CULT OF LUNA: Idioten beherrschen das Internet

CULT OF LUNA: Idioten beherrschen das Internet

Es ist schön, wenn langes Warten belohnt wird. CULT OF LUNA haben mit Vertikal ihre triumphale Rückkehr angetreten und ein Album parat, das qualitativ auf einer Ebene mit Somewhere Along The Highway steht. Das epische, dunkle, stampfend-rauchende Maschinenmonster greift die Ästhetik von Fritz Langs Stummfilmklassiker Metropolis kongenial auf und hat die ganz großen Momente parat, die wir erwarten durften. Vier Monate nach der Veröffentlichung von Vertikal klappt endlich der Interviewtermin mit Bandchef Johannes Persson, als die Band Halt in München macht. Leider ist der ansonsten so auskunftsfreudige Gitarrist (siehe die bisherigen CULT OF LUNA– und KHOMA-Interviews bei vampster) heute nicht wirklich bester Laune. Wir haben dennoch versucht, das Beste daraus zu machen.


Seit Eternal Kingdom sind fünf Jahre verstrichen, nun ist Vertikal endlich erschienen. Wart ihr ausgelaugt und ermüdet?

Johannes: Nein, wir fühlten einfach, dass wir eine Pause brauchten. In acht Jahren haben wir fünf Alben veröffentlicht, das war ein hohes Arbeitstempo. Wir sind nicht nur Musiker, es gibt noch Anderes, das wir gerne tun. Und damit wollten wir uns einfach beschäftigen.

Als ihr weiter machtet, gab es keine andere Option, als die ursprüngliche Besetzung wieder zusammenzutrommeln?

Johannes: Ja. Nur Klas (Rydberg, ehemaliger Sänger – Anm. d. Verf.) ließ uns wissen, dass er nicht mehr dabei sein wollte.

Hätte Vertikal anders geklungen, wenn ihr ein anderes Konzept verwendet hättet?

Johannes: Ja, absolut. Ich finde es wichtig, sich in gewisser Hinsicht zu limitieren, denn dadurch arbeitet man härter und so wird das Endergebnis auch besser. Wir hatten die Idee für dieses Album, das eine Stadt beschreibt, aber es ist immer noch ein abstraktes Konzept. Wir müssen verstehen, was eine Stadt ist und wie das in Musik umgewandelt werden kann. Städte zeichnen sich vor allem durch menschliche Präsenz aus. Es gibt unorganische Formen, vertikale Linien, gerade Winkel, Wiederholungen, Industrie. Das ist konkret, damit kann man arbeiten. Wir sprachen früh über das Songwriting, wir wollten mehr Wiederholungen in der Musik haben, das passte also zum Konzept. Wir hätten aber auch ein anderes Konzept haben können, was seinen bestimmten Einfluss auf die Musik gehabt hätte.

Ich mag das Drumming sehr, es pulsiert, es beinhaltet sehr lebendige Rhythmen. Es klingt fast, als würden einige Stellen der Musik allein auf dem Schlagzeug basieren. Oder kamen zuerst die Riffs, zu denen Tomas dann spielte?

Johannes: Eigentlich jammten wir viel miteinander. Einer von uns kommt mit einer Idee, die wir dann ausarbeiten, so wie es wohl die meisten machen. Wir lassen uns gegenseitig aber große Freiräume, um zu erreichen, dass sich jeder an seinem Instrument ausleben kann. Meiner Meinung nach hat das Schlagzeug den größten Anteil daran, wie ein Song überhaupt endet. Die Drums diktieren das Tempo und die Intensität des Stücks.

Es gibt einige tiefe und heftige Synthesizer auf Vertikal. Da könnte man fast meinen, Anders (Teglund, Keyboarder – Anm. d. Verf.) würde auf Sachen wie Dubstep stehen.

Johannes: Nein, wirklich nicht. Du denkst wohl an Vicarious Redemption. Auf unserem ersten Album steht Beyond Fate, wo ebenfalls ein solcher Sound verwendet wird. Hör ihn dir mal wieder an und suche dort nach Dubstep, du wirst nichts dergleichen finden.

Denkst du, dass Metropolis auch nach neunzig Jahren immer noch relevant ist?

