CULT OF LUNA: Optimist oder Pessimist?

Der gleichermaßen selbstbewusste und charismatische wie bescheidene Gitarrist und Songwriter Johannes Persson ließ sich 30 Minuten lang geduldig löchern, sprach über die bewusste Weiterentwicklung der Band, das Prinzip Erlösung und welchen Einfluss die Umgebung haben kann.

Auf Album Nummer drei der schwedischen Postcore-Band CULT OF LUNA ist so einiges anders: Ruhiger und trotzdem gewaltig geht das schwedische Septett zu Werke und hinterlässt Gänsehaut am ganzen Körper, eine famose Leistung, wie man sie selbst von dieser Band nicht erwartet hätte. Der gleichermaßen selbstbewusste und charismatische wie bescheidene Gitarrist und Songwriter Johannes Persson ließ sich 30 Minuten lang geduldig löchern, sprach über die bewusste Weiterentwicklung der Band, das Prinzip Erlösung und welchen Einfluss die Umgebung haben kann.



Hallo Johannes, zunächst: Herzlichen Glückwunsch zu Salvation, das mich wirklich sehr beeindruckt hat, auch wenn ich etwas komplett anderes erwartet hätte. Aber das haben dir wohl die Meisten schon gesagt.

(lacht) Danke. Ja, die meisten waren verwundert.

Salvation ist leiser und weniger brutal als die Vorgänger, aber genauso intensiv, wenn nicht gar noch viel intensiver.

Ja, das ist möglich. Wir haben absichtlich die Aggression rausgenommen, denn wir wollten andere Pfade erkunden. Wir fühlten nach The Beyond, dass wir die Richtung ändern mussten. Uns machte es nicht mehr so viel Spaß diese Songs live zu spielen. Unser musikalischer Geschmack ist in der letzten Zeit sehr gewachsen, daher kamen viele andere Einflüsse hinzu. Wir sind sehr glücklich mit dem Ergebnis.

Hätte ein weiteres Album im Stil von The Beyond Stagnation bedeutet?

Definitiv! Nach dem Release von The Beyond erkannten wir, dass dies nur eine perfektionierte Version des Debüts darstellte. Im Endeffekt machten wir das Gleiche wie auf Cult of Luna, nur viel besser. Wir wollten nicht in unserer Entwicklung stehen bleiben und wollten dieses Mal alles besser machen: Das Artwork, das Video, das Konzept, einfach alles. Darum wollten wir uns neu definieren. Wenn du es so sehen willst, ist es eine Art Wiedergeburt.

Trotz der neuen Ausrichtung sind definitiv CULT OF LUNA am Werk. Die Riffs, die Arrangements sind sehr charakteristisch. Habt ihr eine besondere Herangehensweise an das Songwriting?

Ich weiß nicht so recht (lacht). Es sind einfach wir am Werk, es ist für uns unmöglich anders zu klingen, da wir uns nicht verbiegen oder etwas blind kopieren. Das ist eine schwere Frage, da wir unsere Songs nicht analysieren. Als wir vor einem Jahr begannen das Album zu schreiben, spielten und experimentierten wir herum, erschufen erste Songstrukturen am Computer. Als ich diese einem Freund von mir vorspielte sagte er: Das klingt nicht nach CULT OF LUNA, aber es ist zu hundert Prozent CULT OF LUNA.

Ich glaube nicht, dass ihr gerne mit anderen Bands verglichen werdet, aber ich höre gerade auf dem neuen Album Einflüsse von GODSPEED YOU! BLACK EMPEROR, ISIS und sogar etwas Jazz.

Uns haben schon mehrere Leute mit GODSPEED YOU! BLACK EMPEROR verglichen, was ich seltsam finde. Ich kenne nur einen Song von ihnen – den ich zugegebenermaßen sehr gut finde. Schade, dass ich nicht mehr von ihnen kenne. Zu dem Vergleich mit ISIS: Wir begannen zur gleichen Zeit wie ISIS und kennen Aaron Turner (Sänger und Gitarrist von ISIS – Anm. d. Verf.) seit vielen Jahren, er war einer der Ersten, der unser Demo hörte und wir veröffentlichten auf seinem Label (Hydra Head – Anm. d. Verf.) eine 7-Single. Vielleicht inspirierten wir uns gegenseitig?

Wie sieht es mit eurer Heimat aus? Ihr wohnt weit im Norden Schwedens, was auch inspirierend wirken muss.

