen Bedarf nach einer so starren Kategorisierung verstehen, auch wenn es für die Bands oftmals frustrierend ist. Uns hängt man zum Beispiel dauernd dieses Gothic-Etikett an, und auch wenn ich mich dadurch nicht beleidigt fühle oder Gothic insgesamt geringschätze, ist es einfach so, dass wir mit dem Gothic-Genre eigentlich nichts zu tun haben. Unsere musikalischen Hintergründe liegen in der Klassik und im Death Metal. Und dann dieses „Gothic“, das ist eher verwirrend… für mich steht das eher für den Stil an sich, die entsprechende Literatur, dieses schwermütige, düstere Gefühl – das könnte ich ja noch nachvollziehen. Aber „Gothic“ als Bezeichnung für unsere Musik, damit habe ich so meine Schwierigkeiten.

Viele Bands halten es für fairer, wenn in Kritiken stattdessen geschrieben wird: „Wenn Euch diese oder jene Band gefällt, dann wird Euch die hier besprochene Band wahrscheinlich auch gefallen“…

Ja, genau. Das halte ich für eine gute Methode. Das sind wenigstens nützliche Hinweise. (Lachend) Allerdings muss ich zugeben, dass wir die absichtlich zunichte machten, als wir „All Flesh is Grass“ auf Century Media veröffentlichten. Als sie uns nach unseren Einflüssen fragte, um diese im Promotext aufzulisten, machten wir ihnen das Leben ganz schön zur Hölle. Wir nannten ihnen einen ziemlich abgedrehten, modernen klassischen Komponisten, FAITH NO MORE, DARKTHRONEund BLACK SABBATH (lacht) – und wir klingen nach keinem dieser Künstler, aber sie waren alle wichtige Einflüsse für uns. Trotzdem habe ich dann in einigen Reviews Kommentare gelesen wie „klingt überhaupt nicht nach DARKTHRONE“. Natürlich nicht, aber wir haben uns DARKTHRONEnun mal oft angehört, und deshalb ist in gewisser Weise auch etwas von ihnen in unseren Songs. Ich konnte nicht exakt auf jedes Lied eingehen und sagen: „Wenn man sich hier das Zusammenspiel von Gesang und Gitarren genau anhört, hört man Einflüsse von FAITH NO MORE heraus, und das Schlagzeugspiel an dieser und jener Stelle ist DARKTHRONE-inspiriert“, und so weiter. Und besonders im Hintergrundgesang machen sich einige unserer Einflüsse bemerkbar.

Ihr habt gesagt, dass Ihr gerne im Underground-Studio in Västerås aufnehmt und Euch auch mit den Technikern dort gut versteht; dass es für Euch sehr wichtig ist, Euch beim Arbeiten wohl zu fühlen.

Na ja, also auf mentaler Ebene vielleicht – ansonsten ist das mit Wohlfühlen im Studio so eine Sache. Ich weiß nicht, ob Du das Studiotagebuch auf unserer Website gelesen hast, über die Bohrarbeiten am Dach und so weiter. Aber es ist schon wichtig, denn wir haben ja nur ein sehr begrenztes Budget zur Verfügung. Und wenn man dann zum zweiten Mal in ein Studio kommt, spart man schon einmal viel Zeit, die man ansonsten benötigen würde, um sich kennen zu lernen. Es ist einfach sehr zeitaufwendig, sich gegenseitig abzuklopfen und sich auf eine Wellenlänge zu bringen, was Kommunikation und Zusammenarbeit betrifft. Abgesehen davon nimmt Pelle, der Produzent, seine Arbeit wirklich sehr ernst, und als wir ihn kennen lernten, wurde uns klar, dass er sich mit Leib und Seele der Aufgabe widmen würde, die Aufnahmen fertig zu stellen und dabei ein gutes Ergebnis zu erzielen. Das „Deadlands“-Album ist in nur anderthalb Tagen abgemischt worden, und das sagt ja wohl einiges über die Fähigkeiten dieses Menschen aus, denn es ist ein schwieriges und recht komplexes Album gewesen; der Mann ist einfach beeindruckend.