Johannes: Dieser Film ist ein stilistisches Meisterwerk und ein wichtiger Teil der Kinogeschichte. Die Story ist zeitlos, eine derartige Geschichte wird schon seit tausenden Jahren erzählt und in tausend Jahren immer noch erzählt werden.

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Es gibt unorganische Formen, vertikale Linien, gerade Winkel, Wiederholungen, Industrie. Das ist konkret, damit kann man arbeiten. Johannes Persson über die fiktive Stadt, die durch Vertikal beschrieben wird.

Ist unsere Gesellschaft ein wenig wie in dem Film geendet?

Johannes: Nein, die Arbeiterklasse hatte es in den Dreißigern viel schlechter und von dieser Vision ist nichts eingetroffen. Wir leben in vielen Aspekten in einer schlimmen Gesellschaft, aber ich würde nicht sagen, dass wir auch nur annähernd nahe an der in Metropolis dargestellten Menschheit sind.

Ist eine andere Zukunftsvision des frühen zwanzigsten Jahrhunderts schon eher wahr geworden? 1984 vielleicht?

Johannes: Nein. Es gibt noch vieles, an dem wir arbeiten müssen, aber wir haben es hinbekommen, dass die Gesellschaft als Ganzes recht in Ordnung ist. Aber viele Menschen in der westlichen Welt lieben es einfach, sich zu beschweren. Es gibt Probleme mit Werten und Klassenunterschiede, aber wir sind nicht mal annähernd nahe an einem totalitären Regime wie in 1984 dran. Ich glaube, daran hat auch das Internet einen Anteil. Es kann einen großen Anteil an einer Besserung der Gesellschaft haben, wenn verantwortliche Erwachsene sich für direkte Demokratie einsetzen. Na gut, der Großteil der Internetuser sind Tough Guys, die Bullshit von sich geben und Internet-Hate verbreiten. Ich glaube, ich muss alles wieder zurück nehmen. Die Idioten beherrschen das Internet, das ist mal sicher.

Wie ist die Verbindung vom Konzept zu den Texten? Ich verstehe sie als eine Art zivilen Ungehorsams.

Johannes: Ich denke, das ist eine gute Interpretation. Die meisten Texte entstehen aus einem skeptischen Blickwinkel heraus. Seit ungefähr sieben Jahren gebe ich mich gerne skeptischer Literatur und solchen Ideen hin. Auf Vertikal sollten die Texte mehr sein, eine skeptische Betrachtung der Welt von verschiedenen Perspektiven aus.

Immerhin sind die Texte recht abstrakt und selten direkt.

Johannes: Findest du no gods, no masters, no rulers, no kings (diese Zeile aus Vicarious Redemption ist tatsächlich unmissverständlich, aber auch die Ausnahme – Anm. d. Verf) nicht direkt? Ich schrieb so viel hasserfüllte Lyrik, dass ich mal etwas Positives brauchte. Wenn es etwas gibt, das mich beeindruckt, dann ist es, wie klein wir im Universum sind, was dann bewusst wird, wenn man in den majestätischen Nachthimmel blickt. Aber das ist Ansichtssache.

Die Produktion von Vertikal klingt für mich recht offen und organisch, bei diesem Konzept hätte man auch einen Sound erwarten können, wie ihn GODFLESH hatten.

Johannes: Findest du?

Ja. Brauchtet ihr einen Kontrast zwischen der Musik und dem Sound?

Johannes: Meine Antwort hängt davon ab, ob ich dir zustimme oder nicht. Und ich bin anderer Meinung als du. Es ist keine wirklich raue Produktion, sie ist viel mehr kontrolliert. Früher hatten wir außerdem organischeren Klang. Magnus (Lindberg, Produzent und Mitmusiker – Anm. d. Verf.) war darauf bedacht, dass alles recht abgeschnitten aufgenommen wurde. Also dass beim Schlagzeug zunächst nur die Kessel, danach die Becken eingespielt wurden. Vielleicht bin ich auch nicht die richtige Person, um darüber zu sprechen. Aber du kannst Magnus selbst fragen, da kommt er gerade.

