HELLS PLEASURE FESTIVAL, Pössneck: 18.07.2009 – Der 1/3-Festivalbericht

Eine exquisite Mischung aus Black, Death und Doom Metal-Bands, eine familiäre Atmosphäre und genau die richtige Grösse – das HELLS PLEASURE 2009 ist definitiv ein Trip nach Thüringen wert…
 

Das HELLS PLEASURE FESTIVAL ist rein Line-Up technisch dafür prädestiniert, von Doomer WOS Frank und mir besprochen zu werden. Leider machte eine kaputte Aussentür diesem traumhaften Rezensentenpaarlauf einen Strich durch die Rechnung, weswegen das Festival in Thüringen, welches mit einer flotten Mischung aus Krachtruppen und Doomkapellen aufwartet, denn auch lediglich mit einem 1/3-Bericht bedacht wird. Dies obwohl das Billing des ersten Tages eininges in Petto hatte – Bands wie ABSU, NECROVATION oder ZEMIAL spielen nicht an jeder Ecke und liessen die Anwesenden wohl den strömenden Regen am Freitag vergessen.

Am Samstagnachmittag zeigte sich Petrus wesentlich barmherziger. Das idyllische Pössneck – südlich von Jena, also zwischen Brentanos romantischem Wirken und dem blanken Bücherkonsumgiganten Bertelsmann gelegen – überzeugt von Anfang an durch eine klare Beschilderung. Die Motocross-Strecke ist rasch gefunden und schon stellt sich nach guten sechs Stunden Autofahrt (staufrei, wohlgemerkt, weil die Feriendestination Thüringen noch geheimer als geheim ist) eine wohlige Entspannung ein. Kein Parkierstress, keine komischen Umleitungen, keine komplizierte Parkscheinergatterungsodyssee.

Diese entspannte Stimmung setzt sich nach dem Parken fort. Kein endloser Marsch, kein Schlangestehen, keine obskuren Bändelchenbekommenrituale und kein Gedränge. Stattdessen überaus freundliche Securitymitarbeiter, problemloses Karteneintauschen und ein überschauliches Gelände. Auch später erweist sich das HELLS PLEASURE FESTIVAL immer wieder als Event, der genau die richtige Grösse hat. Freundlichkeit statt Massenabfertigung, gelockerte Besuchermassen im oberen dreistelligen Bereich, eine Bühne mit abwechslungsreichem Programm. Und: Es hat genügend Dixie-Klos, die auch am Samstag noch okay ausschauen und einen nicht zu harnsträubenden Wartezeiten nötigen.

Die Merch-Preise sind anständig – die obere Grenze bei den Shirts liegt bei 17 Euro – und die ausgesuchten Händler bieten vor allem dem schwarzmetallischen Publikum genügend Kaufanreize. Einziges Manko: Biertechnisch gibt es nur Pils, eine doppelte Whiskey Cola kostet sieben Euro und esstechnisch gilt Fleisch, Fisch oder Frittiert. In diesem Bereich ist also noch Raum für Verbesserungen da. Außermusikalisch können die Organisatoren also auf jeden Fall schon mal punkten.

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 Feuriger Frontmann – Per (PORTRAIT)

Dass sie das indes auch musikalisch können, beweist die Wahl von PORTRAIT, die kurz nach vier die Bühne betreten. Die Schweden bieten schon visuell einen Nostalgietrip – Spandex, weiße 80er Turnschuhe… und anhören tun sie sich wie ein herzhafter MERCYFUL FATE-Verschnitt. Klar haben die Songs von PORTRAIT nicht die Klasse von KING DIAMOND und seinen Mannen, aber die Jungs sind mit viel Herzblut bei der Sache und reißen nicht nur die vorderen Reihen mit.

Sänger Per hat was von einem jungen Steven Tyler und kreischt bisweilen wie am Spieß, die beiden Gitarristen versuchen sich immer wieder an doppelten Läufen à la IRON MAIDEN. Hier und da sitzt das Material – trotz gut funktionierender Rhythmusfraktion – zwar noch nicht, aber eben – PORTRAIT machen es mit der Leidenschaft dann wieder wett und reißen live mit. Und Bassist Erik ist mit seinem flinken Handspiel auf dem klassischen Rickenbackerbass eine Ohr- und Augenweide. Ein guter Auftritt, der Lust auf mehr macht!

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 Stumpfe Klinge: RAZOR OF OCCAM

Nach fünf betreten RAZOR OF OCCAM die Bühne, die dank DESTRÖYER 666– und ADORIOR-Mitgliedern in den eigenen Reihen auf beständige Werte zurückgreifen können. Entsprechend krachig ist der Sound und der Einfluss von DESTRÖYER 666 ist nicht von der Hand zu weisen. Trotzdem, so richtig mitreißen tut der angeschwärzte Thrash Metal mit tüchtigem Death Metal-Einschlag nicht. Am Spielerischen liegt es nicht, da haben RAZOR OF OCCAM keine Probleme. Headbangen tut das Quartett ebenfalls ordentlich, ansonsten gibt es allerdings eher wenig Bewegendes zu sehen – oder eben, zu hören.