Das ist wirklich erstaunlich, denn bei Eurer Musik würde man eher damit rechnen, dass die Produktion eine Menge Zeit braucht…

Ich glaube, zum Teil liegt das an seiner Denkweise. Er macht sich nämlich schon über den Mix Gedanken, während die Aufnahmen noch laufen, so dass jede aufgenommene Passage auch gut genug ist, um bei der endgültigen Abmischung zu bestehen. So rennt einem nicht plötzlich die Zeit davon, wenn man merkt, dass eine Passage völlig neu aufgenommen werden muss. Er arbeitet einfach von Anfang bis Ende sehr sorgfältig und kontrolliert. Es spielt auch eine Rolle, dass er nach einem bestimmten System aufnimmt und jedem Instrument bestimmte Kanäle zuweist, so dass gar nicht erst Verwirrung entstehen kann, weil man von vornherein genau weiß, dass auf diesem oder jenem Kanal immer die Gitarren oder das Schlagzeug aufgenommen sind. Ich mag es einfach, wenn Leute Musik bzw. ihre Arbeit ernstnehmen, und er nimmt sie ernst. Er taucht jeden Morgen zur gleichen Zeit auf, geht abends immer zur gleichen Zeit nach Hause – außer in der letzten Woche, wenn ohnehin alle bis in die Nacht hinein arbeiten (lacht). Außerdem kennen die Techniker uns und wissen, dass wir keine Chaoten sind. Daher lassen sie uns die Ausrüstung benutzen, wenn sie nach Hause gehen, so dass wir rund um die Uhr arbeiten können. Wäre das nicht möglich, könnten wir unsere Alben auch nicht in nur drei Wochen aufnehmen.

Gibt es denn irgendein anderes Studio, in dem Ihr gerne mal aufnehmen, oder einen Produzenten, mit dem Ihr gerne zusammenarbeiten würdet? Wo Ihr doch gerade in Skandinavien so viele gute und vielbesuchte Studios habt…

Hm, na ja… das Problem ist, dass die großen und vielbesuchten Studios alle so ihren typischen Sound haben, und das ist ein weiterer Punkt, den wir an Pelle schätzen: Er schafft es, wirklich jeder Produktion einen eigenen Klang zu verleihen. Und ich möchte einfach, dass mein Album nach einem MADDER MORTEM-Album klingt und nicht zum Beispiel nach einem Abyss-Album. Und was die Produzentenfrage betrifft: Darüber nachgedacht haben wir schon, aber es würde uns einen Haufen Geld kosten. Außerdem sind wir ein ziemlich sturer Haufen; wir wissen ganz genau, was wir wollen, und Pelle weiß das auch. Er kümmert sich um die technischen Fragen, macht Vorschläge, wenn es ihm sinnvoll erscheint, aber richtet sich ansonsten nach uns. Und ich möchte niemandem ein Vermögen bezahlen, bloß um mich hinterher über Wochen hinweg pausenlos mit ihm herumstreiten zu müssen. Aber es wäre schon cool, mal etwas anderes auszuprobieren. Wir haben schon einmal überlegt, ob es vielleicht machbar wäre, mit jemandem wie Ross Robinson aufzunehmen. Er ist sehr gut darin, einer Band so einen richtig aggressiven Sound zu verpassen. Wenn überhaupt, dann können wir nur hinsichtlich des Sounds Ratschläge gebrauchen, denn wir haben nicht das Gefühl, dass wir bei unserer Musik auf Hilfe angewiesen sind. Es wäre schon schön, mehr darüber zu wissen, wie man den Sound usw. so richtig hinbekommt, aber andererseits lernen wir ja auch schon bei jedem Studioaufenthalt ein bisschen dazu und werden langsam besser. Mein Bruder fährt total auf alles ab, was mit Knöpfen und Reglern zu tun hat. So schnappen wir Schritt für Schritt das eine oder andere auf… mal sehen (lacht).

Hat denn die Erfahrung, die Ihr im Studio ansammelt, einen Einfluss auf den Songwritingprozess?