(Magnus Lindberg kommt in den Raum)

Die Musik ist beinahe kalt und nah am Industrial, wobei ich die Produktion als eher offen und warm empfinde, nicht so sehr wie zu Somewhere Along The Highway, aber für mich ist da ein Kontrast zwischen Musik und Sound.

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Wir leben in vielen Aspekten in einer schlimmen Gesellschaft, aber ich würde nicht sagen, dass wir auch nur annähernd nahe an der in Metropolis dargestellten Menschheit sind. Johannes Persson (Mitte) wählte Metropolis für das Albumkonzept weniger wegen seiner Relevanz als wegen seiner Ästhetik.

Magnus: Ich versuchte zu erreichen, dass der Sound zur Musik passt. Dieses Mal stecken einige Elemente in der Musik, die sich mit der Produktion decken. Das sind für mich auch nicht zwei verschiedene paar Schuhe, das gehört alles zusammen. Und es war eben wichtig, dass beides eine Einheit ergibt.

Ihr habt in einer alten Irrenanstalt ein Video gedreht, mit einem kleinen blonden Mädchen, das aufwacht und durch diese verstörenden Räume läuft und nach und nach erlebt, was dort passierte. Ist das eine Metapher der Reinheit in einer kaputten Welt?

Johannes: Und blond steht für rein? Wir sind in der falschen Stadt, um über so etwas zu sprechen.

Nein, ich werte Kinder eher als Metapher für Reinheit.

Johannes: Ich hatte kein derartiges Konzept im Kopf. Die Idee war eher, dass jemand durch einige gefrorene Momente läuft. Es geht eher darum, dass jemand flüchtet, es zeigt eine Befreiung, das hinter sich lassen von dunklen Momenten, um etwas Neues anzufangen. Diese Idee gab ich an Markus Lundvist weiter, der sie weiter gesponnen hat.

Passing Through ist jedenfalls ein wenig aussagekräftiger Song, um ein Album zu promoten. Wer dieses Video sieht und blind das Album kauft, könnte eine kleine Überraschung erleben.

Johannes: Wir sind nicht in MTV-Rotation, mich würde es sehr wundern, wenn heute noch jemand das Album nur wegen diesem Video kauft. Es machte einfach Sinn, zu Passing Through ein Video zu drehen.

Es ist nicht gerade überraschend, dass ihr EARACHE verlassen habt. Wie seid ihr bei INDIE RECORDINGS gelandet?

Johannes: Unser Vertrag war erfüllt, jeder konnte uns ein Angebot machen und INDIE RECORDINGS hatten den besten Deal für uns, nicht unbedingt in ökonomischer Hinsicht, aber man konnte spüren, dass sie voller Leidenschaft sind. Ich kenne nicht mal die Hälfte der Bands, die bei ihnen unter Vertrag sind, aber die, die ich kenne, sind sehr gut.

Ihr seid nun nach fünf Jahren wieder auf Tour.

Johannes: Ja, wir freuen uns sehr, wieder Shows zu spielen. Es ist immer noch sehr verblüffend zu sehen, wie die Musik, die ich auf dem Sofa schreibe oder die wir im Proberaum fertig stellen bei den Hörern ankommt, auch nach fünfzehn Jahren.

Wie hat sich das Touren in den letzten fünfzehn Jahren verändert?

Johannes: Permanent ändert sich etwas, es ist einfacher zu touren wenn man zwanzig ist, keine Kinder, keinen Hund und keine Beziehung hat. Wir haben auch unterschiedliche Prioritäten. Die Zeit, in der wir alle zwei Jahre ein Album veröffentlichen und sechs bis acht Wochen touren konnten wird nicht wieder kommen. Musik werden wir allerdings weiterhin spielen, wenn auch nicht mehr so hoch frequentiert wie früher, das Gleiche gilt für die Touren. Es macht immer noch Spaß, auch weil Musik mehr ist als nur ein Zeitvertreib, sie hat einen tiefen Sinn. Das brauche ich in meinem Leben, deshalb werde ich damit nicht aufhören. Wir werden sehen, was kommt.

Dann können wir uns ja glücklich schätzen, euch heute noch zu sehen. Johannes, danke für das Interview und deine Zeit.


Fotos (c) Pär Olofsson