Ich weiß nicht an was es liegt, aber die Stadt Umea hat so viele geniale Bands hervorgebracht und hier gibt es eine Atmosphäre die zur Kreativität ermutigt. Wir hatten schon immer eine große DIY-Szene (DIY = Bands die keinen Plattenvertrag haben – Anm. d. Verf.), wir helfen uns alle gegenseitig, vielleicht wegen der Isolation. Im Gegensatz zu den schwedischen Großstädten lassen wir uns nicht von Trends beeinflussen. THE (INTERNATIONAL) NOISE CONSPIRACY und wir kommen ursprünglich aus der Hardcore-Szene, haben uns aber in so unterschiedliche Richtungen entwickelt. Die Hardcore-Szene ist hier viel offener als in Deutschland, wir helfen uns gegenseitig uns zu entwickeln. Es ist erstaunlich, wo die Bands schlussendlich landen. Überhaupt, es ist schon erstaunlich wie so wenige Menschen so viele Bands aufbauen können. Vielleicht liegt es am Trinkwasser, ich weiß es nicht.

CULT
Fern der schwedischen Großstädte läuft so manches anders: Wir helfen uns alle gegenseitig, vielleicht wegen der Isolation.

Das Resultat daraus ist jedenfalls ein sehr intensives Album. Doch wenn es mir schlecht geht und ich höre Salvation, geht es mir besser. Nach The Beyond bin ich noch weiter unten.

(lacht) Also mir geht es gut. Salvation ist die Suche nach etwas Besserem, einer Veränderung, aber es hat kein Ende. Und wenn das Album einen positiven Einfluss hat, dann ist das gut. Aber eigentlich kann es eh nicht mehr schlimmer werden (lacht).

Als ich die Texte zum ersten Mal las, dachte ich, es hat was mit Beziehung und Trennung zu tun, aber es geht viel tiefer.

Alle Texte drehen sich im ein Thema, haben eine Basis. Alles an dem Album, egal ob das Video, die Texte oder die Musik hängt mit Schuld zusammen und handelt von einer Person, die alle Schuld loswerden will. Du kannst es einerseits als Geschichte ansehen, aber auch als Metapher wie es ist in der westlichen Welt zu leben. Wie kannst du Schuld loswerden? Entweder ziehst du in den Wald und schottest dich von allen Menschen ab, oder du erschießt dich. Das erkennt die Hauptfigur und will sich ändern. Die Texte drehen sich um diese Geschichte.

Der Albumtitel deutet eigentlich auf ein Happy End hin, aber du sagtest, es gibt kein Ende dazu.

Naja, es kommt darauf an, aus welcher Perspektive man die Dinge sieht. Einerseits könnte Salvation das schönste und hellste Album sein, das wir bisher gemacht haben, auf der anderen Seite könnte es auch als das dunkelste und apokalyptischste Werk von uns gelten. Dieses Empfinden sagt schon einiges über den Hörer aus.

Zum Beispiel Optimist oder Pessimist?

Ich für meinen Teil bin Realist. Eigentlich bin ich eher pessimistisch veranlagt, aber ich wäre liebend gern Optimist. Ich bin Pessimist, weil ich denke, dass alles sich sehr schnell verändert und wir keinen Einfluss darauf haben. Ich hoffe, dass die Menschheit das realisieren wird und etwas dagegen unternehmen wird, bevor alles vorbei ist. Das wird nämlich früher oder später passieren.

Allerdings, allein wenn man Krieg für Öl denkt.

Ja, und an Krieg wegen Religionen, Geld, Rassen oder was auch immer. Hoffentlich, hoffentlich wird im November in dem großen Land im Westen der Verrückte abgewählt. Das könnte ein Anfang sein. Ich weiß, die Alternative ist nicht gerade berauschend, aber schlimmer als dieser Wahnsinnige ist kein Anderer.

Verlassen wir lieber das Thema, sonst wird nichts aus der 30-Minuten Vorgabe. Auf Salvation sind neue Bandmitglieder zu hören.

Allerdings, wir haben Drummer Thomas und Keyboarder Anders neu mit an Bord und beide bereichern uns unheimlich. Thomas´ Drumming ist wirklich fantastisch, er macht viel mit Percussions und hat einen sehr eigenen Stil. Anders ist dafür verantwortlich, dass wir nun tatsächlich ein sechstes Instrument in unserer Musik haben, vorher gab es hauptsächlich Samples, er hingegen spielt viel mit Sounds und Melodien. Das gibt uns ein größeres atmosphärisches Feeling und wir wurden dadurch viel melodiöser.

Ist Thomas beeinflusst von Jazz?

Das ist gar nicht so weit von der Wahrheit entfernt. Ich weiß nicht, ob Jazz so wichtig für seinen Stil ist, er ist lediglich einer der besten Schlagzeuger der Welt und hat seinen eigenen Stil. Sein Vorgänger Marco war der aggressivere und brutalere Drummer, Thomas ist technischer.

Auch euer Produzent ist ein Teilzeitmitglied bei CULT OF LUNA.

Erstens ist er Vollzeitmitglied und zweitens ist er nur Tontechniker, wir produzieren das Album selbst. Er arbeitet in dem Studio, in dem wir seit jeher aufnehmen und ist seit Tag eins bei uns dabei. Er spielt zusätzlich Percussion und Gitarre.

