HARVESTMAN / STEVE VON TILL: Musik aus dem Zentrum der Erde

"A Grave Is A Grim Horse", "In A Dark Tongue", "Trinity" und "HAWKWIND Triad": STEVE VON TILL alias HARVESTMAN war mit seinen beiden Soloprojekten in den letzten zwei Jahren alles andere als faul. Der NEUROSIS-Frontmann erforscht damit Welten zwischen spirituellem Folk-Drone und klassischem Country und Folk, beeindruckt und berührt dabei mit jedem seiner Projekte. Im Zuge seiner Europatour bitten wir den freundlichen und entspannten Vollblutmusiker, Grundschullehrer und Familienvater in Personalunion zum Interview und sprechen über seine Musik, seinen Ort der Ruhe und seine Rückkehr zur Natur.

A Grave Is A Grim Horse, In A Dark Tongue, Trinity und HAWKWIND Triad: STEVE VON TILL alias HARVESTMAN war mit seinen beiden Soloprojekten in den letzten zwei Jahren alles andere als faul. Der NEUROSIS-Frontmann erforscht damit Welten zwischen spirituellem Folk-Drone und klassischem Country und Folk, beeindruckt und berührt dabei mit jedem seiner Projekte. Im Zuge seiner Europatour bitten wir den freundlichen und entspannten Vollblutmusiker, Grundschullehrer und Familienvater in Personalunion zum Interview und sprechen über seine Musik, seinen Ort der Ruhe und seine Rückkehr zur Natur.

Hallo Steve, schön mit dir zu sprechen. Du bist nun auf deiner ersten großen Solotour in Europa unterwegs,  ist das für dich eine befreiende Erfahrung?

An dieser Sache arbeite ich schon einige Zeit. Es begann vor einiger Zeit als Studioprojekt mit Musik, die ich einfach zu Hause aufnehmen wollte. Dann begann ich, beide Seiten zu kombinieren, das Songwriting und HARVESTMAN, mein psychedelisches Projekt, um es auch auf die Bühne zu bringen.

Wechselst du das Material ab, ein Stück von HARVESTMAN, dann wieder ein Solosong, und so weiter?

Ja, so in etwa. Ich spiele die Solostücke nicht auf Akustikgitarre, sondern mit E-Gitarre, arrangiere sie leicht um und verwende einige Effekte, einfach um die Musik für mich interessanter zu gestalten.

Du bist also allein, ganz ohne Gastmusiker?

Richtig, ich spiele allein.

Ist es schwierig, dich ganz alleine vor dem Publikum zu öffnen?

Ich würde das Spielen meiner Musik vor Publikum nicht unbedingt als Öffnen bezeichnen. (lacht) Wenn ich spiele, dann vergesse ich alles um mich herum und verschwinde einfach für einige Zeit in der Musik.

Wie lange spielst du?

In etwa neunzig Minuten. Eine gute Länge für diese Anlässe.

Ist es für dich eine erfrischende Umgebung, live ohne einer großen, lauten Band und den alles vereinnahmenden Visuals aufzutreten?

Ja, das ist eine ganz andere Erfahrung. Ich habe schon ein paar Konzerte im Frühling in Europa gespielt, und jetzt wird das immer mehr. Als ich feststellte, dass ich beide Projekte kombinieren konnte, machte es noch mehr Spaß und ich beschloss, eine größere Tour zu spielen.

Gerade mit HARVESTMAN hattest du in letzter Zeit einige Veröffentlichungen, wovon aber die Wichtigste In A Dark Tongue darstellt. Es scheint, dass HARVESTMAN zu einer neuen Art des Ausdrucks für dich wurde, als hättest du eine neue Liebe gefunden.