Nur: gutes Songwriting Fehlanzeige, null Wiedererkennungswert. Gegen Ende recken sich zwar einige Hände in die Höhe und das METALLICA-Cover Whiplash macht etwas Stimmung. Aber eben: das Whiplash-Riff kann man gar nicht töten. RAZOR OF OCCAM sind trotz Technik an diesem Nachmittag eine eher stumpfe Klinge und hinterlassen keine bleibenden Einschnitte.

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Aus einer anderen Welt: Chritus

Die Begutachtung ORLOGs fällt dann wenig später leider der Nahrungsaufnahme und der Begutachtung des Merchandise-Angebots zum Opfer. Gut gestärkt geht es nach sieben wieder zur Bühne, um die Finnen von LORD VICAR wirken zu lassen. Leider wird die Wirkung der Doomer durch den fehlenden Drogenkonsum meinerseits negativ beeinflusst, aber den langsamen Groove haben die Herren definitiv drauf. Hier und da wähnt man sich bei einem verlangsamten BLACK SABBATH-Konzert. LORD VICAR berücksichtigen sowohl ihre The Demon Of Freedom-EP (mit den Songs Becoming One With The Spirit Of The Forest und Running Into A Burning House) als auch die letztjährige Fear No Pain-Platte. Deren Songs – Pillars Under Water, Born Of A Jackal und A Man Called Horse – werden genau zwischen die beiden EP-Songs in die Mitte der Setliste gepackt. Dass die englischen Ansagen vom sympathisch-leicht-aus-einer-anderen-Welt-kommenden Fronter Chritus kaum zu verstehen sind, macht nichts. Dafür sind die anwesenden Doomer viel zu glücklich über den Auftritt und auch viele der krachfanatischen Satansbraten kriegen bei LORD VICAR verträumt-verklärte Augen. Schöne schleppende Sättigung.

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Wechselbad der Geschwindigkeiten: DEAD CONGREGATION

Nach dieser doomigen Dröhnung ist es Zeit für DEAD CONGREGATION. Die Griechen sind offenbar im Multipack zusammen mit AGATUS, ZEMIAL und RAZOR OF OCCAM angereist, um sämtlichen Bandaktivitäten der verschiedenen Mitglieder auf einmal nachgehen zu können. DEAD CONGREGATION beginnen ihren Auftritt ultra doomig, langsam-phlegmatisch.

Dann schwingen die Griechen um in rasantes Gebretter im Gestrüpp des Black / Death Metals. Unerbittliches Gebretter, technisch gut gemacht – kein Wunder, findet sich in der ersten Reihe der eine oder andere begeisterte Airdrummer. Zwar wirken die Griechen ebenfalls leicht am Boden angeheftet, aber das tut der Räudigkeit von Graves Of The Archangels-Songs keinen Abbruch. Heftig.

 

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 Abwechslungsreicher Black Metal: AGATUS

Durch die herrschenden VerBandelungen geschieht der Umbau zu AGATUS relativ rasch, wenngleich der Zeitplan mittlerweile etwas mehr als zehn Minuten hinterherhinkt. Auch der AGATUS-Gig ist kein Ereignis, das jedes Jahr wiederkehrt. Ursprünglich 1993 gegründet hat sich die Band dann geographisch getrennt – gemeinsames Üben wird schwierig, wenn Mitglieder sowohl in Australien, als auch in Griechenland wohnen. Auf jeden Fall können sich die Brüder Archon und Eskarth musikalisch aufeinander verlassen.

Musikalisch sind AGATUS eindeutig dem Black Metal verpflichtet. Mal melodiös, mal ruppiger gehen die Griechen zur Sache. Just wenn es zu rau zu werden scheint, flechten sie wieder eine Melodie ein – und präsentieren durchaus stimmige Black Metal-Klänge. Entsprechend kühlt sich das Wetter ab und einige verzagte Regentropfen begleiten die Performance. Ein Song wie Memories Of The Cold Ages wird so fast zur Realität. Den Fans ist das egal – sie genießen Tracks wie Era Of Tiamat, Faustian Call, The Weaving Fates, Force Of Desecration, Tatra Vulgus oder Rite Of Metamorphosis. Anständiger Auftritt.

