JONATHAN HULTÉN: „Kunst ist die Substanz des Lebens“

Chants from another place” ist das Soloalbum des schwedischen Singer/Songwriters JONATHAN HULTÉN, der ansonsten mit den Dark Metallern TRIBULATION unterwegs ist. Zurzeit ist indes nichts mit Tourneen und die Tour zusammen mit CHELSEA WOLFE wurde aufgrund von Covid-19 gecancelt. Dafür hat JONATHAN HULTÉN Zeit gefunden, für Vampster über sein Soloalbum und magische Orte zu sinnieren.

Zuerst mal danke für deine melancholische Scheibe “Chants from another place”, die mir sehr gefällt. Hat dieser “another place” eine Referenz in der Realität? Und wenn ja, wo wäre dieser Platz für dich konkret?

Schön zu hören! “Another place” ist eigentlich eher ein Zustand als ein physischer Ort. Stell dir vor, dass du eine Welt in dir drin hast, woher alle deine Inspirationen kommen, wo Musik und Kunst geboren werden. Da es kein wirklich passendes Wort dafür gibt, kann man dies die “Seelenwelt” nennen. Alles kann dich mit diesem inneren Reichtum in Verbindung bringen – eine Begebenheit, ein Tanz, ein Ausdruck, eine Landschaft. Aber am direktesten wohl die Musik. Die Musik ist das direkte Portal zum “Anderen”. Bei mir selbst sehe ich, dass ich immer wieder in die Natur zurückkehre. Die Natur ist ein Ort, wo ich diese Verbindung sich ausbreiten lassen kann und atmen lassen kann, gerne im Zusammenhang mit Musik.

Nun bist du ja mit TRIBULATION schon sehr viel in der Welt herumgereist. Gibt es einen Ort, an dem du gewesen bist, den du als besonders magisch empfunden hast?

JONATHAN HULTÉN: „Die echte, wichtige Reise, die wir machen können und sollten, ist die Reise nach innen.“

Meiner Beobachtung nach fühlen sich alle neuen Orte zu Beginn magisch an. Schon nur die Reise selbst und das Gefühl von Abenteuer und Entdeckerlust fühlen sich spannend an. Durch alle Tourneen mit TRIBULATION fühle ich mich oft an meine Kindheit erinnert und dieses elektrisierende Gefühl, dass man etwas Neues und Spannendes findet hinter der nächsten Ecke, nur ein paar Meter entfernt. Das Problem ist natürlich, dass diese Spannung immer kleiner wird, je älter man wird. Die Welt wird kleiner. Man weiss bereits, was sich hinter der Hausecke verbirgt und alles fühlt sich plötzlich trivial und eintönig an überall. Die gleiche Art von Einsicht habe ich vom vielen Reisen bekommen. Alle Städte fühlen sich ungefähr gleich an, der Alltag geht auf seine Art immer weiter, egal an welchem Ort. Das klingt eigentlich wie eine düstere Einsicht, und auf eine gewisse Art und Weise ist es das sicher. Aber das Reisen und diese Einsicht haben bei mir dazu geführt, dass ich realisiert habe, dass die echte, wichtige Reise, die wir machen können und sollten, die Reise nach innen ist. 

Äussere Reisen als Ersatz

Ich habe sogar den Verdacht, dass das äussere Reisen und sammeln von Eindrücken eine Art Ersatz ist für den Blick nach innen. Die wirklichen Tiefen, die viel zu oft unerforscht bleiben und unbewusst sind, sind in unseren Seelen. Wie eine Art Projektion des Inneren auf das Äussere hoffen wir, dass das äussere Reisen uns weiterentwickelt und unsere Gefühle verbessert, obwohl wir uns eigentlich auf das Innere konzentrieren sollten, wenn wir uns selber kennen lernen und unsere Persönlichkeit weiter entwickeln wollen. Stattdessen tendieren wir dazu, unsere äusseren Erlebnisse mit persönlichem Fortschritt gleichzustellen, als wäre unsere Entwicklung (beziehungsweise das Leben selbst) eine Art Bucket List, die wir Stück für Stück abarbeiten müssen. Das fühlt sich so unerhört leer an. Dieser Umstand hat bei mir dazu geführt, dass ich fast komplett das Interesse daran verloren habe, mich geographisch an andere Orte zu versetzen. Vielmehr will ich so viel Zeit wie möglich draussen in der Natur verbringen und tiefer in die Geheimnisse der Seele eindringen, tiefer in die Behausung der Kunst. Aber vielleicht musste ich auch genügend verschiedene Orte erleben, um zu diesem Schlusssatz zu kommen, also erfüllte die ganze Reiterei vielleicht sehr wohl eine Funktion für mich, wer weiss? Das ist auf jeden Fall der Schlusssatz, den ich für mich gezogen habe – das Reisen um des Reisens willen ist eine seelenentleerende Aktivität und die Kunst ist die Substanz des Lebens. 