Hm, bei der Komposition der Songs weniger. Aber bei der Vorbereitung auf die Aufnahmen schon. Wir können die komplette Vorproduktion auf dem Computer meines Bruders erledigen, und das hat Vorteile. So kann man das ganze Album schon einmal durchgehen, um Schwachstellen im Voraus auszumerzen und eventuelle Probleme bereits vor dem Studioaufenthalt zu erkennen. Aber was die Komposition betrifft, waren wir schon immer eine sehr intuitiv arbeitende Band, da planen wir nicht so sehr, sondern arbeiten mehr aus dem Bauch heraus. Wir stellen die Songs erst einmal fertig, und erst danach beginnen wir damit, sie zu analysieren und misslungene Stellen zu korrigieren.

Und kannst Du einfach so zu Hause sitzen und gute Ideen bekommen, oder musst Du in einer bestimmten Stimmung oder Situation sein, um kreativ sein zu können?

Sowohl als auch. Manche Stimmungen sind nun einmal inspirierender als andere. Langeweile oder starke Müdigkeit zum Beispiel sind nicht gerade Idealbedingungen. Meistens arbeite ich mental mit den Ideen: Etwas taucht plötzlich auf, ohne dass ich gerade etwas Besonderes tue, vielleicht einfach, während ich die Straße entlanggehe, und ich behalte die Idee im Kopf und arbeite sie langsam aus. Dann fange ich an, die Gesangslinien zu strukturieren und mir ein Bild vom gesamten Song zu machen. Danach kommen die anderen Passagen und andere Ideen, und ich behalte alles im Kopf, bis ich das Gefühl habe, dass ein richtiger Song aus dieser Idee geworden ist. Erst dann setze ich mich an den Computer und schreibe alles auf. Der Augenblick, in dem ich irgendeine Inspiration habe, könnte etwas mit Stimmungen zu tun haben, aber ich mache mir keine Notizen. Wenn ich hinsichtlich der Texte eine Idee habe, tauchen meist mindestens ein oder zwei Wörter auf, die irgendwie zu der jeweiligen Musik passen, und von diesen Wörtern ausgehend schreibe ich dann die Texte. Ich behalte alles im Kopf, bis ich genau weiß, wovon das Lied handeln soll, und während das Lied sich langsam der Vollendung nähert, kommen mir auch Ideen bezüglich der Texte, denn dann ist es einfacher abzusehen, was für ein Lied es letzten Endes sein soll. Dann nehme ich die Textideen, tauche sie einmal tief in einen großen Eimer voller Metaphern (lacht), und dann kommt die rein sprachliche Arbeit und die definitive Ausarbeitung – und die Herausfilterung der Stellen, die mir dann doch zu doof klingen (lacht noch mehr).

Was ist für Euch das Wichtigste am Musikmachen?

Hm, wir haben letztens darüber geredet, und ich glaube, was mir am besten gefällt, ist der Moment, in dem man ein Lied fertig stellt, oder zumindest das Grundgerüst davon, und es dann im Proberaum das erste Mal spielt und dabei merkt, dass das Lied gut ist und man es definitiv für das Album verwenden kann. Dieser Moment, in dem man merkt „Hey, das ist wirklich gute Musik geworden“ ist einfach ein perfekter Augenblick. Das Ganze hat für mich durchaus etwas Egoistisches, denn es geht eigentlich nur darum, was ich möchte… Na gut, und die anderen Bandmitglieder natürlich auch, aber… (lacht) Ich mache Musik jedenfalls nicht, weil ich denke, dass ich das tun sollte, sondern weil ich es irgendwie einfach tun muss. Wenn ich nicht in einer Band wäre, würde ich halt etwas Anderes machen, aber geschehen würde es so oder so.

Es gibt noch einen anderen, sehr interessanten Aspekt: Bruce Dickinson hat einmal gesagt, dass man mit der Musik doch eigentlich etwas sehr Persönliches, Individuelles erschafft, was einem sehr wichtig ist – in gewisser Weise wie ein eigenes Baby. Und dann kommt plötzlich der Moment, in dem dieses Baby einer breiten Öffentlichkeit ausgesetzt und für alle Menschen verfügbar wird, ob einem das im Einzelfall nun gefällt oder nicht. Und diese Leute bewerten und beurteilen dann etwas so Privates und Persönliches. Vielleicht sagen sie, es ist Mist, vielleicht sagen sie, es ist brillant… verstehst Du, worauf ich hinauswill?