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Vereint mit seiner Gibson Flying V: Sebastian

Trotz der mittlerweile gut viertelstündigen Verspätung braucht der Umbau für den NECROPHOBIC-Auftritt etwas mehr Zeit. Anders als die anderen Bands des Tages lassen es sich die Schweden nicht nehmen, mittels Requisiten auf der Bühne ihre Musik stimmungsvoll visuell zu umrahmen. Von den Massen her stimmt alles – die beiden Tuchmauern mit Totenschädeln sind tiptop auf die beiden Seiten angepasst und rücken das Drumkit und das Backdrop ins morbide Zentrum. Auch ans Olfaktorische haben die Stockholmer gedacht – der Vodoo-Schrumpfkopf verzierte Mikrophonständer von Fronter Tobias kommt inklusive Räucherstäbchen, die einen sakral-weihrauchartigen Duft verströmen. Ob der einsetzende Regen ebenfalls von NECROPHOBIC mittels Ritual heraufbeschworen worden ist, weiss man nicht – zuzutrauen wäre es ihnen. Die Fans lassen sich davon nicht beirren und erwarten fiebrig die erste Präsentation des neuen Death To All-Materials auf deutschem Boden.

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Apokalyptisches Riffing: Johan

Und die gibt es auch. Zu den Klängen eines bombastischen Intros betreten NECROPHOBIC die Bühne und beginnen ihre satanische Messe mit der Death To All-Hymne For Those Who Stayed Satanic. Die Schwächen vom Gig im Mai sind vergessen – das Stockholmer Quintett agiert in alter Frische und mit dem nötigen Höllenfeuer in den Fingern und der Kehle. Alt und neu ergänzen sich dabei perfekt – The Awakening steht neben Celebration Of The Goat. Das fulminante Darkside-Album wird mittels einer starken Performance des hammermässigen Black Moon Rising und des Mitschrei-motivierenden Nailing The Holy One gewürdigt.

Zwar wird Gitarrist Johan kurz von Soundproblemen gebeutelt, diese sind jedoch rasch behoben und der blonde Hühne kann sich wieder ungestört seinem apokalyptischen Riffing widmen. Bassist Alexander glänzt mit seinem räudigen La Santisima Muerte-Basssolo, Joakim trommelt sich kräftig-pulsierend durchs Set und Saitensatan Sebastian ist eins mit seiner Gibson Flying V. Fronter Tobias nützt die gesamte Bühnenweite für sich aus, sucht und findet erfolgreich den Publikumskontakt und meistert auch die cleanen Gesangspassagen souverän.

Einer der Höhepunkte ist dann, als Tobias mit einer riesigen Death To All-Goat trifft Pentagramm-Flagge auf der Bühne auftaucht und diese im Nachthimmel hin und her schwenkt. Die Flagge ist in den Schwedenfarben Blau-Gold gehalten und ein detailreiches Beispiel aus der Abteilung Custom Made für das gewisse Etwas. Statt auf Standardware zurückzugreifen, merkt man, dass sich NECROPHOBIC über den außermusikalischen Bereich ihrer Performance Gedanken gemacht haben – und ihren Fans lieber eben lieber etwas Spezielles bieten. Bei weitem keine Selbstverständlichkeit für eine Band, die schon seit 20 Jahren aktiv ist – Zurücklehnen und Stagnieren gibt es hier nicht.

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Audiovisuellolfaktorische Vollbedienung: NECROPHOBIC live

So herrscht auch während dem Hrimthursum-Song The Crossing entsprechende Bewegung auf der Bühne. Positionswechsel, Headbanging – NECROPHOBIC zeigen sich spielfreudig und das Publikum schreit den Regen weg, verlangt nach älteren Songs und neueren Tracks. Leider führt der Zeitplan dazu, dass das Set gekürzt wird – statt mehr Hrimthursum-Material ist es allzu rasch an der Zeit für das abschliessende The Nocturnal Silence, auch wenn die hungrige Meute nach mehr verlangt und es schmerzt, auf einen Track wie Blinded by light, enlightened by darkness zu verzichten. Trotz der Kürze ein toller Auftritt mit dichter Atmosphäre und viel Leidenschaft – bitte mehr davon!

Nach NECROPHOBIC ist es an der Zeit, Gerüchte wahr werden zu lassen. Das amerikanische Doom-Urgestein PENTAGRAM ist tatsächlich und leibhaftig am HELLS PLEASURE. Sänger Bobby Liebling wirkt mit seinen ultraengen, pinken Stretchjeans wie ein Relikt aus längst vergessenen Zeiten – als wäre das Gründungsjahr 1971 plötzlich ins Pössneck des Jahres 2009 gerutscht. Entsprechend frenetisch die Reaktion des Publikums. Weggetretene Begeisterung trifft auf Sprechchöre und da altes Material reichlich vorhanden ist, stehen vor und hinter der Bühne alle wie vom PENTAGRAM gerührt da und lassen sich in schwer rockende Sphären entführen. Fotos machen wird so fast unmöglich – aber PENTAGRAM sind wohl eh Energie, die sich trotz ihrer bisweiligen Langsamkeit nur schwer fassen lässt.

Nach dem gehaltvollen Auftritt der Amis lassen die Engländer ESOTERIC den Abend noch ausklingen. Regen weicht das Stroh auf, verzauberte Seelen suchen ihre Zelte auf. Es ist an der Zeit, die Kälte jenseits der Bühne wegzufeiern…

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Fotos, Layout, Text: Arlette Huguenin Dumittan