Du bist der Hauptsongwriter in der Band. Bereitest du Zuhause die Basics auf der Gitarre vor, während ihr die Songs im Kollektiv gemeinsam ausarbeitet?

Ja, so funktioniert es bei uns. Ich komme mit der Basisidee, die im Proberaum vervollständigt wird.

CULT
In Schweden wird auch das politische Geschehen verfolgt: Hoffentlich wird im November in dem großen Land im Westen der Verrückte abgewählt.

Mit dem Song Crossing Over habe ich einige Probleme, da die Gitarrenmelodie am Ende so seltsam dissonant ist.

Hm, ich weiß welche Stelle du meinst, aber außer, dass hier ein Tapping verwendet wurde, das viel in den Siebzigern angewendet wurde, ist nichts Besonderes dabei. Es ist einfach ein Song, den wir geschrieben haben. Aber der Song ist wirklich teilweise etwas seltsam, du hast recht.

Ich glaube, ich hätte den Song öfter übersprungen, würde über dieser Melodie nicht eine fantastische Stimme schweben. Sie stammt von TIGER LOU, einem schwedischen Singer / Songwriter.

Exakt, wir sind alle große Fans seines neuen Albums, alle in der Band sind der Meinung, sein neues Album Is My Head Still On? (unbedingt anhören – Anm. d. Verf.) ist das beste Album des Jahres 2004. Wir erfuhren, dass er CULT OF LUNA sehr mag und da kontaktierten wir ihn. Wir flogen ihn ein und der Rest ist Geschichte. Singer / Songwriter ist er übrigens nur zum Teil, es ist zwar Pop – das ist eigentlich auch die falsche Bezeichnung – aber sehr dunkel und ungewöhnlich, du musst es dir einfach anhören!

Euer Sänger Klas Rydberg hat nicht sonderlich viele Gesangseinsätze auf dem Album.

(lacht) Naja, er muss nicht die ganzen Songs durchschreien und ich glaube er ist auch irgendwo dankbar dafür. Kreischen und schreien in achtminütigen Songs ist nicht gerade einfach für die Kehle.

Er sah TIGER LOU, aber nicht als Konkurrenten an, der im Arbeit wegschnappt?

Überhaupt nicht! Klas will auch, dass das Album möglichst gut klingt, da steht er uns wegen sowas nicht im Weg. Im Gegenteil, wie ich schon sagte, sind wir alle begeistert von TIGER LOUs neuem Album und daher ist es für uns eine große Ehre, dass er uns seine Stimme leiht.

Ich habe als Promo nur den Rough Mix vorliegen, ich hoffe das fertige Album KLINGT nicht so dumpf.

Es klingt so viel besser! Wir waren unter Zeitdruck, daher ist dies die Promoversion. Wir haben auch noch einige Songs neu gemixt, da wir teilweise unzufrieden waren.

Jedenfalls ist in den neuen Songs mehr Raum, die Musik kann besser atmen und wachsen.

Ja, es geht hier viel um Dynamik und wir konnten sie besser steuern als in der Vergangenheit. Im Endeffekt gibt es nicht so heftige Riffs, aber die krasse Stimme von Klas ist unverändert. Das haben wir in einigen Stellen auf Salvation ausprobiert und es klappte sehr gut, besonders in Vague Illusions.

Dieser Song hat einen sehr heftigen Break in der Mitte. Wäre es nicht sinnvoll gewesen zwei Songs daraus zu machen?

Nein, denn er funktioniert sehr gut so. Wir versuchen Alben zu schreiben, die als Ganzes funktionieren. Überspitzt gesagt: Es ist fast schon egal, wie wir die Songs splitten. Hauptsache, das ganze Album klingt gut und logisch.

Zu Leave Me Here wird es ein Video geben.

Ja, wir haben unseren Part gestern vervollständigt. Die Story hat die selbe, wie im Song. Ich hoffe auf der Website von Earache wird man sich das Video wieder ansehen können.

Werdet ihr auch noch Mitteleuropa in Form einer Tour besuchen?

Anfang Oktober wird eine Tour durch England starten, bei der wir auch nach Deutschland, Frankreich und die Benelux reisen werden. Im nächsten Frühjahr wird allerdings eine größere Tour durch ganz Europa und vielleicht auch durch die USA anstehen.

Abschließende Frage: Welches Klientel sprecht ihr hauptsächlich an? Kommen hauptsächlich Hardcore-Fans zu euren Shows?

Wir scheinen eine recht kleine Fanbasis zu haben, bei der die Leute aber wirklich alles hören, egal ob es Indiepop oder Metal ist. Diese Leute sind offen für alles, seien es Hardcore-Kids oder aufgetakelte Popmädels. Das ist einerseits wirklich gut, da wir offenbar ein breites Spektrum bieten, andererseits ist man meistens nicht allzu erfolgreich, wenn man so eine Fanschar hat.

Johannes, vielen Dank für das Gespräch und viel Erfolg mit CULT OF LUNA.