HELLOWEEN: Der Best-Of Kompromiss

HELLOWEEN: Der Best-Of  Kompromiss

HELLOWEEN luden zur Listeningsession des neuen Best Of-Albums “Treasure Chest” nach Hamburg. Was wir dort erlebt haben, erfahrt ihr hier in unserem Bericht…

Zur Einstimmung auf die abendliche Party zum Release der HELLOWEEN-Best Of Treasure Chest wurde die versammelte Schreiberschar erst einmal in vier Gruppen aufgeteilt und in Kindergeburtstagsmanier auf eine HELLOWEEN-Schatzsuche durch St. Pauli geschickt, ausgerüstet mit stilechten Augenklappen, einem Stadtplan, einem Bündel zu lösender Aufgaben und den Seven Keys. Erst nachdem jede Gruppe beim Fahrradrennen durch den Elbtunnel, beim Dr. Stein-Karaoke-Videoshooting sowie beim Erstellen einer Drinkrezeptur in einer Reeperbahnkneipe (wo uns natürlich die Vampster-Drinks der Woche zupaß kamen, hehe) ihre vielseitigen Talente unter Beweis gestellt hatte und die sieben Schlüssel an Leute wie einen Imbissbudenbesitzer, diverse mißtrauische Sexshopverkäufer und einen aus Wer wird Millionär bekannten Barkeeper verteilt waren, wurde jede Gruppe zum Keeper Of The Seven Keys vorgelassen, der sich als Michael Weikath entpuppte und die letzte knifflige Frage stellte, nach deren Beantwortung die Gruppen ihre Augenklappen gegen ein Bier an der Theke eintauschen konnten und die eigentliche Releaseparty, in deren Rahmen auch das Interview geführt wurde, beginnen konnte. (Rachendrachen)

Im mehr oder weniger gemütlichen, da mehr oder weniger muffigen Keller des Headbangers Ballroom hockte HELLOWEEN Gitarrist Michael Weikath und erzählte mehr oder weniger überraschendes zum Best Of Album „Treasue Chest“ – auch wenn er lieber in Teneriffa weilen und an neuen Songs arbeiten würde.

„Treasure Chest“ ist ein Best Of Album, das diesen Namen auch verdient – auch wenn Michael Weikath die Bezeichnung „Best Of“ nicht so gerne hört:
„Eigentlich wollten wir das Wort Best Of gar nicht haben, deshalb heißt das Album ja auch „Treasure Chest.“ Diesen Begriff gibt es auch schon sehr lange bei HELLOWEEN, so hätte zum Beispiel auch die „The Time Of The Oath“ oder die „Master of The Rings“ schon „Treasure Chest“ heißen können. Im Prinzip war die Idee des Namens schon viel früher da.“ Wie auch immer, mit „Treasure Chest“ sind jedenfalls alle Schaffensperioden der Band abgedeckt, was bei solchen Alben ja nicht immer garantiert ist, da sich unterschiedliche Labels selten und sehr ungern einigen. Im Falle von HELLOWEEN gibt es eine einfach Erklärung, warum das Album in dieser Form erscheinen konnte: „Sanctuary hat den Moment ausgenutzt, als sie alle Rechte an den Songs unter sich hatten und das Ding durchgezogen.“

Die Frage, warum eine Best Of überhaupt veröffentlicht werden muss, ist sicherlich berechtigt. Als Fan hat man ohnehin alle Alben im Schrank stehen, und diverse Kaufanreize wie Bonustracks oder ähnliches sind in den meisten Fällen eher ein Ärgernis als lohnenswerte Investition – wer bezahlt schon gerne den vollen Preis einer CD für zwei Songs, die er noch nicht kennt? „Treasure Chest“ ist in dieser Hinsicht wohl interessanter, da zu einem fünf Song als Remixe auf die Doppel-CD gepackt wurden und zum anderen der Erstauflage eine Bonus CD mit dem Titel „Buried Treasures“ beiliegt, die B-Seiten von Singleveröffentlichungen beinhaltet. Weikath hat auch seine ganz eigene Meinung zum Thema Best Of und sieht völlig neue Käuferschichten: „Wenn irgendwelche Hausfrauen und Normalbürger in einen Laden gehen und sich eine Platte holen wollen, weil sie Lust auf ein bisschen Heavy Metal haben für ihre wilden Abende, dann holen sie sich eine Best Of von den SCORPIONS; DEEP PURPLE oder AEROSMITH – jetzt können sie sich auch eine von HELLOWEEN kaufen – das ist ja auch nicht so verkehrt. Die Platte ist auch nicht unbedingt für die Fans gedacht, sondern für Sammler und für Leute, die uns bislang nicht kannten. Dennoch ist das Album wohl auch für Fans interessant: Es gibt neu gemischte Versionen von „Dr. Stein“, „Ride The Sky“, „Starlight“, „Keeper Of The Seven Keys“ und „Murderer“– eigentlich sollten es mehr sein, aber einige Aufnahmen wurden nicht gefunden, die Zeit war knapp und so weiter – man hätte gar nicht mehr machen können. Als Bonus ist bei der Erstauflage noch eine CD mit B-Seiten, die allerdings nicht von uns ausgewählt wurden, sondern die einfach die Songs beinhaltet, die gefunden wurden. So ist für jeden etwas dabei. Für mich sind die neu gemischten Stücke am werstvollsten und am interessantesten. Das spricht mich am meisten an.“