Ja, absolut. Das eben fertiggestellte Album zum ersten Mal vor einem Menschen abzuspielen, der nicht zur Band selbst gehört, das ist immer ein sehr bedeutender Schritt. Obwohl meine Texte zwar persönlich sind, aber derart mit Metaphern verschlüsselt, dass es für Außenstehende sehr schwer sein könnte, das herauszufinden und sie mich dafür eigentlich sehr gut kennen müssten, fühlt es sich trotzdem wie eine Art Seelenstriptease an. Es macht mir wirklich nichts aus, diese teils sehr persönlichen Dinge freizugeben, aber der erste Schritt fühlt sich immer noch so an, als würde man mit einem Mal alles gewaltsam aufreißen. Dazu kommt, dass ich beim Verfassen von Texten und beim Komponieren von Musik gerne in den Dingen herumstochere, die mir an mir selber nicht gefallen, und in Dingen, über die man freiwillig eigentlich nicht reden würde, und ausgerechnet diese Dinge nach außen kehre – gerade so, als würde man seine verborgenen negativen Seiten plötzlich offen zeigen. Ein schwieriger Moment, aber man wird mit der Zeit hart genug. Außerdem habe ich wirklich genug Selbstbewusstsein, um mich nicht groß drum zu kümmern, was andere von mir denken. Es ist auch schön, dass andere Leute Dinge teilen können. Eine seltsame Sache, dass etwas so Persönliches mir so viel bedeutet.

Wie denkst Du über das Feedback, das Ihr bekommt? Wenn zum Beispiel nach einem Konzert oder so die Leute zu Dir kommen und mit Dir über Deine Musik reden?

Das ist wirklich etwas sehr Schönes. Wie soll ich sagen? Na ja, die Leute, die nach einem Konzert zu einem kommen, sind normalerweise Leute, die einen mögen, so dass man sich nicht viel Negatives anhören muss (lacht). Der größte Kick bei Liveauftritten ist es, all diese Leute zu sehen, die voll mitgehen und die Texte kennen – auch wenn sie hier und da mal ein Wort nicht richtig mitbekommen haben… In solchen Momenten fühle ich mich den Fans sehr verbunden und bin ihnen dankbar. Es ist wirklich ein Kick und etwas sehr Wichtiges, was der Band noch zusätzlichen Auftrieb gibt. Man strengt sich noch mehr an und wird weiter angespornt, wenn man sieht, dass einen die Fans mögen.

Kommen wir zurück zu den Texten. Wie ist das in dem Moment, in dem Du sie den anderen zum ersten Mal vorstellst? Ich habe die Texte nun mehrfach gelesen, und es ist wirklich nicht leicht, rein zu finden, weil sie –wie Du bereits sagtest- sehr metaphorisch sind…

Ja, das kann man wohl sagen.

Aber andererseits sagtest Du auch, dass sie sehr persönlich sind. Wenn man nun moderne Poesie liest, findet man auch sehr viele Metaphern, die die Aussage eines Textes verschlüsseln und ihn schwer verständlich machen. Wie fühlst Du Dich, wenn Du die Texte den anderen Bandmitgliedern vorstellst und dabei weißt, dass es einerseits sehr persönliche Texte sind, andererseits aber viele Leute wegen der verwendeten Metaphern ihre Bedeutung und ihre Aussage, oder den persönlichen Aspekt daran, gar nicht so recht erfassen können?

Ich weiß nicht. Die anderen kennen mich gut genug, und außerdem glaube ich, dass Leute, die sich sehr intensiv der Musik widmen, dieselben Grundideen teilen wie ich und beim Hören der Musik merken, wo der rote Faden ist und welche Gefühle und Aspekte die Essenz eines Liedes ausmachen. Ich hasse es einfach, wenn Texte zu offensichtlich sind. Das ist langweilig. Außerdem geht es darum, was man den Menschen gibt. Ich schreibe die Texte auf meine Weise, weil sie für mich eben absolut Sinn ergeben und sehr persönlich sind. Besonders wenn man auf Tour geht und –zig Konzerte gibt, so dass man jeden Abend auf der Bühne steht, muss man den Leuten auch einfach etwas von sich geben. Und für mich muss das etwas absolut Wahres sein, wovon ich auch selber überzeugt bin; etwas, was mir auch selbst etwas bedeutet.