So weit ich weiss, kommst du aus Arvika in Värmland. Wie beeinflusst es deine Kreativität, dass du auf dem Land wohnst? Wärest du gleich kreativ, wenn du in einer Grossstadt wie Stockholm leben würdest? 

JONATHAN HULTÉN zum Cover-Artwork: „Ich fand, dass ein Selbstporträt direkt aus der Fantasie gezeichnet diese Düsterheit am besten einfangen könnte.“

Ich wuchs in Arvika auf und zog nach Stockholm, als ich um die 20 war. Ich habe schon manchmal über diese Frage, die du stellst, nachgedacht über die Jahre hinweg, sprich, ob die Umgebung eine grosse Rolle spielt in dem, was man erschafft. Die kurze Antwort auf diese Frage ist: ja und nein. Ich bin zum Schluss gekommen, dass die Umgebung einem bessere oder schlechtere Voraussetzungen liefern kann, die den kreativen Prozess hindern oder beflügeln. Egal, wo man ist, kommt es am Ende darauf an, dass man die Zeit fürs kreative Schaffen als Priorität ansieht. Ist das kreative Schaffen genügend wichtig für dich, dann wirst du es auch tun, egal, wo du dich befindest. Abhängig davon, wo du im Leben stehst, kann es natürlich leichter oder schwieriger sein, wie man die Verbindlichkeiten und Verpflichtungen darum herum koordiniert. Deswegen habe ich mich mehr oder weniger dazu entschlossen, mein Leben dem Erschaffen von Kunst zu widmen. 

Das tust du ja nun auch mit “Chants from another place”. In “Holy Woods” kommt man darum herum, gewisse Parallelen zu SIMON & GARFUNKEL zu entdecken – eine Parallele, die man beim Rezensieren von Metal-Alben wahrlich selten antrifft. Was war dein erster Kontakt mit SIMON & GARFUNKEL und welches Lied magst du am meisten?

“Sound of Silence” war das erste Lied, das ich von SIMON & GARFUNKEL gehört hatte – wohl ihr grösster Hit. Es ist wirklich ein fantastischer Song. Das puristische Gitarrenspiel und die fragilen Harmonien schaffen wirklich eine spezielle Stimmung. Dieses Lied hat wohl eine Rolle gespielt in der musikalischen Ausrichtung von “Chants from another place”. 

Ich wurde das erste Mal auf dein Soloprojekt aufmerksam, als ein Freund von mir deinen Videoclip zu “The Mountain” auf seiner Facebookseite teilte. Die Grafik und die Stimmung fühlten sich schwer nach “Tolkien” an, aber gewisse Bilder erinnerten auch ans Mumindalen. Welches Buch von J.R.R. Tolkien ist dein Favorit und weswegen? Gibt es eine Geschichte, die spezifisch mit “The Mountain” zusammen hängt? 

Definitiv “The Hobbit”. Auch wenn ich die “Lord of the Rings”-Trilogie sehr mag, ist “The Hobbit” meinem Herzen am nahenden. Einerseits hat die Geschichte an sich grossen Eindruck auf mich gemacht, andererseits habe ich schöne Erinnerungen daran, wie ich “The Hobbit” als Kind gelesen habe. “The Hobbit” und wie sich die Geschichte in “The Mountain” entwickelt, haben viel gemeinsam – eine lange, beschwerliche Wanderung zu einem Ziel, das auf der Spitze eines Berges liegt. Aber wenn man sich die Details genauer anschaut, dann verschwinden diese Gemeinsamkeiten nach und nach. Man könnte sagen, dass der gemeinsame Nenner ist, dass beide eine universelle Bildersprache benutzen, die uns auf einer tieferen, symbolischen Ebene anspricht. 

Mit welcher Figur aus dem Mumindalen kannst du dich am meisten identifizieren und weswegen? 

Das wäre auf jeden Fall Snusmumrik. Selbst wenn man Gemeinsamkeiten zwischen sich und jeder anderen Figur des Mumindalens findet, weil sie – wie man selbst – verschiedene Facetten haben, so ist es doch Snusmumrik, der mir am ehesten entspricht. Er besitzt eine Art mystische Ruhe und Distanz zu allem, was im Mumindalen geschieht, selbst wenn er sich sehr wohl darum sorgt, was mit seinen Freunden passiert, die dort wohnen. Aber er kommt und geht, er ist an ein unausgesprochenes Schicksal ausserhalb des Mumindalens gebunden. Jenseits der Grenzen des Mumindalens muss er etwas erforschen, seine Abenteuerlust stillen. Das Tal ist wohl seine Zuflucht, sein Ort, an den er zurückkehrt um Friede und Ruhe zu spüren zwischen seinen Ausflügen in das grosse Unbekannte. 