Die Auswahlkriterien der B-Seiten Songs waren denkbar einfach: Es wurde eben genommen, was grad da war. Geplant war allerdings laut Weikath etwas anderes: „Wir hatten auch dafür eine Liste aufgestellt. Wir wollten vor allem ältere Sachen mit Michael Kiske auf die CD bringen. Leider waren die Titel nicht alle auffindbar, denn durch den Umzug von Management war alles etwas chaotisch. Dann musste das Album schnell fertig werden – aus Zeitmangel ging es dann aber gar nicht anders als die Sachen zu nehmen, die da waren.“

Auf dem Messageboard der Band fand sich vor kurzem eine Diskussion darüber, ob es sinnvoll wäre, die beiden Keeper-Alben nochmals in remasterter Form zu veröffentlichen. Die Pro- und Contraargumente kann man sich leicht selbst vorstellen: Bessere Klangqualität versus Charme einer angestaubten Produktion. Der HELLOWEEN-Gitarrist könnte sich durchaus vorstellen, zumindest „Keeper Of The Seven Keys, Pt. II“ in eine neues Klanggewand zu stecken: „Die „Keeper Pt. I“ ist genial, daran gibt es nichts auszusetzen so wie sie ist. Ein Remix der zweiten wäre schon nicht schlecht. Deshalb haben wir „Dr. Stein“ und „Keeper Of The Seven Keys“ auf „Treasure Chest“ genommen. Am liebsten wäre mir aber eine neuer Mix der gesamten „Keeper of the Seven Keys, Pt. II“ und noch zusätzlich auch gleich von „Walls Of Jericho“ – damit hätte ich gar kein Problem. Aber das will halt auch bezahlt werden und jemand muss es in die Hand nehmen…“

Es gibt aber bestimmt genügend Leute, die das Album gar nicht mit aufpoliertem Sound hören wollen, auch das versteht Weikath – auch wenn er bis heute nicht gerade glücklich über den Sound des Albums scheint: „Klar kann ich die Fans verstehen. Aber ich hatte damals verdammt viel Arbeit mit dem Album und dann kommt Tommy Newton und ist einfach überfordert mit der Aufgabe und haut einen ziemlich beknackten Mix hin – ich muss damit leben. Als ich das Ergebnis gehört habe… nun, man konnte ja nichts mehr daran ändern. Ich musste jetzt mich die ganzen Jahrzehnte damit zufrieden geben. Jetzt kann ich mir wenigstens den Keeper–Song mit allem, was wir damals gemacht haben, anhören.

Der Package, mit dem 20 Jahre Bandgeschichte so gut wie möglich abgedeckt werden, erfüllt den Hamburger überraschenderweise weniger mit Stolz als mit Wünschen für die Zukunft: „Ich denke im Moment, hoffentlich wird in der Zukunft alles besser. Wir haben alles schon erlebt und waren an vielen Punkten – von denen es jetzt weitergeht – ich weiß nur noch nicht, wie es weitergeht.“