Fakt ist: dass die drei aktuellen HARVESTMAN-Veröffentlichungen fast auf einmal heraus gebracht wurden, lag hauptsächlich an der Logistik. Wenn ich für HARVESTMAN Musik schreibe, ist das ein kontinuierlicher Prozess. Lashing The Rye kam 2005 heraus, da ich plötzlich lauter Aufnahmen mit seltsamer Musik hatte, die nicht zu NEUROSIS und auch nicht zu STEVE VON TILL passen wollten. Als ich mich dafür entschied, das alles unter dem Namen HARVESTMAN zu sammeln, habe ich mich etwas mehr darauf konzentriert. Die letzten Jahre arbeitete ich immer ein kleines bisschen an dieser Musik. Zuerst schrieb ich den Soundtrack Trinity und nahm ihn Anfang 2006 auf, welcher allerdings erst dieses Jahr veröffentlicht wurde. Meinen Beitrag zu HAWKWIND Triad nahm ich letztes Jahr auf und In A Dark Tongue wurde teilweise vor, teilweise nach dem Soundtrack aufgenommen. Die ganze Musik entstand also über einige Jahre hinweg.

Sprechen wir zunächst über das Hauptwerk In A Dark Tongue. Das ist ganz deutlich das bisher reifste HARVESTMAN-Album. Es ist liebevoll arrangiert und mit vielen Details ausgestattet, liegt irgendwo zwischen EARTH und HAWKWIND.

Ich vergleiche meine Musik niemals mit der von anderen. HAWKWIND ist natürlich ein großer Einfluss für mich, und EARTH sind gute Freunde von uns. Aber von der Musik, die heutzutage veröffentlicht wird, lasse ich mich eigentlich nicht beeinflussen. Meine Inspiration kommt aus der Umwelt, dem Entdecken alter Sachen, musikalischer Archäologie.  Aber da ist es weniger die Musik, die mich beeinflusst, als die Geschichten, die erzählt werden, wie in seltsamer Folkmusik. So wie ich Gitarre spiele und Effekte einsetze, wird es zu etwas anderem, daran kann ich nichts ändern. Das passiert einfach. Aber ja, In A Dark Tongue ist tiefer, denn bei Lashing the Rye wusste ich gar nicht, dass es ein Projekt gab, ich hatte einfach eine Sammlung von seltsamen Material. Zur Zeit von In A Dark Tongue wusste ich, dass es sich um eben dieses Projekt handeln würde. Außerdem wurde das Debüt auf einem Vierspurrekorder aufgenommen, für In A Dark Tongue wurde ich ein besserer Toningenieur. Teilweise nahm ich auf alten Kassetten auf und digitalisierte das dann, damit es besser klingt.

HARVESTMAN
Ein improvisierter Ritus: In A Dark Tongue.

Du wurdest von einigen Musikern auf In A Dark Tongue unterstützt, unter anderem durch Alex Hall von GRAILS.

Alex hat schon bei ein paar Solokonzerten von mir Gitarre gespielt, in England und vor ein paar Jahren auch in Berlin. Er ist ein toller Gitarrist, ich liebe die Art, wie er spielt.

The Hawk Of Achill verwendet sehr prägnante Synthesizer, die an eine gewisse Band erinnern.

Ja, das kommt eindeutig von HAWKWIND. Darauf sind Oszilatoren, altmodische Synthesizer und so weiter zu hören.

Die Effekte und Sounds, die du verwendest, sind sehr geschmackvoll. Es klingt, als hättest du lange gebraucht, die richtigen Einstellungen zu finden.

Eigentlich gar nicht. Ich denke nicht groß nach, drücke den Aufnahmeknopf und spiele drauf los.

Denkst du dir nicht manchmal, dass die Musik gut klingt, aber der Klang verbesserungsfähig ist?

Meistens habe ich gar keinen Part, bei dem ich darüber nachdenken könnte. Ich schreibe keine Musik, die Musik von HARVESTMAN ist sehr improvisiert. Ich nehme etwas auf, spiele dann dazu und wenn es mir gefällt, nehme ich das wieder auf. Oft inspiriert mich ein Teil, den ich zu einem Ton habe, was wieder zu einem neuen Teil führt. Ich suche natürlich nicht nach bestimmten Tönen, sondern lasse mich treiben. Ja, manchmal verbessere ich einzelne Details, aber in der Regel halte ich mich damit nicht lange auf. Ein inspirierter Moment hält nicht ewig an, man muss ihn sofort packen und aufnehmen.