In einem der Interviews habt Ihr Folgendes zu den Texte gesagt: „The album is the physical landscape the lyrics deal with. It’s about the mental state of mindlessness when you are in a state beyond caring, past everything with no emotions left. That’s the landscape of Deadlands with its capital Necropol.”Also eine von Emotionen geformte Landschaft…

Ja, genau.

Du hast also diese Landschaft, die Deadlands, entwickelt, dazu die Hauptstadt, und dann gibt es da einen „Master“, der verschiedene Male erwähnt wird, aber er erscheint bei jedem Mal anders – das macht die Sache nun nicht gerade einfacher…

Stimmt, Du hast recht (lacht sich kaputt). Das ist das Problem bei der Sache…

Und wie Du sagtest, kommen auch Emotionen vor, allerdings vorwiegend negative. Hoffnungslosigkeit zum Beispiel, und…

Ja, Einsamkeit und Isolation. Wie eine kleine, schwarze Kugel. Mattschwarz außen, innen weiß (lacht). Was das Erklären von Dingen betrifft, bin ich wirklich ein hoffnungsloser Fall.

Welche Emotionen bringen Dich denn am ehesten dazu, sie in Musik umzusetzen? Wenn man mit anderen Bands spricht, zum Beispiel KATATONIA oder MY DYING BRIDE, dann fällt auf, dass es für all diese Bands scheinbar leichter ist, negative Gefühle in Musik umzusetzen als positive. Und das ist ein sehr interessanter Aspekt, denn es ist doch eigentlich viel schwieriger, negative Gefühle mit anderen zu teilen als positive. Wenn man glücklich ist, ist es das Einfachste der Welt, dieses Glück mit Freunden zu teilen, aber diesen Bands fällt es leichter, Gefühle wie eben Hoffungslosigkeit, Einsamkeit und Isolation in die Musik fließen zu lassen. Es ist eine Art, diese Gefühle zu verarbeiten, und indirekt teilt man sie so auch mit anderen.

Hmm… aber es ist halt nicht so konkret. Man muss nicht wirklich darüber reden, ich glaube, das ist der Knackpunkt. Ich weiß nicht. Ich glaube nicht, dass dabei eine bewusste Idee von Katharsis eine Rolle spielt. Und es hat definitiv auch etwas mit dem jeweiligen Musikgeschmack zu tun. Ich mag zum Beispiel Mollakkorde lieber als Durakkorde – teilweise lässt es sich wirklich auf so einfache Sachen reduzieren. Außerdem hat es viel mit der Natur einer Person zu tun. Ich zum Beispiel bin vielleicht an der Oberfläche ein sehr fröhlicher Mensch, aber ich neige dazu, zu viel nachzudenken. Und das gehört zu den Dingen, über die ich nicht bewusst mit anderen Leuten reden will. Es ist ein Teil von mir, der zu privat ist und den ich nicht mit anderen Menschen teilen möchte. Aber es ist gut für Musik oder Kreativität im Allgemeinen. Inspirierend, irgendwie. Diese Emotionen sind nicht besonders stark. Wenn man glücklich ist, ist das meist ein einzelner Moment, eine Sekunde. Aber wenn man sich richtig niedergeschlagen fühlt, kann das Monate anhalten. Und das kann Stoff für Musik o.ä. liefern.

Also sind es eher die unbewussten Dinge, die Eingang in die Musik finden?

Nein, es sind Dinge, deren ich mir bewusst bin, von denen ich aber ganz genau weiß, dass ich mit niemandem darüber reden muss oder will. Das ist das Seltsame daran: Es ist kein Problem, so darüber zu reden wie jetzt. In einem Interview kann ich darüber reden, aber mit meinen Freunden würde ich so etwas niemals diskutieren.

Du redest also darüber, wie es ist, aber Du sagst nicht, was es ist…

Ja, genau (lacht).

Du erwähntest eben die Bedeutung von Landschaften – Hast Du eine besondere Beziehung zu Deinem Heimatland? Ich meine jetzt nicht die Regierung, die Politik oder so, sondern mehr die Natur oder vielleicht auch die Lebenseinstellung der Menschen?