Du bist ja für dein Soloprojekt auch grafisch tätig und hast für “Chants from another place” auch das Cover gestaltet. Was kam zuerst? Die Musik oder das Artwork? Inspiriert dich eine Zeichnung, die du gemacht hast, manchmal zur Musik oder ist es eher umgekehrt? 

Ich denke, dass sowohl die Musik wie auch das Bild aus der selben Quelle entspringen. Diese Quelle könnte man als eine spezielle Art der Empfindung beschreiben, ein subtiles, schwer definierbares und gleichzeitig starkes Gefühl. Von dort kommen Melodien, Ideen, Bilder, Gedanken, Wort und mehr. Sie strömen geradezu heraus. Wenn ich mir welche davon greife, dann baue ich etwas daraus, zum Beispiel ein Lied. Und da geschieht es schnell, dass parallell dazu etwas weiteres auftaucht, das sich wiederum selbst aufbaut, zum Beispiel ein Text oder ein Bild. Wenn ich dann wieder etwas mit dem Bild baue, dann verändern sich Musik und Text. Sie beeinflussen einander und zusammen bauen sie eine eigene kleine Welt. 

Das Cover von “Chants from another place” bezieht sich so auch nicht nur auf einen spezifischen Song, sondern fasst die Melancholie zusammen, die sich durch das ganze Album zieht. Ich fand, dass ein Selbstporträt direkt aus der Fantasie gezeichnet diese Düsterheit am besten einfangen könnte. 

JONATHAN HULTÉN: „Vielmehr will ich so viel Zeit wie möglich draussen in der Natur verbringen und tiefer in die Geheimnisse der Seele eindringen, tiefer in die Behausung der Kunst.“

Deine Musik mit TRIBULATION ist vollkommen anders als dein JONATHAN HULTÉN-Soloprojekt. Was hat dich dazu motiviert, Musik im Genre Singer/Songwriter zu kredenzen?

Das ist eigentlich etwas, was ich schon machen wollte, seit ich ein Teenager war. Aber ich musste erst 25 werden, bis ich mich dazu gezwungen fühlte, meinen alten Traum vom Singer/Songwriter-Dasein zu verwirklichen. Als ich jung war, entdeckte ich Künstler wie NICK DRAKE oder ANNA TERNHEIM, die mich enorm inspirierten. Es gab in Arvika und Karlstad sogar einige Gleichaltrige, die die gleichen Vorlieben hatten (wie zum Beispiel JOSEPH THOLL und eine Gruppe, die DUSTY FINGERS hiess), also wurden sie auch zur grossen Inspiration.

Wenn in Zukunft wieder Tourneen möglich sind: Wer kommt bei dir als Sessionmusiker mit? Oder musizierst du ganz allein auf der Bühne?

Zurzeit ist es so, dass ich ganz allein auf der Bühne bin. Aber wir werden sehen, wie sich das in der Zukunft entwickelt. Als ich mit meinem Singer/Songwriter-Projekt ernsthaft anfing anno 2015, war der Gedanke, dass “Chants from another place” ein Kunstprojekt sei, das sich in irgendeine Richtung weiterentwickeln könne – egal in welche. Das ist es zu einem gewissen Grad noch immer, aber nun manifestiert es sich mehr und mehr als eine Einmann-Singer/Songwriter-Geschichte. Es wäre fantastisch, mit anderen Musikern zusammen zu spielen und zu singen, aber das Projekt JONATHAN HULTÉN muss sich in dem Takt weiterentwickeln, den es braucht. Die Zeit und die Inspiration werden zeigen, wohin dies führt. 

Und aus aktuellem Anlass: Welche fünf Alben empfiehlst du für die Quarantäne?

STARS OF THE LID: “The tired sounds of stars of the lid”

NILS FRAHM: “Solo”

LUDOVICO EINAUDI: “Divenire”

JOHANN JOHANNSSON: “Orphée”

LIBRARY TAPES: “Fragment”

Arlette Huguenin Dumittan
Arlette ist seit 2000 bei vampster und unsere Schweizer Fachfrau für schwarze Musik und vegane Backrezepte. Lieblingsbands: DARKTHRONE, MAYHEM, HAIL OF BULLETS. Genres: Black Metal, Death Metal, Dark Metal/Rock.