Du hast dir also zu Hause dein eigenes Studio eingerichtet. Ist das für dich eine Insel der Ruhe, wo du über deiner Musik meditieren kannst?

Ja, manchmal ist das so. Es kommt natürlich darauf an, was gerade los ist. Aber nach dem Abendessen, wenn ich meine Töchter ins Bett gebracht habe und die Ruhe einkehrt, dann vergrabe ich mich gern  für ein paar Stunden in meinem Studio, um ein wenig abzuschalten. Am Wochenende bin ich auch mal ganze Nächte dort. Das ist eine Flucht vor der Welt.

Stimmt es eigentlich, dass du als Lehrer arbeitest?

Ja, das ist richtig.

Welche Fächer unterrichtest du?

Ich unterrichte an einer Grundschule vierte Klassen, und bei denen alle Fächer. Mathematik, Lesen, Schreiben, Geschichte, Biologie, und so weiter.

Hier in Bayern dürfen Lehrer nicht so arg tätowiert sein.

Ich trage langärmlige Hemden, wenn ich unterrichte.

Bayerische Lehrer dürfen nur bis zur Armbeuge tätowiert sein.

In unserem Ort wusste lange Zeit niemand, dass ich so stark tätowiert bin. Ich verhalte mich auch professionell und bin ein guter Lehrer. Ich lebe in einem sehr konservativen Teil der USA, in North Idaho. Da gibt es keine großen Städte, das sind echte Landbewohner. Sie lernten mich kennen und schätzen, waren dann auch überrascht von mir, als ich ihnen mal im Laden mit einem T-Shirt begegnete. Aber sie mögen mich, also ist das für sie okay.

 HARVESTMAN
Die Musik kommt direkt aus dem Zentrum der Erde, durch mein Rückgrat aus meinem Kopf. Egal ob HARVESTMAN oder STEVE VON TILL Solo – die Musik entsteht aus purer Intuition.


Das Artwork von In A Dark Tongue ist wirklich phänomenal. Ich glaube nicht, dass ich bisher eine so gute Arbeit von Josh Graham gesehen habe. Es passt perfekt zur Musik und hat einen recht rituellen Charakter. Das ist auch wichtig für HARVESTMAN, richtig?

Ja, zu hundert Prozent. Die Idee dazu kam von einem meiner Freunde, der hier in Deutschland lebt. Er gab mir ein Bild, eine koloriertes Cover einer LP aus den Fünfzigern von Stravinskys Le Sacre Du Printemps. Darauf war ein europäischer Schamane abgebildet, genau wie auf dem Cover von In A Dark Tongue, aber eben illustriert, nicht fotografiert. Er lässt die Saat fallen und hat einen Knochen in der Hand, eben genauso wie auf Joshs Artwork, auch die Silhouetten der Frauen hinter ihm sind darauf zu sehen. Ich gab Josh dieses Bild als Anhaltspunkt, und er stellte es aus lauter Fotos quasi neu zusammen. Er hat aus einer Skizze dieses fotorealistische Bild erstellt. Das ist wirklich großartig und passt auch zur Musik. Für mich ist Musik eine sehr schamanische Angelegenheit, dadurch kann ich meinen Körper verlassen und zu mehr Reinheit finden. Ich kann mich damit vom Alltag verabschieden und zwischen der echten und der spirituellen Welt wandeln. Das Cover von In A Dark Tongue repräsentiert für mich genau das.

Liegt dieses wachsende Bewusstsein, der Natur näher kommen zu wollen, daran, dass du nun im Norden der USA lebst?