Ja, ich finde schon. Ich bin sozusagen eine ziemlich „reinrassige“ (sie benutzte hier das Wort „pure-blooded“ –Anm. d. Übers.) Norwegerin, wenn man es so nennen kann. Meine Vorfahren waren schon seit Ewigkeiten in Norwegen ansässig, und die Art des Landes, in dem man verwurzelt ist und die Landschaft dieses Landes drücken der Denkweise des Menschen einen Stempel auf. Meine Familie zum Beispiel stammt aus zwei ganz unterschiedlichen Regionen Norwegens: Die Familie meiner Mutter kommt aus einer ländlichen Gegend des Binnenlandes, die meines Vaters aus einer von Fischerei geprägten Küstenregion. Es ist hochinteressant, die unterschiedlichen Mentalitäten zu beobachten: Die eher introspektive und verschlossene Art der Leute aus dem Binnenland und die etwas freiere, extrovertiertere Art der Menschen von der Küste. Ich selbst bin auf dem Land aufgewachsen. Ich bin nicht die Sorte Mensch, die gern lange Spaziergänge durch den Wald macht, sondern gehe lieber an den See zum Schwimmen oder Boote fahren. Ich lebe zwar in der Stadt, aber ich würde verrückt werden, wenn ich nicht ab und zu ein bisschen Natur um mich hätte.

Eure Natur ist aber auch wirklich beeindruckend. Eure Fjorde zum Beispiel sind schwarz! Das haut einen wirklich um; das Wasser ist pechschwarz…

Ja, nicht so wie das Mittelmeer, was?

Nein, im Ernst. Es ist wirklich eine völlig andere Farbe, und ich habe noch nie etwas Vergleichbares gesehen.

Zum Wasser habe ich sowieso einen besonderen Bezug. Gut, Wasser ist auch eine sehr beliebte Metapher für allerlei gefühlsbezogene Dinge, aber ich war einfach schon immer von Wasser fasziniert. Ich liebe es, schwimmen zu gehen, kann stundenlang am Strand sitzen und aufs Meer hinausschauen, fahre gern auf Booten… Wasser eben. Nicht so wie bei den Black Metal-Typen, die ständig durch den Wald rennen. Das habe ich noch nie so richtig nachvollziehen können.

Tja, aber das ist eigentlich eines der Hauptelemente älterer Black Metal-Bands und wurde von ihnen auch immer wieder betont…

Ja, aber wer weiß, vielleicht sind die ja wirklich so drauf? Also klar, der Wald ist schon wunderschön, aber ich fürchte mich auch etwas im Dunkeln, deshalb würde ich niemals längere Zeit in den Wald gehen.

Es gibt doch da auch diesen Berg, wo sich MAYHEM wohl immer getroffen haben – ich habe vorsichtshalber mal lieber nicht gefragt, was die da oben so alles gemacht haben…

(lacht) Das lassen wir am besten einfach auf sich beruhen…

Bist Du von bestimmter Literatur besonders beeinflusst, oder von irgendwelchen Filmen?

Ich lese viel. Ich lese wirklich eine Menge. Dauernd. Und ich lese wirklich alles: Von so richtig billigen Liebesschmonzetten über die Rückseiten von Milchtüten bis hin zur schweren Literatur. Ich glaube, es ist eher die Liebe zur Sprache an sich. Sprache bedeutet mir sehr viel, und ich achte sehr darauf, wie ich auf norwegisch schreibe. Ich bin so die Sorte Mensch, die mit einem Rotstift in der Hand überall herumgeht und Zeichensetzungsfehler anstreicht, sogar auf Schildern. Es gibt aber so ein paar besondere Einflüsse. Insbesondere ist da ein Gedicht eines Eingeborenen aus Lappland, das aus vielleicht zehn Worten besteht, die aber auf eine derart elegante Art und Weise verbunden sind… es geht mehr um die Wichtigkeit, das richtige Wort an der richtigen Stelle zu gebrauchen. Ich glaube, das ist es, was ich aus der Lektüre ziehe.

