JARI LINDHOLM: Ich habe zu viele Gitarren!

JARI LINDHOLM veröffentlicht mit “Trajectories” sein Solo-Debüt im Instrumental Post Rock. Ein unbeschriebenes Blatt ist der talentierte Stockholmer indes nicht – mit der Post Rock-Truppe SEAS OF YEARS tourte er in China und Taiwan, bevor die Band letztes Jahr beschloss, aufzuhören. Gleichzeitig kredenzt Jari mit EXGENESIS melodiösen Doom Metal und kreiert verträumte Atmosphären mit ENSHINE. Zeit also für ein E-Mail-Interview – und Jari heimst gleich den Preis ein für die schnellste Beantwortung eines E-Mail-Interviews. 

Danke für dein Album “Trajectories”, das mir sehr gefällt. Wie siehts mit dem Feedback bis anhin aus? 

Danke dir! Also bis jetzt ist das Feedback auf “Trajectories” durchgehend positiv. Viele scheinen das Album ihren Freunden weiterzuempfehlen – das ist wirklich cool. 

Wenn wir es grad schon von Weiterempfehlungen haben: Ich habe auf YouTube mehrere Videos für einzelne “Trajectories”-Songs gesehen. Jedes Video scheint ein spezifisches Natur-Thema zu haben. So wird “Utopias sista vila” (i.e. “Die letzte Ruhe der Utopie”) mit einem stillen Winterwald umgesetzt. Sind die Wurzeln von “Trajectories” in der Natur? Ist die Natur eine Inspirationsquelle für dich? 

Ja, absolut. Die ersten zwei Songs auf “Trajectories” sind vielleicht die Ausnahmen für diese Regel, da sie mehr von den unterirdischen “Landschaften” von Städten inspiriert sind. Aber ansonsten ist die Natur die wichtigste Quelle für meine Kreativität. Sie gibt mir die Ruhe, die ich brauche, um etwas zu erschaffen. 

“Gotland ist meine Lieblingslandschaft”

Hast du eine Lieblingslandschaft?

Wenn du dich auf Schweden beziehst, dann ist es ohne Zweifel Gotland. Ich verbringe recht viel Zeit auf Gotland. Es ist ein einmaliger Ort in vielerlei Hinsicht. Der Song “Mare Balticum” bekam seinen Titel wegen Gotland und “July Sundown” schrieb ich auf Gotland. 

Du bist ja in Sachen Instrumental Post Rock kein Neuling – mit SEAS OF YEARS wart ihr ja vor allem in China und Taiwan sehr erfolgreich. Hast du ähnliche Live-Ambitionen (natürlich nach dem Covid 19-Bann) mit deinem Solo-Projekt?

An das habe ich bis anhin noch gar nicht gedacht. Zum einen sind Konzerte zurzeit überhaupt nicht aktuell wegen der Pandemiesituation. Zum anderen habe ich “Trajectories” mit Studiomusikern aufgenommen, es gibt also keine “Band” im eigentlichen Sinne. Ich denke, dass es wahrscheinlicher ist für mich, mit einer meiner anderen Bands live aufzutreten, da dort alle Mitglieder fest dabei sind. 

Die typische Gitarristenfrage: Welches ist deine Lieblingsklampfe? Und auf welchen Effekt kannst du nicht verzichten? Der Metalzone zählt nicht, der ist überlebenswichtig für alle Gitarristen.

Ah, genau den habe ich seit längerer Zeit nicht mehr! Bezüglich Pedal-Effekten ist wohl eine Art digitaler Delay das wichtigste für mich. Ich bin nicht auf ein spezielles Modell eingefahren und tausche meine Effekte häufig aus. Ein Boss DD-3 hatte ich schon mal und momentan habe ich ein Mooer Mikropedal, weil ich mein Pedalboard so portabel wie möglich gestalten will. Im Studio nehme ich das, was mir Cubase anbietet. 

Bezüglich Gitarren – ich habe zu viele Gitarren, die einen emotionalen Wert für mich haben (aus verschiedenen Gründen), also kann ich nicht eine einzige auswählen. Aber die meisten sind Les Paul-Modelle (allerdings nicht notwendigerweise von Gibson). 

Welche Band würdest du als eine Inspirationsquelle für dich bezeichnen?

Es gibt viele Bands, die dazu beigetragen haben, dass mein Stil mittlerweile so ist, wie er ist. Da fällt es schwer, eine einzige auszuwählen. Aber als grossen Einfluss würde ich definitiv NOVEMBRE (vor allem das Album “Classica”) nennen. 

Du bist ja auch bei ENSHINE und EXGENESIS aktiv. Schreibst du für alle Bands gleichzeitig Songs oder hast du eher eine “ENSHINE”-Phase und dann wieder eine “EXGENESIS”-Phase? 

In den letzten Jahren wurden es definitiv Phasen. Zwischen 2014 und 2015 gab es eine Zeit, in der ich gleichzeitig an Alben für SEAS OF YEARS, ENSHINE und EXGENESIS arbeitete. Das wurde mir eindeutig zu viel. Ich wohnte quasi im Studio, schlief kaum und gesundheitlich ging es mit mir bergab. Das war also keine gute Sache. Also beschloss ich, von nun an eine Sache nach der anderen zu machen. Erst wenn ein Album fertig war, fing ich mit dem nächsten an. Aus diesem Grund ging es zum Teil so lange zwischen den einzelnen Veröffentlichungen der verschiedenen Bands. Mit SEAS OF YEARS hatten wir zwei Tourneen und natürlich brauchte es für jede Tour wieder neues Material. Also mussten ENSHINE und EXGENESIS in die Warteschlaufe. Nun ist die EXGENESIS-Platte fertig – als nächstes fokussiere ich auf ENSHINE. 

Cool, auf neues Material von ENSHINE freue ich mich schon. ENSHINE und EXGENESIS haben ja auch Songtexte. Schreibst du überhaupt Texte? Und wenn ja, was kommt zuerst bei dir: die Musik oder der Songtext?

Ich habe bis jetzt erst einzelne Texte geschrieben, meistens überlasse ich das jemand anderem. Ich drücke mich lieber über die Musik aus, da mir das leichter fällt. Mit der Musik kann ich Dinge sagen, die ich nicht mit Worten ausdrücken kann. Bei allen Bands, bei denen ich dabei bin, kommt die Musik immer zuerst (und der Text danach). 

Wenn Du den Soundtrack zu einem Film schreiben könntest – welches Filmgenre wäre Dein bevorzugtes?

Vermutlich etwas im Bereich dystopische Science-Fiction. Gerne etwas Postapokalyptisches. 

Was sind Deine musikalischen Pläne für den Rest von 2021? 

Ich versuche, das neue Material für ENSHINE fertigzustellen. Ausserdem bin ich schon ziemlich ausgebucht als Tonmeister für andere Bands – im Prinzip schon fürs ganze restliche Jahr. Alles was letztes Jahr abgesagt wurde, kommt quasi jetzt.