Ich zog von großen Städten in eine sehr dünn besiedelten Gegend. Dort gibt es nur Berge, Flüsse und Wälder. Für mich als Stadtjungen ist das eine komplette Umgebungsveränderung. Ich lebe nun mitten in der Wäldern. Im Sommer gehe ich an den See, im Herbst jage ich, im Winter fahren wir Ski und im Frühjahr sähe ich neu aus. Für mich dreht sich alles darum, in der Natur zu leben und Teil von ihr zu sein.

Kam dieses Bewusstsein, als ihr mit NEUROSIS aufgehört habt, so viel zu touren und als du deine Familie gründetest?

Ich wollte schon immer raus aus der Stadt, für mich gab es nie eine Alternative. Vor allem als meine Töchter geboren wurden. Ich wollte sie nicht in der Stadt großziehen.

Kurze Unterbrechung – Autogrammjäger lassen sich ihre neuen Schallplatten signieren.

Weiter geht´s. Ein guter Punkt für ein neues Thema. Der Soundtrack Trinity wurde für den italienischen Film Hate2O geschrieben. Wir kam diese Zusammenarbeit zustande?

Der Filmemacher war schon dabei, den Film zu schneiden, als ihm jemand eine Kopie von Lashing The Rye gab. Er begann den Film zu dieser Musik zu schneiden, statt zur ursprünglich vorgesehenen Filmmusik. Also fragte er mich, ob nicht ich die restliche Musik zum Film schreiben wollte. Zu dieser Zeit zog ich gerade nach North Idaho und baute mein Studio langsam auf. Aber die Zusammenarbeit lief perfekt ab, sie sorgte dafür, dass ich mein Studio auch recht früh fertig stellen konnte.

Ein paar Songs von Lashing The Rye wurden auch verwendet.

Diese wurden von den Filmmachern ausgesucht.

Und die restlichen Songs hast du geschrieben, während du den Film ansahst und gejamt hast?

Ja, sie haben mir über das Internet Szenen des Films geschickt, zu denen ich dann experimentiert und die Musik aufgenommen habe.

Hast du den Film schon gesehen?

 HARVESTMAN
Steve von Tills aktuellste Liebeserklärung an Johnny Cash, Willie Nelson, Nick Drake, Townes Van Zandt und Jack London: A Grave Is A Grim Horse

Ja, ich fand ihn ganz cool, aber ich kann das nicht gut beurteilen, ich schaue eigentlich keine Horrorfilme. Er wurde in englisch gefilmt, die Schauspieler sprachen alle englisch, aber danach wurde er italienisch synchronisiert und auf der DVD war keine englische Version. Ich habe den Film also nur auf italienisch gesehen, und das beherrsche ich leider nicht. Ich kann also nicht sagen, ob der Film wirklich gut ist, oder nicht. (lacht)

Außerdem kam vor kurzem erst eine großartige Split heraus, HAWKWIND Triad, auf der du mit US CHRISTMAS und MINSK vertreten bist.

Die Idee dafür stammte von MINSK und US CHRISTMAS, die mich anriefen, dass sie diese Split veröffentlichen wollten. Ich sagte zu, das auf NEUROT RECORDINGS zu veröffentlichen, aber nur unter einer Bedingung: Ich wollte Teil davon sein. Es kann nicht angehen, dass beide Bands HAWKWIND-Songs aufnehmen, ohne mich dabei zu haben. Ich lud mich also selbst zu diesem Projekt ein, und heraus kam eine ziemliche gute Dreifach-Split.

Dein NEUROSIS-Freund Jason Roeder unterstützt dich bei diesen Songs an den Drums.

Ja, auf zwei Songs spielt er Schlagzeug. Ich habe ihm die Songs geschickt, und er spielte sie im NEUROSIS-Proberaum ein.

Unter welchen Gesichtspunkten hast du dir die Coversongs ausgesucht? Sind das deine HAWKWIND-Favoriten?