Die auf “Deadlands“ beschrieben Landschaft hat mich ein wenig an Metropolis erinnert, vor allem auch in Verbindung mit dem Cover, eine utopische, entrückte Umgebung…

Ja, das stimmt. Ich bin mir nicht mehr sicher, aber ich glaube, ein Buch von Terry Pratchett brachte mich auf die Idee. Das ist eigentlich eher „silly bogus fantasy“, aber ich stehe total darauf. Ich fing an, über diese Stadt der Toten nachzudenken, die staubbedeckt und trocken, und vor allem sehr alt ist. Ein abgestandener, muffiger Geruch hängt in der Luft- wie bei einem Haus, das seit Jahren nicht bewohnt ist, so… leer, absolut leer. Und ich musste über diese extrem ironische Parodie nachdenken, diese riesige Stadt voller Monumente, die völlig nutzlos sind, weil sie nur für die Toten errichtet wurden und sich niemals ein lebendes Wesen in diese sinnlos wunderschöne Stadt verirren und sie anschauen wird. Wie ein rauschendes Fest, bei dem alle Gäste einfach nicht da sind. Es gab da so einen schönen Satz, aber ich komme gerade nicht darauf… (trommelt mit den Fingernägeln auf den Tisch) Es ist eine sehr bildhafte Idee, ich glaube, sie kam in einem Film vor, aber ich kann mich einfach nicht erinnern. Es war in einem alten Schwarzweißfilm. Ich kann mich leider nicht mehr an den Titel erinnern. Alles besteht nur aus Licht und Schatten, und auch dort gibt es einen Ort, der so aussieht, als läge dort dieser Geruch in der Luft.

Es einnert auch an 1984…

Hast Du „Chronicles from Mars“ gelesen? Ich mag Science Fiction. Nicht so diese “Space Odyssey”-Schiene, aber diese Verlagerung in die Zukunft, um zu zeigen, wie die verschiedenen Gesellschaftsformen funktionieren, und um eine Loslösung von vorgegebenen gesellschaftlichen Umständen zu erreichen, die bei all jenen Geschichten mit einwirken, die zu einer bereits erlebten Zeit spielen. In diesem Buch „Chronicles from Mars“ geht es im Wesentlichen um die Kolonisierung des roten Planeten. Aber dieser Roman weist von vorne bis hinten genau diese Art von Melancholie, Trostlosigkeit und totaler Hoffnungslosigkeit auf. Es gibt ein paar kurze Einträge, vielleicht eine Seite lang, dann verschiedenste andere Geschichten auf je 3 oder 4 Seiten, chronologisch sortiert… und ich muss jedes Mal weinen, wenn ich diese Buch lese. Es ist das Traurigste, was ich je gelesen habe, denn ich glaube, es ist im Grunde eine Chronik des Versagens. In diesem Falle ist es das Versagen der gesamten Menschheit, aber man kann es auf seinen Grundcharakter reduzieren: Es ist das Versagen. Und das spielt wiederum eine wichtige Rolle beim „Necropol“-Thema.

Nun haben wir diese Diskussion um Versagen und Niedergang ja auch ganz aktuell im Hinblick auf die gesamte Menschheit…

Ja, und wir Menschen versagen ja nicht nur bei den ganz bedeutenden Dingen. Es fängt klein an: Wir brechen mit unseren eigenen Moralvorstellungen, ohne die Konsequenzen daraus zu ziehen. Und das schleift sich ein und findet sich in allem wieder, was wir tun. Das ist jetzt vielleicht ein etwas grobschlächtiger Vergleich, aber wenn die moralischen Werte beginnen zu verfaulen, ist das zu allem Übel auch noch eine sehr ansteckende Krankheit. Sie färbt auf alles ab, und wenn die Grundlagen deines Handelns voll Falschheit sind, dann bist du nicht im Reinen mit dir selbst, und alles, was du berührst, wird letzten Endes zerfallen. Und das, was momentan mit der gesamten Menschheit los ist, hat einen sehr starken Geschmack genau danach. Der Kern ist verdorben, „the core is corrupt“, das ist, glaube ich, ein Zitat von irgendeiner Band. Und wenn die Verderbtheit schon im Kern steckt, wird er zerfallen – und alles, was von diesem Kern ausgeht, gleichermaßen.

Also siehst Du die Menschheit nicht als etwas Positives?