Nach acht Studioalben, drei EPs und einigen anderen Veröffentlichungen wie einem Live-Album, ist es sicher nicht ganz einfach, Songs für eine DoppelCD auszuwählen. „Uli Kusch hatte eine Liste mit Songs, die für ihn auf ein Best Of Album gehören, eingereicht. Ich habe auch eine abgegeben, die ich zuvor Markus und Andi gegeben habe – die haben da auch ein wenig drauf rumgestrichen und rumgekritzelt. Es ist halt auch so, dass man auf zwei CDs nicht alles draufpacken kann, was draufgehört. Man muss Abstriche machen. Ich bin einerseits mit der Auswahl zufrieden, andererseits auch nicht – weil ich weiß, was nun alles doch nicht mit auf dem Album ist. Aber von den Sachen, die jetzt auf dem Album gelandet sind, wollten wir keine streichen. Wir haben eine ganze Zeit überlegt und gerechnet – man muss mit dem Ergebnis leben, wobei die Aufgabe letztendlich ja erfüllt ist. Das Album ist ein ziemlich breit gefächerter Überblick über das, was wir gemacht haben und hat von daher die Bezeichnung Best of oder auch Treasure Chest, also Schatztruhe, verdient. Für Leute, die sich mit HELLOWEEN bekannt machen wollen, ist diese Veröffentlichung sicher eine gute Sache.“

Hätte sich nicht auch eine Veröffentlichung im DVD Format angeboten? Schließlich ist die Möglichkeit, diverse alte Videoclips noch mal auszugraben, verlocken – und lustig anzusehen sind diese mit Sicherheit. Für „Treasure Chest“ haben solche Überlegungen allerdings keine Rolle gespielt, denn für Ende des Jahres ist eine DVD geplant, die laut Weikath „natürlich gaaaaaaz toll wird“, weitere Einzelheiten gab er allerdings noch nicht bekannt.

Auffallend bei der Songauswahl ist, dass von den umstrittenen Alben „Pink Bubbles Go Ape“ und „Chameleon“ jeweils nur ein Song den Weg auf das Album geschafft haben. Weikaths Erklärung dazu: „Ja, man hätte natürlich auch mehr von diesen Alben nehmen können. Es hat sich dann aber so ergeben, dass eben nur diese Tracks drauf sind. Ursprünglich dachten wir auch an „Longing“ von Michael Kiske – der Song flog dann aber wieder raus, weil jemand meinte, etwas anderes wäre wichtiger. So was ärgert mich auch, aber was willst du machen. Wie gesagt, ich habe „Longing“ aufgeschrieben, irgendwer hat es dann gestrichen. Keine Ahnung warum, ich habe mich dann auch nicht mehr drum gekümmert – ich kann nur das aufschreiben, was ich für wichtig halte. Es ist unmöglich auf zwei CDs alles unterzubringen. Ich hätte zum Beispiel auch gerne „Giants“ dabei gehabt – egal. Ich gehe mal davon aus, dass die Leute, die sich die Best Of holen irgendwann vielleicht auch zu der Chameleon finden und holen sich die CD. Dann bekommen sie auch „Longing“ und „Giants“ zu hören. Man muss eben Kompromisse eingehen – das ganze Leben besteht aus Kompromissen.“

Die Ratings auf der HELLOWEEN Page, bei denen man für seine Lieblingstracks abstimmen konnte, hatten demzufolge auch keinen Einfluss auf die Zusammenstellung der Titel, auch wenn „es ist jetzt interessant ist, die Ergebnisse zu vergleichen, denn sie decken sich ungefähr. Von daher kann ich ja auch sagen, dass das ganze funktioniert. Meine Vorschläge waren gut und auch die Überlegungen von Andy und Markus hatten ein gutes Ergebnis. Da sind alle ganz gut gelegenen, die Fans und wir auch.“

Ursprünglich war geplant, dass für „Treasure Chest“„Windmill“ von Andy Deris neu eingesungen wird – was aber aus einem ganz einfach Grund dann doch nicht geschehen ist: „Andy sollte den Song noch mal einsingen, aber die Bänder wurden nicht rechtzeitig gefunden, sie tauchten erst auf, als die Mixe schon fertig waren. Wir konnten an dem Song nichts mehr machen, eigentlich wollte ich ihn auch ein bisschen neu orchestrieren und ein wenig abändern.“