Das sind nicht unbedingt meine Lieblingslieder, aber ich wollte keine Songs aussuchen, die schon zu oft gecovert wurden. Es gab letztes Jahr eine Dreifach-7 mit HAWKWIND-Covers, MONSTER MAGNET haben einen Song von ihnen nachgespielt, und einige andere Bands auch. Außerdem wollte ich Stücke spielen, die zu meinem Gesangsstil und zu meinen Gitarrenspiel passten. Und ich musste natürlich Songs spielen, die MINSK und US CHRISTMAS nicht coverten. Für mich war es klar, dass meine vier gecoverten Songs von den drei Lemmy-Alben stammen mussten, das ist meine favorisierte Ära von HAWKWIND.

Bis zu In A Dark Tongue war mir gar nicht bewusst, dass sie dich so sehr inspirieren. Irgendwie ist HAWKWIND auch eine Band, die man gerne übersieht. Wenn man an britischen Progressive Rock und Psychedelic Rock aus den Sechzigern und Siebzigern denkt, kommt als erstes KING CRIMSON in den Sinn.

Ja, aber das sind eher die polierten Musiker, richtig typische Prog-Rock-Musiker. Diejenigen, die dreckige Musik zum Abspacen spielten, die auf Gratisfestivals spielten, das waren HAWKWIND. KING CRIMSON boten eher die höheren Künste dar, HAWKWIND war für die Straße.

Dieses Jahr wird noch ein neues HAWKWIND-Album erscheinen. Was erwartest du?

Ich versuche, gar nichts zu erwarten. Da wird man nur enttäuscht.

Kommen wir zum Abschluss noch zu deinem Soloprojekt. Ich muss gestehen, dass ich If I Should Fall To The Field wirklich liebe, ich verbinde damit sehr schöne und teure Erinnerungen. Wie du auf all deinen Soloalben die Songs schreibst, spielst und auch coverst, das lässt darauf schließen, dass du deinen Einflüssen Tribut zollst.

Wenn ich einen Coversong spiele, dann muss ich bei dem Original etwas entdecken, dass derart meinen Nerv trifft, so dass ich es unbedingt nachspielen will. Ich habe eine große Plattensammlung und bin großer Musikliebhaber, aber nur wenige Lieder lassen in mir den Wunsch aufkommen, es nachzuspielen. Wenn ich so ein Stück spiele, dann weil es so nahtlos in mein Repertoire passt, und dann versuche ich es, zu meinem Song zu machen. Bei meinen selbstgeschriebenen Stücken geht es eher um Songwriting, als bei NEUROSIS, wo Songwriting in diesem Sinne ja auch nicht passiert. Wir bauen viel mehr diese großen, epischen, fließenden Stücke Musik zusammen. Es ist also wirklich eine große Herausforderung, etwas bedeutungsvolles, intensives, emotionales, originelles und präsizes zu schreiben. Außerdem soll es ein Tribut an die Kunstform des Songschreibens sein. Ich liebe die Musik von WILLIE NELSON, JOHNNY CASH, NICK DRAKE, TOWNES CAN ZANDT. Das sind einfach Leute, die wahnsinnig gute Lieder schreiben können, die in dreieinhalb Minuten das ausdrücken können, was die meisten Menschen in ihrem ganzen Leben nicht können. Für mich gilt: Ich nehme eine Gitarre in die Hand und die Inspiration kommt. Und manchmal ist etwas so gut, dass ich es aufnehmen kann.

 HARVESTMAN
Ich lebe nun mitten in der Wäldern, im Sommer gehe ich an den See, im Herbst jage ich, im Winter fahren wir Ski und im Frühjahr sähe ich neu an. Für mich dreht sich alles darum, in der Natur zu leben und Teil von ihr zu sein. Vom Stadtjungen zum Landei: Steve Von Till.

Es kommt mir gerade bei If I Should Fall To The Field so vor, als hättest du dir mit dieser Musik viel von der Seele geschrieben.