Ich liebe die Menschen an sich. Aber ich denke, dass die meisten Menschen –mich selbst absolut und ausdrücklich eingeschlossen- nicht gut genug darin sind, ehrlich zu sein. Und ich meine noch nicht einmal unbedingt ehrlich zu anderen, sondern ehrlich zu sich selber. Ich habe große Angst vor der Menschheit als Masse von Herdentieren. Ein einzelner Mensch kann total nett sein, aber was Herden von Menschen betrifft… das macht mir Angst.

Wenn man einmal vergleicht, woran Menschen glauben und wo sie ihren spirituellen Halt suchen und was sie im Gegensatz dazu tun, wird deutlich, dass durch dieses Leben in Abhängigkeit und durch die so entstandenen Strukturen wie zum Beispiel die Kirchen ebenfalls die geistige Korruption Einzug hält.

Ja. Es geschieht, sobald ein System die Dinge dahingehend ändert, dass sie keine persönlichen Angelegenheiten mehr sind, für die man auch persönlich die volle Verantwortung übernehmen muss. „Verantwortlich“ ist ein extrem wichtiges Wort. Wenn man etwas tut, dann muss man auch die Konsequenzen daraus ziehen. Ich glaube nicht, dass es wichtig ist, den klassischen moralischen Richtlinien zu folgen. Man sollte lieber tun, was man selbst als richtig empfindet – und wenn man damit bricht, muss man selbst es eben irgendwie wieder geraderücken, etwas dagegen tun und die Konsequenzen daraus ziehen. Wenn man den Glauben eines einzelnen Menschen herausnimmt und in ein System transferiert, wir dieses System nie für jeden etwas Wahrhaftiges und Ehrliches sein; höchstens für diejenigen, die ohnehin so denken wie der Mensch, der das System aufgestellt hat. Das ist zum Beispiel das Dilemma mit der klassischen christlichen Moral: Die Bibel gebietet den Menschen, nicht zu betrügen. Trotzdem gibt es so manchen, der sich Christ nennt und ganz im Gegenteil sogar das Gefühl hat, dass gar nichts Schlimmes dabei sei, weil er persönlich genau das tun will und es nun einmal in seiner Natur liegt. Und dann denken viele, dass sie Recht haben, weil sie ein Glaubenssystem haben, das sie nicht selbst aufgestellt haben. In diesem Moment beginnt alles zu zerfallen, und nichts hält mehr.

Wie sieht es denn dann mit den heidnischen Glaubensrichtungen aus? In Norwegen sind heidnische Organisationen ja anerkannt und etabliert?

Es gibt unzählige heidnische Sekten. Sie haben alle ein Problem. Sie nehmen etwas, dessen Grundidee sehr gut ist, und dann –das trifft übrigens auch auf die sogenannten Satanskulte sowie die Jünger LaVeys und Crowleys zu- und dann fehlinterpretieren sie es und gründen so eine Splitterorganisation, und los geht’s. Fertig ist eine neue Art Christentum.

Nun gibt es aber doch auch Leute, die sich wirklich auf die überlieferten heidnischen Glaubensvorstellungen und eine starke Naturverbundenheit zurückbesinnen, anstatt Institutionen hinterher zu rennen?

Das gefällt mir sehr. Ich kenne einige Leute, die tatsächlich danach leben und sagen: „Ok, wir haben diese und jene Gottheiten, aber die sind für uns keine Götter im eigentlichen Sinne, sondern Symbole.“ Und das kann ich nachvollziehen, denn ich glaube, um wahrhaftig über irgendetwas nachzudenken, muss man diesem Ding oder Phänomen manchmal ein Gesicht und einen Namen verleihen. Ich tue das selbst sehr oft, allerdings nicht, indem ich Götterfiguren dafür verwende. Es ist eher so wie bei den Texten: Ich erschaffe etwas wie zum Beispiel diese Stadt als Symbol für bestimmte Gefühle, damit man diese Gefühle leichter zusammenfassen kann…

Um es anschaulich zu machen?

Ja, genau. Man verbindet dann etwas damit, man kann Anderes damit in Zusammenhang setzen und die Dinge klarer sehen. Alles in einer großen Schüssel voller böser Sachen sammeln… (lacht).

Interview: Claudia

Übersetzung/Transkript: Thomas Diehl