Für die Band war es eine interessante Erfahrung, die alten Stücke mittels moderner Technik neu zu bearbeiten – zumal sich der Standard ja um einiges verändert hat und heute ganz andere Dings möglich sind – was aber nicht heißt, dass heutzutage alles einfacher ist: „Nö, es ist nicht einfacher geworden aufzunehmen, es geht heute nur schneller. Ich bin froh, dass es einen Kerl wie Charlie (Bauerfeind, er hat die fünf alten Track neu gemischt) gibt, der sich so gut auskennt. Er hatte mal eben in ein paar Tagen die Songs gemischt. Er hat sich hingesetzt und die Songs übertragen und verarbeitet – das Ergebnis ist genial. Er überlegt sich was er machen könnte, und dann setzt er sich hin und macht genau das – das ist gigantisch. Tommy Newton hat das damals so nicht hingekriegt mit der Erfahrung die er hatte. Ich fühle mich der Technik nicht ausgeliefert, aber man hat eine ganz andere Macht. Man kann sich heute hinsetzen und sagen, lass uns dies oder das mal neu mischen, damit es klingt wie Metal von heute. Der Witz ist ja, dass zum Beispiel bei „Starlight“ im Chorus einige schiefe Töne drauf sind – damals hatten wir einfach wenig Zeit und so weiter, deshalb sind die noch mit drauf. Sowas würde heute gar nicht mehr passieren, denn man könnte sich an den Computer setzten und alles geraderücken. Wir haben aber doch getrickst. Auf den Originalaufnahmen von „Starlight“ wurde mein Gitarrensolo verschoben, es sollte eigentlich früher kommen. Das haben wir jetzt geradegeschupst.“

Für einen kompletten Überblick wäre es natürlich schön gewesen, von der Band ein paar Kommentare zu den Songs in Form von Linernotes zu Gesicht bekommen, was letztendlich aber nicht zustande kam, denn “da hätte man eine ganze Menge machen können, aber keiner von uns wollte sich jetzt in diesem Moment zusätzlich damit auseinandersetzen. Im Grunde genommen wäre ich auf Teneriffa und würde neue Titel machen für das nächste HELLOWEEN Album – stattdessen sitze ich hier und gebe Interviews und fahre durch Europa.“

Ungewöhnliche Szenen gab es im vergangenen November bei der GAMMY RAY Show in Stuttgart zu sehen, als HELLOWWEN Basser Markus Großkopf zusammen mit Ralf Scheepers im Zugabenblock alte HELLOWEEN Songs zusammen mit GAMMY RAY ins Publikum feuerten. Weikath war zwar nicht dabei, kann aber trotzdem etwas dazu erzählen: „Wir haben doch alle gar nicht so viel Stress miteinander. Auch wenn ich jetzt versuche, deren loszueisen, damit er in Zukunft bei uns Gitarre spielt. Wir hoffen natürlich, dass wir weiterhin ein so gutes Verhältnis haben. Markus war auf der Tour dabei, da GAMMA RAY-Basser Dirk krank war, GAMMA RAY aber die Tour spielen wollten. Kai Hansen hat dann bei Markus angerufen, er war sich weder zu fein noch zu schüchtern, er hat einfach gefragt. Markus hat sich erst mal bei uns erkundigt, ob er das denn machen darf – hätte er gar nicht gebraucht! Selbstverständlich durfte er, kein Thema.“

Tracklist von “Treasure Chest”

CD1:

Mr. Torture

I Can

Power

Where The rain Growns

Eagle Fly Free

Future World

Metal Invaders

Murderer

Starlight

How Many Tears

Ride The Sky

Halloween

A Little Time

A Tale That Wasn´t Right

I Want Out

CD2:

Keeper Of The Seven Keys

Dr. Stein

The Chance

Windmill

Sole Survivors

Perfect gentlemen

In The Middle Of A heartbeat

Kings Will Be Kings

Time Of The Oath

Forever And One

Midnight Sun

Mr. Ego

Immortal

Mirror Mirror

Bonus CD – “Buried Treasure”

Shit And Lobster

You Run With The Pack

Oriental Journey

I Don´t Care You Don´t Care

Ain`t Got Nothin` Better

Moshi Moshi-Shiki No Uta

Can´t Fight Your Desire

Star Invasion

Silicon Dreams

Grapowski´s Malmsuite 1001

Electric Eye

A Game We Shouldn´t Play

VÖ: 2. April 2002

andrea
Kümmere mich seit 1999 um Reviews, Interviews und den größten Teil der *Verwaltung*, Telefon-Dienst, Beschwerdestelle, Versandabteilung, Ansprechpartner für alles, Redaktionskonferenz-Köchin...