Musik ist immer eine Befreiung. Es gibt keinen anderen Grund, Musik zu spielen. Für mich ist das kein Ego-Trip. Auch bei den anderen von NEUROSIS ist es so, dass wir Musik einfach machen müssen. Wir haben gar keine andere Wahl. Ohne Musik wäre ein Teil von mir tot. Sie kommt aus dem Zentrum der Erde, durch mein Rückgrat in meinem Kopf, ich kann aber nicht sagen wieso. Ich muss sie einfach machen. Das ist natürlich immer ein Ausdruck davon, wo ich als Person zu einer gewissen Zeit stehe, über welche Themen ich als Person nachdenke, sowohl bewusst als auch unterbewusst. Ich versuche, meine Erfahrungen mit Poesie und Musik zu gestalten.

Poesie ist ein sehr gutes Stichwort. A Grave Is A Grim Horse ist ein sehr persönliches Album, in dem Metaphern zu deinem Leben zu finden sind, wie Valley Of The Moon, das ja von Jack London inspiriert wurde.

Ich habe Das Mondtal (Originaltitel: Valley Of The Moon – Anm. d. Verf.) gelesen, als ich von der Stadt wegzog. Darin geht es um ein junges Paar, das im frühen zwanzigsten Jahrhundert aufwuchs. Sie glaubten an den Traum, den deren Eltern zuvor schon gelebt hatten. Teil unserer Geschichte des Westens ist, dass die damaligen Familien enorm viel riskiert haben, die Wildnis der Vereinigten Staaten mit ihren Wägen zu durchqueren und ihre ganze Sicherheit aufzugeben. Nur mit der Hoffnung auf ein besseres Leben, hin zu dem schönen Land, das Kalifornien hieß. Als die Städte wuchsen und die Industrialisierung kam, waren die Menschen ernüchtert und enttäuscht, sie fühlten sich betrogen. Die Menschen glaubten an die Natur und an die Seele, das war nicht das Leben, das sie suchten. Also verließ dieses junge Paar die Stadt und suchte auf dem Land nach einem neuen Leben. Dieser Song drückt für mich diese Reise aus. Zu der Zeit, als ich dieses Buch las, wollte ich außerdem einen Hund kaufen und fuhr auf der Suche danach ein wenig durch die Gegend. Ich schwöre es, ich verfuhr mich und landete an Jack Londons Grab. Das ist einer dieser seltsamen Zufälle des Lebens, die einfach Sinn machen.

Auch Given To The Rising hat im Booklet ein Gedicht von Jack London. Es erscheint, als würden seine Werke das passende Gegenstück zu deinen Gedanken sein.

Ich mag viele Autoren, Jack London ist für mich nicht wichtiger, als entsprechende andere Autoren. Das Gedicht, das im Booklet von Given To The Rising abgedruckt ist, ist allerdings eines der Besten überhaupt, es spricht für sich selbst.

A Grave Is A Grim Horse hinterlässt einen Eindruck der Verlassenheit. Fühlst du dich manchmal verlassen?

Nein, eigentlich gar nicht. Ich bin nie alleine, entweder bin ich in der Arbeit oder habe meine Familie um mich. Nur diese kostbaren Momente, wenn ich alleine Musik mache und von allem weg bin, da bin ich alleine. Es geht mehr Richtung Einsamkeit. Verlassenheit drückt aus, dass etwas fehlt. Einsamkeit bedeutet für mich Frieden, Behagen und Selbstbeobachtung. Wenn du mit dir selbst nicht alleine sein kannst, was kannst du anderen dann bieten? Zuallererst muss man mit sich selbst im Reinen sein, bevor man bedeutungsvolle Bindungen aufbauen kann.

Steve, das ist ein wunderschönes Schlusswort. Bevor ich dich allerdings in Ruhe lasse stellt sich die unvermeidliche Frage nach einem neuen NEUROSIS-Album. Given To The Rising ist immerhin schon ganze drei Jahre her.

Es kommt zu seiner Zeit. Wir existieren in unserem eigenen Zeitrahmen. Wir werden in NEUROSIS spielen, bis wir sterben. Wir sind seit fünfundzwanzig Jahren zusammen, da sind drei Jahre recht wenig. Wir müssen uns nicht hetzen, wir verdienen nicht unser Einkommen mit NEUROSIS, es ist eine Leidenschaft.